04.09.2006

FEMINISMUSDas Superweib

Der erstaunliche Lebensweg der Fernsehfrau Eva Herman: „Tagesschau“-Sprecherin, Ratgeber-Autorin und nun Bußpredigerin für die Umkehr der Frauen zu einer neuen alten Weiblichkeit. Von Barbara Supp
Ernst nehmen? Also gut, ernst nehmen. Eine Frau, die Folgendes schreibt: "Wir Frauen sehnen uns verzweifelt nach Geborgenheit, Heim und Familie", "wir verbrachten Jahrzehnte damit, den leeren Versprechen der Emanzipation hinterherzulaufen", wir sind "auf dem besten Weg, unsere Lebensgrundlage systematisch zu vernichten". Denn wir Frauen "verdrängen unsere Weiblichkeit", wir haben vergessen, dass wir Frauen sind.
Eva Herman schreibt das, die Blonde, die man von der "Tagesschau" kennt, Jahrgang 1958, zum vierten Mal verheiratet, ein Kind, sie schreibt es in ihrem Buch, das am 8. September erscheint: "Das Eva Prinzip". Es gibt heftige Reaktionen auf ihre Thesen, ablehnende vor allem - das gehe bei den Leuten "emotional zum Teil sehr tief", sagt sie. Man trifft sie in einer Hotel-Lobby in Blankenese, vor einer Woche hatte sie ihren letzten Auftritt in der "Tagesschau", sie habe sich nicht verteidigen dürfen, solange sie im Amt war, habe sich gefühlt "wie auf dem Marktplatz gefesselt und gesteinigt". Doch jetzt darf sie, sie habe den Job verlassen, sagt sie, und jetzt sei es an der Zeit. Zeit, das Übel "an der Wurzel zu packen und zu schauen, wie krank die Gesellschaft ist".
Ernst nehmen? Ernst nehmen: Die Menschen kaufen Wickert, Hahne, Scholl-Latour, kaufen alles, was Fernsehleute schreiben, kaufen sicher auch Eva Herman. Und womöglich lesen sie es sogar, schließlich bricht sie "ein Tabu".
Es ist ja schwierig, als Fernsehfigur, als Sprecherin zumal, man ist wichtig und doch auch wieder nicht. Berühmt für das Lächeln, aber nicht für die Sätze, die man sagt, man liest ja nur vor. Susan Stahnke ist daran zerbrochen und musste sich in Strapsen zeigen, Jens Riewa hat sich blamiert mit Sex-Geschichten, Eva Herman blieb bisher eher zahm.
Sie hat schon Bücher über das Glück des Stillens und das Glück durchschlafender Kinder und das zwiespältige Glück der Fernsehfrauen verfasst. Und zwei Frauenromane, der eine, er heißt "Dann kamst Du", endet so: "Ein großes, warmes Gefühl, das Glück, endlich Weib zu sein, durchströmte mich, und bevor mir endgültig die Sinne schwanden, drückte ich seine Hände. ,Danke', murmelte ich." Danach taucht die Heldin in ein neues Universum ein und verschmilzt mit glitzerndem Zauber in einem gleißenden, wärmenden Licht.
Endlich Weib sein, danach strebt sie jetzt schon wieder, aber diesmal stellt sie
es klüger an. Sie kennt Christine Eichel gut, die Ressortleiterin ist bei "Cicero" und über Adorno promoviert hat, und weil "Cicero" gern Polemik druckt, am liebsten konservative Polemik, kam im Mai dieser Artikel in die Welt: "Die Emanzipation - ein Irrtum?" Und nun folgt das Buch, verfasst mit der Hilfe von Christine Eichel, die sagt, dies seien Evas Thesen, mit denen sie aber selbstverständlich einverstanden sei.
Sie ist nicht die Erste, die es bricht, dieses Tabu, die Welt ist kalt und globalisiert und voller Terroristen. Autoren wie Frank Schirrmacher, Norbert Bolz, Paul Kirchhof, Udo Di Fabio beklagen den Niedergang der Sitten, der Familien, der Geburtenzahlen, und nun tritt Eva Herman hinzu und preist ihrerseits den weiblichen Rückzug in ein "warmes Nest", einen "Schutzraum" in einer "rücksichtsloser werdenden Welt". Denn so, sagt sie, will es "die Natur".
