06.11.2006

BERUFEQuincys Erben

Quotenstarke TV-Serien wie „CSI“ und „Crossing Jordan“ sorgen für Nachwuchs am Obduktionstisch. Schon Schüler bewerben sich um Praktika in der Rechtsmedizin.
Die wirksamste Waffe von "CSI"-Agent Nick Stokes ist das Wattestäbchen. Zwei Stück reichen zuweilen, um ein Verbrechen aufzuklären: Mit dem einen sicherte TV-Held Stokes auf der Brust einer Prostituierten Reste von K.-o.-Tropfen. Mit dem anderen tupfte er im Mund eines ausgeraubten Freiers herum. Der Vergleich der Proben führte nach 45 Minuten zum forensischen Volltreffer: Das kriminelle Callgirl hatte seinen Kunden betäubt und dessen Brieftasche geleert.
Stefanie Ritz-Timme, 44, hat generell nichts gegen Wattestäbchen, trotzdem wäre der adrette Ermittler aus der Serie "Crime Scene Investigation", kurz "CSI" genannt, bei ihrer nächsten Klausur glatt durchgefallen. "Man müsste zuerst Blut und Urin untersuchen", erklärt die Chefin der Rechtsmedizin den Studenten am Universitätsklinikum Düsseldorf und stoppt den Film bei der Labor-Szene. "Im Speichel lassen sich die Tropfen nur selten nachweisen."
Zwar stimmt das, was in Hollywood gedreht und was in Hörsälen gelehrt wird, nicht unbedingt im Detail überein. Aufs Publikum wirken amerikanische Krimi-Serien wie "CSI: Den Tätern auf der Spur", "Medical Detectives" oder "Crossing Jordan - Pathologin mit Profil" jedoch wie eine mächtige PR-Kampagne für eine einst als freudlos empfundene Ärzte-Disziplin: Immer mehr Medizinstudenten interessieren sich für Rechtsmedizin oder Pathologie, die jeweiligen Institute erhalten Anfragen nach Schüler-Praktika en masse.
"Das Sezieren von Ratten macht mir im Bio-Leistungskurs viel Spaß, daher würde ich gern ein Praktikum in der Rechtsmedizin absolvieren", schreibt eine Gymnasiastin an Direktorin Ritz-Timme. Ein ganzer Stapel solcher Bewerbungen türmt sich auf ihrem Schreibtisch, in ihrer beliebtesten Vorlesung mit dem Titel "Wie arbeiten ,CSI'-Agenten wirklich?" wird wohl auch im Wintersemester kein Sitzplatz frei bleiben. "Die Serien sind ja nicht schlecht recherchiert, doch die Realität sieht anders aus."
So bemüht sich Ritz-Timme, wenigstens mit den gängigsten Klischees aufzuräumen: "Wir sind keine Agenten, die ständig am Tatort rumspringen. Und eine toxikologische Untersuchung dauert eben nicht ein paar Minuten, sondern mitunter ein paar Monate." Ein anderes, oft wiederkehrendes Missverständnis ist die Verwechslung des Pathologen mit dem Rechtsmediziner. Die Pathologie seziert zwar auch, aber ihr Ziel ist es, Krankheiten zu erforschen, statt Mörder zu überführen.
Als spannenden Stoff entdeckt hat das deutsche Fernsehen die Leichenbeschauer bereits in den Achtzigern mit der Serie "Quincy". Doch während Jack Klugman in der Rolle des kalifornischen Gerichtsmediziners als väterliche Figur daherkam, sind seine Erben jung, smart, sexy - und oft weiblich. Die TV-Heldin in Weiß ist ganz emanzipierte Wissenschaftlerin, spricht mitleidsvoll zu den Toten und absolviert neben der DNA-Analyse noch einen Flirt. "Besonders junge Frauen scheinen durch die Serien auf den Geschmack gekommen zu sein", sagt Wolfgang Eisenmenger vom Rechtsmedizinischen Institut in München. "Wir erhalten gut ein Drittel mehr Bewerbungen als vor diesem Serien-Boom."
Wohin die Entwicklung gehen könnte, zeigt ein Blick in das Heimatland von Quincy & Co.: Vor sieben Jahren studierten an der West Virginia University nur 4 Studenten eines der forensischen Schwerpunktfächer. Fünf Jahre später waren es bereits mehr als 400. Für Deutschland lässt sich der Trend bei Studienanfängern nicht so leicht in Zahlen fassen, da sich die Facharztausbildung zum Rechtsmediziner oder Pathologen erst an das klassische Medizinstudium anschließt. Krimi-Fans, die hierzulande Detektivarbeit am blanken Stahltisch leisten wollen, stecken zurzeit mitten im Hauptstudium.
Wie zum Beispiel Nicole Gläser aus Erlangen, achtes Semester, am liebsten sieht sie die Episoden aus Las Vegas mit "CSI"-Agent Stokes. Die Studentin hat eine Famulatur in der Rechtsmedizin absolviert, schwärmt von Gerichtsterminen und gibt zu, dass das Fernsehen "an meinem Traumjob sicherlich nicht unschuldig ist". Sie sei stark an der wissenschaftlichen Seite der Arbeit interessiert, "ich muss nicht Notarzt werden und Menschenleben retten", so die 24-Jährige.
Ob ihr Traum indes in Erfüllung geht, ist keineswegs sicher. "Die Aussichten, eine feste Stelle zu ergattern, sind äußerst gering", warnt Stefan Pollak. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin sieht die aktuelle Entwicklung skeptisch: "Wir brauchen nicht noch unnötige Werbung durch solche Serien."
Für mehr Personal gibt es in den rechtsmedizinischen Instituten zwar objektiv Bedarf, doch die Planstellen werden knappgehalten. Experten schätzen, dass jährlich mehr als 2000 Tötungsdelikte unentdeckt bleiben, weil Staatsanwaltschaften die teuren Autopsien scheuen.
Dabei wäre Nachwuchs mit einer Portion Fernsehwissen an manchem Obduktionstisch durchaus hilfreich. Schließlich orientieren sich mitunter auch Täter an den einschlägigen Filmen. In der oberpfälzischen Kleinstadt Waldmünchen beispielsweise ermordete 2004 ein junger Mann seine Kollegin und verwischte die Spuren mit wissenschaftlicher Akribie - nach dem Vorbild der TV-Serie "Profiler". SIMONE KAISER
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 45/2006
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