06.11.2006

ITALIENTödliches System

Zwölf Morde binnen weniger Tage und ein untergetauchter Schriftsteller: In Neapel macht das organisierte Verbrechen das Gesetz. Premier Prodi verspricht den „Umbau des Staates“.
Es ist gefährlich für einen Schriftsteller, zu dicht an der Wahrheit zu schreiben. Vor kurzem noch saß der 28-jährige Autor Roberto Saviano an der Piazza Dante in Neapel und erzählte, wie Stadtverwaltung und Camorra in Symbiose lebten. Wie eine Kultur der Komplizenschaft und der Resignation gegenüber dem Verbrechen seine Stadt zerfresse. Inzwischen ist Savianos Erstlingswerk "Gomorra" der Bestseller dieses Herbstes. Das Buch über die Untergrundökonomie liegt in Italien überall aus. Nur Roberto Saviano ist verschwunden.
Es fing damit an, dass ihm in einer Filiale der neapolitanischen Pizzeriakette "Rosso Pomodoro" erklärt wurde, er sei "hier nicht erwünscht". Dann wurden die Drohungen deutlicher. Seit einigen Wochen lebt der Schriftsteller unter Polizeischutz an einem geheimen Ort, weit entfernt von Neapel. Die Unterwelt dort ist derzeit zu gereizt, um sich ausführlich beschreiben zu lassen. Und sei es literarisch.
Seit dem 22. Oktober sind im Stadtgebiet Neapels zwölf Menschen getötet worden. Ein 16-Jähriger erstickte seinen Nebenbuhler. Ein Nachwuchskicker starb, weil er mit einem Clanchef verwandt ist. Im Vorort Acerra wurde ein Sänger erschossen, in einem Sportgeschäft eine 45jährige Mutter, die vergangenes Jahr schon ihre beiden Söhne an die Camorra verloren hatte. Staatspräsident Giorgio Napolitano gelobte, seiner Geburtsstadt in diesen "schlimmsten Tagen seit langem" beizustehen. Eine halbe Stunde nach der Erklärung lagen zwei Hingerichtete vor der Kaserne der Finanzpolizei von Torre del Greco.
Nicht alle Toten sind dem "System" zuzurechnen, wie die neapolitanische Mafia, die Camorra, genannt wird. Und Lokalpolitiker weisen tröstend darauf hin, dass es im Vorjahr noch schlimmer gewesen sei.
Doch darum geht es nicht. Der Schrecken, der dem Land in die Glieder gefahren ist, ist der Schrecken des Déjà-vu: Nichts hat sich also geändert seit dem letzten Krieg der Clans in der Millionenstadt am Fuße des Vesuv. Wieder liegen Jugendliche in Blutlachen, wieder hat niemand etwas gesehen, und im Hintergrund häufen sich immer noch die Müllberge, als hätte sich der Staat aus dieser Stadt verabschiedet. Der alte Giorgio Bocca, Widerstandskämpfer und Publizist, sagt dazu nur: "Die Camorra hat gewonnen."
Ein Polizeibericht meldete kürzlich, dass inzwischen kein Bezirk Neapels mehr als befriedet gelten könne. Der Stadtreferent für Kultur, Nicola Oddati, ist ebenso mitten in der Stadt beraubt worden wie die oberste Jugendrichterin Luciana Izzo.
Im August wird einem amerikanischen Touristen die Videokamera entrissen. Beherzte Anwohner sorgen dafür, dass der Täter dem Griff des Überfallenen heil entkommen kann.
Im Oktober kommt es zu einem Flughafenstreik, nachdem ein Crew-Bus auf dem Weg zum Terminal überfallen und ausgeraubt worden war.
Die Camorra hat laut Saviano fünfmal mehr Mitglieder als die Mafia. Sie ist netzartig aufgebaut, ohne "Boss der Bosse", und deshalb flexibel und unberechenbar. Wenn die Mafia ein Staat im Staate ist, dann ist die Camorra ein Staat gegen den Staat.
Der Schriftsteller Roberto Saviano ist in diese Gegenwelt eingetaucht, monatelang. Er hat erfahren, wie edle Modehäuser in Symbiose mit den Sweatshops der Clans leben. Wie der Staat mit den Abfallunternehmen der Camorra kollaboriert. Wie die neapolitanische Mafia durch Drogenhandel und viele andere illegale Aktivitäten - man spricht von 16 Milliarden Euro Jahresumsatz - längst in mittelständischen Unternehmen arbeitet, in Bauunternehmen, Schuhfabriken, Recyclingfirmen, Hotels.
Vincenzo "Enzo" Prestigiacomo war ein harmloser Junkie, den jeder im Viertel Sanità kannte und der mit Mutter, Frau, drei Kindern in einer Parterrewohnung in der Via Luigi Settembrini wohnte. Am vergangenen Montag lag er zwischen der "Algida"-Eistruhe der Marino-Bar und dem Muttergottesschrein im St.-Gennaro-Tor, tot, hingerichtet von zwei Killern auf einem Motorrad. Sie trugen - das ist ungewöhnlich in Neapel - Integralhelme und entkamen unerkannt. Prestigiacomo hatte
sich nichts zuschulden kommen lassen. Nur trägt seine Frau Celeste den falschen Mädchennamen: Misso.
