04.09.2006

Die (un)menschlichen Bomben

Von New York bis London, von Bagdad bis Colombo: Selbstmordattentate sind weltweit zu einer furchterregenden Waffe von Terroristen geworden. Wer sind die Frauen und Männer, die ihr Leben opfern, um andere in den Tod zu reißen?
Die Parallelen sind erschreckend - und doch ist keine dieser Geschichten von mordenden Märtyrern wie die andere. Ein Alptraum für Polizeipsychologen, die bei der Lebenslauf-Analyse verzweifeln. Denn auf die Frage, wer der nächste Selbstmordattentäter sein könnte, müssten sie sagen: jeder, dessen Hass größer ist als sein Glaube an eine bessere Zukunft. Und auf die Frage, woher er kommen könnte, müssten sie antworten: von überall.
Mohammed Atta, 33, der Sohn eines Rechtsanwalts aus Kairo, wird von seinen deutschen Kommilitonen als besonders sanft und höflich beschrieben. Seine Professoren sind angetan von seinem Fleiß und seiner Zielstrebigkeit. Fast sieben Jahre lang studiert der scheinbar so Angepasste Stadtplanung an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Er jobbt bei der Firma Plankontor, Deutschkenntnisse kein Problem. Dann eine Reise nach Mekka, ein längerer Aufenthalt in Afghanistan - und immer mehr Stunden mit antiwestlichen Glaubensfanatikern in der Kuds-Moschee am Hamburger Steindamm. Vielleicht ein Persönlichkeitswandel, vielleicht eine Persönlichkeitsbestätigung, die Vorhandenes nur freilegt und radikalisiert - klar ist das auch fünf Jahre danach nicht. Am 11. September 2001 steuert Atta als Anführer der Qaida-Terroristen den Flug American Airlines 011 in den Nordturm des World Trade Center. Allein in New York sterben über 2750 Menschen.
Rim al-Rijaschi, 21, Hausfrau und Mutter zweier Kleinkinder, von denen sie eines noch stillt, nimmt am Abend vor der Tat ein Abschiedsvideo auf. Mit Babys, mit Sturmgewehr. Sie lässt sich tags darauf aus Gaza-Stadt an den israelischen Grenzposten Erez fahren. Auf Krücken gestützt, täuscht die junge Frau aus einer der wenigen wohlhabenden palästinensischen Familien der Gegend vor, sie habe Metallsplitter im Bein. Vor der Überprüfung durch die Soldaten zündet Frau al-Rijaschi ihren Sprengstoffgürtel, eine Tat, die sie auf dem Video ankündigt: "Ich wollte immer meinen Körper in ein tödliches Schrapnell gegen die Zionisten verwandeln." Womöglich aber hat ihr Mann sie dazu gezwungen. Nachdem er ihrer überdrüssig geworden war, soll er sie an einen Cousin verkuppelt haben, der sie verführte. Ihr Opfertod sollte die Schande tilgen. Vier Israelis kommen am 14. Januar 2004 gemeinsam mit der Mörderin ums Leben.
Don Stewart-Whyte, 21, lebt lange das Durchschnittsleben eines Durchschnittsjugendlichen im Städtchen High Wycombe der Grafschaft Buckinghamshire, eine halbe Autostunde von London entfernt. Nach dem Tod seines Vaters folgen Schulprobleme, Experimente mit Cannabis, Gelegenheitsjobs - der Gymnasiast macht den Bartender im Nachtclub "Blueroom". Er sucht Gespräche über den Sinn des Lebens,
findet Verständnis bei einem örtlichen Imam.
Und dann vor etwa einem halben Jahr die Bekehrung: Don Stewart-Whyte nennt sich jetzt Abdul Waheed, lässt sich einen Bart wachsen. Er verbringt viel Zeit in der Moschee, lässt sich von amerikanischen Grausamkeiten in Bagdad erzählen, sieht die Bilder israelischer Bombenangriffe auf Beirut. Er betet häufig, träumt nach Erzählungen von Freunden von einer Instant-Weltveränderung durch eine medienwirksame "Heldentat". Seine Mutter freut sich, dass er statt Alkohol den Glauben gewählt hat.
Am 10. August 2006 verhaftet ihn die Polizei. Er wird beschuldigt, gemeinsam mit 23 anderen Verschwörern geplant zu haben, bis zu zwölf Flugzeuge auf dem Weg von London in die USA in die Luft zu sprengen. Er wollte die Bombe vermutlich an Bord zusammenbasteln, neben den anderen Leben auch sein eigenes auslöschen. Gedacht war an einen 11. September hoch zwei.
