23.10.2006

MUSIKTHEATERDoppelter Adler

Hollywoods Horror-Veteran William Friedkin ("Der Exorzist") inszeniert an der krisengeschüttelten Bayerischen Staatsoper „Salome“. Mindestens ein Kopf wird rollen.
Am Bühneneingang des Nationaltheaters in der Münchner Maximilianstraße, direkt gegenüber der Pförtnerloge, lehnt ein Fedex-Paket an der Wand. Es ist groß genug, dass eine Fahrradfelge hineinpassen würde. Adressat: "Bayerische Staatsoper, Hr. Mehta".
Herr Mehta ist allerdings verzogen. Zubin Mehta, 70, war bis diesen Sommer Generalmusikdirektor der Staatsoper, jetzt arbeitet er viel in Israel und Spanien. Mehtas Nachfolger ist der amerikanische Stardirigent Kent Nagano, 54, bisher Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin. Am Freitag dieser Woche leitet Nagano seine erste Münchner Opernpremiere im neuen Amt.
Tatsächlich kann man leicht den Überblick verlieren über das Spitzenpersonal der Bayerischen Staatsoper. So gab es dort im vergangenen Jahr plötzlich zwei Intendanten: Christoph Albrecht, ehemals Leiter der Dresdner Semperoper, sowie Klaus Bachler, noch Boss des Wiener Burgtheaters. Das bayerische Kunstministerium, für die Besetzung des Postens verantwortlich, hatte sich beim Vertragspoker für die Nachfolge von Amtsinhaber Sir Peter Jonas verzockt.
Das Debakel kostete die bayerischen Steuerzahler 600 000 Euro, drei Jahresgehälter, die der noch vor Amtsantritt geschasste Albrecht als Abfindung "fürs Nichtstun" ("Süddeutsche Zeitung") erhielt. Die Trennung, verkündete das Kunstministerium trocken, sei "billiger als eine verpatzte Neuinszenierung".
Mittlerweile hat sich Intendant Jonas verabschiedet, Nachfolger Bachler tritt erst 2008 an. Die Verantwortung für die Staatsoper (Jahresetat: 78 Millionen Euro) lastet bis dahin auf Kent Nagano, einem Mann mit der Ausstrahlung eines Indianerhäuptlings und dem Terminkalender eines Uno-Generalsekretärs. Im Nebenjob leitet Nagano ein Orchester in Montreal.
Für die Premiere am Freitag setzt der Dirigent auf eine Mischung aus Neu und Nummer sicher: Nach der Uraufführung von Wolfgang Rihms Monolog "Das Gehege" (nach einem Text von Botho Strauß) folgt, nach der Pause, der Klassiker "Salome" von Richard Strauss.
Veredelt wird das gediegene Spektakel (Kartenpreise bis 193 Euro) durch alten, ein wenig schmuddeligen Hollywood-Glamour: Regie führt nämlich Oscar-Preisträger William Friedkin, einst weltberühmt geworden mit dem Thriller "French Connection" (1971) und dem Horrorfilm "Der Exorzist" (1973). Darin sagt die 13-jährige Hauptdarstellerin Linda Blair Sätze wie "Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle". In einer Szene spuckt sie einem Priester einen Schwall Erbsensuppe ins Gesicht.
Fast ebenso legendär wie der Film sind die Anekdoten von den Dreharbeiten. Als etwa der Laiendarsteller William O'Malley, ein echter Priester, eine Szene auch beim zwölften Versuch nicht hinbekam, fragte ihn Friedkin: "Vertraust du mir?" Als der bejahte, verpasste der Regisseur ihm eine Ohrfeige. O'Malley guckte prompt so schockiert wie gewünscht. Anschließend fiel der Priester Friedkin weinend um den Hals und bedankte sich.
Viele dieser alten Geschichten seien "übertrieben", behauptet Friedkin heute. Er sitzt im Gastdirigentenzimmer des Münchner Nationaltheaters und löffelt - nein, keine Erbsensuppe - eine Gemüsecremesuppe. Über seiner Hose hat er als Serviettenersatz ein Handtuch mit der Aufschrift "Bayerische Staatsoper" ausgebreitet. Friedkin, 71, wirkt sehr friedlich. Er fragt nicht: "Vertrauen Sie mir?"
Er hat in den letzten Jahren mehr Opern als Filme inszeniert, in Italien, Israel und den USA; den Kritikern gefielen seine Ausflüge ins Musiktheater. "Lebendig, lustig, visuell beindruckend", lobte das Fachblatt "Variety" seine "Ariadne auf Naxos"-Deutung in Los Angeles. Dabei hatte der Regisseur, bevor er 1998 in Florenz sein Operndebüt mit Alban Bergs "Wozzeck" gab, noch nie eine Oper auf der Bühne gesehen. Seine Inszenierung müsse also "zwangsläufig originell" gewesen sein, scherzt Friedkin. Sogar Deutsch lernte er damals, vier Abende pro Woche, um das Libretto verstehen zu können. In München spricht Friedkin trotzdem lieber Englisch, auch bei den Proben, weil es "einfach schneller" geht.
Ein Wort sagt er allerdings auf Deutsch: "Adler". Der Raubvogel ist quasi das Wappentier der Münchner Inszenierungen. In Rihms "Gehege" besingt eine Frau (Gabriele Schnaut) einen von einem Tänzer gespielten Adler; am Ende tötet sie ihn mit einem Messer. Um den Adler in Friedkins "Salome" zu entdecken, braucht man mehr Phantasie: Aus dem kahlen Bühnenboden ragt ein riesiger schwarzer Klotz. Es sieht aus, als wäre ein Meteorit zwischen den Kulissen eingeschlagen. Tatsächlich soll das Ding einen Adlerflügel darstellen. Seine "Salome" spiele "in einer abstrakten, metaphorischen Welt", sagt Friedkin. "Ich siedele sie nicht im Golf-Krieg an."
Der große Skandal dürfte also ausbleiben. Selbst der laszive "Tanz der sieben Schleier", der "Salome" einst in Verruf brachte, wird eher keusch ausfallen. Nur "ein bisschen Striptease" verspricht Friedkin.
Bleibt als potentieller Aufreger die Kopfab-Szene am Schluss, ein Detail, das seit der aus Furcht vor Islamisten abgesetzten Berliner "Idomeneo"-Inszenierung nicht nur Opernfreunde interessieren dürfte, sondern auch Innenminister. In Strauss' Werk wird der Prophet Jochanaan enthauptet, weil er Prinzessin Salome, Stieftochter des Herodes, einen Kuss verweigert hat. Der Henker reicht Jochanaans Kopf in einer Silberschale, Salome ("Es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen") küsst ihn ab. Doch nekrophile Neigungen sind bei Hofe nicht erwünscht: "Man töte dieses Weib", befiehlt Herodes.
Bei den Proben spielte Salome-Sängerin Angela Denoke hingebungsvoll mit einem Kunststoffhaupt herum. "Mindestens ein Kopf" werde fallen, sagt Friedkin und lächelt, aber "nicht der von Mohammed".
Man wird Friedkin vertrauen müssen.
MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 43/2006
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