06.11.2006

LITERATURBöse Hexe, gute Fee

Eine amerikanische Familiensaga in Miniaturen: Donald Antrim hat ein Traum- und Alptraumbuch über seine Mutter geschrieben.
Glückliche Familien kommen ja längst nur noch bei Rosamunde Pilcher vor, und sie gleichen einander bis zum Überdruss. Den übrigen gibt, wie man sagt, ihr je eigenes Unglück ihre je eigene Identität. Während seiner einsamen Kindheit mit der jüngeren Schwester, an die sich Donald Antrim erinnert - das Elternhaus ein Kleinkriegsschauplatz, von dem er als 16-Jähriger floh -, hatte er für das Unglück, für die Unberechenbarkeit des Tagtäglichen und die Unwetter der mütterlichen Hassausbrüche kein Wort*.
"Früher staunte ich darüber, dass mein Vater meine Mutter ertragen konnte. Ich fand dieses Märtyrertum, wie ich es damals sah, ehrenhaft. Mir schien, dass unsere Familie von einem düsteren, unbegreiflichen Schicksal bestimmt wurde. Es war jedoch nicht unbegreiflich, und es war auch nicht das Schicksal, das uns bestimmte. Es war der Alkohol."
Der amerikanische Schriftsteller Donald Antrim, Jahrgang 1958, hat sich mit drei satirischphantastischen Romanen bei sei-
nesgleichen den Ruf eines Exzentrikers der Virtuosenklasse erworben; zwei dieser Bücher - übersetzt unter den angemessen verqueren Titeln "Die Beschießung des botanischen Gartens" und "Ein Ego kommt selten allein" - haben auch hierzulande entzückte Liebhaber gefunden. Seinen ersten Roman hatte Antrim (ohne besonderen autobiografischen Bezug) seinen Großeltern gewidmet, den zweiten seinem Vater und dessen Bruder; verständlich, dass seine Mutter ihn in einer schwachen Stunde, dem Tod schon nah, fragte, ob sie denn auf die Widmung des nächsten hoffen dürfe. Der Sohn - wie immer, wenn sie ihn bedrängte - wich aus: "Es muss das richtige Buch sein." "Das verstehe ich nicht, Don", sagte sie. "Ich werde sterben." Und er: "Ach, Mom."
Antrims viertes Buch ist nun das richtige. Es ist seiner Mutter gewidmet, heißt auf Deutsch "Mutter. Kein Roman" (im Original "The Afterlife. A Memoir"), nennt in den ersten Zeilen als Ausgangspunkt ihren Tod "an einem schönen Sonntagmorgen im Monat August des Jahres 2000" und fügt eine kleine Skizze von Sterbezimmer, Sterbehaus und Ort hinzu: Black Mountain, North Carolina, keine liebliche Gegend. Doch von dieser ersten zartfarbigen Miniatur an übt die erzählende Erinnerungsarbeit, die Donald Antrim unternimmt, eine ganz eigene Suggestion aus, den Zauber der Unwiderstehlichkeit.
Kurze Frage: Was soll uns diese Louanne Antrim angehen, die eine Frau von Esprit, gewinnendster Lebhaftigkeit und Attraktivität gewesen sein soll, doch auch die Intoleranz und Unausstehlichkeit in Person, dazu eine Rabenmutter, wie sie im Märchenbuch steht, und wohl nur in ihrer wahnhaft-besoffenen Selbstüberschätzung eine Künstlerin, die erst in einer künftigen Kultur Anerkennung finden wird? Ganz einfach: Diese Unglücksmutter Louanne Antrim mit all ihren Exzessen und Verzweiflungen bewegt und rührt und fasziniert uns durch die Kunst, mit der ihr Unglückssohn Donald sie als Herzstück eines wunderbar dicht geknüpften, vielsträngigen Familienromans verewigt hat, dessen Personal sich unstet zwischen den kargen Tälern der Appalachen und den üppigen Küsten Floridas bewegt.
Die Eltern, früh verheiratet, lassen sich bald scheiden, heiraten abermals und trennen sich wieder. Akademisches Südstaatenbürgertum; ein Paar, das der Alkohol gleichermaßen verbindet und zerreißt; der Vater Literaturwissenschaftler, die Mutter Dozentin für Kostümgeschichte, Modedesign und Textilkunde, die sich in ihrem Job trotz ihrer "opernhaft selbstmörderischen" Trinkerei jahrelang behauptet: für den kleinen Donald eine Kindheit voller "Wanderungsbewegungen und Umzüge, Treubrüche und Versöhnungen, Wiedervereinigungen, Trennungen, erneuter Umzüge und Krankenhausaufenthalte" mit dem bunten, dschungelhaften Miami als
Lebensmittelpunkt - eine Kindheit, geprägt von der Angst, "niemals zu erfahren, wie man einen anderen Menschen liebt".