Der Terror hat seit jenem Schicksalstag von New York und Washington in mehr als einem Dutzend Ländern zugeschlagen, mit einer grausamen Spur: Sie reicht von Riad über Casablanca, von Bagdad über Bali, von Gaza bis Grosny und Karatschi. Moscheen und Synagogen waren in den vergangenen fünf Jahren das Ziel der Zerstörungsideologen ebenso wie Restaurants oder Discotheken; und immer wieder Züge, Busse, U-Bahnen.
Besonders viele Opfer forderten die Anschläge unter Urlaubern auf Bali (202 Tote) sowie auf Berufspendler aus den Vororten von Madrid (192 Tote) und London (52 Tote). Kein Politiker, kein General wurde da ins Visier genommen, Ziele sind immer die Jedermanns. Das perfide Kalkül der Täter: Sie wollen Angst verbreiten, Angst und noch mal Angst. Sie wollen Horrorbilder produzieren, die sich einbrennen und deren Allgegenwärtigkeit man nirgends entfliehen kann: zusammenstürzende Türme, in denen verzweifelte Feuerwehrleute vergebens gegen die Brände kämpfen; blutgetränkte U-BahnWaggons, aus denen traumatisierte Passagiere wanken; zerfetzte Bars, in denen sich geschmolzener Stahl und Leichenteile mischen.
Die Täter schielen mit dem einen Auge zum Himmel, von dem sie sich Belohnung für ihr angeblich gottgefälliges Handeln erhoffen - und mit dem anderen nach der TV-Quote. Denn Terror ist auch ein medialer Verdrängungswettbewerb, der die Regeln des Showgeschäfts wie die der Globalisierung zynisch nutzt: immer weiter, schneller, brutaler.
Nicht allein die Zahl der Opfer macht dies alles so schrecklich, so unheimlich, sondern eben die Art der Attacken. Zwar haben in der vergangenen Woche kurdische Terroristen in den türkischen Feriengebieten und vorvergangenen Monat die libanesischen Möchtegern-Kofferbomber mit ferngezündeten Sprengsätzen gearbeitet, aber eine große Zahl von Terrortaten der letzten Jahre wurden von "Märtyrern" begangen, die versuchen, so viele unbeteiligte Menschen wie möglich mit in den eigenen Tod zu reißen. Das Selbstmordattentat ist weltweit zu einer furchterregenden Waffe der Gewaltbereiten geworden, zum Terror à la mode des 21. Jahrhunderts. Ein Menschheits-Alptraum: Keine Bedrohung ist so unheimlich, keine so potentiell allgegenwärtig und so schwer auszuschalten wie die durch die (un)menschliche Bombe.
Der mordende Selbstmörder bricht gleich mit zwei Tabus - der Macht jeder weltlichen Regierung, die das Tötungs- oder zumindest das Sühnemonopol für sich beanspruchen muss, um zu funktionieren, und zudem der Macht jeder klassischen religiösen Ordnung, die dem Menschen nicht erlauben kann, selbst Hand an sich wie an andere zu legen und damit in Gottes Plan zu pfuschen. Wer keine Angst vor irdischer Strafe und jenseitiger Verdammnis hat, wer sich gar eine himmlische Belohnung verspricht, macht sich unbesiegbar. Er verzichtet auf Flucht, auf Selbsterhaltung - und legt damit die Unvollkommenheit jeder Macht bloß. Er lässt sich durch nichts bedrohen, weil er sich keinen Ausweg mehr offenhält. Er sieht den Nutzwert seines Lebens nur noch als Waffe. Er ist Opfer und Täter, Ausgelöschter und Auslöschender zugleich - eine ungeheure, zutiefst verstörende Anmaßung, die mit allen Regeln der modernen Zivilisation in Ost und West bricht.
Und eine Anmaßung, die jede Überlegenheit herkömmlicher Waffen zumindest teilweise außer Kraft setzt. Eine kleine Gruppe zu allem entschlossener Qaida-Selbstmordattentäter, mit Teppichmessern bewaffnet, reichte aus, um der Supermacht USA ihre Verwundbarkeit zu zeigen, die Amerikaner in Angst und Schrecken zu versetzen und ihren innen- und sicherheitspolitischen Kurs erheblich zu verändern. Russland besitzt ein riesiges Waffenarsenal einschließlich Tausender Atomsprengköpfe und kann trotzdem der vergleichsweise ärmlich bewaffneten Rebellen in Tschetschenien mit ihren Suizid-Attacken immer noch nicht Herr werden.
