11.09.2006

VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATEOsamas Alptraum

Dubai ist die erste Stadt der Welt, die Ernst macht mit der Globalisierung. Inmitten der islamischen Welt ist dort ein glitzerndes Phantasialand des Kapitalismus entstanden: Handelszentrum, Urlaubsparadies und Rummelplatz in einem. Von Ullrich Fichtner
Turmhoch über dem arabischen Golf, im 51. Stockwerk des Emirates Towers Hotel, in der Vu's Bar, in Dubai, trinkt eine Frau, die sich Nikita nennt, rosenrote Mai-Thai-Cocktails wie Sprudelwasser, sie saugt an perlweißen Cartier-Zigaretten, ist missgelaunt, hochfahrend, eine dünne Hure aus Kasachstan im Herzen der strengen islamischen Welt, sie sagt: "Hau ab jetzt, wenn du mich nicht willst. Du machst mir das Geschäft kaputt, hier in meinem kleinen Rattenkäfig."
An den Tischen ringsum lungern Männer, Einheimische, Kuweiter, Saudi-Araber auf Urlaub, in schneeweißen Dischdaschas, die Gesichter von der traditionellen Kopfbedeckung Kefije gerahmt, Männer, die tags herumgehen wie Wächter der Sitten im Schwarm ihrer Familien, ehe sie spätnachts Johnnie Walker Gold Label trinken, sie saufen die Sünde in sich hinein, in den Pranken kubanische Zigarren und in den Augen flackert die Lust auf ein Weib wie Nikita.
Für 300 Euro ist ihr Körper zu haben, "Three zero zero", sagt sie, im Rausch wie von Klippe zu Klippe geworfen, "ich bin traurig, ich bin lustig, kauf mir noch einen Mai Thai." Hinter ihrer schmalen Silhouette, draußen, drunten, liegt die nächtliche Stadt wie unter einer Glocke aus Hitze. Die Kette der Wolkenkratzer an der Sheikh Zayed Road ist zu sehen, dahinter, zum Meer hin, der breite Villenstreifen von Jumeirah, ein blinkendes Schachbrett.
Es ist, aus der Hotelbar in 300 Meter Höhe, ein stilles, festliches Panorama, ein Bild für Reiseführer und "Merian"-Hefte, aber es zeigt nur einen Ausschnitt der Stadt, ein Trugbild, wie so viele Bilder von Dubai trügen, wo alles immer so aussehen will wie in hochglänzenden Prospekten. Aber die Stadt ist kein Fest in diesen Zeiten, sie ist im Umbruch, die Widersprüche reißen an ihr, Dubai, das ist ein großer Sack voller Puzzleteile, von denen niemand weiß, zu welchem Bild sie sich fügen.
Es ist Sonntag, die Arbeitswoche beginnt, die Tage heizen sich auf bis nahe 50 Grad Celsius, das Meer dünstet aus, und Olaf Fey, ein rundlicher Bayer mit Schnauzer, fährt im kirschroten Mercedes vor, cremefarbene Ledersitze, um gegen Honorar sein Dubai herzuzeigen. Fey war Polizist in München, 20 Jahre lang, Hundeführer am Ende. Als ihm der Hund starb und kurz später auch die Beziehung, sah er für sich den Zeitpunkt gekommen, ein neues Leben zu beginnen, weit weg von den dunklen deutschen Wintern und der dazugehörigen Stimmung.
Er quittierte den Dienst, vier, fünf Jahre ist das her, er warf ein Beamtenleben samt Pensionsanspruch hin, alle haben ihn für verrückt erklärt damals, aber nun ist er 43 und stolz darauf, sich in der Wüste eine neue Existenz aufgebaut zu haben. Fey verkauft Reisen und Informationen, er nennt sich "Managing Director" des "Travel Service Dubai", das ist eine Art virtueller Bauchladen, ein Strauß aus einem Dutzend Internet-Adressen, die zu 1000 Info-Seiten über Dubai führen und immer schnurgerade zu Feys Buchungsservice.
Er erkannte früh, "dass im Emirat was geht", sagt er, er war Kenia-Spezialist "ursprünglich",
aber Dubai war besser. "365 Tage Sonne, kein Visum, keine Impfungen, Top-Hotels, Top-Flüge, Shopping, alles sicher, alles sauber, bitte sehr, das war's." Sein Telefon klingelt ständig, er brummt dann auf Deutsch oder Englisch hinein, und manchmal gibt er das Handy einfach wortlos zur Rückbank weiter, wo Lilly sitzt, Assistentin und mehr, eine junge Chinesin, die wie ein Schatten überallhin folgt und meistens schweigt.
