13.11.2006

ARMUTDer englische Patient

Manchester, wo die industrielle Revolution begann, ist heute die Hochburg der englischen Unterschicht. Den „forgotten poor“ wieder Arbeit zu besorgen gelingt in Großbritannien besser als in Deutschland, Arbeitslose wie Philip Agbaku schaffen den Neuanfang. Von Mario Kaiser
An dem Morgen, an dem sich Philip Agbaku sein Leben zurückholen will, erwacht er in Dunkelheit. Regen fällt schräg auf Manchester, in seinem Fenster verschwimmen die Lichter der Stadt. Er zündet sich einen Joint an und läuft halbnackt durch die Wohnung, in der Hand hält er zwei Blätter, Worte stehen auf ihnen. Worte, die Gewicht haben in seiner Hand, weil er sie aufschrieb nach Jahren der Sprachlosigkeit.
Er streift einen Lacoste-Pullover über wie eine Uniform und geht hinaus in den Regen. Wasser läuft über sein Gesicht, als Agbaku durch das Tor der Victoria Mill geht und an den Ort zurückkehrt, an dem sein Arbeiterleben begann. Er war 15 damals und hatte gerade die Schule abgebrochen, als er in den Hallen der Victoria Mill zum ersten Mal eine Maschine bediente. Sie war größer als er und verschlang Stapel von Stoff, schnitt Mäntel aus ihnen und presste sie glatt. Dampf umhüllte Agbaku und perlte heiß von seinem Gesicht.
Ein halbes Leben später betritt Agbaku die Victoria Mill als ein Mann, der sich nur unscharf an seine letzte Arbeit erinnert. Jahre sind seitdem vergangen. Wie ein Untoter ist er durch diese Zeit getrieben. Er geht durch die Gänge seiner alten Fabrik, öffnet die Tür zu Raum sechs und betritt die Klasse für Legastheniker.
Die Fabrikanlagen sind längst demontiert, nur der Schlot und ihre Hülle stehen noch. In ihren Hallen sammeln sich jetzt jene, die übrig blieben am Ende der Industrialisierung, Komparsen einer Zeit, in der Arbeit noch ein Geräusch hatte und einen Geruch. In Kursen bereiten sie sich auf eine Welt vor, die sich für die Kraft ihrer Hände nicht interessiert, weil Hände billiger sind in anderen Zeitzonen. Sie versuchen Anschluss zu finden an eine Welt, die Wissen von ihnen verlangt und Beweglichkeit.
Agbaku ist ein Gesicht in einer Masse von Menschen, mit der sich grundlegende Fragen an eine Gesellschaft verbinden. In Großbritannien wie in Deutschland konfrontieren Menschen ohne Arbeit ihre Regierung mit der Frage, wie ein Staat, der sozial sein will, sie behandeln soll. Wie viel er ihnen geben und wie viel von ihnen verlangen soll. Wie er sie zurückholen kann in Gesellschaften, in denen Arbeit flüchtiger wird.
Blair blickte vom ersten Tag seiner Regierung an auch nach unten, auf eine Schicht der Gesellschaft, die Deutschland gerade wiederentdeckt. Er reformierte den Sozialstaat, um die da unten aus der Isolation zu holen. Mit Erfolg: In England sind inzwischen nur noch 0,5 Prozent der Erwerbspersonen Langzeitarbeitslose, in Deutschland siebenmal mehr.
Das Zentrum der britischen Unterschicht liegt in Manchester, einer Stadt, in der die Folgen von Blairs Reformen sichtbar werden wie in kaum einer anderen. Einer Stadt, die zeigt, wie viel Zeit vergehen kann, bis Reformen die Gesellschaft verändern, einer Stadt, die deshalb deutsche Sozialstaatsreformer hoffen lassen kann.
Manchester symbolisiert den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. In seinen Minen schürften die Arbeiter den Treibstoff der Industrialisierung, in seinen Stahlwerken befeuerten sie den Traum von unendlichem Wachstum. Manchester war "the workshop of the world", der Maschinenraum der Welt.
Es war auch die Stadt, in der sich offenbarte, zu welchem Preis der Fortschritt kam. Manchester wurde zum Synonym für einen ungezügelten, seine Arbeiter fressenden Kapitalismus.
Ein Jahrhundert und ein halbes später verbinden sich neue Fragen mit Manchester. Als Tony Blair 1997 zum Premierminister aufstieg, führte er eine Partei, deren Name wie ein Versprechen klang - "New Labour". Er reformierte den Sozialstaat, als Gerhard Schröder kaum davon sprach. Sie formulierten gemeinsam eine Vision,
die ihre Namen trug, das Schröder-Blair-Papier. Blair setzte es um, Schröder stellte es aus, schob es weg.
