16.10.2006

SITTENFluchtpunkte der Lust

Sex ist in den konservativen islamischen Staaten ein Tabu. Junge, unverheiratete Paare müssen sich heimliche Oasen der Erotik suchen. Bücher und Theaterstücke, die sich dem allzu mensch-lichen Thema widmen, erregen den Zorn der religiösen Gralshüter und geraten schnell auf den Index.
Rabat, Marokko. Jeden Abend muss Amal, der Tintenfischverkäufer, mitansehen, wie an seinem Strand die Sünde einkehrt. Sie kommt in Gestalt händchenhaltender Pärchen, die zum Küssen hinter den hohen, zinnenbewehrten Kaimauern im Hafenviertel der Stadt verschwinden. Einige balancieren auf glitschigem Geröll und Tang, um sich einen Platz ganz nah am Atlantischen Ozean zu sichern und in der Dämmerung zu kuscheln. Die Luft schmeckt nach Salz und Haschisch. Manchmal, sagt Amal, finde er am nächsten Morgen Kondome im Sand. Dann wünscht er sich, dass die Verdorbenen, die Schamlosen und Sündhaften - die ja noch nicht einmal verheiratet sind - in der Hölle schmoren mögen.
Kairo, Ägypten. Eine versteckte Sackgasse im Nobelviertel Samalik, 150 Meter lang, mit Aussicht auf den Nil. Wer hier wohnt und abends auf seinem Balkon steht, kann sehen, was keiner sehen soll. Schon lange vor Sonnenuntergang reiht sich ein Auto an das andere, an die hundert Liebespaare sind es an manchem Abend. Fast alle Mädchen tragen Kopftuch, doch ihre lang- ärmligen Tops sitzen umso enger. Unauffällig legt ein Junge den Arm um den Hals seiner Freundin, so fest, dass seine Hand wie zufällig in ihrem Dekolleté landet.
"Schari al-Hubb", "Straße der Liebe", nennen die Leute diesen Ort. Sie erzählen sich, dass hier schon Kinder gezeugt und Paare beim Oralsex beobachtet wurden.
Beirut, Libanon. Lautsprecher dröhnen Techno- und Ravesounds ins Halbdunkel, Menschen brüllen ihre Getränkewünsche über den Tresen. Gestylte Jungs in engen Jeans und aufgeknöpften weißen Hemden schieben sich auf die Tanzfläche. Männer wackeln mit den Hüften, klatschen in die Hände und umschlingen sich - ohne sich allzu eindeutig zu berühren. Das könnte sonst einen Rausschmiss provozieren im "Acid", Beiruts angesagtester Gay-Disco, die offiziell nicht mehr als ein Nachtclub in einem abgelegenen Industriegebiet ist.
Zurschaustellung der Homosexualität ist auch im liberalen Libanon verboten. Schwule werden nur geduldet, solange sie heimlich bleiben, solange sie sich verstecken.
Diskretion, das ist für viele in der arabischen Welt die einzige Möglichkeit, Lust und Leidenschaft auszuleben. Heimliche Orte gibt es überall. Sie sind ein Ausweg, um mit den Widersprüchen der islamischen Moderne zu leben. In Ländern, die zunehmend auf Keuschheit und Sittenstrenge pochen, lässt sich die Sexualität im Alltag durch Verbote nicht beeindrucken. Verzweifelt versuchen religiöse Zensoren,
dem Sittenverfall in ihren Ländern Einhalt zu gebieten, doch gegen das Satellitenfernsehen, gegen Internet und SMS vermögen auch sie nichts auszurichten.
Sind die schleichenden Tabubrüche und Grenzüberschreitungen ein Vorbote für die sexuelle Revolution in Arabien? Oder produziert der Druck der Moralisten eine neue Prüderie, eine Gegenbewegung auf die Ausschweifungen aus dem Westen?
Vorerst scheint alles möglich. Auch, dass man wegen eines Kondoms in der Hemdtasche für eine Nacht im Gefängnis landet. Ali al-Gundi, ein ägyptischer Journalist, fuhr gerade seine Freundin nach Hause, als er von einer Polizeistreife angehalten wurde. Er hatte seinen Führerschein nicht dabei, er hatte eine hübsche Frau bei sich, es war vier Uhr morgens. Grund genug, um Gundi und seiner Freundin Handschellen anzulegen und sie zur Polizeistation zu bringen. "Auf dem Weg dorthin drohte man uns mit Schlägen", erzählt der 30-Jährige. Auf der Wache nahmen sie ihm Telefon und Geld ab und fanden in seiner Hemdtasche ein unbenutztes Kondom.
