18.09.2006

MANAGERExklusive Bleibe

Der Siemens-Konzern geht mit seinem Chef Klaus Kleinfeld sehr großzügig um, obwohl dessen forsches Vorgehen nicht nur seinen Vorgänger Heinrich von Pierer vor den Kopf stößt.
Der 7. September 2006 war ein Tag, an dem sich endlich einmal wieder zeigen sollte, dass es sie noch gibt, die heile Siemens-Welt. Knapp hundert geladene Gäste hatten sich im schicken, frisch renovierten Führungskräftezentrum des Konzerns in Feldafing am Starnberger See eingefunden, um einen verdienten Topmanager zu verabschieden, der im Unternehmen mehr bewirkt hat als so mancher Vorstand.
Voller Spannung erwarteten die Teilnehmer den groß angekündigten Auftritt von zwei VIPs, die in letzter Zeit nur selten zusammen gesehen wurden: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, 48, und sein Vorgänger Heinrich von Pierer, 65, der seit Januar 2005 den Aufsichtsrat anführt. Der stimmungsvolle Abend hätte den vom Temperament her so unterschiedlichen Männern erstmals seit langem wieder die Gelegenheit geboten, zu demonstrieren, wie gut sie sich verstehen.
Die beiden ließen die Chance ungenutzt verstreichen. Der eine kam früh, ging freundlich plaudernd von Tisch zu Tisch und nippte an seinem Lieblingsgetränk, einer Cola light. Da war von dem anderen noch lange nichts zu sehen.
Routiniert, aber auch etwas brav spulte Kleinfeld später seine Dankesrede an den vorzeitig ausscheidenden Manager ab. Sein Oberaufpasser Pierer heimste dagegen - wie so oft - stehenden Applaus ein, als er Anekdoten aus seiner bewegten Zeit als Siemens-Chef erzählte und den zahlreich vertretenen Beratern Kleinfelds väterliche Ratschläge erteilte. Noch bevor der Hausfotograf zum obligaten Gruppenfoto mit dem Geehrten ansetzen konnte, suchten die Laudatoren das Weite - in entgegengesetzte Ecken des weitläufigen Gebäudes.
Wohl selten zuvor in der über 150-jährigen Siemens-Geschichte wurden Animositäten zwischen den beiden wichtigsten Spitzenmanagern des Konzerns für Außenstehende so offenkundig wie an dem schönen Sommerabend in Feldafing. Auf der einen Seite steht der Doyen der Deutschland AG, der als oberster Innovationsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel eigentlich um jeden Arbeitsplatz in Deutschland kämpfen und möglichst viel Know-how im Land halten sollte. Ausgerechnet er muss nun einen zuweilen recht ungestümen, von seiner Zeit als Siemens-US-Chef geprägten Manager überwachen, der Versäumnisse aus Pierers Amtszeit im Turbotempo korrigiert und kränkelnde Konzernableger wie das Handy- oder Festnetztelefongeschäft in Chirurgenmanier aus dem Konzernkörper herausoperiert.
Schon wird intern spekuliert, wann der der nächste schwere Eingriff stattfindet. Weil es die Verkehrstechniksparte kaum schaffen dürfte, bis zum kommenden Frühjahr Kleinfelds ehrgeizige Renditevorgaben zu erreichen, sollen die überlebensfähigen Teile abgetrennt, hernach aufgepäppelt und die Reste professionellen Verwertern überlassen werden. "Zu Spekulationen beziehen wir generell nicht Stellung", erklärt ein Siemens-Sprecher dazu.
Pierers Tragik ist, dass er die schmerzhaften Einschnitte mittragen muss, auch wenn ihm Kleinfelds forsches Vorgehen mitunter mächtig Bauchschmerzen bereitet. Am Mittwoch dieser Woche wird seine Leidensfähigkeit wieder einmal einer harten Probe unterzogen. Dann trifft sich der Aufsichtsrat zu einer Sondersitzung, um die künftige Konzernstrategie zu beraten.
Damit dürfte die Tagesordnung allerdings noch nicht erschöpft sein. Pierer und Kleinfeld werden sich vermutlich auch zu zwei Vorgängen äußern müssen, die bei einigen Teilnehmern der illustren Runde Kopfschütteln auslösen werden.
Es geht um eine seit über 45 Jahren bestehende, nicht im Rechenwerk konsolidierte Gesellschaft mit dem Namen Berliner Vermögensverwaltung (BVV). Sie hält Grundstücke und Häuser in besten Lagen vor, um sie an Vorstände zu verpachten oder zu vermieten und diesen so den Bau von Eigenheimen oder den Bezug einer exklusiven Bleibe zu erleichtern. "Wenn Sie einen Topmanager, der vorher im Ausland wohnte, nach München oder Erlangen zurückholen wollen, muss man ihm doch helfen, eine attraktive und repräsentative Wohnmöglichkeit in der Nähe seines Arbeitsplatzes zu finden", rechtfertigt Pierer die etwas ungewöhnliche Praxis.
Bis Anfang der neunziger Jahre, als die Finanzbehörden noch eher ein Auge zudrückten, wurden die Filetstücke den künftigen Nutzern zuweilen sogar zum Buchwert verkauft. Inzwischen, versichert ein Konzernsprecher, würden sowohl bei der Festlegung des Erbpachtzinses als auch bei
Ankäufen durch einzelne Vorstände "marktübliche Konditionen auf der Basis aktueller Verkehrswerte und Gutachten" festgelegt. Außerdem sei geplant, die Zahl der von der BVV verwalteten Einzelobjekte, rund hundert Immobilien, in den nächsten drei Jahren um die Hälfte abzubauen.