Selbstmordattentäter fühlen sich als die ultimativen Smart Bombs: Sie schaffen es, Touristenströme zu lenken, Währungen zu gefährden, Börsenkurse in den Abgrund zu stürzen. Nirgendwo ist ihr Einfluss so spürbar wie in Israel. Die häufigen Anschläge von Terrorgruppen wie dem palästinensischen Islamischen Dschihad haben die Israelis zermürbt, ihren Alltag überschattet. Wer es sich leisten kann, fährt
nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, viele meiden sogar Märkte, Cafés und Sportstadien.
Terrorexperte ist in Israel ein Fulltimejob, und es gibt Dutzende dieser Fachleute. Sie sitzen in politischen Parteien und in privat finanzierten Think-Tanks. Oder an Universitäten, wie etwa Schaul Kimche und Schmuel Even im Jaffa-Zentrum für Strategische Studien von Tel Aviv. Die beiden fressen sich verzweifelt durch Tonnen von Material, das Computer über die Täter und ihre Vorgeschichte ausspucken. Mosaiksteinchen zerstörter und zerstörender Leben. Sie erstellen Tabellen und gestalten Schaubilder. Sie analysieren und klassifizieren. Sie suchen fieberhaft nach Wiederholungsmustern. Gerade haben Kimche und Even vier "Prototypen" von Selbstmordattentätern herausgearbeitet: den religiösen Fanatiker, den nationalistischen Ideologen, den Rächer-Typ, den ausgenutzten psychisch Labilen.
Sie geben zu, dass ihr Modell unvollständig ist. Sie wirken hilflos, wenn sie von den jungen Männern der zweiten Generation in Großbritannien sprechen, den Schein-Integrierten, die plötzlich zum Selbstmordterror greifen.
In den letzten Jahren haben sich nicht nur radikalislamistische Gruppen auf diese Form des Terrors spezialisiert. Nimmt man die reine Zahl der Taten, war keine Gruppe so selbstmordend-mörderisch aktiv wie die hinduistischen "Tamil Tigers", die gegen die Singhalesen-Mehrheit und für einen eigenen Staat im Norden Sri Lankas kämpfen. Was machte sie für diese Waffe so empfänglich - aber nicht die Eta in Spanien, die IRA in Nordirland, den Leuchtenden Pfad in Peru? Und warum gelingt es im Nahen Osten nicht, die Selbstmordattentate einzudämmen?
Es sind die Liberalen, die Kompromissbereiten in Israel, die nach Erklärungen suchen. Konservative hassen Diskussionen über die Motive palästinensischer Selbstmordattentäter. Sie sehen "auf der anderen Seite des Zauns" nur psychisch gestörte Zombies - als sei ausgeschlossen, geradezu abwegig, dass die israelische Besatzung etwas mit dem palästinensischen Terror zu tun haben könnte. Sie führen als einen Beleg für die Irrationalität der männlichen Suizid-Mörder an, dass sich einige junge Männer vor ihrer Tat Toilettenpapier um die Genitalien geschlungen haben.
"Diese Dschihad-Terroristen glaubten allen Ernstes, dass sie auf diese Weise potent blieben und dass sie dann im Paradies die versprochenen 72 schwarzäugigen Jungfrauen vernaschen könnten", sagt kopfschüttelnd ein führender israelischer Geheimdienstmann. Womöglich basiert das Heilsversprechen auch noch auf einem Interpretationsfehler: Ein angesehener Wissenschaftler, der sich hinter dem Pseudonym Christoph Luxenberg versteckt, sieht starke Hinweise dafür, dass der überwiegend auf der Syro-Aramäischen Sprache basierende Koran an dieser Stelle von den arabischen Kommentatoren falsch verstanden wurde. In Aussicht gestellt würden dem Opferbereiten demnach keine Jungfrauen, sondern lediglich Weintrauben.
Auch Psychologen und Politologen in Europa und den USA haben in den vergangenen Jahren versucht, die Hintergründe von Selbstmordattentaten zu beleuchten - meist aus dem engen Blickwinkel ihrer eigenen Fachrichtung. Beim Münchner Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer etwa ist viel von Persönlichkeitsstörungen wie dem "explosiven Narzissmus" die Rede, er pflegt den individualpsychologischen Ansatz. Der Bremer Sozialpädagogik-Professor Gunnar Heinsohn reduziert das Phänomen weitgehend auf die demografische Entwicklung mit der dramatischen Jugendarbeitslosigkeit in Problemstaaten der Dritten Welt.
Nur wenige Autoren versuchen, auch die historischen wie kulturellen Wurzeln des Selbstmordattentats zu ergründen. Dabei liegt in der Geschichte der Religionen vielleicht einer der Schlüssel.
