23.10.2006

AUSSENHANDELKleine Raupe für den Nimmersatt

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il hantiert nicht nur mit Atombomben aus eigener Produktion. Er hat auch ein Faible für deutsche Qualitätsarbeit.
Der Auftrag kam höchst überraschend. Die Vertriebsleute der Laupheimer Kässbohrer Geländefahrzeuge AG dachten anfangs an einen Scherz. Doch der Absender mit Sitz in der italienischen Hauptstadt meinte es durchaus ernst: Er wolle einen der deutschen Pistenbullys kaufen, Modell 100, kleinste Variante also, aber mit Mercedes-Benz-Motor. Der Kunde war Funktionär der nordkoreanischen Botschaft in Rom.
Was um alles in der Welt wollte das asiatische Armenhaus des kommunistischen Diktators Kim Jong Il mit einer deutschen Pistenraupe? Mit wem wollte der Machthaber da Schlittenfahren?
Im Juni 2003 lieferten die Württemberger. Der Kaufpreis von 98 000 Euro wurde zügig überwiesen. Eine deutsche Spedition schaffte das Fahrzeug schließlich in ein schneereiches Gebiet an der Grenze zu China. Wenige Tage später traf auch der Monteur von Kässbohrer ein. Service ist alles. Und so musste er unter ständiger Bewachung der Militärs bei frostigen Temperaturen das Raupenmonster zusammenbauen und danach dem Pistenwart Fahrunterricht erteilen. "Das war für ihn eine harte Reise", erinnert sich ein Kollege.
Härte ist relativ. Die Bevölkerung Nordkoreas wankt von Hungersnot zu Hungersnot. Doch während die Mangelwirtschaft regelmäßig für humanitäre Katastrophen sorgt, leisten sich der kleinwüchsige Diktator Kim, seine vergnügungssüchtige Entourage und verdiente Parteikader seit Jahren importierte Errungenschaften der westlichen Konsum- und Freizeitgesellschaft, inklusive der teuren Ausrüstung für das Skigebiet.
Nach dem unterirdischen Atombombentest in der vorvergangenen Woche dürfte der dekadente Lebensstil der skrupellosen Führungsriege jedoch nicht mehr ganz so unbeschwert fortzuführen sein. Der Uno-Sicherheitsrat verhängte wenige Tage nach der Explosion Finanzsanktionen sowie ein Embargo für Luxusgüter.
Damit soll der Diktator auch an seinem wunden Punkt getroffen werden: Kims Hang zur Völlerei kennt bislang keine Grenzen. Selbst Seeigel für 15 000 Dollar genehmigt sich der Liebhaber hoher Absätze und klobiger Sonnenbrillen mitunter, wie sein Leibkoch einst in einem Buch enthüllte.
Eine breite Auslegung des Begriffs "Luxusgut" könnte nun jedenfalls nicht nur die Schweizer Hersteller von Nobeluhren treffen, sondern auch das eine oder andere deutsche Unternehmen. Grund: Die hiesige Wirtschaft gehört zu den sieben wichtigsten Außenhandelspartnern Nordkoreas. Im Jahr 2005 beliefen sich die deutschen Exporte auf rund 51 Millionen Euro. Für die Bundesrepublik nicht viel, für Nordkorea schon.
Ein Blick in die detaillierte Außenhandelsstatistik beweist, dass sich die Deutschen längst nicht nur auf den Verkauf dröger Axialpumpen, Fräswerkzeuge oder Elektromotoren beschränken. Dort finden sich Lieferungen von Bier, Whisky, Gin, Wodka und Weißwein von der Mosel ebenso wie exportierte Kinderwagen, handgemachte Trinkgläser, Konzertflügel und Geigen, aber auch Christbaumschmuck, Kronleuchter und Bildhauerkunst. Unter den Rubriken "Ölgemälde, Aquarelle, Pastelle" sowie "Karusselle, Luftschaukeln, Schießbuden" werden gar regelmäßig Werte bis zu weit über einer Million Euro verbucht.
Alles für Kim? Ein Teil für seine Entourage und die ausländischen Diplomaten? Der Rest für Chinesen, die dank der durchlässigen Grenze ihre hohe heimische Importsteuer umgehen? Heikle Fragen, die hierzulande kaum jemand beantworten will. Selbst die Experten vom Ostasiatischen Verein in Hamburg weigern sich, das Phänomen zu kommentieren. Den neuen Bericht des Länderausschusses Nordkorea halten sie unter Verschluss.
Der Bremer Kaufmann Hans-Joachim Schnitger redet dagegen offen über seine Aktivitäten in Kims Korea. Mit seiner Firma Helia versorgt er weltweit Diplomaten mit Gütern. Seit Mai dieses Jahres beliefert er einen frischeröffneten Euroshop in Pjöngjang, wo auch gutbetuchte Nordkoreaner gegen Devisen "am liebsten deutsche Produkte wie Käse und Wurst kaufen", erzählt Schnitger. Markencognac gibt es bei ihm ab 30 Euro aufwärts.
"Im Dezember 2004 kam eine Anfrage der nordkoreanischen Botschaft in Berlin", erinnert sich der Kaufmann. Danach reiste gar ein Funktionär aus Nordkorea an und überprüfte die Bremer vor Ort. Jetzt hofft Schnitger auf eine Ausweitung des Geschäfts. "Das sind sehr nette Leute", lobt er seine Partner. "Zudem haben sie in Pjöngjang einen tollen Golfplatz mit einem sehr schönen Clubhaus."
Seine Ware lässt Schnitger von der Fuldaer Spedition Müller+Partner transportieren - so wie fast alle deutschen Exporteure. Der Agent in Pjöngjang arbeitete früher beim staatlichen Außenhandelsministerium Nordkoreas. Müllers Arbeit fußt auf den einst engen Beziehungen zur ehemaligen DDR-Außenhandelsorganisation, heißt es in Logistikkreisen.
"Zu Altvorgängen weiß ich nichts", blockt ein Geschäftsführer ab. Und zu den transportierten Gütern dürfe er nichts sagen.
Müller lieferte auch den Pistenbully. Die dazugehörigen Tellerlifte orderte die nordkoreanische Regierung dagegen in Österreich.
"Das Militär war vor Ort", sagt Ekkehard Assmann, Marketingchef des Bahnenherstellers Doppelmayr, "und hat bei den Bauarbeiten geholfen." Das ist das Komfortable an Diktaturen: Willige Arbeitskräfte gibt es meist genug. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 43/2006
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