Peppe "Langnase" Misso ist der Camorra-Chef des Stadtzentrums von Neapel, ein alter Mann, der der militanten Rechten nahesteht und seit vielen Jahren im Gefängnis sitzt. Die Enttäuschung seines Lebens war die Homosexualität seines einzigen Sohnes. So musste er seine Neffen als Nachfolger aufbauen, drei Brüder mit den Kampfnamen Emiliano Zapata, Ben Hur und Jesus von Nazareth.
Zapata ist im Februar verhaftet worden. Die Ermittler vermuten deshalb, eine andere Camorra-Familie, die Sequino-Torinos, wollten die Schwächung der Missos ausnutzen und ihr Drogengeschäft erweitern. Eine andere Quelle meint, die jungen Missos hätten den Drogenhandel im Innenstadtviertel Sanità neu ordnen wollen, gegen den Willen des Alten. Schließlich war der Tote auch mit dem Torino-Clan verwandt. Auf jeden Fall war der Tod des Vincenzo Prestigiacomo an der Porta San Gennaro keine Rache. Nur eine Botschaft.
In der mit Papstfotos und wehmütigen "Bella Napoli"-Drucken tapezierten Pizzeria vor dem Tatort stehen vier Kellner, vor sich ausgebreitet die Morgenausgabe des "Il Roma". Sie kannten den Toten. "Panne? Ein Toter ist nie eine Panne", meint Salvatore. "Das gibt eine Reaktion", sagt sein Kollege. Er fürchtet, dass wieder Unschuldige unter den Opfern sein werden wie beim letzten Clankrieg, in den Randbezirken Scampia und Secondigliano.
Damals, zum Jahresbeginn 2005, hatten Abtrünnige des Di-Lauro-Clans ihrem Chef einen Teil der Drogeneinnahmen verweigert und waren vom Juniorboss mit bis dahin unbekannter Brutalität verfolgt worden. Der Bürgerkrieg in den Vorstädten forderte über hundert Tote. Aber die Treulosen behielten ihre Pfründen.
Das hätte, meint Saviano, andere Camorristen ermutigt, es ebenfalls mit der
Selbständigkeit zu versuchen. Man müsse nur mit derselben Brutalität zuschlagen, so die Lehre. Der Autor ist in seinem Versteck dieser Tage nur für wenige Freunde zu erreichen. Sie erzählen, es werde noch viele Tote geben in diesem Jahr.
Premierminister Romano Prodi kam am Totengedenktag nach Neapel, einem windigen, kalten Donnerstagmorgen. Die Regierung in Rom musste sich Kritik anhören, sie habe durch ein Amnestiegesetz die Kleinkriminellen wieder auf die Straße gebracht und mit ihrem Sparhaushalt die Städte finanziell stranguliert.
Rom werde Neapel nicht aufgeben, sagte Prodi und kündigte einen weiteren umfassenden "Plan für Neapel" an, "einen Umbau des gesamten Staates und nicht allein der Polizei". 1350 Beamte sollen aus den Büros auf die Straßen abkommandiert oder neu eingestellt werden. Die Videoüberwachung des Zentrums wird ausgebaut. "Das Militär ist zur Stunde nicht notwendig", erklärte Prodi den Bürgern der Stadt. Es sollte beruhigend wirken.
Der Staatsanwalt Raffaele Cantone fordert statt des Heeres Arbeitsbedingungen, die denen der Camorra gleich- kommen: "Es kann nicht klappen, wenn in den Büros Kopierpapier fehlt und in den Autos der Justizpolizei kein Benzin ist." Vicenzo Di Lauro, Sohn des Superbosses von Scampia, wurde versehentlich freigelassen, weil die Fotokopie seiner Anklageschrift nicht zu lesen war.
Innenminister Giuliano Amato versprach bei seinem Besuch am Freitag Besserung und schickte zusätzliche 1000 Polizisten. Zuvor hatte er den illegalen Mopedfahrern Neapels den "wütenden und erbarmungslosen" Krieg erklärt, würden doch die meisten Verbrechen von nicht ordnungsgemäß angemeldeten Motorrädern aus verübt.
An der Kirche St. Maria Donnaregina wohnt, hinter einer Tag und Nacht beleuchteten Stahltür, ein Greis mit zurückgekämmtem Haar und braunen, hasenartig vorstehenden Schneidezähnen: Umberto Misso, einst Herrscher über den neapolitanischen Tabakschmuggel und Bruder des inhaftierten Paten Peppe "Langnase" Misso. Auch Umberto Misso hat 20 Jahre abgesessen. Tags zuvor hat er seinen Schwiegersohn Vincenzo begraben - "ohne kirchliche Zeremonie", wie er erwähnt. "Ich bin zerstört und müde", sagt er. Und dass es so etwas früher nicht gegeben hätte.
Am vergangenen Dienstag tat Misso etwas, dessen er sich immer geschämt hätte. Er ging zur Polizei. Er erstattete Anzeige gegen diejenigen, die er für die Mörder seines Schwiegersohns hält. Das hätte er früher nie getan. Es sind eben härtere Zeiten, jetzt. ALEXANDER SMOLTCZYK
* 2. v. r., am vergangenen Donnerstag mit dem Präfekten von Neapel, Renato Profili (r.).
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 45/2006
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