Fey kennt Dubai gut, vor allem die touristischen Teile. Überall im Emirat ist er mit Hotel- und Restaurantmanagern verbandelt. Wer mit ihm auf Tour geht, trifft Holländer, Pakistaner, Deutsche, Saudi-Araber, sie winken schon, wenn sie Fey nur aus der Ferne sehen. Er hat sich eine kleine Spezl-Wirtschaft zusammengebastelt in der Wüste, er fragt, beim Mittagessen im Bistro des Royal Meridien: "Also, was woll mer machen? Das Übliche? Alles toll in Dubai? Super? Oder woll mer den Leuten erzählen, wie's hier wirklich ist?"
Wie es wirklich ist. Auch Fey weiß es nicht genau. Wenn er darüber redet, geht es um die horrenden Mietsteigerungen von jährlich bis zu 40 Prozent, es geht um den Galopp der Lebenshaltungskosten, um die hohen Preise von Wasser und Strom, es geht um Ärger mit einstürzenden Neubauten, es geht um einen Ausschnitt Dubais, Feys Ausschnitt, um den Alltag einer neuen, zusammengewürfelten Mittelschicht aus aller Welt, es geht darum, dass das Leben für sie hart ist, fordernd, und nicht der steuerfreie, sonnige Traum, den die Welt von Dubai träumt.
Dubai ist viele Städte. Nur die kleinste ist das glitzernde Phantasialand aus den Reisekatalogen, die schöne optische Täuschung, ins Bild gesetzt von den weltweit operierenden PR-Agenturen. Wer ihnen glaubt, muss Dubai für ein Märchen halten aus "Tausendundeiner Nacht", für eine Oase mit Kamelen und Scheichs, für einen Ort arabischen Zaubers, einen Cluster aus Luxushotels und Malls, wo kein Tag vergeht ohne Golfturniere und mondäne Pferderennen.
Aber Dubai, das ist in diesen Zeiten vor allem eine laute, herbe, umgepflügte Stadt, eine der gewaltigsten Baugruben des Planeten. Der ganze verstädterte Teil der Küste ist auf voller Länge und Breite mehr oder weniger aufgerissen, roh bebaut, und auch nachts sind auf den Terrassen der Hotels am Strand die Presslufthämmer noch zu hören.
Es wird gebaut rund um die Uhr an einer Metropolis, die in fünf, sechs Jahren aussehen wird wie aus groben Stücken vernietet, ein Ort mit vielen Zentren, sortiert in Themenparks für Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Amüsieren, eine posturbane Stadt, wie es noch nie eine gegeben hat, und dabei ein architektonischer Verhau, optisch gemischt aus Shanghai, Las Vegas, Disney-World und Teneriffa-Süd.
An den schmalen, dunkel verglasten Fenstern von Olaf Feys Mercedes-Coupé zieht Dubai vorbei als ein Bauplatz ohne Ränder. Weit draußen in Dschabal Ali wird auf 140 Quadratkilometer Fläche die Erde für den neuen Großflughafen planiert, Richtung Stadt sind zuerst die Umrisse von Dubai Marina zu erkennen, ein Gebirge aus Rohbaustümpfen, wo in den kommenden drei Jahren 124 Wohntower hochgezogen werden, eine Stadt für 150 000 Menschen.
Richtung Innenstadt reiht sich ein Baufeld an das andere, mal näher, mal ferner, es geht vorbei an den gewaltigen Offshore-Projekten namens "The Palm", "The World", künstlichen Inseln für zivilisationsmüde Europäer, es geht durch neue Gewerbezonen, durch "Knowledge Village" und "Media City", bis in der Nähe des Zentrums endlich ein ganzer Kranz aus werdenden Neustädten zu besichtigen ist.
Hunderte Wolkenkratzer sind hier im Bau, "Business Bay", "Old Town", "Dubai Living", "Festival City", und inmitten der mit Kränen bepflanzten, grausandigen Felder liegt der Sockel des bald höchsten Gebäudes der Welt, Burj Dubai mit Namen. Dieser Turm wird am Ende, in zwei, drei Jahren, 180 oder 200 Etagen haben, es geht um mindestens 700 Meter Höhe, eher 800, und damit wird der Bau fast doppelt so hoch sein wie das Empire State Building.
