07.08.2006

KUBADas letzte Symbol

Seit fast 50 Jahren versuchen die USA, Fidel Castro zu bezwingen. Er hat zehn amerikanische Präsidenten erlebt, und er kämpft immer noch. Um sein Leben und seine Revolution. Von Alexander Osang
In einem der fensterlosen, bunkerähnlichen Räume des US-Außenministeriums präsentiert Amerika vor vier Wochen seinen neuesten Plan zur Befreiung Kubas. Es ist ein heißer Julimorgen in Washington, die Raumtemperatur liegt bei etwa zehn Grad Celsius, der Plan ist 93 Seiten dick. Es ist der "Bericht der Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika".
Den sperrigen, wichtigtuerischen Titel hätte sich das kubanische Politbüro ausdenken können, aber darüber muss man sich nicht wundern. Amerikanische und kubanische Propagandisten beschäftigen sich schon so lange miteinander, dass sie anfangen, sich zu ähneln. In der Schlacht der Ideen vergessen sie manchmal, in wessen Gehirn sie gerade stecken.
George W. Bush, heißt es, habe den Bericht gelesen und befürwortet, könne aber nicht selbst kommen, um ihn vorzustellen. Was verständlich ist, denn andernorts fliegt gerade die Welt auseinander: Nordkorea, Iran, Irak, Libanon, Israel. Bush schickt Condoleezza Rice als Zeichen seiner Anteilnahme. Die Außenministerin ist in Gedanken woanders, nicht mehr als ein Schatten in einem beigen Kostüm, der anderthalb Minuten bleibt. Sie sagt, dass Amerika Kuba nicht im Stich lassen werde. Dann verschwindet sie und lässt Caleb McCarry zurück, den Chef der "Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba".
Er erzählt, dass die Mehrheit des kubanischen Volkes zu einem Wechsel bereit sei und die amerikanische Regierung sie bei diesem Wechsel unterstützen werde. 80 Millionen Dollar werde man ausgeben, um die Opposition zu stärken und die Desinformationspolitik des Regimes zu brechen. Man werde einer kubanischen Übergangsregierung nach Fidel Castro mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Die Präsentation des Berichts ist viermal verschoben worden, das letzte Mal heute früh, um zwei Stunden. Wenn man ihn liest, ahnt man, warum: Es steht nichts drin. Das Papier entwirft vage Szenarien für ein Leben nach Fidel. Oben drüber steht in fetten Buchstaben: "Beschleunigung eines Wechsels in Kuba". Es ist eine Mischung aus Drohung und Hoffnung. Wahrscheinlich ist der einzige Grund, weswegen der Plan überhaupt erscheint, der bevorstehende 80. Geburtstag Fidel Castros.
Stimmt das?
"Nein, nein, es geht nicht um Castro", sagt McCarry. "Es geht um die Freiheit des kubanischen Volkes."
McCarry ist blass, rothaarig, groß, er trägt eine milchige Brille und einen struppigen Bart. Der Mann, der Kuba in die Freiheit begleiten soll, sieht aus wie ein Kartoffelbauer aus Idaho. Zusammen mit seinem sperrigen Bericht wirkt er wie ein Geburtstagsgeschenk der Amerikaner an Fidel Castro. Castro hat zehn amerikanische Präsidenten erlebt, er scheint in diesem Moment, im fensterlosen Bunker in Washington, ebenbürtig, wenn nicht größer als alle zusammen.
Sie haben versucht, ihn zu stürzen, sie haben versucht, ihn durch Attentate aus dem Weg zu räumen, zuletzt hat ihn Präsident George W. Bush neben Kim Jong Il, Saddam Hussein und dem iranischen Staatschef auf die Achse des Bösen gesetzt. Vor zwei Jahren hat Bush die Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba gegründet und deren ersten Bericht präsentiert. Seither müssen Reisen auf die Insel vom US-Finanzministerium genehmigt werden, und die Exilkubaner dürfen nur noch alle drei Jahre zu ihren Verwandten reisen. Die USA hofften, so trockne das
Land aus, aber zuletzt schien es Kuba besser zu gehen denn je.
