04.09.2006

TÜRKEIQuelle der Verzweiflung

Wer steckt hinter den Anschlägen auf Touristenziele? Die kurdische „Arbeiterpartei PKK“ weist alle Schuld von sich.
Nach Imrali, einer Insel im Marmarameer südwestlich von Istanbul, fahren keine Fähren. Das hügelige Eiland, das schon seit 1935 als Gefängnisinsel dient, ist schwerbewachtes Sperrgebiet. Für die knapp einstündige Überfahrt müssen Anwälte oder sonstige Besucher mit Sondererlaubnis in Militärboote steigen. Die Anlegestelle auf Imrali wird von maskierten Spezialkräften gesichert, die Besucher werden einer strengen Kontrolle unterzogen. Dabei hat das Gefängnis nur einen einzigen Insassen: Abdullah Öcalan, 58, der Chef der verbotenen kurdischen "Arbeiterpartei PKK" und türkische Staatsfeind Nummer eins, verbüßt hier eine lebenslange Haftstrafe.
Seinem Nimbus schadet das wenig. Tausende PKK-Anhänger verehren ihn nach wie vor als ihr Idol. Für "Apo", wie sie ihn nennen, organisieren kurdische Solidaritätskomitees europaweit Kampagnen. Die PKK rief 2006 zum "Jahr der Massenunterstützung für Präsident Apo" aus.
Daneben gibt es noch die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine radikale Splittergruppe, die seit kurzem wieder mit Terror von sich reden macht. Sie lässt sogar für Öcalan morden. Anfang dieser Woche verübten die radikalen Kurden eine ganze Serie von Anschlägen auf Touristenziele an den Badestränden der Südtürkei und auch in Istanbul; drei Menschen wurden in Antalya getötet, insgesamt fast hundert verletzt. Der kurdische Terrorismus, warnte der einflussreiche türkische Kolumnist Mehmet Ali Birand, sei in eine "neue, gefährliche Phase getreten".
"Solange Apo noch in der Haft der faschistischen türkischen Regierung gehalten wird", erklärten die Extremisten in einem Bekennerschreiben, "gehen unsere Angriffe weiter." Sie drohten damit, die "ganze Türkei in eine Hölle zu verwandeln", und warnten Touristen davor, in die Türkei zu reisen.
Aber was wollen sie? Glauben die Terroristen des PKK-Ablegers ernsthaft, sie könnten Öcalan aus dem Gefängnis freibomben? Vor kurzem erst hatte es ein Gericht in Ankara abgelehnt, einen neuen Prozess anzusetzen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte den Öcalan-Prozess für "unfair" erklärt und eine Wiederaufnahme des Verfahrens nahegelegt.
Indessen rätseln die Ermittler der türkischen Sicherheitsbehörden, wer die Bombenleger der TAK steuert und welche Rolle dabei Öcalans PKK spielt. Trotz Haft, da sind sich Experten ziemlich sicher, hält er weiterhin die Fäden in der Hand. Über seine Anwälte spiele Öcalan Botschaften und Befehle nach draußen, so glauben sie.
Die PKK hat sich nach der Verhaftung Öcalans in den "Volkskongress Kurdistans" umbenannt. In einer Erklärung verurteilte sie jetzt die Bombenanschläge und sprach den Opfern ihr Beileid aus - als hätte sie mit den "Freiheitsfalken" nichts zu tun. Türkische Politiker wie Abdurrahman Kurt, der Vorsitzende der konservativen "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" in Diyarbakir und selbst Kurde, halten die TAK jedoch für einen besonders militanten Flügel der PKK: "Das ist Taktik", sagt Kurt, "die PKK erklärt, sie wolle politische Wege beschreiten, und lässt die TAK währenddessen weiterbomben." So mache sich die PKK als Gesprächspartner interessant. "Ihre Botschaft lautet: Wenn ihr mit uns redet, können wir die Extremisten stoppen."
Auffällig ist, dass die "Freiheitsfalken" mit Bomben auf zwei kleine Hotels in Istanbul im August 2004 zum ersten Mal zuschlugen, kurz nachdem die PKK ihren 1999 erklärten Waffenstillstand aufgekündigt hatte. Während sich die PKK-Milizen seitdem vor allem auf militärische Ziele konzentrieren, greift die TAK gezielt Zivilisten an, vor allem in Ferienorten.
Bisher gelang es der Polizei, nur einen mutmaßlichen Attentäter in Haft zu nehmen. Der wollte in der Hafenstadt Izmir, offenbar parallel zu den Attentaten in Antalya und Marmaris, zuschlagen. Er soll PKK-Mitglied sein und zugegeben haben, in einem PKK-Lager im Nordirak ausgebildet worden zu sein. In seiner Wohnung fanden die Fahnder 2,5 Kilogramm Plastiksprengstoff Semtex. Den Sprengsatz - getarnt als Camping-Gasflasche - wollte er am Mittwoch im Messegelände von Izmir zünden.
Öcalan, der Gefangene auf Imrali, sandte jüngst hingegen ein paar freundliche Signale: Er werde zu einem Waffenstillstand aufrufen, ließ er wissen, falls die Regierung in Ankara "juristische Zusagen" mache. Die PKK sei dann sogar bereit, ihre Waffen abzugeben. Eine der Forderungen lautet, die "kurdische Identität" müsse in der Verfassung verankert werden. Die Kurden wollten "Bürger der Türkei" sein, heißt es - das wäre dann eine Absage an den alten Wunsch nach einem separaten Kurdistan.
Premier Tayyip Erdogan beantwortete das Angebot der PKK mit Schweigen. Kein Dialog mit Terroristen, so lautet der Grundsatz der Regierung. Sie weiß, dass sich viele Kurden im Südosten des Landes nach einem Ende der Gewalt sehnen. Der angesehene kurdische Politiker Serafettin Elçi griff die PKK kürzlich öffentlich an und bezeichnete sie als "Quelle der Verzweiflung".
22 Jahre dauert der Konflikt nun schon an. "Unsere geplagte Region", sagt auch der kurdische Schriftsteller Seyhmus Diken, "ist des Kämpfens müde."
ANNETTE GROSSBONGARDT
Von Annette Grossbongardt

DER SPIEGEL 36/2006
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