"Sie glaubten sowieso schon längst, dass meine Freundin eine Hure wäre", sagt der Journalist. Nun brachten sie das Paar hinter Gitter. Dass Gundi und seine Freundin nur ein paar Monate später heiraten wollten, interessierte die Polizisten nicht. Erst nachdem das Mädchen am nächsten Tag ihren Vater informiert hatte, wurden die beiden aus dem Gefängnis entlassen. Für Gundi ist klar: "Wäre der Offizier, der uns angehalten hat, sexuell nicht so frustriert gewesen, hätte er uns weiterfahren lassen."
Die sexuelle Frustration vieler junger Araber hat zahlreiche Ursachen, vor allem wirtschaftliche. Wenn die Männer überhaupt einen Job finden, ist er meist miserabel bezahlt. Ihre finanzielle Situation lässt es nicht zu, eine Wohnung anzuschaffen und einzurichten; in den meisten arabischen Ländern ist das jedoch die Mindestvoraussetzung, um heiraten zu können. Gleichzeitig ist vorehelicher Sex ein absolutes Tabu im Islam. Und so wimmelt es in Algier, Alexandria, Sanaa und Damaskus von "Jungmännern" zwischen 18 und 35, die auf unabsehbare Zeit bei ihren Eltern leben müssen.
Eine Ausnahme gibt es, und sie ist sogar islamisch legitimiert: die "Zeitehe", auch "Genussehe" genannt - kein Bund fürs Leben, aber einer für intime Stunden. Sie ist nicht staatlich registriert, sondern wird vor einem Imam geschlossen. Ein solcher Vertrag kann für wenige Stunden geschlossen werden, aber auch unbefristet sein. Als besonders romantisch gilt er jedenfalls nicht.
Aber auch die zunehmende Abschottung der Geschlechter mag die jungen Männer frustrieren. Immer mehr Frauen kleiden sich züchtig: Sie wählen das Kopftuch oder die Ganzkörperverhüllung, einige sogar schwarze Handschuhe, um auch den letzten Deut an Nacktheit zu verbergen.
Deshalb kommt es nur zu oft vor, dass eine unverschleierte Frau auf der Straße in Kairo angestarrt wird wie ein Wesen von einem anderen Planeten. "Unterdrückung bringt Perversion hervor", davon ist der Journalist Gundi überzeugt. Die Männer wollen ihre Frauen verschleiert sehen, weil sie Angst vor ihnen haben -"Angst vor dem, was die Frauen in ihnen erregen".
Inzwischen tragen die meisten Ägypterinnen ein Kopftuch, aus unterschiedlichen Gründen. Nicht als Symbol der Unterdrückung, sondern als Ausdruck eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins, interpretiert etwa Ula Schahba, 27, den Trend zum Schleier. Seit zwei Jahren verhüllt sich die Angestellte selbst - aus Überzeugung, wie sie betont. Niemand habe sie dazu gedrängt. Die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen: "Ich liebe mein Haar", sagt sie, "aber es soll nicht für jedermann sichtbar sein." Sie glaubt nicht, dass der Schleier ein Zeichen der Religiosität sei. "Es ist eher ein Trend."
Wie paradox die Einstellungen junger Araber gegenüber Religion und Sexualität sein können, zeigt eine Studie aus Marokko, die Anfang 2006 in der marokkanischen Wirtschaftszeitung "L'Economiste" veröffentlicht wurde. Immer häufiger missachten die jungen Muslime im Maghreb danach die klar definierten Regeln ihrer Religion. Vorehelicher Sex ist für sie nichts Ungewöhnliches, 56 Prozent der jungen Männer geben zu, regelmäßig Pornofilme anzuschauen. Doch ebenso wichtig ist es ihnen zu beten, den Fastenmonat einzuhalten und eine gläubige Partnerin zu heiraten. In diesem Licht erscheint der Umgang mit dem Islam hedonistisch, aber auch variabel, fast beliebig.
Als gespalten und bigott beschreibt die muslimische Schriftstellerin "Nedjma" ("Stern") - die Autorin des erotischen Erfolgsromans "Die Mandel" - die marokkanische Gesellschaft. Trotz fortschrittlicher Familien- und Ehegesetze werde das Land noch immer von seinen patriarchalischen Traditionen geleitet, bestünden Vielweiberei und Bevormundung der Frau fort. In dieser Welt vermischen sich Prüderie und sexuelle Besessenheit, Ignoranz und Begierde, "Sperma und Gebet". "Je repressiver eine Gesellschaft ist, desto verzweifelter sucht sie ein Ventil", sagt Nedjma, die ihren bürgerlichen Namen
schützt, weil sie im Internet bereits als "Hure" und "Beleidigung für den Islam" beschimpft wurde.