Der Tourismus brummt, Südamerika wird rot, und Fidel Castro scheint so etwas wie der Schirmherr dieser Bewegung zu sein. Am Vorabend des 1. Mai empfing er den venezolanischen Präsidenten Chávez und den bolivianischen Staatschef Morales in Havanna. Einen Tag später kündigte Morales an, die Öl- und Gasfelder Boliviens zu verstaatlichen.
Kuba exportierte die Revolution und importierte Busse und Kleinlaster aus China, Klimaanlagen und Kühlschränke aus Südkorea. Es entwickelt mit deutschen, spanischen und kanadischen Unternehmen den Fremdenverkehr, schickt seine Ärzte in alle Welt und bohrt demnächst vor seiner Küste nach Öl. Bei den Baseballweltmeisterschaften in diesem Frühjahr ließen die Kubaner die Amerikaner hinter sich. Als New Orleans im Wasser versank, bot Havanna den USA medizinische Hilfe an.
Und um alles kümmerte sich Fidel Castro persönlich.
Der neue Kuba-Plan der Amerikaner besteht darin, dass sie warten. Sie warten, dass Fidel Castro stirbt. Und mit ihm die Revolution. Im Moment sieht es ganz gut für sie aus. In der vorigen Woche brach Fidel Castro zusammen und stand nicht mehr auf.
In seiner letzten Rede zum Revolutionsfeiertag hatte er noch einmal die Zahlen seines Erfolgs heruntergerattert, wie eine letzte Bilanz. 262 000 Schnellkochtöpfe hätten sie ausgeliefert und Hunderttausende Energiesparlampen, sie hätten 20 000 Ärzte mehr als das gesamte Schwarzafrika, und die Lebenserwartung sei von 70 auf 77 Jahre angestiegen.
Niemand hatte in diesem Moment daran gedacht, dass er, Fidel Castro, ja damit schon drei Jahre über die Zeit war. Aber ein paar Tage später übergab er seine Geschäfte an seinen Bruder Raúl, zum ersten Mal in seiner Geschichte als Revolutionsführer. Er war krank, sehr krank offenbar. In der Interessenvertretung der USA liefen die Telefone heiß. Es gab gute Nachrichten.
Die Vertretung der USA ist ein Hochhaus, das wie ein falscher Zahn am Malecón steht, der prächtigen Uferstraße Havannas. Wayne Smith hat die glücklichsten Jahre hier verbracht, sagt er. Smith ging 1958 als Botschaftssekretär hierher und verließ Havanna mit allen anderen amerikanischen Diplomaten 1961, nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. In den Siebzigern kam er als Chef der Intersection zurück, wie die Amerikaner ihre frühere Botschaft nun nannten.
Unter Jimmy Carter versuchte Smith, die Beziehungen zu Kuba zu normalisieren. Er hat Hunderte Stunden mit Castro gesprochen, meist sprach natürlich Castro. Wayne Smith ist heute Leiter des Kuba-Programms am Center for International Policy in Washington und glaubt, dass die Politik seiner Regierung daran schuld sei, dass Kuba immer noch kommunistisch ist.
"Castro wird überall in Lateinamerika empfangen wie ein Held", sagt Smith. "Nicht, weil alle jetzt sozialistisch werden wollen, nein, weil er der Einzige ist, der uns die Stirn bot und damit durchkam. Bis heute. 1992 wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, unsere Beziehungen zu Kuba zu normalisieren. Das sozialistische Weltsystem war zusammengebrochen, der Kalte Krieg vorbei, Kuba stellte nicht die geringste Bedrohung mehr da. Clinton hat es nicht gemacht, weil er eben Clinton war, er wollte die Wähler in Florida nicht vergraulen. Aber er hat es nicht verschlimmert. Aber jetzt haben wir die inkompetenteste, ehrloseste, verachtenswerteste Regierung in unserer Geschichte. Unser Ansehen in der lateinamerikanischen Welt ist so niedrig wie nie. Bush ist das Beste, was Fidel Castro passieren konnte."
