25.09.2006

POP„Kritik muss tanzen“

Der deutsche Rap-Star Jan Delay über sein neues Album, linke Positionen in der Popmusik und die Frage, wie man als cooler Rapper ein guter Mensch sein kann
SPIEGEL: Auf Ihrer Single "Klar" rappen Sie: "Jan Delay, Digger, was geht ab? / Verdammt cool, weil Hanseat / Der Chefstyler, der Headliner / Der mit seiner Mucke danke sagt." Was soll das bedeuten?
Delay: Das sind Rap-Strophen. Wir stellen uns vor, sagen guten Tag. Um jetzt Rap-affine Vokabeln zu benutzen - es geht ums Representen, Introducen, ums Klarmachen: Ich bin hier, bin am Start, das ist meine Band, wir sind derbe Styler, und da, wo wir spielen, da brennt die Hütte.
SPIEGEL: Wie fühlt man sich, wenn man mit 30 Jahren so spricht?
Delay: Ganz wunderbar fühlt man sich da. Das ist ja ein ganz schlimmer Vorwurf, dass wir ein infantiles Deutsch benutzen - das hören wir seit 15 Jahren. Ich werde aber mit 60 Jahren noch so reden.
SPIEGEL: Im Gegensatz zu Ihrem ersten Album gilt Ihr neues Werk "Mercedes-Dance" als unpolitische Platte - unverständlicherweise. Jeder Song hat ein politisches oder gesellschaftskritisches Anliegen.
Delay: Wir wollten diesmal keine RAF-Debatte provozieren, wir wollten eine Tanzplatte machen. Es geht um Fun, um Arschwackeln. Ich wollte die Leute erreichen, die sich keine Pamphlete anhören.
SPIEGEL: Wo liegt die politische Kernaussage der neuen Platte?
Delay: In einem Song wie "Kirchturmkandidaten" zum Beispiel.
SPIEGEL: Da sitzt einer mit einer Panzerfaust auf einer Kirchturmspitze und ballert in die Luft. Was ist das? Eine Phantasie? Ein Zitat amerikanischer Verhältnisse?
Delay: Das ist, ganz klassisch, eine Gesellschaftskritik. Aber die Kritik ist humoristisch. Dadurch wird sie leichtfüßiger. Worauf ich keinen Bock hatte, ist, dass sich die Textinhalte über die Musik legen. Die Kritik muss tanzen.
SPIEGEL: Im Video zu "Klar" tritt Ihre Band in einem Einfamilienhaus auf, das von einem Bagger eingerissen wird. Warum das? Ist es nicht schade um das schöne Haus?
Delay: Das ist die Botschaft, von der ich gerade sprach - es gibt im HipHop so viele Synonyme, die für Energie, Kraft, für Randale stehen: Da, wo wir spielen, brennt die Hütte. Da rockt das Haus. Da brennt das Dach. Wir reißen das Haus ein.
SPIEGEL: Ein Foto im Album zeigt ein Schlagzeug, an dem Sprengstoff befestigt ist. Was genau soll da in die Luft fliegen? Das Schlagzeug?
Delay: Blödsinn. Viel einfacher: Das Schlagzeug ist der Sprengstoff.
SPIEGEL: In einem Song rappen Sie gegen Plastik, die "Dinge ohne Seele". Das wirkt fast rührend anachronistisch, wie eine Kritik aus den siebziger Jahren. Taugt das böse Plastik im Jahre 2006 noch zu irgendeiner wesentlichen Aussage?
Delay: Ja, das ist euch Journalisten wieder zu Rudolf-Steiner-mäßig, was? Es geht um das Plastik im Gehirn, im Herzen. Ich bin, als wir im Studio waren, viel in Clubs gegangen und habe mir die Leute angeschaut, die da feiern, einfach deshalb, um Wirklichkeit zu tanken, um Input zu bekommen für meine Texte. Ich stand da und dachte: Oh, Mann. Die kleinen Zwanzigjährigen. Wie eine Sonnenbank und ein Azubi-Platz bei H & M einen Lebensinhalt ausmachen können. Wie das, was einem vorgesetzt wird, die virtuelle Wirklichkeit aus Kommerz, Internet und Medien, anscheinend vollkommen ausreicht.
SPIEGEL: Interessant. Jetzt reden Sie wie ein Gemeinschaftskundelehrer - jedenfalls ganz anders, als man sich einen HipHop-Star vorstellt.