Am Anfang war das Wort, das der Tora, der Bibel, des Koran - und es war keines nur der Nächstenliebe. Sondern häufig auch eines, das von Tod, Grausamkeit und erzwungenen Opfern erzählt.
Die monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gehen auf einen gemeinsamen Urvater zurück; bei ihm beginnt schon die Crux. Denn dieser Abraham wird vom Allmächtigen aufgefordert, ihm als Zeichen der absoluten Hingabe unter Gottes Willen sein Kostbarstes zu opfern, einen über alles geliebten Teil von sich selbst, seine Zukunft - seinen Sohn. Gott sucht sozusagen einen Menschenbeweis dafür, dass Er mehr geliebt wird als das Leben. Abraham gehorcht und wird bei seinen Vorbereitungen zum suizidalen Mord vom himmlischen Herrscher erst im letzten Moment gebremst.
Das erste Selbstmordattentat der abrahamitischen Religionsgeschichte findet etwa 1200 vor Christus statt, und sein Prot- agonist ist ein Jude: Samson. Die Israeliten stöhnen damals unter der Herrschaft der Philister. Ihr wichtigster Untergrundkämpfer gegen die Besatzer ist ebendieser Samson, ein Hüne von einem Mann, dem man nachsagt, er könne einen Löwen mit bloßen Händen zerreißen. Aber weil seine Geliebte Delila das Geheimnis seiner Stärke verrät, können die Philister ihn überwältigen. Sie stechen ihm die Augen aus, als Gefangener wird er auf Festen zur Volksbelustigung vorgeführt.
Einmal lässt er sich bei so einer Gelegenheit zu den Mittelsäulen des mächtigen Philistertempels führen. Er ruft Gott an, dann stemmt er sich gegen die Gebäudestützen. "So mag ich denn mit den Philistern sterben", soll Selbstmordattentäter Samson noch gesagt haben, bevor die Trümmer über ihm und den Feinden zusammenschlugen. Laut dem biblischen Buch der Richter starben 3000 Männer und Frauen - eine makabre Parallele zu den Todeszahlen beim Terroranschlag auf die Türme des Word Trade Center in New York, 3200 Jahre später.
Wenn es um historische Vorbilder islamistischer Selbstmordattentäter geht, dann
kommen auch die Assassinen ins Spiel: Mohammed Attas Ahnen, sozusagen.
Die mittelalterlichen Assassinen, aktiv etwa von 1090 bis 1260, repräsentieren keine geschichtliche Hauptströmung des Islam. Sie sind eine Häresie innerhalb einer Häresie: extremistischer Ausläufer der Schiiten, die ihrerseits eine Abweichung von der muslimischen Glaubensmehrheit der Sunniten darstellen. Die Sekte befehligt ein geheimnisumwitterter Anführer aus seiner Burg Alamut, einem Adlernest hoch auf dem persischen Elburs: Hassan Ibn al-Sabah, "der Alte vom Berge". Er führt sich und die Seinen - nie mehr als ein paar tausend Mann - in einen Untergrundkrieg gegen christliche Kreuzritter, vor allem aber gegen die korrupten und autokratischen muslimischen Herrscher der Zeit.
Bemerkenswert sind die Waffen des Alten, seine Strategie: Er stellt keine Armee zusammen, er rüstet sich nicht mit Bogen und Speeren, er setzt auf die Ermordung feindlicher politischer Führer - per Selbstmordkommando. "Schläfer" nisten sich beim Gegner ein, begehen dann ihre Tat in der Höhle des Löwen. "Hatte er sein ihm zugewiesenes Opfer einmal niedergestreckt, macht der Assassine keinen Versuch zu entfliehen", schreibt der Islam-Kenner Bernard Lewis. "Im Gegenteil, eine Mission überlebt zu haben gilt als Schande."
Weil westlichen Beobachtern so viel mörderischer Opfermut nicht geheuer vorkommt, dichten sie den Sektierern rauschhafte Nächte in Bordellen und Opiumhöhlen an, nennen sie "Haschischi". Daraus entsteht später "Assassin", das französisch-englische Wort für "Mörder".
Eine kleine Gruppe von Glaubensfanatikern gegen die Großmächtigen aus dem Westen und die korrupten Herrscher in den eigenen Reihen, die eingeforderte Todesbereitschaft, das Fädenziehen von geheimnisvollen, unzugänglichen Bergfestungen aus: Es ist schwer vorstellbar, dass der belesene Osama Bin Laden nie etwas von den Assassinen gehört, nichts von ihnen abgekupfert haben sollte.