Wie viele Siemens-Topmanager das Angebot seit Gründung der BVV im Jahre 1959 genutzt haben, konnten oder wollten Konzernmanager vergangene Woche nicht beziffern. Vielleicht erfahren das ja am Mittwoch die Mitglieder des Aufsichtsrats. Selbst langjährige Kontrolleure wussten nach eigenen Aussagen bislang nichts von der Existenz der BVV. Aus Grundbuchauszügen geht immerhin hervor, dass neben Pierer selbst auch der frühere Finanzchef Karl-Hermann Baumann und weitere, inzwischen ausgeschiedene Vorstände das Modell in Anspruch nahmen.
Im amtierenden Siemens-Vorstand nutzt derzeit zum Beispiel Konzernchef Kleinfeld das Privileg. Als der Manager Ende 2003 in den Zentralvorstand befördert wurde, offerierte ihm Pierer persönlich ein 3500 Quadratmeter großes Grundstück im Münchner Edelvorort Grünwald, um ihm die Rückkehr aus den USA zu erleichtern. "Dazu stehe ich", sagt Pierer und argumentiert, geeignete Grundstücke seien gerade in München nur schwer zu finden.
Selbst Umzugskosten in Höhe von rund 500 000 Euro wurden Kleinfeld nach den hausinternen Richtlinien großzügig erstattet. Diese erlauben Siemens-Managern ähnlich wie hohen Beamten, sogar die Kosten für neue Vorhänge abzurechnen, wenn im neuen Heim die Deckenhöhe ein paar Zentimeter höher ist als im alten.
Auf dem großzügigen Gelände ließ Kleinfeld wenig später auf eigene Kosten ein repräsentatives Gebäude von einem bekannten Stararchitekten errichten, der schon seit 1992 Bürobauten für den Konzern erstellt und auch das Feldafinger Führungskräftezentrum umbaute. Der hypermoderne Privatsitz wirke mit seinen strengen Formen eher wie eine Firmenzentrale, mäkeln Anwohner. Aber die Wahl des passenden Architekten ist nun mal eine Stil- und Geschmacksfrage.
Neben der BVV dürfte auch noch ein anderer Tagesordnungspunkt bei dem Aufseher-Treffen für Unruhe sorgen: die Entscheidung des dreiköpfigen Präsidiums nämlich, das die Bezüge der Siemens-Vorstände deutlich erhöhen will. Neben einer Anhebung des maximal erreichbaren Zieleinkommens um 20 Prozent, das auch gewinnorientierte Bestandteile enthält, ist geplant, sämtliche Aktienoptionen abzuschaffen und stattdessen den Einkommensanteil aus dem direkten Bezug von Aktien um 50 Prozent zu erhöhen. In der Mischung ergibt sich so eine Gehaltssteigerung von 30 Prozent pro Jahr. Für Kleinfeld, der im vergangenen Jahr 3,3 Millionen Euro verdiente, sind es sogar noch einige Prozente mehr.
"Ich habe mir die Vergütung von Vorständen anderer Dax-Unternehmen genau angesehen, mit zahlreichen Fachleuten gesprochen und sogar Gutachten eingeholt", verteidigt Pierer die vorgezogene Weihnachtsbescherung. "Dabei habe ich festgestellt, dass die Siemens-Vorstände nach drei Jahren ohne Gehaltserhöhung inzwischen am unteren Ende vergleichbarer Unternehmen liegen."
Um in Zukunft ähnlich große Einkommenssprünge wie jetzt geplant zu verhindern, will Pierer die Vorstandsvergütungen künftig jedes Jahr überprüfen. An die Spitze der Dax-Unternehmen, versichert er, würden die Siemens-Vorstände mit ihren Bezügen jedoch auf keinen Fall aufsteigen (siehe Grafik).
Vielleicht soll die großzügige Gehaltserhöhung auch dafür sorgen, dass Kleinfeld sich künftig auf seine Aufgaben bei Siemens beschränkt. Neben seinem Top-Job hat der Konzernchef nämlich auch noch drei zusätzliche Aufsichtsratsmandate, davon zwei besonders arbeitsintensive bei US-Unternehmen. Pierer und andere Kontrolleure hatten in der Vergangenheit bereits zaghaft angefragt, ob Kleinfeld nicht wenigstens einen der beiden US-Kontrolljobs, zum Beispiel bei der Citigroup, abgeben könnte.
Doch der denkt gar nicht daran. "Die Wahrnehmung von Mandaten in amerikanischen Unternehmen liegt aufgrund der Bedeutung des US-Marktes für das Haus Siemens nahe und ist zeitlich unproblematisch", erklärte Kleinfeld vergangene Woche.
Ein letztes Disziplinierungsinstrument bleibt Pierer noch, doch vor dessen Einsatz dürfte er bis zuletzt zurückschrecken. Im November dieses Jahres oder spätestens im nächsten Frühjahr steht die Verlängerung von Kleinfelds Vorstandsvertrag an, der im September 2007 ausläuft.
Pierer und Kleinfeld führen bereits getrennt Gespräche mit Mitgliedern des Aufsichtsrats, um die Stimmung in dem exklusiven Gremium zu erkunden. Ihm gehören unter anderem ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme oder Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann an.
Rein theoretisch könnte das Präsidium, in dem neben Pierer und Ackermann auch ein Arbeitnehmervertreter sitzt, die Verlängerung an die Bedingung knüpfen, dass Kleinfeld eines seiner Aufsichtsratsmandate abgibt. Sollten sie sich tatsächlich dazu entschließen, dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen dem Siemens-Chef und seinem obersten Kontrolleur wohl seinen absoluten Tiefpunkt erreichen. DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 38/2006
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