Über Wayne Smith' Schreibtisch hängt eine kleine Holztafel, auf die jemand in Kyrillisch geschrieben hat: HÄNDE WEG VON KUBA! Smith hat sie aus Moskau mitgebracht, wo er in den sechziger Jahren als Diplomat arbeitete, und er glaubt, dass es eine aktuelle Forderung ist.
Etwa zur gleichen Zeit, als Bush seinen Kreuzzug gegen das Böse in der Welt begann, startete Fidel Castro seine "Schlacht der Ideen". Es schien ihm die einzige Möglichkeit, sich mit dem übergroßen Feind zu messen, der nur 90 Seemeilen entfernt übers Meer liegt. Das sozialistische Lager war zerfallen, er wurde alt, da spülte das Meer den kleinen Elián González an die Küste von Florida.
Elián González floh mit seiner Mutter im Jahr 1999 über das Wasser aus Kuba. Er wurde von amerikanischen Fischern aus dem Ozean gerettet, seine Mutter war ertrunken, sein Vater auf der Insel geblieben. Monatelang stritten Verwandte in Miami mit dem Vater um das Sorgerecht, am Ende war es eine Schlacht zwischen Havanna und Washington.
In einer komplizierten Rechnung ermittelte Fidel Castro persönlich, dass Havanna eine lebenswertere Stadt sei als New York. Endlich gab es wieder etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ein Kind. Im Fernsehen sah man die aufgeregten, exilkubanischen Verwandten, die Elián in buntbedruckte T-Shirts steckten, und einen besonnenen, ernsthaften Vater. Kuba gewann, Castro gewann, der sechsjährige Junge kehrte zu seinem Vater zurück. Seine Schule in Cárdenas wurde in eine Gedenkstätte umgewandelt. Sie heißt "Museum der Schlacht der Ideen".
Es gibt Fotos von amerikanischen Raketen, kubanischen Computerkabinetten dort,
aber auch eine Plastik, die einen kubanischen Jungen zeigt, der sich aus den Fängen der amerikanischen Popkultur befreit. Er lässt eine Micky-Maus und eine Superman-Figur hinter sich und steigt auf, in ein besseres, reineres Leben. Der Künstler, der die Plastik modellierte, schuf auch das Monument, das 2000 vor der amerikanischen Vertretung in Havanna aufgestellt wurde: Es ist der kubanische Freiheitskämpfer José Martí, in seinen Händen hält er einen Jungen, sein Mantel weht, sein Finger zeigt drohend auf das Gebäude der Ständigen Vertretung. Der Bildhauer heißt Andrés González.
González hat ein kleines Studio in Havanna. Es ist vollgestellt mit Modellen von Fäusten und Armen und Büsten von Freiheitskämpfern. Unter einer Plane liegt seine aktuelle Arbeit. Ché Guevara, nachdenklich, ein Buch auf den Knien. González ist 48 Jahre alt, er studierte in Moskau unter Lew Kerbel, der Berlin mit einem Thälmann-Denkmal versorgte. Die Vorgaben für das Monument am Malecón stammten von Fidel Castro persönlich. Er wählte González' Entwurf unter mehreren aus und empfing den Künstler.
"Ich habe selten so einen ethischen Menschen getroffen. Ich habe in ihm den Geist von José Martí gespürt", sagt Andrés González.
Hätte er Lust, eine Plastik von Fidel anzufertigen?