Delay: Das ist mir, offen gestanden, egal, was Sie sich unter einem HipHop-Star vorstellen. Mir hören die Kids zu, ihrem Deutschlehrer hören sie nicht zu. Meine Hoffnung ist, dass ich die 12-, 13-Jährigen erreiche. Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, könnte ich keinen Text schreiben. Wenn ich den Rio-Reiser-Song "Für immer und Dich" nachspiele, wenn ich Udo Lindenberg auf einen Song einlade, dann sage ich den Kids: Hört euch um! Es gab auch andere Musik mit deutschen Texten. Es muss doch nicht immer Revolverheld, muss doch nicht immer LaFee sein.
SPIEGEL: Sie rappen, seitdem Sie 14 sind, also seit 16 Jahren. Werden Sie immer mehr wie Udo Lindenberg?
Delay: Warum denn nicht? Ich halte Udo für einen unserer größten Poeten. Mein Wunsch ist es, dass ich im nächsten Jahr mit ihm ins Studio gehe und Udos Comeback-Platte produziere.
SPIEGEL: Ihre Platten erscheinen auf dem Hamburger Label Buback Tonträger. Wie erklären Sie einem 16-Jährigen, wer der 1977 bei einem RAF-Attentat ermordete Siegfried Buback war?
Delay: Gar nicht. Ich würde den Song "Söhne Stammheims" von meiner ersten Soloplatte auflegen und sagen: Hier. Hör dir das mal an. Ich würde vielleicht noch sagen: Hol dir den "Baader Meinhof Komplex", das ist ein derbes Buch, das wird dich eh nicht mehr loslassen.
SPIEGEL: Wissen Sie auswendig, wie der Fahrer und der Justizbeamte hießen, die beim Attentat auf Siegfried Buback mit ihm ums Leben kamen?
Delay: Kennen Sie all die Namen, die beim Krieg der RAF mit der Bundesrepublik - auf beiden Seiten - ums Leben gekommen sind? Ich will nichts verharmlosen. Ich bin mit keinem gewaltsamen Tod von egal welchem Menschen einverstanden. Aber Tatsache ist auch, dass die RAF ihren Terror zu einer Zeit begonnen hat, als in Vietnam täglich Tausende gestorben sind.
SPIEGEL: Die Frage ist doch, wie gut ein Gag mit einem RAF-Opfer heute noch ist.
Delay: Ich halte die RAF-Geschichte für längst noch nicht aufgearbeitet, nicht mal im Ansatz. Und als Künstler habe ich das Recht und die Pflicht, mich zu diesen Dingen zu äußern. Ich bin kein Politiker.
SPIEGEL: Bezeichnen Sie sich selbst eigentlich als links?
Delay: Ich habe einen explizit linken Hintergrund: Das sind Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni und die Musiker, die sich schon immer gegen das Etikett "Hamburger Schule" gewehrt haben. Die Leute haben mir gezeigt, dass man politisches Gedankengut auf eine coole Art mit Musik transportieren kann - dafür bin ich ihnen ewig dankbar. Die Linke ist für mich ein Zuhause, in das ich immer wieder zurückkehre, um meine Ideale abzugleichen.
SPIEGEL: Immer wieder betonen Sie die Notwendigkeit von Style. Ein bekanntes Credo von Ihnen lautet: "Stilkritik ist Systemkritik".
Delay: Style ist für mich alles, Musik, Politik, Essen, Nachtleben, Klamotten.
SPIEGEL: Wie würden Sie den Begriff "Style" übersetzen?
Delay: Style gleich Haltung, gleich Wissen, gleich gefühltes Wissen, gleich eine Unmenge gefühlter Daten, die man über die Jahre ansammelt. Ein Beispiel: Ich habe 20 Jahre lang HipHop-Klamotten getragen. Nun habe ich Bock auf einen Anzug, habe aber keinen Plan von Anzügen, von Einreihern, Zweireihern, Windsorknoten, Einstecktüchern. Du musst aber wissen, für welche Ideen, für welche konkreten politischen Ausrichtungen der Anzug bei den Mods, bei den 1969er Skinheads aus England und bei der Popband ABC im Jahr 1982 gestanden hat - nur dann hast du Style. Das ist das Geile an HipHop, egal, ob in der Musik oder den Klamotten: Du saugst von allen alles auf und baust dir dein eigenes Haus.
SPIEGEL: Nun haben Sie ein unpolitisches Beispiel für Style gebracht.
Delay: Ich nenne Ihnen gern ein politisches Beispiel: Ein ganz großer Style - wohl der größte Style in der deutschen Politik der letzten zehn Jahre - war Jürgen Trittins Dosenpfand.
SPIEGEL: Jetzt machen Sie Witze.