In Raum sechs der Victoria Mill sitzen die, denen die Sprache fehlt, ein Gefühl für die Rechtschreibung der Worte, die Grammatik des Lebens. Agbaku ist mit 50 Jahren einer der Ältesten. Er hält die Blätter in seinen Händen, mit denen er heute Morgen durch seine Wohnung lief. Er sollte eine Geschichte erzählen, irgendeine, was immer er sah, wenn er die Augen schloss.
Die Geschichte, die Agbaku aufschrieb, ist die einer Kindheit im Schatten der Victoria Mill. Sie spielt zwischen den Fabriken von Miles Platting, einem Viertel im Osten Manchesters, und sie erinnert an einen Jungen namens Philip. Es ist eine Geschichte der Sehnsucht. Nach einem Vater, den der Sohn nur sonntags sah. Nach Essengeld, das nie reichte.
Die Lehrerin, eine leidenschaftliche dünne Dame, sie heißt Doreen Jones, geht vor der Klasse auf und ab und sieht ihren Schülern in die Augen. Sie fordert sie auf, in ihrer Sprache "assertive" zu sein, bestimmt, ausdrücklich. Agbaku kennt das Wort nicht, er versteht seine Bedeutung nicht.
"Gibt es ein einfacheres Wort?", fragt er.
"Schlag im Wörterbuch nach", sagt die Lehrerin.
Er greift nach dem Oxford Dictionary of English, er zögert, bevor er es aufschlägt. "Schreibt man 'assertive' mit a?"
Philip Agbaku, unehelicher Sohn einer Irin und eines Nigerianers, aufgewachsen in der Arbeiterwelt von Miles Platting, ist zurückgekommen, um Schreiben zu lernen. Es ist, als würde sein Leben noch einmal auf null gestellt.
Als die Fabriken verstummten, zerfiel die Welt von Miles Platting. Wie Agbaku verlor eine Generation von Söhnen ihren Lebensentwurf. Sie hatten nur diesen einen, den ihrer Väter, die sich den Werken wie Leibeigene unterworfen hatten.
Es waren Menschen wie Agbaku, die Tony Blair aus der Arbeitslosigkeit holen wollte, Viertel wie Miles Platting, für die er eine bessere Zukunft versprach. Eine Gesellschaft der Gestrauchelten hatte sich in diesen Vierteln verfestigt. Menschen, die nicht nur arbeitslos waren, sondern arbeitsunfähig, weil sie nie gelernt hatten, für sich zu sorgen, oder sich eingerichtet hatten in ihrer Untätigkeit.
Als Blair anfing, das Land zu regieren, waren die Armut und das soziale Gefälle in Großbritannien so groß wie nie zuvor in seiner Nachkriegsgeschichte. Jedes vierte Kind und jeder fünfte Rentner lebten in Armut. Das Einkommen der oberen zehn
Prozent der Gesellschaft war zehnmal größer als das der unteren zehn Prozent. In jedem fünften Haushalt mit Kindern arbeitete niemand, mehr als in jedem anderen industrialisierten Land der Welt.
Blair musste den Briten nicht erklären, wie notwendig Reformen waren. Er musste ihnen auch keine Verluste zumuten, die das Land in Aufruhr versetzen konnten. Die Operationen mit den tiefsten Schnitten hatte Margaret Thatcher für ihn durchgeführt. Sie entmündigte die Gewerkschaften in den achtziger Jahren so weit, dass Kündigungsschutz kaum noch existierte. Sie ließ Arbeitslosengeld nur noch an jene auszahlen, die Arbeit suchten. Sie ordnete an, die Konten der Arbeitslosen zu prüfen, und kürzte jenen, die gespart hatten, die sozialen Leistungen. Sie hinterließ niedrigere Renten und nahm den Briten die Versuchung, sich ein Leben lang auf den Staat zu verlassen.
Margaret Thatcher war eine Konservative, die wenig bewahrte. Nach unten entkoppelte sie den Staat von Verpflichtungen, nach oben von Forderungen. Dieser Tory-Kapitalismus hinterließ Blair nicht nur eine gespaltene Gesellschaft, sondern auch eine Wirtschaft, die wuchs und wettbewerbsfähig war. Er gab Blair die Freiheit, den Sozialstaat umzubauen, ohne Angst zu verbreiten.
Eine Vielzahl von Aus- und Weiterbildungsprogrammen sollte Arbeitslose zurück in die Beschäftigung führen. Gleichzeitig erhöhte die Regierung den Druck, Arbeit nicht nur zu suchen, sondern auch anzunehmen. Niemand sollte sich darauf verlassen können, dass soziale Leistungen einen bestimmten Lebensstandard garantieren.