"Fidel möchte das nicht zu seinen Lebzeiten. Im Moment denkt niemand in Kuba daran, ihm ein Denkmal zu setzen. Die Diskussion um Elián hat unserem Volk die Werte zurückgebracht, die verloren gegangen waren. Die stärkste Waffe, die Kuba hat, ist unser Bewusstsein. Ich hoffe, dass ein Teil meiner Botschaften auch beim Gegner ankommt", sagt der Künstler.
Das ist passiert.
Im vorigen Jahr richtete James Cason, der unter George W. Bush bis 2005 die US-Vertretung leitete, in der obersten Etage des Hochhauses ein elektronisches Nachrichtenband ein. Mit großen, roten, weit sichtbaren Buchstaben wurde die Bevölkerung von Havanna nun über Staatsbesuche, Sportwettkämpfe und Katastrophen in aller Welt informiert. Unterbrochen werden die Nachrichten von propagandistischen Ausrufen wie: "Fidel Castro zählt zu den zehn reichsten Männern der Welt!" oder "Der kubanische Pitcher José Contreras hat für die Chicago White Sox das 13. Spiel in Folge gewonnen!"
Castro sah sich das zwei Monate an, dann ließ er 138 hohe Fahnenmasten vor der Vertretung aufstellen, an denen 138 schwarze Fahnen wehen, die den Blick auf den amerikanischen Nachrichtenticker verdecken. Die 138 steht für den 138-jährigen Befreiungskampf des kubanischen Volkes.
Vier Tage nachdem in einem fensterlosen Washingtoner Keller der neue Kuba-Report vorgestellt wurde, treten in einem fensterlosen Keller des kubanischen Presseinstituts in Havanna drei amerikanische Studenten auf eine Bühne, um zurückzuschlagen. Sie kommen aus New York und aus Kalifornien und renovieren als Mitglieder der Venceremos-Brigade eine Schule am Stadtrand von Havanna. Sie waren auch im vergangenen Jahr schon hier.
Die Studenten sagen, dass sie von der US-Regierung Briefe mit Fragebögen bekamen, in denen sie beantworten sollten, wer ihre Reise organisierte, mit wem sie redeten, wie viel Geld sie ausgaben und wofür. Für den Fall, dass sie diese Fragen nicht beantworteten, wurden ihnen Strafen bis zu 9000 Dollar angedroht. Die Studenten wollen dagegen gerichtlich vorgehen. Sie wollen Öffentlichkeit in den USA, sagen sie, schaffen es aber nur in die Abendnachrichten des kubanischen Fernsehens.
Sie verschwinden zwischen Meldungen über die Fortschritte beim Energiesparen,
die von einem Mann verlesen werden, der einen brikettgroßen Schnurrbart unter der Nase trägt und eine Handpuppe von Fidel Castro sein könnte.
Castro kümmert sich in Kuba um alles persönlich. Deswegen kann sich auch niemand so richtig vorstellen, wer ihn ersetzen soll. Sein Bruder Raúl nuschelt und sieht aus wie ein alkoholkranker Rentner in einer Karnevalsuniform. Es gab immer mal junge aufstrebende Politiker an Castros Seite, aber die verschwanden, als sie zu populär wurden. Roberto Robaina etwa, der Anfang der neunziger Jahre kubanischer Außenminister wurde. Es heißt, der spanische König habe Robaina gesagt, dass er in Zukunft auf ihn bauen werde. Ein paar Tage später war der so Gepriesene weg, die Partei, hieß es, habe dem Genossen Robaina eine neue Aufgabe gestellt. Wie sich herausstellte, war es die Aufgabe eines Parkwächters in Havanna. Immerhin durfte Robaina sein russisches Auto behalten. Es heißt, Fidel Castro mochte ihn.
Aus diesem Grund ist auch Eloy Gutiérrez Menoyo noch am Leben. Castro hat ihn begnadigt, nachdem er ihn bestraft hat, und er begnadigt und bestraft ihn immer noch. Er hat Menoyos Leben geschrieben.
