07.08.2006

ESSAYDER GUTE STERN DES TYRANNEN

Fidel Castros Zeit ist abgelaufen. Ich glaube nicht, dass er - in seinem Alter und gesundheitlich derart angegriffen - die Macht über mehrere Wochen abgeben und später wieder ganz an sich binden kann. Das bedeutet, dass die Post-Castro-Zeit noch zu Lebzeiten des Comandante en Jefe beginnt, wie auch die Post-Franco-Zeit sich einige Zeit vor Francos Tod anbahnte. Mit dem Postcastrismus setzt eine politische Wende in Kuba ein, zweifellos ein historisches Ereignis, aber wir können noch nicht wissen, welche Richtung dieser Prozess nehmen und wie lange er dauern wird. Politische Weissagungen zu machen wäre hierbei ziemlich riskant und vollkommen nutzlos. Was wir tun können, ist, erste Korrekturen vorzunehmen.
Zu den großen Eigentümlichkeiten des Mythos um Castro gehört die Tatsache, dass besonders Intellektuelle und Künstler aus aller Welt zu ihm pilgerten, weil er ihre Phantasie entzündete. Nichts war unangebrachter. Castro hielt wenig von Künstlern.
Als ich in meiner Eigenschaft als diplomatischer Gesandter der Regierung von Salvador Allende Anfang Dezember 1970 auf die Insel kam, mit der Mission, nach einer fast siebenjährigen Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen die chilenische Botschaft wiederzueröffnen, zitierte mich der Comandante Castro am ersten Abend zu einem Gespräch in die Redaktion der Zeitung "Granma". Dort fragte er mich, warum Chile denn "einen Schriftsteller" nach Kuba geschickt habe. Aus seiner Frage klang eine leicht spöttische Neugierde, als sei die Entsendung eines belletristischen Autors ein weiterer Beweis für die politische Naivität der Regierung Allendes. Bei unseren späteren Begegnungen kam er immer wieder auf diesen Punkt zurück, und mehr als einmal fügte er hinzu: "In der ersten Etappe haben wir das auch getan, aber dazu wird es nicht mehr kommen."
Castro hob stets hervor, dass er selbst nur praktische Bücher lese. Als ich ihn einmal in Begleitung der Offiziere des chilenischen Schulschiffs "Esmeralda" in einer seiner Hütten auf dem Land besuchte, konnte ich einen Blick auf seine Bibliothek werfen. Die Literatur glänzte durch Abwesenheit, stattdessen gab es dort natürlich ein wenig Politikwissenschaft, vor allem aber aufwendige Bildbände zu Flora und Fauna. Bei diesem Besuch ließ er uns einige Produkte von seiner Versuchsfarm kosten, wobei er uns darauf hinwies, dass wir nicht einmal in Frankreich einen so guten Camembert bekämen, wie wir ihn gerade probierten. Er legte Wert auf so was. "Aber Comandante", entgegnete ich ihm, "das wäre doch, als würde man behaupten, in Rumänien gebe es einen besseren Daiquiri als auf Kuba."
Nein, Dichter interessierten ihn nur insoweit, ob sie für ihn oder gegen ihn waren. Anfang 1971, auf dem Gipfel einer schweren internen Krise, sah er sich zu einer Kulturrevolution nach chinesischem Vorbild verleitet. So war es am Fall Heberto Padilla abzu-
lesen, an der Inhaftierung des dissidenten Dichters, der später eine Selbstkritik im besten stalinistischen Stil lieferte. Doch mit dem ihm eigenen Pragmatismus begriff Fidel, dass Kuba nicht China ist und eine revolutionäre Weichenstellung dieser Art sich als zu gefährlich für ihn und sein Regime erweisen würde. Schließlich entschloss er sich, einen vernünftigeren Weg einzuschlagen und von der zeitweiligen Öffnung Nordamerikas zu profitieren, wie sie etwa Jimmy Carter oder Bill Clinton vertraten. Sein einziger wahrer Freund in intellektuellen Kreisen, Gabriel García Márquez, diente ihm gelegentlich als hervorragendes Aushängeschild in den Medien.
Bei unserem letzten unterkühlten Treffen, am Vorabend meiner Abreise von der Insel, sagte er mir, Padilla, der gut 24 Stunden zuvor inhaftiert worden war, hege "gewisse Ambitionen". Es war unmissverständlich, dass er damit politische Ambitionen meinte, und die durfte sich kein anderer Sterblicher außer ihm auf Kuba leisten. Ich antwortete ihm, Padilla sei ein Poet und ein integrer Mensch, aber es war offensichtlich, dass jeder Versuch, Padilla verteidigen zu wollen, absolut nutzlos war. Als er mich später an der Tür des Raums verabschiedete, in dem wir zusammengesessen hatten, sagte er unvermittelt: "Wissen Sie, was mich bei diesem Gespräch am meisten verwundert hat?" "Was denn, Herr Präsident?" "Ihre Gelassenheit!" Vielleicht hatte er erwartet, ich würde vor ihm die Nerven verlieren, so dass meine Gefasstheit ihn irritieren musste.
