21.08.2006

STARSDer Kino-Kraftkerl

Jürgen Vogel ist der größte Instinktschauspieler des deutschen Films. Nun verkörpert er in dem Psychodrama „Der freie Wille“ einen Vergewaltiger.
Der Schauspieler Jürgen Vogel geht wie ein Mann, der jederzeit damit rechnet, von den Beinen geholt zu werden. So gehen Boxer, die auch nach einer linken Geraden stehenbleiben, oder Matrosen, die selbst bei Windstärke zehn noch aufrecht über die Planken laufen. Nein, Vogel kann nichts umwerfen. Er scheint außerstande, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Mit Stehvermögen und unaufhaltsamer Dynamik wird er dem deutschen Film in den nächsten Monaten einen gewaltigen Energieschub verschaffen. In sechs Produktionen ist der 38-jährige Darsteller zu sehen, darunter die gerade angelaufene Tragikomödie "Emmas Glück" und das Psychodrama "Der freie Wille", das in dieser Woche ins Kino kommt.
Im Herbst rast Vogel mit Daniel Brühl in "Ein Freund von mir" über Deutschlands Autobahnen. Jeden fahrbaren Untersatz, in den der Hochgeschwindigkeitsschauspieler Vogel sich setzt, macht er zur Erweiterung des eigenen Körpers. Der Mensch, so zeigt er, ist ein Mängelwesen, das nur auf zwei Beinen zur Welt gekommen ist statt auf vier Rädern.
In "Emmas Glück" ist Vogel als Autoverkäufer Max zu sehen, der mitten auf einer Landstraße Vollgas gibt und die Hände vom Steuer eines Jaguars nimmt. Denn Max hat erfahren, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Der Wagen kommt von der Straße ab, überschlägt sich, die Kamera geht nah an Vogels Gesicht heran, da grinst er plötzlich so breit, dass sein wunderbar unregelmäßiges Gebiss zu sehen ist. Keine Frage, hier zeigt einer dem Tod noch einmal die Zähne.
Vogel scheint stark genug, es mit jedem aufnehmen zu können. Oft folgen ihm die Regisseure deshalb auf dem Fuße, im Windschatten seines Vorwärtsdrangs richten sie ihre Kameras auf sein muskulöses Kreuz, als begleiteten sie den ungeschlagenen Weltmeister des Überlebenskampfes zur Titelverteidigung in den Ring, auch Alltag genannt.
In "Der freie Wille" zeigt Regisseur Matthias Glasner Vogel beim Schattenboxen. Der Schauspieler setzt sich mit Faustschlägen und Fußtritten gegen einen unsichtbaren Gegner zur Wehr. Dann sackt Vogel erschöpft auf ein Sofa, atmet schwer und fängt an, verzweifelt zu schluchzen. Denn er hat gemerkt, dass er es mit einem Gegner zu tun hat, den er nicht besiegen kann: mit sich selbst.
Vogel spielt in "Der freie Wille" den mehrfachen Vergewaltiger Theo, der nach über neun Jahren Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt wieder auf freien Fuß kommt und sich langsam zurücktastet ins normale Leben. Jürgen Vogel macht daraus ein bewegendes Drama über den Kampf eines Mannes um die Macht im eigenen Körper. Theo versucht mit aller Kraft, seinen verhängnisvollen Trieb zu kontrollieren, doch verfolgt er wie fremdgesteuert eine Kellnerin (Anna de Carlo) durch die Nacht.
In drastischen Bildern, die für den Zuschauer oft kaum zu ertragen sind, zeigen Glasner und Vogel gleich zu Beginn des Films eine Vergewaltigung. Wie im Rausch fällt Theo über eine junge Frau her,
schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht, dringt brutal in sie ein. Selten hat ein Film seine Hauptfigur mit einem so großen Antipathie-Malus belastet.
Vogel versucht nicht, Verständnis für diesen Mann zu wecken. Er beschreibt, wie Theo funktioniert. Oft wirkt sein Gesicht reglos, doch seine Augen tasten immer wieder nervös die Umgebung ab, mal gierig, mal gehetzt. Theo sucht nach Beute oder wähnt sich als Beute. Diese Mischung aus Jagdtrieb und Verfolgungswahn lässt ihn nicht mehr heimisch werden in der Welt. Aus der Haft entlassen, kommt Theo niemals in der Freiheit an.
Vogel spielt dies ohne einen einzigen Moment der Distanzierung von seiner Figur. Wenn er zu einer Geste ausholt, scheint sich der Bauch direkt mit Armen und Fingern kurzzuschließen, ohne den lästigen Umweg über den Kopf zu nehmen. Das mag täuschen, und wahrscheinlich hat sich Vogel während der jahrelangen Vorbereitung auf diesen Film das Hirn zergrübelt, doch auf der Leinwand wirkt bei ihm, dem Hamburger Arbeitersohn, der nach einem Tag die Schauspielschule schmiss, jede Bewegung instinktiv.
Er erscheint oft wie ein großer Junge, den es in die Welt der Erwachsenen verschlagen hat. Wie der Schlachter, den er in "Das Leben ist eine Baustelle" (1997) spielte, sind seine Figuren häufig überfordert vom Ernst des Lebens. Keinem anderen Schauspieler als Vogel verzeiht man es, so oft den Mund offen stehenzulassen - weil es bei ihm Ausdruck echten Erstaunens ist. Mit großen braunen Kinderaugen sieht Vogel in all seinen Filmen um sich - manchmal sogar in "Der freie Wille", nur sind es hier zugleich Killeraugen. Doch sie erinnern den Zuschauer daran, dass es auch für diesen Mann einmal eine Zeit der Unschuld gab, die leider lange vorbei ist.
Begeistert erklärt Vogel in einer Szene in Sebastian Schippers Film "Ein Freund von mir", warum ein Flugzeug fliegen kann. Diese Faszination für ein technisches Wunder, die sich auf den Zuschauer überträgt, hat Vogel nicht nur gespielt. Denn der Schauspieler Jürgen Vogel, der so kräftig läuft und noch schneller fährt, würde gern auch noch fliegen können. Es wäre ihm fast zuzutrauen. LARS-OLAV BEIER
* Mit Jürgen Vogel, Anna de Carlo.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 34/2006
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