Männer wie Samir, 36, ein Kellner mit schwarzweißer Livree und Glatze, könnten ihrem Roman entstiegen sein. Grinsend freut sich Samir über den Anblick unverschleierter Mädchen vor seinem Café in Rabat. Aber im selben Atemzug gesteht er, dass er sich nie mit einer ihm unbekannten Dame für längere Zeit im selben Zimmer aufhalten würde. "Kein Mann und keine Frau können zusammen sein, ohne dass der Teufel ihr dritter Gefährte wäre", glaubt er. Der Prophet Mohammed selbst soll das gesagt haben.
Dabei zeichnen die meisten Quellen ein ganz anderes Bild des Religionsstifters. Mohammed, so sagen sie, soll ein Genussmensch gewesen sein, ein Womanizer, der die Frauen liebte und ehrte: Zwölf von ihnen ehelichte er, darunter eine etwa 15 Jahre ältere Kauffrau, der er treu blieb, bis sie starb. Von einem "Verrat an den Botschaften Mohammeds", der ein zärtlicher, ritterlicher Mann gewesen sei, spricht auch die Autorin Nedjma. Sie bezweifelt, dass der Prophet Angst vor der weiblichen Sexualität hatte, wie dies heute bei vielen Männern aus ihrem Kulturkreis der Fall sei.
Selbst konservative Theologen betonen die Vereinbarkeit von Genuss und Glauben - solange nur der Ehevertrag geschlossen ist. Sie können sich auf den Propheten berufen: "In dieser Welt wurden mir die Frauen, die Wohlgerüche und das Gebet lieb."
Ein seltsamer Widerspruch ist das zur puritanischen Gegenwart, die sich von der früheren Entspanntheit des Islam weitgehend verabschiedet und einem humorlosen, rigorosen Islamismus Platz gemacht hat.
Ein gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität, das bescheinigt auch der Journalist Ali al-Gundi seinen Geschlechtsgenossen; "Die meisten Männer wollen ausschließlich eine Jungfrau heiraten. Wozu? Ist es nicht viel schöner, mit einer Partnerin zusammen zu sein, die Erfahrung hat?" Gundi erzählt von seinen Freundinnen, die alles gemacht haben, nur den letzten Schritt nicht - um ihr Jungfernhäutchen nicht zu beschädigen. Es wäre ihr gesellschaftlicher Tod gewesen.
Der ägyptische Filmemacher Ahmed Chalid widmete dem Tabuthema seinen ersten Kurzfilm: "Das fünfte Pfund" erzählt von einem jungen Paar, das eine Busfahrt nutzt, um ungestört beieinander zu sein und mehr als nur unschuldige Zärtlichkeiten auszutauschen. Wie jeden Freitagmorgen - wenn alle zum Gebet in der Moschee sind - treffen sich die beiden auf der drittletzten Sitzbank im Bus; dort, wo niemand Einblick hat, Schulter an Schulter, den Blick starr nach vorn gerichtet, erkunden sie streichelnd ihre Körper. Das Einzige, wovor sie sich fürchten, sind die Blicke des Busfahrers im Rückspiegel. Der beobachtet das Paar, immer wieder, wohl wissend, was vor sich geht, und lässt dabei seiner eigenen Phantasie freien Lauf.
In Gedanken ist er es, der neben dem Mädchen Platz nimmt und ihr näher- kommt, ihr behutsam den Schleier abnimmt und die Bluse aufknöpft. Sie schließt die Augen, krallt ihre Finger in die Sitzlehne und langsam gleitet das Kopftuch den Sitz herunter. So kommen beide zum Höhepunkt - das Mädchen in der Phantasie des Busfahrers und der Junge durch die Hand seiner Freundin. Zum Schluss zahlt das Paar dem Fahrer vier Pfund für die Fahrkarten - und ein fünftes für sein Schweigen.
Natürlich fand Chalid für seinen 14minütigen Skandalstreifen keinen Filmverleih, und selbst die liberalen Kulturzentren in Kairo weigerten sich, "Das fünfte Pfund" ungekürzt zu zeigen. Denn obwohl der Film die Handlungen nicht zeigt, regt er umso mehr die Phantasie des Zuschauers an - ein besonderes Vergehen in den Augen der religiösen Zensoren.