Doch der Alte vom Berge und seine Kämpfer für einen reinen Islam kommen in den Schriften der Qaida-Terroristen nie vor. Vielleicht, weil sie Schiiten sind und damit dem radikalwahhabitischen Islam suspekt, den Bin Laden predigt. Vielleicht, weil er beansprucht, das Selbstmordattentat ideologisch weiterentwickelt, seine Ziele ausgedehnt zu haben: mit Terror nicht nur gegen einen hochgestellten Feind, sondern gegen jedermann, gegen eine ganze verhasste Lebensweise.
Der Märtyrer als Waffe taucht nach den Assassinen erst wieder ab dem 18. Jahrhundert auf, bei den nationalistischen Bewegungen, die ihren Kampf gegen die Kolonialherrschaft nicht religiös verbrämen: in Indonesien, in Indien, auf den Philippinen. Doch zu einer erfolgreichen Strategie wird das Selbstmordattentat damals nicht, vielleicht, weil den Tätern das transzendentale Heilsversprechen fehlt. Erst im Zweiten Weltkrieg macht der Mord durch Selbstmord endgültig Karriere. Diesmal ist der Trend wieder verbunden mit einer Religion - und einem Wort, das weltweit in die Umgangssprachen eingeht: Kamikaze, der "göttliche Wind".
Für Kaiser und Vaterland stürzen sich junge japanische Piloten auf feindliche Ziele und in den eigenen Tod. Ihnen steht eine überirdische Belohnung zu, erklärlich aus der im ganzen Land fest verwurzelten shintoistischen Auffassung, dass Japans Kaiserhaus göttlichen Ursprungs ist. Die Kamikaze-Piloten können mit ihrem todbringenden Opfermut den Kriegsverlauf letztlich nicht entscheidend beeinflussen. Aber sie fügen Amerika Verluste zu und beeindrucken Washingtons Spitzenmilitärs und Mannschaften zutiefst.
Den Nazis imponierte die Kamikaze-Taktik so, dass sie 1945 ansatzweise versuchten, sie gegen die vorrückenden Russen zu kopieren. Adolf Hitler träumte von einem riesigen Trägerflugzeug "Amerika-Bomber", von dem aus sich ein Selbstmordpilot mit einer kleineren Maschine in die Wolkenkratzer von Manhattan stürzen sollte.
Das Selbstmordattentat in die Nachkriegszeit hineinkatapultiert haben dann Chomeini & Co. Geweiht und geführt vom unantastbaren iranischen Ajatollah und Revolutionsführer, ziehen von 1980 an Zehntausende Jugendliche in Selbstmordschlachten gegen Saddam Husseins Truppen. Sie tragen kleine, aus Taiwan importierte Plastikschlüssel zum Paradies um den Hals und das Märtyrer-Stirnband. Sie sterben nach Zeugenaussagen unerschrocken, ja glücklich.
Nach diesem Muster probieren Hisbollah-Untergrundkämpfer im Libanon, von Teheran logistisch und finanziell unterstützt, die Menschenbomben dann erstmals gegen westliche Einrichtungen. In Beirut jagen 1983 ein halbes Dutzend Selbstmord-Chauffeure mit ihren dynamitbepackten Fahrzeugen amerikanische, israelische und französische Stützpunkte in die Luft, mehrere hundert Soldaten sterben. Washingtons Politiker knicken unter dem Eindruck der Opferzahlen und der Wucht der grausamen Fernsehbilder ein. Die USA ziehen ihre Truppen aus dem Zedernstaat ab - ein Erfolg der Radikalen, der das Gesicht des Terrors dramatisch verändert.
"Mit der Opferbereitschaft unserer Kämpfer verwandeln wir die Macht der Ohnmächtigen in eine Ohnmacht der Mächtigen", sagt ein Hisbollah-Mann triumphierend
an dem Tag, als die Amerikaner packen. Und die Märtyrer-Waffe entwickelt sich zum terroristischen Exportschlager. In den israelisch besetzten Gebieten wird sie noch auf nationale Ziele begrenzt eingesetzt, bei den Qaida-Terroristen dann auf Weltmaßstab ausgedehnt. "Es ist die Pflicht jedes Muslim, wo immer möglich die Amerikaner und deren Alliierte zu töten", heißt es in Bin Ladens globaler Deklaration gegen die "Allianz von Kreuzzüglern und Juden", geschrieben 1998 in den afghanischen Bergen.
