06.11.2006

Das Genie der Karpaten

Global Village: Ceausescus Heimatort zittert vor der Diktatur der EU-Bürokraten.
Am Rand von Scornicesti steht, hinter alten Walnussbäumen verborgen und holzschindelgedeckt, eine verlassene walachische Bauernkate. Mit Fußböden aus gestampftem Lehm, offener Feuerstelle, zwei kargen Räumen.
Das Haus bewacht Emil. Ein Mann von Ende vierzig, blauer Trainingsanzug, wirres schwarzes Haar. Einer, der aussieht, als sei er in stillem Gleichklang mit seiner Umgebung langsam verwildert. Hinter der Tür zur eisigen Diele des Nebengebäudes brüht er Kaffee und erzählt von seinem Leben.
Emil Barbulescu war als Chef von Polizei und Geheimdienst bis zum Sturz der Kommunisten 1989 der starke Mann im Bezirk. Emils Vater war Erster Parteisekretär, die Mutter überwachte das Bildungswesen. Emils Onkel, in der Bauernkate gleich nebenan geboren und bis zu seinem Tod häufiger Gast, war das "Genie der Karpaten" - Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu.
Wie Ceausescus Geburtshaus sahen in Scornicesti alle Häuser aus. Bis der "Titan unter den Titanen" in den Achtzigern von "agro-industriellen Komplexen" zu träumen begann, bis Emils Vater Baubrigaden in Marsch setzte, um Bauernhäuser niederzureißen und durch Dreistöcker zu ersetzen. Während Emil selbst darüber wachte, dass es bei alledem ruhig blieb im Ort.
Auf wenige Meter an Ceausescus Geburtshaus sollte in der Modellstadt Scornicesti 130 Kilometer westlich von Bukarest das moderne Rumänien mit glücklichen Landarbeitern in kommunalen Wohnblocks heranrücken. Dahinter allerdings hat das alte Rumänien überlebt - mit Bauern, die die Scholle aufreißen und Schweine abstechen wie seit Hunderten von Jahren.
Andruta Ceausescu, den Patriarchen der Bauernsippe, haben sie auf einem Wandgemälde zwischen Ikonen in der Friedhofskirche verewigt. Wohl auch, weil er sich mit den Kommunisten anlegte, als ihm in den Fünfzigern die Ochsen weggenommen werden sollten. Nicolae, sein Sohn, aber hat die Parteilinie nach seinem Aufstieg zur Macht 1965 verteidigt. Und Emil, der Enkel, erlebt nun, wie sich vor seiner Haustür, auf gerade rückübertragenen Böden, die nächste Zeitenwende ankündigt. Abgesandte aus Straßburg oder Brüssel erscheinen neuerdings in Scornicesti und prüfen Betriebe. Flugblätter kursieren, auf denen steht, viel Geld warte auf die Menschen hier, wenn sie nur mit der neuen Zeit gingen. Wenn sie sich Kühltanks anschafften für ihre Milch, Eier prüften und Schweine nicht mehr ausbluten ließen nach Väter Sitte - drei bis vier kräftige Männer halten das Tier, und einer setzt ihm das Messer an den Hals.
Nun sollen Ruheräume in den Schlachthöfen her, damit das Schwein während seiner letzten Lebensstunden Stress abbauen kann. So, wie in der EU üblich - der Gemeinschaft, der Rumänien am 1. Januar beitreten wird. Die Bauern von Scornicesti rätseln noch. "Mein Schwein ruht sich den ganzen Sommer lang aus. Es hat keinen Stress", sagt Ioan Dinescu.
Dinescu hat schon das Vieh von Ceausescus Vater gehütet und bewohnt jetzt eine Hütte, die mit knapper Not Platz zum Schlafen und Stehen bietet. Der Schwarzweißfernseher im Schlafzimmer hat den Dienst eingestellt, Dinescu hat deshalb auch sonntags morgens Zeit für seine Tiere - wenn bis zu 60 Prozent der Rumänen die von der EU mitfinanzierte Sitcom "Der Weg nach Europa" sehen. Und dabei lauschen, wie ein Häuflein vermeintlich landestypischer Knallchargen Folgen und Chancen des EU-Beitritts erörtert.
Lohnt es, schon jetzt eine Schneckenfarm zu gründen, um ab 1. Januar Europas Feinschmecker-Märkte zu erobern? Kann es sein, dass die EU Mindestlebensraum für Zuchtvieh fordert, wo doch in Rumänien nicht einmal der Platz für Sträflinge reicht? Statt der vom Europarat empfohlenen sechs Quadratmeter für eine Einzelzelle werden im Landesschnitt sechs Kubikmeter und Stockbetten geboten.
Die kleinen Bauern, sagt der Bürgermeister von Scornicesti, werden sich umstellen müssen. Etwa 80 Prozent der rumänischen Landwirtschaftsbetriebe bearbeiten weniger als fünf Hektar. Beweiden dabei Karpaten-Almen und treiben Schafe durch die Baragan-Steppe, bauen im walachischen Flachland Pyramiden aus Maisstroh und treiben Schweine zwischen Rebstöcken durch die Vorgärten. Die kleinen Bauern kämpfen ums Überleben, aber noch halten sie das alte Herz Rumäniens am Schlagen.
Am Ortsrand von Scornicesti hat derweil schon die Neuzeit begonnen. In der für 1,6 Millionen Euro sanierten Fleischfabrik zersäbeln Arbeiter in EU-konformen Schutzanzügen Rinderhälften aus Brasilien und Schweine aus Polen wie aus Deutschland. Im ganzen Betrieb ist nur noch das Eichenholz, das zum Räuchern der Würste verfeuert wird, rumänischer Herkunft.
Transport und Importsteuern inbegriffen seien die Einfuhren vom Amazonas oder aus Massenaufzuchten des Oldenburger Lands noch deutlich billiger als rumänisches Fleisch - die Regierung in Bukarest stelle zu wenig Subventionen bereit, sagt der Fabrikbesitzer.
Ceausescus Neffe Emil blinzelt derweil auf seinen Weingarten. Er wäre schon zufrieden, wenn er wegen der 100 Liter, die die Rebstöcke vor dem Geburtshaus des toten Führers aller Rumänen jährlich abwerfen, nicht Ärger mit der EU bekäme. Erlaubt und steuerlich begünstigt ist ab 1. Januar nur noch die Hälfte - 0,13 Liter Obstschnaps täglich genehmigen Brüssels Experten zum Privatverbrauch.
Fast sehe es so aus, sagt Emil Barbulescu spöttisch, als ob mit dem Segen der EU-Bürokratie nun doch noch vollendet werden könnte, was Nicolae Ceausescu in Angriff nahm: die Abschaffung des rumänischen Kleinbauern unter dem Banner des Fortschritts. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 45/2006
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