Menoyo ist 72 Jahre alt. Er kämpfte mit Castro gegen Batista. Sie wollten ein freies Kuba, Brot und Freiheit für alle. Er begleitete Castro auf seiner ersten Auslandsreise nach Venezuela, er stand neben ihm, als er die Bodenreform ausrief, und 1961 bot ihm Fidel Castro ein Ministerium an. Aber da waren sie schon auf einem kommunistischen Weg, und Menoyo wollte nicht mehr, sagt er. Er verließ Kuba 1961, ging nach Miami und kam drei Jahre später mit ein paar Freunden und Waffen im Motorboot zurück, um in den Bergen einen Guerillakrieg gegen das kommunistische Kuba zu beginnen.
Nach vier Wochen hatten sie ihn. Sie verurteilten ihn zu 25 Jahren Haft. Eigentlich hätten sie ihn hinrichten müssen, sagt Menoyo, er hat Fidel wohl sein Leben zu verdanken. Nach einer Gefängnisrevolte bekam er noch mal 15 Jahre. Nach 22 Jahren Haft bat der spanische König um seine Freilassung, und weil Fidel Castro Geschäfte mit den Spaniern plante, ließ er ihn gehen. Menoyo flog nach Miami, machte eine Videothek auf, zeugte drei Kinder, aber blieb immer Kubaner.
1995 schrieb er Castro einen Brief und erklärte ihm, was anders werden müsse in Kuba. Castro empfing ihn, sie redeten drei Stunden lang. Dann flog er zurück nach Miami zu den Exilkubanern, mit denen er nichts anfangen konnte. Menoyo will ein freies Kuba ohne amerikanischen Einfluss. 2003 kam er nach Havanna zurück, um eine Opposition von innen zu gründen.
Bis jetzt ist er nicht weit gekommen.
Im Moment wohnt er in der Neubauwohnung einer Freundin am Stadtrand von Havanna. An der Wand hängen fünf Urkunden, die er von obskuren amerikanischen Organisationen für seinen lebenslangen Freiheitskampf erhielt. Castro lässt ihn hier leben, weil er ungefährlich ist. Er hält ihn wie ein exotisches Tier.
"Vielleicht erinnere ich ihn auch an seine Geschichte, seine ursprünglichen Pläne. Fidel wurde zum ersten Dissidenten seiner eigenen Revolution", sagt Menoyo. "Aber wahrscheinlich passe ich einfach in irgendeine seiner Strategien."
Der kubanische Parlamentspräsident Ricardo Alarcón dagegen wird von Fidel Castro als Weltmann eingesetzt. Er war 15 Jahre lang kubanischer Uno-Botschafter in New York, er kann plaudern und sehr komisch sein. Er sitzt im Salon seines Amtssitzes, eine Zigarre in der Hand, auf seinen Knien den Bericht der "Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba" aus Washington. Er hat ihn sich aus dem Internet heruntergeladen. Eine Woche bevor er offiziell veröffentlicht wurde.
"Zu diesem Zeitpunkt kannte ihn noch nicht mal George W. Bush", sagt Alarcón und grinst.
"Haben Sie ihn gelesen?", fragt er.
Ja.
"Herzlichen Glückwunsch. Ich hab's nicht ganz geschafft."
Er zündet sich die Zigarre an, nippt an seinem Kaffee und erzählt ein paar absurde Geschichten aus seiner Zeit in New York, als die "Schlacht der Ideen" noch "Kalter Krieg" hieß. Die kubanischen Regierungsvertreter durften sich damals nur in einer 25-Meilen-Zone um den Columbus Circle bewegen, und auf keinen Fall durften sie nach Brooklyn. Alarcón hat nie erfahren, warum eigentlich nicht. Irgendwann fällt ihm der Bericht auf seinen Knien wieder ein. Er legt die Zigarre ab, reibt auf den Passagen herum, die er unterstrichen
hat, und seine Gelassenheit fällt von ihm ab.