Es geht gegen den verhassten, "gottlosen" Westen und die Globalisierung, die Muslime angeblich zwangsläufig zu Benachteiligten macht. Es geht darum, das friedliche Zusammenleben von Kulturen, eine demokratisch-laizistische Staatsform, ja den ganzen liberalen Lebensstil des Westens zu treffen. Es geht um die "Rückkehr zur Reinheit des Glaubens", herbeigeführt von einem Freiwilligen-Heer aus opferbereiten Unterprivilegierten.
Aber bei näherem Blick schwinden solche Gewissheiten über Motive und Management der Menschenbomben-Bastler. Die überwiegende Anzahl der islamischen Schriftgelehrten hält den Qaida-Chef für einen religiösen Ketzer. Wie andere religiöse Schriften verbietet auch der Koran Mord und Selbstmord mit deutlichen Worten. Wer sich selbst richtet, hat Mohammed gesagt, "wird sich in der Hölle im ewigen Fall befinden". Und unterprivilegiert ist weder der zigfache Millionär Osama Bin Laden, noch waren es die wichtigsten seiner 19 Assassinen. Die waren vielmehr überdurchschnittlich betucht, begabt und im Westen erfolgreich wie ihr Anführer Atta.
Alles also nur Mythen, die sich um die Mörder mit dem reinen Gewissen ranken? Auf religiösen Wahn und persönliche Paranoia lässt sich das Phänomen jedenfalls nicht reduzieren. Um den Selbstmordattentätern und den wahren Motiven der sie lenkenden Organisationen näherzukommen, lohnt sich ein genauerer Blick auf den Staat, der heute - neben dem Irak und Afghanistan - mit die meisten Selbst- mordattentäter hervorbringt. Der Blick auf Pakistan, wo Osama Bin Laden wohl sein Rückzugsgebiet gefunden hat, das Land unter Herrschaft des Generals Pervez Musharraf, das die US-Regierung für einen Verbündeten in ihrem "Krieg gegen den Terror" hält.
Pakistans gebirgiger, unzugänglicher, wilder Westen: Hier leben Paschtunenstämme, deren Vorfahren schon die britischen Kolonialherren zur Verzweiflung gebracht haben - sie ließen sich nie bändigen; sie fühlten sich immer primär ihren Blutsbrüdern jenseits der afghanischen Grenze verpflichtet. Von hier zogen vor zwölf Jahren viele Taliban Richtung Kandahar und Kabul. Mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes errichteten sie eine fromme Schreckensherrschaft und erlaubten Osama Bin Laden, Trainingslager für seine Terrororganisation aufzubauen. Wer heute hierherkommt, könnte denken, die Zeit sei stehen geblieben: Hier haben immer noch die Islamisten das Sagen.
In der Nordwest-Grenzprovinz beherrscht eine Koalition aus radikalreligiösen Parteien das Regionalparlament. Die Zentralregierung in Islamabad ist weit - und verhasst. Im Paschtunengürtel nennen sie den Präsidenten wegen seiner USfreundlichen Haltung nur verächtlich "Busharraf". Das Alltagsleben wird geprägt von Koranschulen, andere, staatliche Schulen gibt es kaum. Als besonders einflussreich gilt das Lehrinstitut Jamia Darul Uloom Haqqania, was so viel heißt wie "Wahrheit und Wirklichkeit". An dieser Medresse im Städtchen Akora Khattak haben der afghanische Talibanführer Mullah
Omar und seine engsten Vertrauten gelernt, auch mehrere Qaida-Führer. Sie wurden in der Kaderschmiede ideologisch gedrillt, angeblich sogar an Waffen. Der Chef, damals wie heute: Sami ul-Haq, 68.
Ob er Terror predigt, Selbstmordattentate propagiert? Der Mann mit dem langen schwarzen Bart und der randlosen Brille, dessen Porträt mit der Kalaschnikow in der Hand von vielen Wänden grüßt, sagt mit überraschend sanfter Stimme: "Das käme auf die Definition von Terror an. Die Wege der Taliban und der Qaida mögen nicht immer unsere Wege sein, aber sie haben ein Recht auf den Kampf gegen die amerikanische Unterdrückung."
Sami ul-Haq hat es mal mit demokratischen Spielregeln versucht, er ließ sich zum Senator des pakistanischen Oberhauses wählen; nun glaubt er nicht mehr an den Parlamentarismus. Die Atommacht Pakistan müsse weg von ihren weltlich-westlichen Rezepten. "Präsident Musharraf hat mit seiner Anbiederung gegenüber dem Westen, der den Islam zerstören will, jede Gemeinsamkeit aufgekündigt", sagt der Chef der "Universität des Dschihad", wie die Medresse bei den in Islamabad stationierten westlichen Diplomaten heißt.