Weltrekorde sind ein entscheidendes Planungskriterium der Herrscher von Dubai. Wenn Olaf Fey durch die Stadt fährt, zeigt er nach links und nach rechts, und zwischen zwei Zügen an der Marlboro springt seine Rede von einem Superlativ zum nächsten. Das höchste Haus der Welt, die größte Shopping-Mall, der größte Flughafen sind im Bau, dazu der größte Vergnügungspark mit dem größten Eiffelturm der Welt darin, denn er wird ein paar Meter höher sein als das Pariser Original.
Was ist mit dem großen Hafen draußen in Dschabal Ali? "Ach", sagt Fey, er hat zu den Leuten dort keine Kontakte, "der ist eigentlich nicht von großem Interesse." Aber das ist ein gewaltiger Irrtum.
Dschabal Ali ist der größte je von Menschenhand gebaute Hafen, und wer sich dort herumführen lässt, fährt wie durch die Kulisse eines überdrehten Zukunftsfilms. Die Kräne, die Schiffe, die Kais, alles ist von pharaonischer Größe, winzig
bewegen sich zwischen den Aufbauten Menschen und Gerät.
Der Blick hinunter von einem der gewaltigen Containerkräne ist ein Schock: Kilometerweit, bis zum Horizont, stapeln sich Container millionenfach in schnurgeraden Linien, in zehn, zwölf parallelen Streifen wie Autobahnen so breit, endlose Bänder, bunt wie die Weltwirtschaft selbst.
Das Panorama der Anlage ist so überwältigend, wie London es gewesen sein muss im 18. Jahrhundert, wie Paris gewirkt haben mag vor 150 Jahren. Die Ausblicke sagen dem Betrachter: Hier wird am Buch der Geschichte geschrieben, hier zerschellen alte Gewissheiten. Der Hafen von Dubai räumt auf mit dem Glauben, dass Amerika oder Europa oder China die modernsten aller Welten sind, er bietet eine ganz andere Aussicht auf das 21. Jahrhundert und auf ein ganz anderes Arabien, als es der Westen zu kennen glaubt.
Der Hafen erzählt das Märchen von Dubais Aufstieg: Vor 20 Jahren arbeiteten in der Freihandelszone hier 4 Firmen um ein paar Kräne. Heute sind 6300 Unternehmen aus 100 Ländern angesiedelt, und es werden täglich mehr. Binnen kürzester Zeit ist ein Knotenpunkt des Welthandels entstanden, ein Wasserkreuz, das Indien mit Afrika verknüpft, China mit Europa, als hätte die Welt immer gewartet auf diesen Umschlagplatz.
Sein Bau verdankt sich der Kühnheit der herrschenden Maktum-Familie und ihrer Regenten. Sie hatten bei Baubeginn des Hafens in den siebziger Jahren das Ölgeld und ihre alte Handelstradition, nicht viel mehr. Was sie hinzufügten, war der wahnwitzige Plan, aus einem räudigen Streifen Wüste einen globalen Handelsplatz machen zu wollen, eine brummende Freihandelszone, und dazu einen Spielplatz des Tourismus.
Seither betreiben sie Kapitalismus nach Baukastensystem. Stück für Stück bastelten sie sich das neue Land zusammen aus groben Elementen: Häfen, Flughäfen, Fluglinien. Straßen, Hotels, Shopping-Malls. Und immer war es, als hätte die Welt genau auf diese Investitionen gewartet.
Es war nicht anders mit dem berühmtesten aller bisherigen Großprojekte, Dubais Wahrzeichen heute. Es steht am Strand auf einer Plattform im Meer, ein Bau wie ein Segel, es ist das höchste Hotel der Welt, vielleicht das berühmteste, ein Haus mit angeblich sieben Sternen, das Burj al Arab.
Olaf Fey fährt den Mercedes vor, er kennt die Leute an der Schranke, das Gelände ist gesichert, als fände eine Weltbank-Tagung statt samt Security-Leuten, Bodenspiegeln, Wassergraben. Auf der Auffahrt droben stehen zwei sehr große, sehr weiße Rolls Royce. Fey sagt an der Tür, als wäre er der Direktor hier: "Also dann, genießen Sie's, wir sehen uns."
Durch die Hotelhalle, über 300 Meter hoch, schnüren bullige Russen mit rasiertem Schädel, arabische Clanchefs kreuzen den Weg in schwarzen Wolken aus verschleierten Frauen. Im Tagesrestaurant stapeln sich Chinesen die Teller mit Hummerschwänzen voll, begleitet von Frauen, die mit den Ellenbogen auf dem Tisch und das Gesicht dicht über dem Essen Sahnetorten, Senfgurken, Pralinen, Lachs und Roastbeef in sich hineinschaufeln mit schnellen, bäuerlichen Gesten.