Antrim ist kein Epiker, sondern ein Miniaturist. Seine taschenspielerische Eleganz, das Erzählziel scheinbar auf Abwegen wieder und wieder aus dem Blick zu verlieren, verwandelt die Art von Schwarzweißstoff, wie sie ein dickleibiges Familienfotoalbum bergen mag, in farbensattes Spielmaterial: detaildichte Landschaftsbilder, die wie Veduten leuchten; Selbstironie und ein jäher Slapstickhumor, wenn die Trauerarbeit allzu schmerzhaft wird; eine Chronik ohne Chronologie aus lauter Exkursen und Anekdoten.
Bei Gelegenheit lässt er sich Zeit für die unstandesgemäße und also unerfüllte Jugendliebe der Großmutter väterlicherseits zu einem Studenten karibischer Provenienz. Ein anderes Mal verweilt er auf einer landschaftlich reizvollen Exkursion durch die Smoky Mountains bei einem hinterwäldlerischen Fall von Blutrache, mit dem einst sein Großvater mütterlicherseits als Studienberater zu tun hatte.
Dann wieder macht er in einem erzählerischen Zauberkunststück aus dem Inventar des abenteuerlich vollgestopften Autokofferraums seines Onkels Eldridge ein veritables Porträt dieses knorrigen Junggesellen: Als Junge hielt Donald den Eigenbrötler für einen tollen Hecht, nun aber, mit etwas Sentimentalität zurückschauend, erkennt er in ihm einen weichen, ängstlichen Tagträumer, dessen Gefühlsleben in Kindlichkeit steckengeblieben war - einer mehr aus der weitverzweigten Sippe, der sich früh und einsam nach seiner Fasson zu Tode gesoffen hat.
Antrims "Mutter" ist ein heiteres Buch, doch seine Intensität kommt aus Bitterkeit und tiefem Schmerz. Auch als der Sohn schon seit Jahrzehnten fern in Brooklyn lebt, ist die Mutter - in der Angst vor ihr und in der Angst um sie - stets gegenwärtig. Die Mutter ist nah, wenn es um die grotesk-komische Suche nach dem unübertrefflichsten aller Betten geht, das er, als Akt der Befreiung, sich gleich nach ihrem Tod zu kaufen beschlossen hat; und die Mutter ist spürbar, wenn der Sohn ihrem späten Gefährten quer durch New York bei der Fahndung nach einem verschollenen, ja schimärenhaften Gemälde hilft, das angeblich von Leonardo da Vinci stammt.
Die Figur dieser Mutter, der gelernten Schneiderin und akademischen Haute-Couture-Expertin, gewinnt bewegenden Glanz in Antrims Beschreibung des kunstreichsten der textilen "Kunstwerke", die sie - endlich ohne Alkohol, doch aufgeputscht von Kaffee und Zigaretten - in ihren letzten Jahren geschaffen hat. Antrim nennt dieses vielfarbig aufblühende, geflügelte und mit Schmuck übersäte Prachtkleidungsstück einen Kimono; es hätte auch, mit Mond und Sternen verziert, das Zeremonialgewand einer Fee, einer Hexe oder Schamanin sein können oder noch besser - da diese Monstermutter ja zugleich niemals aufhörte, "ein Kind zu sein" - wie ein Mantel die Welt selbst, "die dieses Kind bewohnt, eine Welt voller Märchenbuchtiere, die darauf warten, die Heldin auf ihrer Reise in die Ewigkeit zu begleiten". Antrim betet sie an.
Kann es sein, dass der Schmerz dieser Frau, wie sie wohl selbst meinte, damit begann, dass sie sich von ihrer Mutter nie geliebt fühlte, und dass sie diesen Schmerz an ihren Sohn weitergegeben hat? Was passiert, fragt er sich, "wenn das Martyrium des Verlassenwerdens das Leben selbst ist"? Er war bei ihr in ihren letzten Wochen in Black Mountain, er hat ihr das letzte Morphium gegeben und nun die- ses zarte Denkmal gesetzt: für Louanne, "visionäres Kind und Frau mit gebrochenem Herzen". URS JENNY
* Donald Antrim: "Mutter". Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek; 240 Seiten; 17,90 Euro.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 45/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Böse Hexe, gute Fee