30.10.2006

RUMÄNIENZweifelhafter Kandidat

Er ist 48 Jahre alt, Ökonomieprofessor, schreibt Gedichte und soll - so der Wunsch der Regierung in Bukarest - das Balkanland künftig als EU-Kommissar vertreten: Varujan Vosganian. Ob es tatsächlich dazu kommen wird, ist allerdings mehr als fraglich; der Bewerber, den Rumäniens Premierminister Calin Popescu-Tariceanu vorige Woche präsentierte, steht in Brüssel unter heftigem Beschuss. In diskreten Gesprächen versuchte Kommissionspräsident José Manuel Barroso bereits, die rumänische Regierung von ihrem Vorschlag abzubringen. Vosganian sei europapolitisch völlig unbedarft, kritisierten die Sozialisten im EU-Parlament, er habe zudem eine "fragwürdige politische Vergangenheit". Fraktionschef Martin Schulz kündigte an, den Rumänen bei der parlamentarischen Anhörung Ende November "hart, aber fair" zu befragen. Tatsächlich pflegte Vosganian beste Beziehungen zum umtriebigen rumänischen Oligarchen Gorin Ovidiu Vantu. Dieser hatte vor einigen Jahren bei der Pleite eines großen Investmentfonds eine unrühmliche Rolle gespielt, Zehntausende Rumänen verloren ihre Ersparnisse. Noch heute beschäftigt der merkwürdige Absturz des Fonds die Gerichte. Auf internationalem Parkett ist der armenischstämmige Vosganian bisher kaum in Erscheinung getreten. Glaubt man rumänischen Quellen, hat der Mann mit dem gepflegten Kinnbart zeitweise ohnehin lieber im Verborgenen gewirkt: Danach soll er in den achtziger Jahren als Informant für die berüchtigte Geheimpolizei Securitate tätig gewesen sein. Das Bukarester Blatt "Jurnalul National" zitierte vergangene Woche einen ehemaligen Securitate-Führungsoffizier, der berichtete, Vosganian sei in seiner Amtszeit als Informant angeworben worden. Vosganian, der die Vorwürfe bestreitet, wäre nicht der erste prominente Politiker, der mit Ceausescus altem Unterdrückungsapparat in Verbindung gebracht wird. Erst im Sommer wurde Ex-Kultusministerin Mona Musca als Zuträgerin der Securitate enttarnt. Musca galt bis dahin in ihrer Heimat als Lichtgestalt und Inbegriff für politische Integrität.

DER SPIEGEL 44/2006
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RUMÄNIEN:
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