Eine Zuflucht für die versteckten Sehnsüchte - wenn auch eine virtuelle - ist das Internet. Ein Test bei "Google Trends", einem neuen Service des Recherchedienstes, zeigt, wie wenig sich die versteckten Sehnsüchte aus den Köpfen der Muslime zaubern lassen. Gibt man bei "Google Trends" den Suchbegriff "Sex" ein, erhält man eine Rangliste der Städte, Länder oder Sprachen, in welchen der Begriff am häufigsten eingetippt wurde. Nach "Sex" suchen demnach die Pakistaner am häufigsten, gefolgt von den Ägyptern. Platz vier und fünf gehören Iran und Marokko, Platz sieben Indonesien, Platz acht Saudi-Arabien. Bei den Städten führt Kairo. Auch nach "boy sex" oder "man boy sex" - "gay" ist ein Begriff, der an vielen Internet-Filtern hängenbleibt - wird am meisten in Pakistan gesurft, dann in Iran, Saudi-Arabien und Ägypten.
Dabei ist Homosexualität nicht nur ein Tabu in der islamischen Welt, sie gilt sogar als Verbrechen; eines, das mit Freiheitsentzug oder der Todesstrafe geahndet werden kann.
Als besonders dekadente Ausgeburt des Westens bezeichnet sie etwa der in Katar lebende Fernsehprediger von al-Dschasira, Jussuf al-Kardawi. Sie richte sich gegen die "göttliche Ordnung", so der Rechtsgelehrte. Dass Homosexualität im vorislamischen Arabien praktiziert wurde, davon zeugen tadelnde Koranverse.
Als "Luti" werden Homosexuelle im arabischen Sprachgebrauch bezeichnet, als Menschen aus der Stadt des Lot, die im Koran und in der Bibel erwähnt wird und die durch Gottes Zorn unterging. Die Quellen scheinen eindeutig. So versuchen nur wenige schwule Muslime den Glauben mit ihrer sexuellen Orientierung zu vereinbaren.
Die meisten, erzählt George Assi, ein Sprecher von Helem, der einzigen Schwulen- und Lesbenorganisation in der arabischen Welt, seien eher verzweifelt, dass sie nicht so tugendhaft leben können, wie man es ihnen vorschreibt.
Helem, eine libanesische Organisation, die nicht wirklich legal, aber auch nicht verboten ist, hat ihr Büro in einem islamischen Geschäftsviertel von Beirut eingerichtet, in einer Stadt, die politische und sexuelle Freiheiten bietet wie sonst kein anderer Ort in der arabischen Welt. Doch auch hier gab es schon Proteste und Drohanrufe, vor allem aus den Golfstaaten. "Viele reden über uns, als seien wir Kranke, die man entweder heilen oder aussetzen muss", erzählt Assi.
Anders als im Libanon ist die Meinungsfreiheit in Ägypten immer gefährdet. Vor allem der einst so reiche Kunst- und Literaturbetrieb leidet. Umso erstaunlicher, dass es ein Theaterstück auf eine kleine Kairoer Bühne geschafft hat, das sich ausschließlich mit Sex beschäftigt. Schon der Name des Stücks ist eine Provokation: "Bussy"; eine Anlehnung an das englische Wort Pussy, im ägyptischen Umgangsarabisch ist es nur eine Aufforderung an die Frau: "Schau her".
Und genau das wollen die Regisseure: aufmerksam machen. Auf Diskriminierung, Respektlosigkeit und Unmündigkeit. "Wir hatten nicht vor, waghalsig zu sein oder zu provozieren, wir wollten einfach nur die Wahrheit sagen", erzählt die Theatermacherin Naas Chan. Die Aufführung entstand in Anlehnung an die berühmten New Yorker "Vagina-Monologe". Als das Stück an der Amerikanischen Universität in Kairo gezeigt wurde, erntete es Abscheu, Entrüstung - und jubelnden Beifall. Weil es jedoch wenig mit den Problemen ägyptischer Frauen zu tun hatte, entschied sich eine Gruppe von Studenten, eine Art "islamischer Vagina-Monologe" mit Laiendarstellern zu inszenieren.
Einfache Frauen wurden gebeten, über Liebe und Sex zu berichten. "Diese Geschichten waren so schockierend, so rührend, traurig und amüsant, dass wir sie nicht mehr bearbeiten mussten", sagt Chan. So entstand "Bussy".
