09.10.2006

TIEREBlick ins Paradies

Niederländische Forscher stießen auf Mauritius auf ein Massengrab von Dodos. Der Fund könnte das Rätsel um das Aussterben des geheimnisvollen Vogels lösen.
In seinem Büro, gelegen inmitten von Morast und Zuckerrohrfeldern, entriegelt Christian Foo Kune einen gigantischen Safe und atmet tief ein. Vor ihm liegen, auf Watte gebettet, alte Knochen.
"Der Fund war reiner Zufall", sagt der Besitzer der riesigen Plantage Mon Trésor Mon Désert an der südöstlichen Küste des Inselstaats Mauritius. Liebevoll überreicht er seinen Besuchern die Knochen. "Sie hätten die Forscher sehen sollen - wie Kleinkinder beim Öffnen einer Spielzeugtruhe."
Der Enthusiasmus ist verständlich. Denn bei der Entdeckung auf Foo Kunes Ländereien handelt es sich um jahrtausendealte Reste eines untergegangenen Ökosystems. Erstmals öffnet sich der Blick in ein Paradies, in dem europäische Siedler vor rund 370 Jahren ein Artensterben auslösten. Zugleich könnte sich nun das große Rätsel von Mauritius lösen lassen: Wie verschwand die Ikone der Insel, der Dodo, der 1662 zuletzt gesichtet wurde, von der Erde?
Ursprünglich allerdings dachte der niederländische Geologe Kenneth Rijsdijk nicht an die Tierwelt, als er im vergangenen Jahr im Sumpf namens Mare aux Songes zu graben begann. Aus alten Pollen wollte er auf Klima und Vegetation des noch unberührten Mauritius schließen - bis er die ersten Knochen fand.
Neugierig geworden, kehrte er im Juni dieses Jahres zurück, diesmal in Begleitung von Paläontologen, Botanikern und DNA-Experten. Das Forscherteam war auf einen langen Aufenthalt eingestellt.
Tatsächlich dauerte die Ausgrabung kaum drei Tage. Dann hatten die Bagger ganze Halden von Knochen zutage gefördert: Schildkrötenpanzer waren darunter, Gebeine von Fledertieren und Echsen, Schnäbel von Riesenpapageien und Überbleibsel der flugunfähigen Mauritius-Ralle.
Vor allem aber hielten die Forscher Hunderte von Dodo-Knochen in Händen, darunter auch ein vollständiges Bein und einen der sehr seltenen Schnäbel. "Dies ist der bisher umfangreichste Dodo-Fund aller Zeiten", sagt Rijsdijk. "Und der Sumpf sorgte dafür, dass die Knochen bestens erhalten blieben."
Doch auch unscheinbarere Entdeckungen begeistern den Forscher. So konnte er Hunderte verschiedener Samen von ausgestorbenen Pflanzen identifizieren. Einst, so schließen die Forscher daraus, muss im heutigen Mare aux Songes eine Lagune oder ein See gelegen haben - ein Idyll, das urplötzlich von einer Katastrophe, etwa einem der typischen Tropenstürme, heimgesucht wurde.
Wie allerdings die Vorfahren des Dodos einst auf die Insel Mauritius gelangten, wird vermutlich auch Rijsdijks Grabung nicht klären können. Bekannt ist nur, dass sein nächster heute noch lebender und deutlich kleinerer Verwandter auf Tausende Kilometer entfernten südostasiatischen Inseln siedelt. Irgendwie muss ein Urahn beider Vögel vor Jahrmillionen den Sprung über den Ozean geschafft haben. Auf Mauritius entwickelte er sich dann, unbehelligt von Räubern inmitten eines saftig-grünen Landes voller Samen und Früchte, zum Dodo: groß und unfähig zum Flug.
Als die Niederländer die Insel zu besiedeln begannen, war das unbeholfene Tier ein leichter Fang. "Unmengen von Geflügel - zweimal so groß wie Schwäne ... widerliche Vögel", schrieb ein Seemann im Jahre 1599. "Wir schlugen sie mit Stöcken tot", berichtete ein anderer.
Ehe die neuen Inselherren Schweine, Ziegen und Hühner auf die Insel brachten, waren die hungrigen Seeleute auf den Dodo angewiesen. Ein Genuss war das allerdings nicht: Bald war das heute als Maskottchen verbreitete Tier als "Walghvogel" verschrien - als etwas, das Übelkeit erregt.
So waren es vermutlich weniger die Niederländer selbst, die den Dodo ausrotteten, als vielmehr jene, die in ihrem Gefolge nach Mauritius kamen: Ratten und Makaken. Die Eier des am Boden nistenden Vogels waren für sie leicht zu ergatternde Leckerbissen. Aber auch Naturkatastrophen, so scheint der neue Fund nahezulegen, könnten zum Niedergang des Dodos beigetragen haben.
Mindestens vier weitere Ausgrabungen planen Rijsdijk und sein Team, ehe sie ihre Funde 2009 dem Publikum offiziell vorstellen wollen. Spätestens dann hofft Plantagenmanager Foo Kune, einen "Dodo Conservation Park" eröffnen zu können, wo das Schicksal des geheimnisvollen Vogels dargestellt werden soll.
Und wird es in dem Park je eine Auferstehung des Phönix aus dem Sumpf geben - einen aus alter DNA geklonten lebendigen Dodo? Immerhin war es schon vor über vier Jahren Forschern in Oxford gelungen, aus den Fußknochen eines Museumsexemplars DNA zu isolieren. Und auch die neuen Proben enthalten offenbar noch intakte Fragmente von Erbmaterial.
Rijsdijk hält die Frage nach der Wiedergeburt des Dodos deshalb für keineswegs abwegig. Noch allerdings sei die Klontechnik nicht weit genug fortgeschritten. "Aber was heute als Science-Fiction gilt", meint Rijsdijk, "kann morgen schon Realität sein." PADMA RAO
Von Padma Rao

DER SPIEGEL 41/2006
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