"Was soll das heißen: ,Beschleunigung eines Regierungswechsels in Kuba?' Wieso denkt Amerika über ein Leben nach dem Tod von Fidel Castro nach? Außerdem gibt es noch einen geheimen Teil. Ich möchte nicht wissen, was da drin steht. Wir sind ein kleines Land, und wir sind so dicht dran. Viel dichter als der Irak. Sie müssen verstehen, dass wir uns bedroht fühlen", sagt er.
Er zerpflückt den Bericht, in dem er sich ziemlich gut auskennt, dafür, dass er ihn nicht richtig gelesen hat. Er findet es schändlich, dass amerikanischen Kirchen der Kontakt mit kubanischen untersagt wird, dass humanitäre und medizinische Hilfe illegal wird, dass Exilkubanern verboten wird, ihre Familien zu sehen. Er glaubt, dass der Bericht vor allem dazu diene, zuzuspitzen. Die beiden Länder aufeinanderzujagen.
"Das ist das, was die reaktionären Exilkubaner in Miami wollen", sagt Ricardo Alarcón. "Leute wie der Kongress-Abgeordnete Díaz-Balart wollen keine Flüge, keinen Handel, keinen Austausch, weil sie keine zwischenstaatliche Normalität wollen. Sie wollen die Krise. Und sie haben eine Regierung, die auf einem Kreuzzug gegen das Böse ist. Das ist für uns eine ziemlich gefährliche Kombination. Unsere stärksten Verbündeten sitzen, so seltsam das klingt, im Pentagon. Die amerikanischen Militärs haben festgestellt, dass Kuba keinerlei Bedrohung darstellt."
Für den Kongress-Politiker Lincoln Díaz-Balart in Washington wiederum sind die Leute im Pentagon irgendwelche seelenlosen College-Absolventen, die nicht wissen, worum es in Kuba wirklich geht.
Díaz-Balart ist ein Neffe von Fidel Castro. Seine Tante war Castros erste Frau, die beiden haben einen Sohn zusammen, Fidelito, der später in Moskau Atomphysik studierte und heute Kubas Wissenschaftlicher Berater ist. Díaz-Balarts Vater war ein Jugendfreund von Fidel Castro und wurde später sein Feind, weil er unter Batista Politik machte. 1959 verließ Díaz-Balart als Vierjähriger mit seiner Familie das Land.
Hat er seinen Cousin Fidelito jemals wiedergesehen?
"Kein Interesse", sagt Díaz-Balart. Er sitzt in einem gesteppten Ledersessel in seinem Washingtoner Büro, die Wände sind mit Fotos von kubanischen Oppositionellen behängt, im Vorzimmer klebt eine große Kuba-Karte. "Es geht hier nicht um familiäre Beziehungen. Das ist nicht persönlich. Verstehen Sie?"
Ist er mit dem neuen Bericht zur Unterstützung eines freien Kuba zufrieden?
"Ja, ja", sagt Díaz-Balart, "ich bin ja von den Autoren konsultiert worden. Es geht vor allem darum, die Restriktionen aus dem ersten Bericht durchzusetzen. Kein Handel, kein Austausch, kein Tourismus. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika, wenn wir mit diesem totalitären Regime zusammenarbeiten, geben wir grünes Licht für andere Nationen. Und wir müssen die Dissidenten unterstützen, die unter diesem Diktator leiden."
Díaz-Balart hält kurz inne.
"Diktator, was sage ich. Gangster. Castro ist ja weniger ein Diktator als ein Mafiaboss. Er hat meinem Vater schon 1948 gesagt: ,Al Capone war ein Idiot. Wenn du eine Bank ausraubst, dann riskierst du, verhaftet zu werden. Es ist doch besser, du stiehlst die Bank und wirst ein respektierter Bankbesitzer.' Er war immer ein Gangster. Der hatte nie was für Kuba übrig, bis heute nicht. Er macht alles für die Ausländer. Die Kubaner sind Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Land."