Zwei Hostessen und ein Butler geleiten zum Zimmer, die eine Hostess stammt aus Bayern, sie sagt: "Die Bayern sind überall" und kichert, als hätte sie einen schmutzigen Witz gemacht. Der Butler ist ein Filipino im Frack namens Filibert, er antwortet auf die Frage, wie ihm das Leben in Dubai gefällt: "Aber sicher, Sir, bitte hier entlang, Sie wohnen in 510."
510. Das ist eine Flucht aus knallbunt dekorierten Sälen, 800 Euro kostet die Nacht hier, dafür gibt es 180 Quadratmeter Wohnfläche und eine kleine private Eingangshalle, glatt sechs Meter hoch, über der ein Kronleuchter hängt, so groß wie in einem Rittersaal. Darunter führt eine geschwungene Treppe hinauf zu üppigen Schlafzimmern mit Spiegeln über den Betten und zu Marmorbädern mit Whirlpools.
Es stehen Prunksofas herum, überall, Achtsitzer, Zehnsitzer, bepackt mit langen Kissenreihen aus Seide und Damast. Es könnten ganze Fußballmannschaften hier wohnen, auch die Hausbar wäre groß genug, es gibt Küchen und Esszimmer, und der größte der drei Fernseher schaut im "Living Room" aus einem ellenbreiten Goldrahmen wie ein Alter Meister.
Das Burj al Arab ist ein rührender Versuch, das fette Leben ins Bild zu setzen, aber vor allem ist es der Inbegriff von Dubais trügerischer Bilderwelt. Das Haus wurde nicht vorrangig gebaut, um ein mondänes Hotel zu schaffen. Eigentlich ging es darum, der Welt ein neues Image zu geben von Dubais Aufbruch.
Experten haben berechnet, dass sich das Hotel selbst bei 100-prozentiger Dauerauslastung erst in 50 Jahren rentiert, aber das sind Rechnungen ohne Phantasie. Tatsächlich hat der schrecklich schöne Turm, das Bild des Turms, das Land auf die Weltkarte des Tourismus gesetzt, auf die Strategiepläne des Kapitalismus. Der Bau machte Dubai sichtbar als Mitbewerber im Wettrennen der Weltwirtschaft. Und diese Operation ist glänzend gelungen.
Seit Jahren wächst Dubais Wirtschaft jährlich um 10 Prozent, längst ist die Abhängigkeit vom Öl gebrochen. 1985 trug der Rohstoff noch fast 50 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei, 2004 waren es kaum noch 6 Prozent. Die Maktum-Familie spekuliert auf 20 Millionen Touristen pro Jahr, sie will das Emirat, keine zwei Millionen Menschen, auf bald zehn Millionen Einwohner treiben, rekrutiert rund um den Erdball. Dubai ist die erste Stadt, die Ernst macht mit der Globalisierung.
Seit der Standort für sich wirbt mit null Prozent Steuern auf Einkommen und Gewinne, sind die Söldner des Kapitalismus eingerückt. Die Ausländer stellen über 85
Prozent der Bevölkerung, gemischt aus 150 Nationalitäten, gewürfelt aus Geschäftsmenschen, Abenteurern und dazu Zehntausenden Arbeitern, die in der betäubenden Hitze die Bauten der Zukunft hochziehen, ein neues, internationales Proletariat aus Sri Lanka, Indien, Pakistan, Syrien, dem Irak, das in abgeriegelten Hüttensiedlungen vor den Toren der Stadt hausen muss und keinerlei Bürgerrechte besitzt.
Die eingesessenen Familienclans residieren dagegen in Palästen, auf deren Portalen lebensgroße Pferde aus Gold galoppieren. In ihren Tiefgaragen haben sie pro Familienmitglied ein, zwei S-Klasse-Mercedes stehen und dazu ein paar VW Touareg und Porsche Cayenne für den Spaß. Diese Welt und ihre Menschen sind keine Karikatur. Es gibt sie wirklich.
