09.10.2006

ZEITGESCHICHTE„Grass will von sich ablenken“

„FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher über den Streit zwischen seinem Blatt und Günter Grass - die „FAZ“ hatte Grass-Briefe an den damaligen Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller veröffentlicht, in denen der Schriftsteller den Politiker beschwört, seine NSDAP-Vergangenheit öffentlich zuzugeben.
SPIEGEL: Günter Grass zieht gegen Sie vor Gericht. Werden Sie sich mit ihm gütlich einigen?
Schirrmacher: Nein. Herr Grass kann uns gern verklagen. Wir sehen einem Verfahren gelassen entgegen. Die Briefe von Grass waren in öffentlich zugänglichen Archiven deponiert und sind Bestandteil einer Doktorarbeit. Sie sind von allgemeinem Interesse.
SPIEGEL: Grass sagt weiterhin, Sie hätten in einem "FAZ"-Interview die Passagen über seinen Eintritt in die Waffen-SS als Geständnis skandalisiert.
Schirrmacher: Nun, im Interview mit uns sagte er, dass er sein Schweigen brechen wolle, dass er eine Last abwerfen wolle. Er selbst also hat durchaus dramatisch sein Gewissen erleichtert. Er selbst hat ja in der "FAZ" zum ersten Mal öffentlich seine SS-Verstrickung gebeichtet.
SPIEGEL: Er fühlte sich wohl von Ihnen übertölpelt.
Schirrmacher: Was auch immer Grass fühlt - er sollte endlich begreifen, dass es nicht die "FAZ" war, die ihn gezwungen hat, in die SS einzutreten, und auch nicht die "FAZ", die ihm geraten hat, darüber jahrzehntelang zu schweigen. Jeder Satz unseres Interviews mit seinem Geständnis ist von Grass autorisiert worden.
SPIEGEL: Er wirft Ihnen Verhunzung der journalistischen Sitten vor. Wie erklären Sie sich seine große Empörung?
Schirrmacher: Er will von sich ablenken und von der Tatsache, dass er, der alle maßregelte, wie auch Karl Schiller, selbst einer der großen Verschweiger war. Schade, dass es so enden musste.

DER SPIEGEL 41/2006
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