Delay: Überhaupt nicht. Der Trittin ist für mich ein ganz großer Styler. Er hat eine unpopuläre, einmal für richtig erkannte und vernünftige Maßnahme gegen alle Kritik durchgesetzt. Das ist für mich Style, auf politischer Ebene: Rückgrat beweisen.
SPIEGEL: Ist an Ihnen vielleicht doch ein Politiker verlorengegangen?
Delay: Ich bin Musiker. Für mich steht es außer Frage, dass ein Musiker sich nicht parteipolitisch engagieren darf. Alle noch so freundlichen Anfragen von SPD, Grünen und PDS: herzlichen Dank. Fällt aus.
SPIEGEL: Haben Sie - als Rap-Star - etwas Unpopuläres etabliert?
Delay: Ich hoffe, unentwegt. Kunst, die keine Irritation, keinen Widerstand auslöst, ist keine Kunst. Nichts ist deprimierender als die deutsche Band Wir sind Helden - das ist Konsens, der Stillstand.
SPIEGEL: Am Abend des 30. Juni, einem Höhepunkt der WM-Euphorie - Deutschland hatte Argentinien mit 5:3 besiegt -, sind Sie beim diesjährigen Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern mit Deutschland-Trikot aufgetreten: Das Publikum hat Sie ausgepfiffen, als "Faschist", als "Rassist" und als "Kokser" beschimpft. War das ein unvergesslicher Zusammenstoß mit einem Stück deutscher Wirklichkeit?
Delay: Ich war immer schon Deutschland-Fan - und immer schon Deutschland-Gegner: Das eine ist die Mannschaft, die auf den Platz läuft, das andere die Mannschaft, die im Reichstag sitzt. Ich habe das immer klar getrennt. Ich hatte Angst vor der Fußball-WM, die ganze Deutschtümelei kann ich nur schwer ertragen. Dann hat mich die gute Stimmung aber derartig geflasht: Türken, Libanesen, Palästinenser, die sich die Deutschland-Fahne an ihre Döner-Bude hängen! Und dann: das Fusion-Festival. Die Veganer-Raver, Öko-Raver, das Korrekt-Ghetto. Da hingen Schilder mit "WM-freie Zone" und "Flaggenverbot". Unerträglich. Da werden auf Seiten des alternativen Festivals so viele Regeln und Normen aufgestellt wie auf der anderen Seite, die man doch eigentlich bekämpfen will. Ich bin also im Deutschland-Trikot - das hatte ich mir in Göttingen noch extra bei Karstadt gekauft - auf die Bühne gegangen und habe "Deutschland! Deutschland! Deutschland wird Weltmeister!" gerufen. Das fanden die PC-Leute halt nicht so witzig. Ökos vertragen keine Gags.
SPIEGEL: Ist Deutschland style-technisch gesehen ein hoffnungsloser Fall?
Delay: Überhaupt nicht. Man sollte nur nicht nach Berlin-Mitte gehen: Da sind nicht die Stuttgarter, wie alle immer sagen - Stuttgart ist voll okay -, sondern die aus Villingen-Schwenningen, aus Reutlingen, die Provinzler, die ängstlich einen auf große Stadt machen. Deshalb hasse ich Berlin, weil da keine Berliner sind. Und deshalb liebe ich Rap. Wenn einer ein guter Rapper ist, dann höre ich nach vier Zeilen, wo einer herkommt, wie seine Einstellung ist, wer seine Freunde sind. In Berlin-Mitte höre ich gar nichts.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,
MORITZ VON USLAR

Jan Delay
heißt eigentlich Jan Phillip Eißfeldt, 30, und gilt als das linke Gewissen der deutschen Rap-Szene. Der Sohn einer Kunstprofessorin, in Hamburg-Eppendorf aufgewachsen, feiert seit Ende der neunziger Jahre mit der Rap-Formation Absolute Beginner (später: Beginner) Chart-Erfolge ("Bambule"). Gegen eine zunehmend entpolitisierte Gesellschaft setzt Delay griffige und subtil sozialkritische Texte - und provoziert Widerspruch. So löste der Song "Söhne Stammheims", erschienen auf dem ersten Solo-Album "Searching for the Jan Soul Rebels" (2001), in dem Delay einen trügerischen Frieden nach dem Abtreten der RAF thematisiert, heftige Kontroversen aus. Mit seinem zweiten Solo-Album, "Mercedes-Dance", das bei Erscheinen im August Platz eins der deutschen Charts erreichte, ist Jan Delay seit vergangener Woche auf Deutschland-Tournee.
Von Christoph Dallach und Moritz von Uslar

DER SPIEGEL 39/2006
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