Man sieht sie sitzen, manchmal, in der Lobby des Emirates Towers, im Fairmont oder im Park Hyatt, steinreiche Magnaten mit Dutzenden Onkeln und Schwägern, Cousinen und Vettern. Familien wie Kleinstaaten, die zum Zahnarzt nach Deutschland fliegen, zum Essen nach Paris, oder sie fahren übers Wochenende für ein paar 10 000 Dollar ins edle Al-Maha-Wüstenresort vor den Toren Dubais, wo sie ausspannen in Gesellschaft von George Clooney, Penélope Cruz oder Michael Schumacher. Wer sie treffen will, muss bessere Kontakte haben, als sie der rührige Bayer Olaf Fey je haben wird.
Man muss Bekanntschaften machen, Freundschaften pflegen, man muss weite Wege gehen, oder man hat das Glück, "eingeführt" zu werden durch einen Dritten, das ist der arabische Stil, aber auch dann bleiben die Gespräche zäh.
Mohammed und Kassim sitzen am Tisch im 44. Stockwerk des Grosvenor House, dort brummt eine vornehme Bar, bevölkert von Menschen, die Business reden und Wein trinken für 300 Dollar pro Flasche. Die beiden Männer sind Freunde, seit der Wiege, 58 Jahre alt, ihre vollen Namen sähen sie nicht gern gedruckt. Sie verfügen zusammen über mehr Geld als manche deutsche Stadt, erworben mit Bauprojekten, mit Investitionen in Verlage, Industrieanlagen, mit Engagements in der Vieh- und Milchwirtschaft, mit Öl.
Sie kommen eben von einer Reise zurück, einem Geschäftstrip in die USA. Boston, Las Vegas, San Francisco, New York, sie haben das Land erkundet auf First-Class-Flügen in First-Class-Hotels, sie haben auf der Rückreise Abstecher zu ihren Häusern in London, in Spanien gemacht, sie sind guter Laune, sie trinken kalifornischen Cabernet Sauvignon.
Sie erzählen von ihrer Kindheit. Mohammed, ein kleiner Mann mit Stoppelbart und Nickelbrille, Kassim, ein wuchtiger Kerl mit Anthony-Quinn-Gesicht. Sie erzählen von der Zeit, als Dubai ein Dorf war ohne Süßwasser und wie sie sich waschen mussten im Meer. Wie sie als Kinder mit Steinen und Kamelen spielten und die Welt jenseits von Wüste und Wasser nur von vergilbten Bildern kannten.
Sie erzählen, wie der Boom vor zehn Jahren vollends einsetzte und alles mit sich riss. Ja, sagen sie, es ist unglaublich. "Allein 9000 Arbeiter bauen jetzt an einer U-Bahn", sagt Kassim. "Es ist großartig", sagt Mohammed, er hat eine Zeitlang jeden Donnerstag mit den Herrschern Dubais zu Abend gegessen, er ist ein Mann mit Macht, Einfluss, Stellung und dabei ein bescheidener, charmanter Mensch, der fließend in Englisch parlieren kann.
Er wirkt, im weißen Kleid der Tradition, mit dem Tuch um den Kopf, wie ein Manager aus London oder Boston, der als Scheich verkleidet Karneval feiert. Aber das täuscht. Auch nach zwei Flaschen
Wein, auch nach viel Gelächter und langem Beschnuppern bleibt es gewagt, die wirklich schwierigen Fragen zu stellen.
Hat keiner hier Angst um die Tradition? Um den Islam? Mohammed meidet den Blick. Sein Gesicht sagt, "diese Frage ist unhöflich", sein Mund sagt: "In Saudi-Arabien gibt es wohl Skepsis, auch in Katar, aber die Entwicklung ist gut."
Und gibt es nicht Kritik auch in Dubai selbst? Ärger mit den vielen Ausländern? Mohammed und Kassim, ihre Gesichter bleiben zugewandt, aber die Körpersprache wird abweisender. Ihre Blicke suchen Hilfe bei der Frau, die das Treffen organisiert hat, die den Fremden einführte als Freund. "Die Ausländer sind uns willkommen. Sie machen wunderbare Geschäfte. Wir profitieren alle. Alles ist gut."
Und wenn ein paar zornige junge Männer auftauchen mit nicht so guten Absichten? Die beiden Männer schauen auf ihre Gläser und schweigen, sie mögen diese Frage nicht, sie mögen sie überhaupt nicht, es ist die Frage, die man sich in Dubai verbietet, sie ist tabu, eine Frage, die dem Gast, dem Ausländer, nicht zusteht. Sie antworten nicht, sie schauen zur Seite.