Die Natur will eine Frau, die Demut zeigt und mit dem Konkurrieren gegen Männer aufhört, die den Sinn ihrer Karriere in Frage stellt und viele Kinder kriegt und geben lernt, ohne dass man sie dafür bezahlt.
Die Natur will Männer, die man nicht zum Spaghettikochen oder zum Windelwechseln zwingt, dann werden sie mit Freuden wieder männliche Männer sein, an deren starke Schulter man sich lehnt.
Und wenn die Frau in aller Demut gelernt hat, sich von dem "Gift" zu befreien, das ihr Feministinnen wie Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir ins Herz geträufelt haben, dann werden Männer, Frauen, Kinder, dann wird die Gesellschaft wieder gesund.
Auch der Sexualität wird es guttun. So viel Lustlosigkeit herrsche in deutschen Betten. Kann es nicht sein, fragt die Autorin, "dass uns mit dem unterdrückten Kinderwunsch die Lust abhandenkam? Sind wir, ohne es uns einzugestehen, frustriert, weil wir Sexualität nachhaltig abgekoppelt haben von der Fortpflanzung? Es spricht vieles dafür".
So schreibt Eva Herman im Jahr 2006, und hätte sie das alles "Frau im Spiegel" erzählt, dann wäre wohl nichts passiert. Doch es war "Cicero", dem sie die erste Kostprobe gab, eine klug gewählte Kombination, das Intellektuellenblatt schmückt sich mit dem bunten Vogel, während es dem Vogel Bedeutung verleiht. So wurde eine "Debatte" daraus: "Bild" zerpflückt kühl die Thesen, in "Bunte" ist Eva Kohlrusch fassungslos. "BamS" insinuiert, es handle sich um heimliche Wahrheiten, zu denen sich Frauen nicht zu bekennen trauen. Die "Zeit" ruft einen "neuen Feminismus" aus, alle schreiben darüber, weil alle darüber schreiben.
Und Eva Herman ist nicht mehr nur für ihr Lächeln, sondern auch für ihre Sätze bekannt, und man beginnt, sich für diese Frau zu interessieren. Wer ist sie? Glaubt sie das eigentlich, was sie da schreibt?
Man trifft sie also an einem Spätsommermorgen in Blankenese, eine geschäftige Blonde im Marinepullover, wie man ihn in den Elbvororten trägt, das Leben ist hektisch jetzt, in einer Woche kommt das Buch heraus. Auf den Job habe sie verzichtet, für ein paar Jahre zunächst, weil ihr die neue Mission, die sie nun als Gast in Talkshows führt, so wichtig sei.
Immer wieder hat sie die Öffentlichkeit teilhaben lassen an ihrer jeweils neuen Befindlichkeit: Eva Herman, Hotelierstochter, in Emden geboren, früh vaterlos, nicht gestillt, auch das hat sie erzählt. Das Evchen konnte gut Gedichte aufsagen und war stolz darauf, mit sieben wollte es Fernsehansagerin werden und schaffte es tatsächlich, nachdem es sich erst im Hotelfach versuchte, als Sprecherin zum Bayerischen Rundfunk, dann zum NDR.
Immer wieder hat sie geheiratet, immer wieder ging es schief, warum, das hat sie immer wieder "Bild" oder "Bunte" erzählt. Erst war es ein Autohändler ("Ich war zu jung"), dann ein Journalist ("Er war sehr unterkühlt"), dann noch ein Journalist ("Er hat mich verlassen"). Ihr Sohn stammt aus dieser dritten gescheiterten Ehe, es ging ihr sehr schlecht danach, in "Bunte" sprach sie über ihre Therapie: "Ich werde nie wieder heiraten. Weil ich keinen Mann mehr festhalten muss." Sie traf Nummer vier ("Ich bin verliebt") und verließ ihn für einen Millionär ("Er ist charmant, er weiß, was er will") und kehrte dann doch zu Nummer vier zurück, um ihn zu heiraten, mit ihm ist sie jetzt zusammen, Michael Bischoff heißt er, ein Hamburger Gastronom.