Warum ist er dann noch an der Macht?
"Weil er mit Terror regiert, dieses faschistische Schwein", sagt Díaz-Balart. Er erzählt, wie der Chef der US-Vertretung James Cason einmal von Castro nachts zum Flughafen von Havanna bestellt wurde, wo jemand ein kleines Flugzeug mit Passagieren und Piloten gekidnappt hatte und Benzin wollte, um nach Miami abzuhauen. Sie standen da auf der Rollbahn, Cason, Castro und der kubanische Innenminister. Castro fragte Cason, ob Flugzeugentführungen in den USA bestraft würden. Ja, sagte Cason. Gut, sagte Castro, ließ dem Kidnapper Benzin geben und befahl, die Bremsklötze wegzunehmen.
"Er kümmert sich um alles selbst, selbst um die beschissenen Bremsklötze. Das ist kein Regime. Das ist ein Zirkus. Und er ist der Dompteur, er ganz allein. Wenn der tot ist, ist es vorbei. Der muss noch nicht mal kalt sein, dann fängt die Demokratie an."
Díaz-Balart wird die Meldungen vom Krankenbett Castros sicher mit viel Anteilnahme verfolgen. Er hat am 13. August Geburtstag. Genau wie sein Onkel. Er würde seinen Geburtstag gern richtig feiern.
Das letzte Gefecht in der "Schlacht der Ideen" zwischen Kuba und Amerika ist ein Totentanz. In Miami jubelten sie, als die Nachricht von Castros Krankheit bekannt wurde. Zu früh, feuert Fidel Castro vom Krankenbett zurück. Er schrieb einen Brief, der im kubanischen Fernsehen verlesen wurde. Es gehe ihm gut. Seine Stimmung sei hervorragend.
Im fast 50-jährigen Kampf mit Amerika ist Fidel Castro selbst zur wichtigsten Waffe geworden. Er ist halb Patronenkugel, halb Gott. Er soll nur fünf Stunden am Tag schlafen, sagen die Kubaner. 1994, als sich wütende Demonstranten in der Innenstadt versammelten, soll Castro mitten in die tobende Menge geschritten sein, bevor die Polizei da war. Die Leute hörten auf zu schreien, sie klatschten, als sie ihn sahen.
Er rief das Jahr des Energiesparens aus. Er organisierte eine eigene Olympiade in Kuba, die er eröffnete und beschloss. Aber so lange das wichtigste Symbol zu sein zehrt an den Kräften. Castro hat sich abgenutzt. Zuletzt taumelte er manchmal, einmal fiel er, brach sich die Kniescheibe, und niemand dachte, dass er jemals wieder laufen würde. Aber er lief.
Wenn man seinen Leibarzt, Eugenio Selman Housein, fragt, so war dies das Produkt einer positiven Einstellung und eines vorbildlichen ethischen Charakters. "Fidel wollte gesund werden. Und so wurde er gesund", sagt der Mediziner. Der kleine Mann, der bei Großveranstaltungen immer mit einem Arztkoffer am Rande steht, spricht, wenn man ihn nach Castros Gesundheit befragt, über das einzigartige Gesundheitswesen im revolutionären Kuba, über kubanische Ärzte, die in aller Welt helfen, und über den 120-Jahre-Club, den er vor ein paar Jahren gegründet hat. Für jene, die 120 Jahre werden wollen.
Er redet über eine Idee, nicht über einen Menschen.
Das ist Castros letzter Schachzug in der Schlacht der Ideen. Seine Verwandlung in eine unsterbliche Idee. Er ist dem 120-Jahre-Club nicht beigetreten. Womöglich muss Amerika bald einen Geist bekämpfen.
* In der Provinzhauptstadt Bayamo am 26. Juli.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 32/2006
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KUBA:
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