Noch einmal: Was wäre, wenn es einen Terroranschlag gäbe? "Ja, wenn es einen Terroranschlag gäbe!", ruft Kassim. "Was wäre dann? Nichts wäre dann! Wir haben keine Angst. Das Ausland ist immer ängstlich. Wenn es Terror gibt, dann gibt es eben Terror. Aber man kann die Entwicklung nicht mehr umkehren. Die Entwicklung ist gut." Mohammed sagt: "Gehen wir endlich abendessen." Es wird faustgroße Filetsteaks geben im Mezzanine, dazu blutroten Brunello, freudlos genossen.
Dubai ist die widersprüchlichste Stadt der Welt, ein Bilderbogen verrückter Gegensätze und dabei ein Ort, der nach allen Gesetzen des Islam streng verboten sein müsste, es ist der Alptraum des Osama Bin Laden. In den Malls kramen von Kopf bis Fuß verhüllte Mädchen auf Wühltischen in italienischer Unterwäsche, in den Supermärkten finden sich Schweinemetzgereien, abgetrennt wie in Europas Videotheken die Porno-Ecken. Das heilige Mekka ist nahe, aber überall sind Schnaps und Huren zu haben, und längst wird Weihnachten lauter gefeiert als das Fastenbrechen im Ramadan.
Auch die großen Linien der Politik sind wirr. Als der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan begann, waren Dubais Herrscher mit den Taliban verbündet. Aber im Irak-Krieg stellten sich die Vereinigten Arabischen Emirate an die Seite der USA. Man kann, im Hafen, amerikanische Kriegsschiffe sehen, und am Hof der Herrscher tummeln sich ganze Hundertschaften westlicher Militärberater.
Dubai ist nach den gängigen Mustern der Weltkulturdebatte eine unmögliche Stadt. Sie ist, einerseits, weltoffener als Brandenburg oder Apulien, toleranter als Polen oder Louisiana, konsumfreudiger als Madrid oder München. Aber dabei, andererseits, eine Diktatur, ein Schurkenstaat fast, eine Wüstenei ohne Parlament und Opposition, ohne Gewerkschaften, Parteien, Verbände. Alle Zeitungen und Bücher unterliegen der Zensur, es gilt die Scharia samt Stock- und Peitschenhieben, und allen Juden ist die Einreise streng verboten.
Dubai ist eine unmögliche Stadt. Vielleicht ist sie deshalb ein Modell, ein Labor für ein unaufgeregtes Zusammenleben von Orient und Okzident, von Menschen aus allen Ecken der Welt. Kein Schmelztiegel, das nicht, aber ein Ort, wo alle irgendwie nebeneinanderher leben, ungefähr so wie Nachbarn in einem anonymen Hochhaus.
Das kann funktionieren, auch auf Dauer, vielleicht, aber vielleicht geht auch alles schief. Es gab bereits erste Hungerrevolten der Bauarbeiter, Demonstrationen mitten im Zentrum der Stadt. Vielleicht ist die Stadt nur vor Terror geschützt, weil im Moment noch jeder zweite Bagger, jeder zweite Kran, jede zweite Planierraupe der Bin-Laden-Gruppe gehört, der großen Bauunternehmung der arabischen Welt. Vielleicht braucht selbst al-Qaida dieses Dubai, um Geld zu waschen für künftige Operationen, wer weiß. Es ist ein Ratespiel. Dubai schillert, Dubai verwirrt.
Es geht, zum Abschied, mit Olaf Fey und Lilly in die Suks, die Basare entlang dem Creek, das ist der Wasserarm, der die alte Stadt vom Meer her durchschneidet. Man setzt über im Boot für ein paar Cent und genießt den heißen Wind. Nur hier am Creek sieht Dubai aus wie eine herkömmliche Stadt, wie ein Ort von früher, gewuchert, eng, mit Gassen und Altbauten, mit dem Regierungspalast, alten Festungen und großen Moscheen.
Die Inder und Pakistaner leben hier, sie führen einen Betrieb auf wie in Kalkutta. Es tut gut, hier zu spazieren, außerhalb der Themenparks, fern der Shopping-Malls, wo sie sinnlos Ski fahren in riesigen Hallen, wo sie Venedig nachspielen oder Andalusien. Hier ist das Leben nicht sortiert, sondern alles geht durcheinander. "Bleiben Sie in der Nähe", ruft Olaf Fey, "man geht hier leicht verloren." Und das ist, in einem Satz, fast die ganze Wahrheit über Dubai.
* Im Vordergrund das Madinat Jumeirah Resort, hinten der Hotelturm Burj al Arab.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 37/2006
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