Es gibt Politiker, die einen guten Stern haben, sowenig man ihn auch rational erklären kann, und es gibt andere, die unter einem schlechten Omen stehen. Ché Guevara gehörte zu dieser letzten Kategorie der populären Führer, die zum Scheitern verurteilt scheinen und möglicherweise unbewusst, dabei aber geradezu selbstmörderisch dieses Scheitern heraufbeschwören. Ebenso Salvador Allende, vor einem anderen Hintergrund und in völlig anderer Form. Fidel Castro dagegen, der Comandante en Jefe, der Máximo Líder, war das ganze politische Leben lang der Mann mit dem anhaltenden guten Stern. Seine Revolution mochte dahindarben, sich rückläufig entwickeln, von ihren einstigen Weggefährten aufgegeben worden sein, doch er hielt die Stellung. Ein einzigartiger Fall in der jüngeren Geschichte.
Castros persönliches Charisma, seine Intuition und das Talent zur medialen Selbstdarstellung sind hier entscheidend. Noch auf den letzten lateinamerikanischen Gipfeln, als er neben so renommierten Staatschefs wie etwa Ricardo Lagos stand, war es doch nicht zu übersehen, dass der Comandante en Jefe selbst nach über vierzig Jahren auf der politischen Bühne immer noch die lautesten Ovationen bekam und die größte Aufregung bei der anwesenden Presse auslöste. Dabei ist es ganz egal, ob seine einstigen kommunistischen Verbündeten inzwischen vom Erdboden verschwunden sind, wie katastrophal die kubanische Wirtschaftslage
ist oder wie lange die sogenannte Sonderperiode schon anhält, dieser dunkle Tunnel ohne Ende. Unvermeidlich stellt sich also die Frage, wie es dazu kommt; und gibt es darauf auch keine magische Antwort, reichen politische Analysen allein jedenfalls nicht aus.
Bereits beim Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba 1953, mitten in der Diktatur von Fulgencio Batista, zeigte sich Castros guter Stern. Die militärische Operation an sich erwies sich als ein wahres Desaster. Sie war schlecht geplant und noch schlechter durchgeführt. Mehr als die Hälfte der 26 Fahrzeuge, die die Angreifer transportierten, nahm eine falsche Abzweigung und verirrte sich in den Straßen Santiagos. Ein Teil der Wagen fuhr durch andere Tore in die Kaserne ein als auf dem Angriffsplan vorgesehen. Einigen der Rebellen wurden diese Fehler zum sofortigen Todesurteil. Andere wurden festgenommen und grausam zu Tode gefoltert. Fidel gelang es jedoch, mit einigen seiner Gefährten in die Berge zu fliehen und sich dort zu verstecken. Die Folterungen der festgenommenen Rebellen, von denen manche einflussreichen Familien der Provinz entstammten, wurden trotz Pressezensur wenige Tage später bekannt, und der Skandal zwang Batistas Handlanger, von nun an Vorsicht walten zu lassen. Fidel Castro, den man fünf Tage nach dem Angriff in einer Hütte aufstöberte, wurde eine wesentlich bessere Behandlung zuteil als den früheren Gefangenen.
Während der Gerichtsverhandlung glänzte er mit all seinem rhetorischen Talent. Die Richter könnten ihn verurteilen, sagte er, aber die Geschichte würde ihn freisprechen. Manche sahen in Fidels Worten entfernte Anklänge an eine Rede, die Adolf Hitler in ähnlichen Umständen einmal gehalten hatte. Doch viel wichtiger ist etwas ganz anderes, nämlich das bemerkenswerte Geschick Castros, eine schlecht geplante Aktion und einen katastrophalen Fehlschlag in eine politische Sternstunde ersten Ranges zu verwandeln. Er war stets ein eher mittelmäßiger Militär und ein träumerischer Wirtschaftsplaner, doch sein geniales Talent zur Propaganda konnte ihm niemand absprechen.
Nach dem Sieg der Revolution sah sich Fidel noch einmal in einer besonders heiklen Lage, als Präsident Dwight D. Eisenhower und sein Vizepräsident Richard Nixon ihn beseitigen lassen wollten. Die geheimen Pläne für Castros Sturz standen kurz davor, ausgeführt zu werden. Doch erneut zeigte sich der gute Stern des Politikers. Die republikanischen Hardliner verlassen das Weiße Haus, und ein junger Hoffnungsträger hält Einzug, John F. Kennedy - der kurz darauf allerdings die Schweinebucht-Invasion zu verantworten hatte. Und an der Spitze der sowjetischen Regierung befindet sich ein wesentlich abenteuerlustigerer, längst nicht so misstrauischer Zeitgenosse wie Stalin, der vom ersten Augenblick an mit Castro sympathisiert, Nikita Chruschtschow.