New Labour übernahm die Rolle des Antreibers, der jene, die sich bewegen, belohnt. "Es gibt in Großbritannien ein tiefes Misstrauen dagegen, Arbeitslosen einfach Geld zu geben", sagt Professor John Hills, der an der London School of Economics zwischen Türmen von Büchern und Studien sitzt und die Sozialpolitik der Regierung untersucht. "Die Rhetorik der New-Labour-Programme dreht sich darum, dass sich Arbeit auszahlen soll. Blair verfolgte eine geschickte Doppelstrategie: Er erhöhte den Druck auf die Arbeitslosen und verteilte den Wohlstand - teilweise versteckt - um."
Der erste Teil dieser Strategie las sich wie eine Kopiervorlage für die deutsche Agenda 2010. Mit dem "New Deal" wählte Blair jedoch nicht nur ein besseres Branding für seine Reformen als Schröder mit "Hartz IV". Er erhöhte nicht nur den Zwang zur Arbeit, sondern auch ihren Reiz. Er führte einen Mindestlohn ein, damit die "working poor" sich nicht länger arm arbeiteten. Er senkte den niedrigsten Satz der Einkommensteuer von 20 auf 10 Prozent.
Blair regiert nach der Philosophie, dass eine moderne Sozialpolitik nicht den Grundsätzen wirtschaftlicher Effizienz widerspricht. Er glaubt, eine Gesellschaft mit Steuern wirklich steuern zu können, und wie zum Beweis dessen machte er den Finanzminister zum wichtigsten Mann seiner Reformen: den Schatzkanzler. Er sollte soziale Gerechtigkeit mit dem Steuerrecht schaffen.
Die Armut, die Philip Agbaku empfand, war nicht das Fehlen eines Lacoste-Krokodils auf seiner Brust. Es war die Abwesenheit von Zukunft, das Gefühl, in einer Endlosschleife des Scheiterns festzuhängen. Er gehörte zu jenem Teil der Unterschicht, den der Sozialstaat nicht erreichte, Menschen, die seit Jahren "on the sick" waren, körperlich oder seelisch unfähig zu arbeiten. Sie waren so lange untätig gewesen, dass nicht mehr zu erkennen war, ob sie nicht arbeiten konnten, weil sie krank waren, oder ob sie krank waren, weil sie nicht arbeiten konnten.
Die Arbeit in der Victoria Mill, sosehr er sie hasste, hatte Agbakus Leben eine Struktur gegeben. Als er sie verlor, hangelte er sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten, er tapezierte und malte, das Geld reichte gerade. Er spürte eine Leere, die er mit Frauen und Drogen zu füllen suchte. Irgendwann hatte er sieben Kinder mit vier Frauen. Eines Nachts nahm ihn die Polizei mit 680 Gramm Cannabis fest. Sieben Monate saß er in Haft, und er war froh darüber.
Es war ein langer Weg zurück in die Victoria Mill. Agbaku wäre nicht aufgebrochen, wenn der Staat ihn nicht gezwungen hätte. Er bekommt jetzt die Chance, den Hauptschulabschluss nachzuholen, und es macht ihm bewusst, welche Lücke in seinem Leben klafft. "Ich habe keinen Lebenslauf", sagt Agbaku.
Der Sozialstaat, den Blair formte, eröffnet Agbaku Möglichkeiten und zeigt ihm seine Grenzen. Es hat etwas angestoßen in ihm, er ist bereit, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Er will nicht nur irgendeine Arbeit, er will die verlorenen Jahre aufholen. Doch das System blickt nicht zurück, es denkt an heute und morgen, es verlangt Ergebnisse, es hat keine Geduld. Das System will, dass er aus der Statistik verschwindet.
In der Victoria Mill beendet Doreen Jones den Unterricht, im Fenster zerfließt Miles Platting im Regen. Agbaku lehnt an der Wand und umarmt seine Bücher, er hält sie wie etwas Zerbrechliches. "Es spricht alles gegen mich", sagt er. "Sie werden mich fragen: 'Wie alt sind Sie? Welche Qualifikationen haben Sie? Wann haben Sie zuletzt gearbeitet? Waren Sie schon mal im Gefängnis?'" Er hat einen Lebenslauf, aber kein Leben, mit dem er sich bewerben kann.
New Labour legte als erste Regierung einen "Index of Multiple Deprivation" vor, eine Landkarte der Armut. Das Ergebnis ist bedrückend für Manchester. Von den 100 Bezirken mit den schlechtesten Lebensbedingungen im Land liegen 21 in Manchester. Wie eine Schlinge ziehen sich die Armenviertel um das Zentrum der Stadt, Harpurhey im Norden,
Moss Side im Süden, Miles Platting im Osten.
Im Zentrum begann die Stadt Ende der neunziger Jahre wieder zu boomen, Banken kamen, Versicherungen, Medienfirmen, Touristen, die Commonwealth Games, im Traum auch die Olympischen Spiele.