Man kann es sehr wohl Karriere nennen, was sie in dieser Zeit energisch betrieben hat, bei der "Schlagerparade der Volksmusik", im NDR beim Magazin "DAS!", bei "Herman und Tietjen", der Zwei-Frauen-Talkshow, beim Fernsehquiz "Wer hat's gesehen".
Als "Zirkuspferd" hat sie sich beschrieben, sie braucht offenbar die Manege, braucht das Echo, braucht das Gefühl: Man hat mich gesehen. Im Sender kennt man
sie als Frau mit Sinn für Motorräder und schnelle Autos und Privatkleider in kühnem Muster, gern Leopard oder Schlange, und hohem Haarspraybedarf; schnell zu begeistern, nicht immer geschmackssicher, im Dienst aber sehr pünktlich und professionell. Vom Publikum wurde sie zur "beliebtesten Sprecherin" gewählt und genoss es sehr.
Man hätte nicht gedacht, dass in dieser Frau eine Bußpredigerin herangereift ist, aber jetzt hört sich das so an. Seit der Geburt ihres Sohnes 1997 sei in ihr das Bewusstsein gewachsen, dass es so nicht weitergeht.
Vielleicht hat sie sich tatsächlich oft "überfordert, ausgelaugt und müde" gefühlt, unglücklich vielleicht wegen einer gescheiterten Beziehung nach der anderen; und weil es als Versagen gelten könnte, wenn man mit solchen Worten sein eigenes Leben schildert, verallgemeinert sie die Befunde, aus "ich" wird "wir", ich bin Eva, ich bin alle Frauen.
Sie kenne "ungeheuer viele" berufstätige Frauen, die sich zwischen Beruf und Familie zerrieben fühlen, das kann gut sein. Doch anstatt Entlastung zu fordern, mehr engagierte Väter, mehr Kinderbetreuung, ruft sie zum Rückzug auf: "Legen wir die Waffen nieder."
Eine der "berührendsten Reaktionen" auf ihren "Cicero"-Artikel sei die Zuschrift einer Frau aus Bayern gewesen, die sich jahrelang verzweifelt gefragt habe, warum sie nicht das Abitur habe, um studieren zu können. Dann aber habe sie sich für Kinder entschieden und sei nun stolz, hauptamtlich Mutter zu sein. Eva Herman kann die Idylle förmlich vor sich sehen, sieht, wie sich "diese bewundernswerte Frau von der Treibjagd nach Selbstverwirklichung entfernt" habe, sieht, wie "einfach" ihr Leben geworden sei und wie beneidenswert.
Ein rührendes Bild in der Tat, aber warum, Frau Herman, wenn dies Ihr wahrer Wunsch und Wille war, warum blieben Sie nicht einfach daheim?
"Vieles habe ich erst zu spät gelernt. Und man kann einen Lebensweg ja nicht von heute auf morgen korrigieren."
Sie muss jetzt durchhalten, auch wenn sie sich vielleicht verrannt hat, noch trägt die Wirkung, noch ist sie die Blonde, die man aus der "Tageschau" kennt, aber das wird sich verlieren.
Sie wird gut beschäftigt sein in nächster Zeit, wird ihre Botschaft verkünden, ihre Mahnung zur Umkehr. Ein bisschen erinnert es an George W. Bush, der wiedergeboren dem Alkohol entsagt, nur dass man ihn nicht mehr mit einem Bierglas in der Hand sieht, sie dagegen schon noch in "Herman und Tietjen" und "Wer hat's gesehen".
Sie braucht das. Ein Zirkuspferd braucht das. Auch wenn die Karriere nun darin besteht, der Karriere abzuschwören.
* Eva Herman: "Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit". Pendo Verlag, München; 260 Seiten; 18 Euro.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 36/2006
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