Besonders verbittert den Maulana, so ul-Haqs religiöser Titel, dass er nach Jahren des Widerstands - und der stillen Absprachen mit Musharraf, der sich mit den Ultrareligiösen nie frontal angelegt hat - nun doch einen Lehrplan vorlegen und über seine Finanzen Rechenschaft ablegen soll. Das werde er nicht tun, verkündet er. Man lebe ausschließlich von Spenden und von freiwilligen Beiträgen der etwa 3000 Studenten, von denen einige aus arabischen Ländern stammten, der jüngste fünf Jahre alt.
Sami ul-Haq schiebt die Verantwortung für jegliche muslimische Radikalisierung den "Amerikanern und Zionisten" zu. "Seit den Übergriffen im Irak und dem Libanon-Feldzug befinden wir uns auf dem Weg in einen dritten Weltkrieg", sagt der Dschihadisten-Mentor. "Die Erniedrigungen gehen jetzt so weit, dass es für die islamische Welt sehr schwierig wird, sie noch zu tolerieren." Ob seine Zöglinge sich angesichts dieses Unrechts zum Selbstmord-Martyrium entschlössen, "das ist allein deren persönliche Entscheidung".
Die abstruse Theorie von einer weltweiten Verschwörung gegen den Islam, ausgehend von Washington und Tel Aviv, wirkt sattsam bekannt. Diese Theorie hat so oder so ähnlich auch Bin Laden formuliert. Dabei kam dem Terroristenchef entgegen, dass viele Muslime die Schande ihrer gegenüber einem technologisch überlegenen Westen zurückgebliebenen eigenen Staaten als durchaus real und schmerzlich empfinden. Mit seinem Versprechen, zu einer reinen, korruptionsfreien und gerechten Urform des Islam zurückzukehren, traf Bin Laden einen Nerv. Und der Millionärssohn aus Saudi-Arabien lebte das von anderen geforderte entsagungsreiche Dasein konsequent selbst vor, auch damals schon, als er noch eine Wahl hatte - im krassen Gegensatz etwa zu großen Teilen des saudischen Königshauses mit all seinen Playboy-Prinzen. Das brachte ihm zusätzliche Pluspunkte.
Bin Laden übernahm geistige Anleihen bei Sajjid Kutb, dessen Buch "Wegmarken" er zur Pflichtlektüre seiner Anhänger machte. Der radikale Ägypter hatte im Kampf gegen den arabisch-nationalistischen Staatschef Gamal Abd al-Nasser eine "islamische Renaissance" gefordert, von einer Avantgarde vorangetrieben, die auch bereit sein sollte, "das eigene Leben für die Sache" zu opfern. Als Kutb von einem Gericht in Kairo zum Tode verurteilt wurde, zeigte er sich "dankbar dafür, zu einem Märtyrer werden zu können". Er starb am 29. August 1966 am Galgen.
Bin Laden aber wollte bislang noch nicht selbst sterben. Er wollte mehr. Er wollte Märtyrer, die andere mit in den Tod rissen. Er konstruierte eine existentielle Bedrohung des Islam und damit eine Situation, die andere Vorschriften des Koran wie das Selbstmord- und Mord-Verbot aufhebt und einen blutigen Dschihad, einen "Heiligen Kampf" gegen Glaubensfeinde, erzwingen soll. Und er entwickelte das Konzept vom Selbstmordattentat weiter. In einem zynischen ideologischen Quantensprung machte Bin Laden diese Terrorform zur globalen Waffe: Er deklarierte "amerikanische und zionistische Zivilisten" zu erlaubten Zielen und rückte alle Symbole westlicher Lebensart in den Fokus seiner Hasskampagnen. Bin Ladens Credo: "Die muslimische Nation wirft euch ihre Söhne entgegen!"
"Im Namen Gottes, des Barmherzigen" verfasst der Terrorpilot Atta sein Testament. In der spirituellen Anleitung für die Selbstmordattentäter des 11. September wird empfohlen: "Lächle dem Tod ins Gesicht, junger Kämpfer, denn du gehst gleich ein in ewige Gärten."
Aber jenseits blumiger Qaida-Formulierungen stand stets kühles Kalkül. Aiman al-Sawahiri, die Nummer zwei der Organisation, sah das Selbstmordattentat auch als optimale Kosten-Nutzen-Rechnung: "Märtyreroperationen sind die erfolgreichste Methode, dem Gegner Schaden zuzufügen, und verursachen bei uns die geringsten Verluste." Ramzi Binalshibh, einer der Chefplaner der Anschläge von New York und Washington, beschreibt die Suizid-Attacken wie ein Chefbuchhalter - als "die
Steuer", die Muslime "auf dem Weg zur Weltherrschaft" eben zu entrichten hätten. Kühl bis ans Herz: "Der Dschihad ist eine absolute Notwendigkeit, und er erfordert Blut und abgerissene Gliedmaßen."
