06.11.2006

VERTEIDIGUNGFünf im Denken

Der Bundeswehr fehlt fähiger Nachwuchs. Damit die Truppe auch in Zukunft noch einsatzbereit bleibt, wird bei der Auswahl nicht mehr so streng gesiebt.
Ein paar Dinge sollte man schon mitbringen, wenn man Fallschirmjäger bei der Bundeswehr werden will: den Willen zum Sprung, zum Beispiel, eigentlich wohl selbstverständlich. Ähnlich ist es bei Gebirgsjägern: Die sollten, so wünscht es die Truppe, idealerweise schwindelfrei sein.
Aber das ist es denn auch schon.
In der "Minimalwertetabelle" des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr werden die Fähigkeiten der Rekruten mit einem Punktesystem von Eins bis Sieben bewertet, zum Beispiel das Denkvermögen. Eine "1" erhalten die allerhellsten Köpfe, "4" ist Durchschnitt, danach wird es dunkel. Panzergrenadier-Kandidaten müssen hier mindestens Durchschnitt aufweisen, für Fallschirm- oder Gebirgsjäger reicht bereits eine Fünf im Denken.
Trotzdem fällt es der Bundeswehr immer schwerer, geeignetes Personal zu finden - selbst unter denen, die gar nicht viel Eignung mitbringen müssen. Wer seinen Wehrdienst freiwillig verlängern oder als Zeitsoldat dienen will, muss beispielsweise psychisch einigermaßen belastbar sein und eine gewisse "Verhaltensstabilität" mitbringen. Schließlich sollen die Soldaten beim Auslandseinsatz mit dem Druck zurechtkommen - ohne auffällig zu werden und mit Schädeln vom Gräberfeld zu posieren.
Für die einfachen Soldaten, die Mannschaftsdienstgrade also, reicht dabei schon eine "5" als Psycho-Bewertung, mithin knapper Durchschnitt. Das ist ein recht niedriger Anspruch, aber wohl immer noch zu hoch.
Seit Anfang Oktober hat die Bundeswehr die Standards deshalb gesenkt. Zur "Erleichterung der schwierigen Bedarfsdeckung", so heißt es in einem Papier des Verteidigungsministeriums, gelten nun neue Mindestwerte: Wer sich bereit erklärt, den Wehrdienst auf 23 Monate auszudehnen, wird selbst dann nicht abgelehnt, wenn seine soziale Kompetenz und die psychische Belastbarkeit mit einer Sechs, der zweitschlechtesten Bewertung, beurteilt wurden.
Das Problem ist im Kern demografischer Natur. Es gibt immer weniger 18- bis 21-Jährige, und von denen verweigert ein großer Teil den Wehrdienst. Im Jahr 2009 sind nach Bundeswehrschätzungen statt zuletzt 450 000 nur noch 350 000 junge Männer wehrpflichtig. In Ostdeutschland, wo die Truppe derzeit mehr als 40 Prozent ihrer Rekruten und freiwillig länger Dienenden gewinnt, wird sich die Zahl der möglichen Kandidaten auf 50 000 halbieren. Und von denen, die sich für eine Karriere in der Armee interessieren, genügen immer weniger den Erwartungen.
Die Konsequenz: einfach weniger erwarten.
Wer sich also beim Prüfgespräch als rücksichtslos, egoistisch und arrogant zeigt, wer unkooperativ wirkt, Denkblockaden hat und die "latente Bereitschaft" mitbringt, "soziale Normen zu missachten", der sammelt laut einer Bewertungshilfe für Bundeswehrpsychologen zwar jede Menge Minuspunkte - für den Dienst in der Truppe kann es aber trotzdem reichen.
Die Botschaft der Bundeswehr lautet: Wir nehmen jeden, zumindest fast jeden.
"Unverantwortlich" findet das Winfried Nachtwei vom Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Verteidigungsausschuss. Wolfgang Schmelzer vom Deutschen Bundeswehr-Verband protestiert: "Wir können nicht auf Schlüsselqualifikationen verzichten, nur um Lücken zu schließen."
Immerhin: Die Bundeswehr nimmt nicht jeden mit auf ihre weltpolitisch heiklen Missionen. Wer aus psychologischer Sicht ungeeignet scheint, dürfe zwar freiwillig länger dienen, sagt ein Ministeriumssprecher. Für diese Klientel gebe es sogar eigens gekennzeichnete Stellen - vorsichtshalber sind die aber alle im Inland. Nach Afghanistan oder in den Kongo kommen nur die Besseren.
"Natürlich ist ein Job bei der Bundeswehr gerade für den arbeitslosen Jugendlichen besonders attraktiv", sagt Oberst Olaf Bendrat vom Zentrum für Nachwuchsgewinnung Ost. Bei Bendrat müssen sich jene bewerben, die Zeitsoldat werden wollen. In Soldatenforen im Internet lässt sich nachlesen, wie sich Bewerber auf den Test vorbereiten. Ein Tipp zum Beispiel lautet: "Was zusätzlich nicht schlecht ist, wenn du den Namen des amtierenden Bundeskanzlers kennst und Sonstige, die so an der Macht sind, was natürlich auch den Verteidigungsminister mit einschließt."
Rund 40 Prozent der Bewerber zum Zeitsoldaten sind den Fragebögen und Tests nicht gewachsen und fallen durch. Denen bleibt nur, sich für den freiwillig verlängerten Wehrdienst zu melden. Wer sich auf bis zu 23 Monate verpflichtet, hat die Chance, Auslandszuschläge zu kassieren. Er wird halt nur keine Karriere machen.
Ohne die jungen Männer, die ihren Wehrdienst ausweiten, wären die Auslandseinsätze gar nicht mehr zu stemmen. Etwa jeder dritte Posten im Mannschaftsdienstgrad wird von einem dieser willigen Rekruten besetzt. Und jeder zweite davon kommt aus dem Osten. Für viele ist die Verlängerung ihrer Bundeswehrzeit kein Traum, sondern die letzte Chance.
"Heute sitzen mehr Männer hier, die unbedingt tauglich sein wollen", erzählt Sibylle Teichert, Medizinaldirektorin im Kreiswehrersatzamt Hannover. Trotz Übergewicht und schlaffer Muskeln schaffen es viele durch die Musterung: Männer mit Kreislaufproblemen, mit Knieschäden, mit einem Loch in der Herzscheidewand.
Zudem beherrschten viele Soldaten, so klagt ein Unteroffizier, "die einfachsten Bewegungsabläufe nicht". Doch wer einmal gemustert sei, fliege so schnell nicht mehr raus. ULRIKE DEMMER, ANSBERT KNEIP
Von Ulrike Demmer und Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 45/2006
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