18.09.2006

AUFBAU OSTVerschärfter Wettlauf

Ein dramatischer Fachkräftemangel gefährdet aufstrebende Unternehmen in Ostdeutschland - die Folge jahrelanger Abwanderung gen Westen.
Mit einer guten und einer schlechten Nachricht überraschte das Management der Peene-Werft neulich seine Belegschaft in der Schiffbauerstadt Wolgast. Die gute: Mit Bestellungen für vier Containerschiffe eines neuen 184-Meter-Typs seien die Auftragsbücher bis Ende 2009 prall gefüllt. Die schlechte Nachricht: Man finde im Umland keine zusätzlichen Fachkräfte, um die Aufträge zu erfüllen. "Schon jetzt", so Manager Jan Molter, "sind Überstunden und Wochenendschichten keine Ausnahme mehr."
Wie Molter, der Konstrukteure, Schweißer und Ingenieure sucht, geht es vielen Arbeitgebern in Ostdeutschland. Seit einem Jahr etwa fahndet die Chemnitzer Personalmanagerin Kerstin Grosse nach Leuten für den Controlling-Bereich ihres IT-Unternehmens Komsa, das Mobiltelefone bundesweit vertreibt und installiert. Genauso lange sucht Steffi Liebig vom Dresdner Pharma-Unternehmen Apogepha nach Naturwissenschaftlern, Fach- und Pharmareferenten.
Bizarrer könnte die Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt kaum sein: Im Durchschnitt liegt die Arbeitslosigkeit zwischen Rügen und Rennsteig bei fast 17 Prozent. Und dennoch bleiben zahlreiche Stellen unbesetzt - weil es nach Jahren der Abwanderung gen Westen vor allem an gutausgebildeten Fachkräften mangelt. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt eine DIHK-Umfrage: Demnach kann fast jedes fünfte ostdeutsche Industrieunternehmen offene Stellen nicht besetzen, drei Viertel der Zeitarbeitsfirmen haben das gleiche Problem.
Alarmiert durch einen derart drastischen Befund sind Ostpolitiker aller Parteien. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) fordert konkrete Schritte, "um junge Leute im Land zu halten". Und weiß dabei den für den Aufbau Ost zuständigen Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) an seiner Seite. Der Sachse plädiert dafür, "Haltefaktoren in Ostdeutschland zu schaffen", weil sich "ohne positive Wirtschaftsentwicklung die Abwanderung nicht stoppen" lassen werde.
Doch der Ruf nach "Haltefaktoren" wirkt genauso hilflos wie die "Heimat-Schachtel-Aktion", eines von Tiefensees Lieblingsprojekten. Päckchen mit Ostprodukten - den westwärts gewanderten Landsleuten nachgesandt - dürften kaum motivieren, in halbverlassene Städte wie Halle zurückzukehren, wo derzeit ganze Plattenbauviertel abgetragen werden.
Dort bleibt nach Jahren der Abwanderung und des Geburtenschwundes ein kaum vermittelbares Heer an Arbeitslosen zurück - oft schlecht ausgebildet und wenig motiviert. Viele Hartz-IV-Empfänger "haben nicht mehr die gesuchte Qualifikation und Kompetenz", weiß Peter Pawlowsky, Arbeitsmarktexperte an der TU Chemnitz.
So sind Firmenchefs und Agenturen oft monatelang auf Achse, um geeignetes Personal zu finden. Lernfähige Mitarbeiter, die "hungrig auf Neues" sind, würde die sächsische Personalentwicklerin Grosse gern einstellen, vor allem im Vertrieb und Marketing. Doch nur selten tauchten geeignete Bewerber auf. Noch schwerer sei es, für ihr 615-Mann-IT-Unternehmen Komsa spezialisierte Entwickler und Kommunikationstechniker zu finden.
Und der Mangel wird sich in den nächsten Jahren gewaltig verschärfen. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz wird die Schülerzahl im Osten von jetzt rund 2 Millionen bis 2020 auf etwa 1,7 Millionen zurückgehen.
Arbeitsmarktkenner wie Werner Mankel von der IHK Dresden sagen deshalb "einen noch schärferen Wettlauf um Fachkräfte" voraus - vor allem zwischen Ost und West. Begonnen hat dieser Kampf um die Köpfe bereits vor Jahren. Jetzt diagnostizierte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln erstmals einen "innerdeutschen Braindrain". Im Osten wird die Ausbildung vieler Akademiker finanziert (siehe Grafik), die später im Westen - insbesondere in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg - für Leistungsfähigkeit und Innovationskraft sorgen.
Boomende Ostfirmen - wie die Peene-Werft, die nun 15 gutausgebildete Polen beschäftigen wird - können derweil nicht wie gewünscht expandieren. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) warnt bereits davor, dass der Mangel an Fachkräften zur "Destabilisierung" erfolgreicher Wirtschaftszweige im Osten führen könnte. Denn mittlerweile beginnt der Notstand sogar auf Betriebsergebnisse zu drücken. "Beim Vertrieb schwimmen uns die Geschäftsfelder einfach weg", klagt die Dresdner Managerin Liebig, "wir können bestimmte Gebiete schon lange nicht mehr beackern." Langfristig seien "viele Unternehmensexistenzen gefährdet", glaubt der Wissenschaftler Pawlowsky.
Manche Job-Vermittler schlagen deshalb neue Wege ein. Für die Brandenburger Hotellerie suchte das Potsdamer Vermittlungsbüro "P-Jobs" Mitarbeiter - vom Zimmermädchen bis zur Veranstaltungsmanagerin, wie Agenturchefin Sabine Becker berichtet. Während der Sommermonate ging die Agentur ganz unkonventionell auf Bewerberfang: An einer belebten Einkaufsstraße in der Potsdamer Innenstadt lud sie zu einem "Frühstück für Arbeitslose" ein. Neben Kaffee und belegten Brötchen waren auch diverse freie Stellen im Angebot. IRINA REPKE
Von Irina Repke

DER SPIEGEL 38/2006
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