Auch wenn Castro auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise durch den Abbau der sowjetischen Raketen durch Chruschtschow verprellt wurde, machte er doch stets das Beste aus seinem Bündnis mit der Sowjetunion. Im August 1968, als viele linke Intellektuelle glaubten, er würde den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag verurteilen, stieß er fast alle vor den Kopf, indem er seinen östlichen Verbündeten in einer inzwischen berühmten Ansprache die Treue hielt. Unabhängigkeitsbestrebungen sind etwas für bürgerliche Intellektuelle, schien seine Botschaft zu sein. Dem Bündnis mit dem sowjetischen Block verdankte er eine Art anhaltende zweite Jugend.
Fidel Castro ist bis heute eine verwirrende Mischung aus Messias und Pragmatiker. Oft hat er zu verstehen gegeben, er sei der wahre Erbe von José Martí, der großen Figur des kubanischen Unabhängigkeitskampfes. Doch Martí war ein Literat, ein Dichter, und sein Leben endete bei einem Kavallerieangriff auf die zahlenmäßig weit überlegenen spanischen Truppen. Es ist nicht bekannt, wie ernsthaft sich Fidel von der Symbolhaftigkeit des in Kuba als "der Apostel" bezeichneten José Martí hat inspirieren lassen. Die ersten Gefährten, die sich zu Beginn des Kampfes gegen Batista in Fidels Schatten zusammenschlossen, hießen im Volksmund jedenfalls "die zwölf Apostel". Fidel war folglich der Erlöser, der Messias höchstpersönlich. Aber Fidel war niemals auf einen Märtyrertod aus. Er ist das absolute Gegenteil des Apostels und Dichters Martí und auch Ernesto Ché Guevaras, der im tiefsten bolivianischen Urwald Nerudas "Der Große Gesang" las und nur schwer der Falle hätte entkommen können, in die er selbst getappt war. Im Unterschied zu ihnen ist Fidel der am wenigsten poetische und selbstmörderische Politiker des gesamten vorigen Jahrhunderts. Nein, Gedichte interessierten ihn nicht, dafür aber Abhandlungen zur Militärgeschichte, Verse kamen nicht über seine Lippen; dafür konnte er stundenlang über Themen wie Kaffeeanbau, Tomatenzucht oder industriellen Fischfang reden.
Der Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus brachte Fidel erneut in eine höchst gefährliche Situation, nur vergleichbar mit der Krise Ende 1962. Aber man musste davon ausgehen, dass der schlaue Comandante en Jefe mit seinem ausgeprägten Überlebensinstinkt noch mindestens einen Trumpf im Ärmel hatte. Und so war es auch. Ohne jeden ideologischen Skrupel machte er sich daran, einzelne Bereiche seiner sozialistischen Planwirtschaft ausländischen Investoren zu überlassen. In Gegenwart eines linken Dichters fühlt der Anführer der Revolution sich vielleicht nicht besonders wohl, mit einem kapitalistischen Unternehmer kann er sich dagegen prächtig verstehen. Wer sich mit ihm über Bergbau, Landwirtschaft oder Energiefragen unterhält, wird in ihm einen Menschen finden, der gern so etwas wie ein wandelndes Lexikon wäre.
In den vergangenen Jahren ist in Lateinamerika ein eigenartiges Phänomen zu beobachten. Man hat den Eindruck, als setze die Wiederholung eines geschichtlichen Zyklus ein. Tatsächlich hatte der amerikanische Kontinent stets eine große Schwäche für messianische Figuren. Viele führende Politiker und Intellektuelle fordern lieber eine reinigende Erneuerung ihres jeweiligen Landes als schlicht und einfach einen notwendigen Fortschritt. Parolen, die auf das Volk von jeher ansteckend wirkten und wirken. Aus diesen Keimzellen entstanden etwa die Santería, der Kult des heiligen Lazarus oder der Jungfrau von Guadalupe. Und dieser südamerikanische Symbolismus, wie man es vielleicht nennen könnte, hat auch die neuen Messias-Figuren oder vielmehr die messianischen Ambitionen eines Hugo Chávez, eines Andrés Manuel López Obrador oder eines Ollanta Humala hervorgebracht. Sie alle könnte man als die geistigen Kinder des Comandante Castro bezeichnen, und ich bin mir dabei völlig bewusst, welchen Widerspruch die Vorstellung eines spirituellen Marxismus impliziert. Man mag darin die etwas unlogischen Beweise von Fidels erneuerter Bedeutung sehen, seiner dritten Wiedergeburt, wenn man so will.
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Edwards, 75, kam 1970 unter Salvador Allende als chilenischer Gesandter nach Havanna. Zunächst ein Sympathisant der kubanischen Revolution, sagte sich der Romancier bald von Fidel Castro los und beschrieb den Diktator in seinem illusionslosen Buch "Persona non grata", das jetzt im Berliner Wagenbach-Verlag zum ersten Mal auf Deutsch erscheint (284 Seiten; 22,50 Euro).
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar.
Von Jorge Edwards

DER SPIEGEL 32/2006
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