Da erzählt ein Mädchen mit tränenerstickter Stimme von dem Tag, an dem ihre Mutter sie zum Arzt mitnahm, ohne ihr zu sagen, dass er sie beschneiden würde: "Als ich aufwachte, spürte ich den Schmerz. Es fehlte etwas ... Das Fleisch, das sie gestohlen hatten, gehörte mir!" Eine andere Frau beschreibt ihr Erlebnis mit einem Imam, der sie, als sie zehn Jahre alt geworden war, in einen Kleiderschrank drückte und dort vergewaltigte. "Als ich meiner Mutter davon erzählte, sagte sie, dass ich doch etwas angestellt haben müsste."
"Ich war überrascht, dass wir fast ausschließlich ernsthafte Geschichten bekamen", sagt die Regisseurin Chan. Abtreibungen, Vergewaltigungen, Frauenbeschneidung, die ganz alltägliche Diskriminierung. Jede der 50 eingereichten Geschichten spiegelt ein Stück ägyptischer Realität wider. Dies erfordere viel Courage, sagt Chan. Denn zu wissen, dass die eigene Geschichte vor Publikum aufgeführt wird, stelle einen Bruch mit der Tradition dar: Sexueller Missbrauch gehe danach nur die Familie etwas an, dringt etwas nach außen, sei die Ehre der Familie besudelt und die Frau ihres Wertes beraubt.
Es gibt noch eine andere Figur im arabisch-islamischen Sittengemälde - eine, die von Abir verkörpert wird. Abir, 32 Jahre alt, zierlich, dunkel, mit langen schwarzen Kunsthaaren, die sie sich für viel Geld hat anschweißen lassen. Sie wohnt allein in ihrer kleinen, sauberen Wohnung. An der Wand hängen pharaonische Motive, daneben große, weiße Bleistifte: Souvenirs von der Insel Rügen. Abir sitzt auf ihrer weißen Holzgarnitur mit den rosa Bezügen. Sie trägt kurze Hosen und ein rosafarbenes T-Shirt. Auf ihrem rechten Oberarm blitzt ein Sonnen-Tattoo, auf dem linken klebt ein Nikotinpflaster.
Das erste Mal heiratete Abir, als sie 23 war. Ihre Mutter war tot, der Vater bettlägerig, sie hatte sich bis dahin als Hausmädchen durchgeschlagen. Die Ehe war ein Alptraum, ihr Mann prügelte sie. Einmal schnitt ihr die Schwiegermutter die langen schwarzen Haare ab und hängte sie an die Wand - als Warnung. Sie ließ sich scheiden und arbeitete in einer Bar, in der sie reiche Ausländer kennenlernte.
Auf ihrem Wohnzimmertisch breitet Abir lächelnd Fotos aus, sie zeigen zwei glückliche Menschen, im Meer badend, auf einer Parkbank sitzend, beim Shoppen in Deutschland. Als Ingo, der Deutsche, sie nach drei Jahren immer noch nicht heiraten wollte, beendete Abir die Beziehung. Am Telefon. "Warum sollte ich mein Leben verschwenden?", fragt sie.
Es gibt auch Fotos von ihr und Luis, dem Amerikaner. Ein Jahr seien sie befreundet gewesen. Luis wollte sie mit in die USA nehmen, "ein wunderbarer Mann, er verwöhnte mich". Dann ging er, ohne sie. Sie überwarfen sich, Luis heiratete eine andere, und Abir brach zusammen. Als sie wieder bei sich war, verlor sie ihren Job als Kellnerin und machte, was sie schon vorher getan hatte. Sie verkaufte ihren Körper.
"Ägypter zahlen 200 Pfund (etwa 28 Euro), Saudis schon mal 1000 Pfund oder auch mehr", sagt Abir. "Von Ausländern bekomme ich 200 Dollar. Kondome sind Pflicht." Sie zeigt ihren jüngsten Aids-Test. Negativ. Ohne den hätte sie kein Visum für Deutschland bekommen. Heute hat sie Angst vor dem Alleinsein, sagt Abir, die Prostituierte. Ihre Geschwister sind fast alle verheiratet.
"Die Polizei macht dich fertig, auch ohne Grund. Es reicht schon für eine unverheiratete Frau, allein in einer Bar zu sitzen." Gefängnis und Prügel sind das mindeste. Wenn ein Paar in flagranti erwischt wird, bekommt nur die Frau Probleme.
Abir wünscht sich, so bald wie möglich zu heiraten. Sie sagt, sie habe gerade wieder einen Amerikaner kennengelernt. Mit ihm möchte sie zur Moschee gehen. Sie darf als Muslima ja nur einen Muslim heiraten. Er soll bald konvertieren und viel über ihre Religion erfahren.
Und dann gibt es nur noch eins: Ägypten verlassen.
AMIRA EL AHL, DANIEL STEINVORTH
Von Amira El Ahl und Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 42/2006
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