So allgemein formuliert, wird der zur Cruise Missile umgewandelte Körper des Fanatikers eine überall einsetzbare Lenkwaffe. Es kann heute gegen amerikanische Soldaten im Irak, morgen gegen moderate ägyptische Islam-Gelehrte, übermorgen gegen Zuschauer in einem britischen Premier-League-Fußballspiel gehen oder gegen einen Weihnachtsmarkt in Straßburg. Bin Ladens Qaida ist längst keine straffgeführte Organisation mehr, sie ist zu einem amorphen Gebilde geworden, überall und nirgends zu Hause.
Ob Rache gegen verhasste Besatzer, ob Strafe für die Verbreitung westlicher Lebensweisen oder einfach nur größtmögliche Verunsicherung und Angsterzeugung - was Terroristenführer wollen, ist zumindest innerhalb ihres kruden Weltverständnisses noch ansatzweise nachzuvollziehen. Warum aber finden sie so problemlos Rekruten, die ihr Leben geben, um andere mit dem Körper als Waffe zu töten? Warum sagten 63 Prozent der Zwölfjährigen im Gaza-Streifen, das Beste, was sie aus ihrem Leben machen könnten, sei, als Schahid zu sterben? Und warum sind selbst im so weltoffenen Großbritannien nach Polizeischätzungen über 500 Immigranten jederzeit zum Selbstmordattentat bereit?
Hans Magnus Enzensberger, Deutschlands anregendster Schriftsteller, hat in einem SPIEGEL-Essay (45/2005) das Phänomen der "radikalen Verlierer" zu erklären versucht, er beschreibt ein explosives Gemisch aus Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn. Der Märtyrer-Mörder ist seiner Meinung nach ein extrem isolierter Einzelgänger, dessen Zerstörungspotential sich erst entwickelt, wenn er Gruppenzwängen Gleichgesinnter erliegt. Der palästinensische Psychiater Ijad al-Sarradsch nennt die Traumatisierung durch die andauernde Gewalt, das Fehlen von Vorbildern als Gründe. Dazu kommt der Umstand, dass ein Selbstmordattentäter für das Prestige der Familie sorgt, für finanzielle Sicherheit durch die "Prämien" der Terrororganisationen.
Der Autor Salman Rushdie, selbst lange von Islamisten gejagt, glaubt darüber hinaus an einen "Glamour"-Faktor: Die Täter von London stellten sich den Anschlag als glanzvolle Heldentat vor. Die russische Autorin Julia Jusik, die die Selbstmordattentate der "Bräute Allahs" in Tschetschenien untersuchte, glaubt: "Die psychologische Vorbereitung auf die Selbstvernichtung besorgt das Leben selbst. Die Ausbilder müssen die Verzweiflung und Trauer einer solchen Frau nur zum Kochen bringen, so dass es ihr unmöglich wird, mit diesem Schmerz weiterzuleben."
All diese Theorien liefern Hinweise, aber sie helfen nicht bei der Suche nach einem idealtypischen Selbstmordattentäter. Weil es dieses eine, dieses einzige Profil nicht gibt. Und das ist das wirklich Unheimliche: Der Mörder mit gutem Gewissen kann aus allen sozialen Schichten kommen, er kann fremd in einer Gesellschaft sein, aber auch integriert. Nur ob er dann, in der entscheidenden Sekunde, seinen Sprenggürtel wirklich zündet, sich selbst zur Bombe macht - auch das lässt sich nie mit letzter Gewissheit vorhersagen.
Gleich zweimal hat es die Tschetschenin Sarema Muschachojewa versucht, einmal sollte sie bei der Militärsiedlung Mosdok einen Bus mit Soldaten in die Luft sprengen, ein anderes Mal ein Café an der belebten Moskauer Twer-Straße; sie schaffte es nicht, sich umzubringen.
Mohammed Atta hatte solche Skrupel nicht. ERICH FOLLATH
* Links: zwei tschetschenische Terroristinnen beim Überfall auf das Moskauer Musical-Theater im Oktober 2002; rechts: israelisches Armee-Video der Palästinenserin Wafa al-Biss, die im Juni 2005 am Grenzübergang Erez nach Gaza vergebens versuchte, ihren umgebundenen Sprengstoffgürtel zu zünden.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 36/2006
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Die (un)menschlichen Bomben

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