13.11.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas unbekannte Lied

Warum „Yesterday“, der Welthit der Beatles, geklaut sein soll
Lilli Greco wartet vor seinem Studio in Rom. Platanenblätter wehen durchs vornehme Viertel Prati. Lilli Greco, 72 Jahre alt, ist Komponist. Ein kleiner, schrulliger Italiener. Er empfängt in kurzen Hosen und summt.
Greco führt durch schallisolierte Räume ins Tonstudio zu einem Flügel. Sein Summen wird lauter, er setzt sich auf einen Schemel, gerader Rücken, die Augen geschlossen, dann spielt er.
Die Melodie klingt vertraut. Der Refrain hört sich an wie "Yesterday" von den Beatles. Doch der Text ist italienisch. Greco singt "Piccerè che vene a dicere?" Das ist neapolitanisch und lässt sich grob mit "Ich schau dir in die Augen, Kleines" übersetzen. So etwa, sagt Greco, klinge das Lied im Original seit nunmehr über hundert Jahren.
Greco sagt, es war eine Nacht in Neapel irgendwann in den achtziger Jahren. Er sei auf Dreh gewesen mit seiner Freundin, der Filmregisseurin Lina Wertmüller. Seltsame Menschen seien da gewesen - "so Fellini-Typen: Künstler, schöne Mädchen, zwielichtige Gestalten". Sie hätten Gedichte rezitiert, gesungen, viel gelacht, viel getrunken. Bis jemand dieses Lied angestimmt habe. Sie sagten, es sei ein neapolitanisches Volkslied, es stamme aus dem Jahr 1895.
Greco sagt, er könne sich nicht erklären, wie diese Geschichte jetzt hochkochen konnte nach so vielen Jahren. Er sagt, irgendwann müsse er sie wohl einem Journalisten erzählt haben.
Ende Juli, im Sommerloch, klingelte ein Kamerateam an Grecos Studiotür. Der Komponist trug kurze Hosen, klappte den Flügel auf und trällerte das neapolitanische Liedchen. Dann erzählte er, wie er damals den Beatles-Manager Brian Epstein in London getroffen habe. Epstein, guter Anzug, gute Manieren, habe ihn in seinem Büro empfangen und erzählt, dass John Lennon und Paul McCartney eine Vorliebe für neapolitanische Lieder hätten.
Der Bericht lief in den italienischen Hauptnachrichten von Rai 2. Der "Corriere della Sera" druckte eine Meldung. Tage später stand sie überall. "Italiener behauptet", war weltweit zu lesen, "die Beatles hätten ,Yesterday' gestohlen."
Seitdem fühlt sich Greco missverstanden. Er weiß, wie Komponieren geht und wie wichtig Inspiration dabei ist. Er schrieb die Musik für viele Wertmüller-Filme, in Italien ist er sehr bekannt. Er sagt: "Niemals würde mir das Wort ,Plagiat' über die Lippen kommen. Große Künstler kopieren, kleine Künstler imitieren. Das ist doch ganz normal." Vielleicht haben sich die Beatles in Neapel zu "Yesterday" inspirieren lassen, vielleicht auch nicht. Poco importa, sei's drum. "Das Einzige, was zählt: Sie haben ,Yesterday' berühmt gemacht, ihre Kunst ist unerreicht."
Seit Grecos falsch verstandener Anekdote kramen Zeitungen und Weblogs alte Quellen über die Entstehungsgeschichte von "Yesterday" hervor. Das, was sie finden, könnte zu Grecos Geschichte passen. Im Jahr 1965 sei McCartney eines Morgens im Haus seiner Freundin Jane Asher aufgewacht - mit einer Melodie im Kopf. Er sei das Gefühl nicht losgeworden, sollte er später sagen, dazu inspiriert worden zu sein. Er spielte die Melodie Freunden vor und fragte, ob die wüssten, woher sie stamme. "Ich kann sie nicht selbst geschrieben haben, weil ich sie geträumt habe."
Zuerst fiel ihm kein passender Text zu der Melodie ein, er sang: "Scrambled eggs, oh, my baby, how I love your legs." Im Urlaub schrieb er dann die Zeilen über Abschied und verpasste Chancen. Er ging ins Studio, sang, spielte Akustikgitarre, fertig war eine der meistgespielten Balladen, wahrscheinlich der schönste Popsong aller Zeiten.
Lilli Greco hat keine Lust, nach Beweisen für seine These zu suchen, er ist Künstler und kein Detektiv. Er klappt den Deckel seines Flügels zu und zieht in seine Lieblingstrattoria. Die Kellner sprechen ihn mit "Maestro" an, und er spricht von vergangenen Tagen, wovon sonst. Greco stammt aus einem Bergdorf bei Rom, mit Vornamen heißt er Italo, wie viele Jungs zu Mussolinis Zeiten. Weil er immer schon sehr klein war, nannte ihn seine Schwester "Lilliputano", geblieben ist Lilli.
Nach dem Konservatorium ging er zur legendären Plattenfirma RCA, wurde Musikproduzent, entdeckte Liedermacher wie Francesco De Gregori und Paolo Conte. Als Conte die Welt eroberte, blieb Greco im Hintergrund, es hat ihn nie gestört. Bis heute kommen junge Musiker in sein Studio und spielen ihm vor. Es werden immer weniger. Greco liebt Jazz und kluge, poetische Texte. Er sagt, er habe wenig Hoffnung, noch einmal einen Coup zu landen.
Am nächsten Morgen, während Greco mit seiner Märklin-Eisenbahn spielt - sein liebstes Hobby neben der Musik -, sitzt Lina Wertmüller auf ihrer Dachterrasse in Rom. Sie ist 78 und trägt ihr Markenzeichen, eine extravagante Brille, diesmal eine weiße. Auch Lina Wertmüller erzählt von lustigen Nächten in Neapel und wie sie damals "Piccerè" gesungen haben, das Lied, das so klingt wie "Yesterday". Sie scheint amüsiert über den späten Ruhm ihres Freundes Lilli. Sie macht ein paar Anrufe. Dann knallt sie den Hörer auf die Gabel und lacht ihr Reibeisenlachen: "Unsere Freunde in Neapel sagen, ein Radiosender habe jetzt einen Aufruf gestartet, um die Herkunft von ,Yesterday' zu klären. Noch hat sich niemand gemeldet." FIONA EHLERS
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 46/2006
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Das unbekannte Lied

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