Ein Sog ist entstanden, der sogar die traditionsbewusste BBC bewegte, Teile ihrer Zentrale von London nach Manchester zu verlegen. Die Stadt erlebt eine neue Gründerzeit, und die Gewinner werden sehr reich. Mehr als 7500 Millionäre leben im neuen Manchester.
Die Ränder hat der Boom nicht erreicht, aber das Zentrum wird zu eng für den Boom, das neue Manchester dehnt sich aus an den Ort, an dem das alte zusammenbrach. In Ancoats, der Herzkammer der industriellen Revolution, verwandeln Investoren die Ruinen in Vorzeigeobjekte des modernen Manchester, und sie haben ein Viertel im Blick, das neben Ancoats liegt: Miles Platting.
Am Horizont, hinter den Gardinen ihrer Sozialwohnungen, sehen die Bewohner den Scherenschnitt des neuen Manchester. Die gläsernen Türme. Die Skelette der Kräne. Das neue Stadion. Für die Investoren auf der anderen Seite wird Miles Platting immer kostbarer, doch sie wollen seinen Boden, nicht seine Bewohner.
Um die Bewohner, besonders um die mit Kindern, wollte sich New Labour besonders kümmern, um Familien, in denen niemand arbeitete oder die so wenig verdienten, dass sie weiter in Armut lebten. 3,1 Millionen Kinder wuchsen 1999 in armen Familien auf. Blair machte ein großes Versprechen. "Unsere ist die erste Generation", sagte er, "die Armut von Kindern für immer beenden wird."
Er stemmte sich gegen eine gesellschaftliche Entwicklung. Fast ein Viertel aller Eltern war bei seinem Amtsantritt alleinerziehend, und weniger als die Hälfte von ihnen arbeitete. Sechs Jahre nach Blairs Versprechen war die Zahl der Kinder in Armut um 600 000 gesunken, doch die Regierung lag hinter ihrem Zeitplan. Sie hat mit Steuererleichterungen eine gewaltige Summe an arme Familien verteilt, 15,8 Milliarden Pfund allein in einem Jahr. Um fast ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhte sie die Fördergelder von Familien. Sein Ziel wird Blair jedoch nur erreichen, wenn mehr Eltern arbeiten.
Der Staat lockt die Eltern in Großbritannien mit größeren finanziellen Anreizen in die Arbeit als die meisten anderen Industrieländer. Alleinerziehende müssen jedoch erst Arbeit suchen, wenn ihr jüngstes Kind 16 Jahre alt wird. Das ist spät im internationalen Vergleich, und die Regierung überlegt, dieses Alter zu senken.
Der deutsche Blick auf die sozialen Verhältnisse in Großbritannien war lange von Entsetzen geprägt, von dem Wunsch, niemals eine Gesellschaft mit einer so großen Kluft zwischen Reichen und Armen zu werden. Blair veränderte den Blick. Die Parallelen zwischen den Reformen in England und Deutschland sind unübersehbar, doch auch das unterschiedliche Tempo. Schröder ließ die New Economy und den Aufschwung Ende der neunziger Jahre vorbeiziehen und verpasste den Zeitpunkt für Reformen. Er hatte nicht Blairs Spielraum und übernahm vor allem die Ideen, die Geld sparen sollten. Er hatte weniger Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitslose, er musste in einem System operieren, das Arbeit teurer macht, weil es soziale Leistungen über Versicherungen finanziert, nicht über Steuern.
In seiner Wohnung am Broadmoss Drive schlüpft Philip Agbaku in eine weiße Arbeitshose. Er packt ein paar Werkzeuge zusammen und fährt ans andere Ende der Stadt, dort hilft er Freunden, ihre Wohnung zu renovieren. Agbaku geht in den Flur und schleift die Wände glatt, weißer Staub legt
sich wie Mehl auf sein Gesicht. Er rollt Tapete aus, klebt sie, streicht sie glatt, es sieht alles sehr leicht aus, sehr professionell.
Sie werden ihm 50 Pfund für den Tag geben, es ist Geld, das er offiziell nicht verdienen darf, doch er braucht es. Der Staat gibt ihm 56 Pfund für eine Woche zum Leben, er nennt es "Jobseeker's Allowance", eine Art Taschengeld für Arbeitsuchende. Es reicht nicht, das soll es auch nicht. Als Agbaku noch depressiv war und arbeitsunfähig, bekam er 80 Pfund die Woche. "Ich wäre besser dran", sagt er, "wenn ich wieder saufen würde."
Wenn man Agbaku eine Weile durch sein Leben folgt, wenn man beobachtet, wie er in der Victoria Mill mit der Rechtschreibung ringt, wie er auf dem Fußballplatz seine Mannschaft trainiert, wie er an der Seitenlinie entlangläuft und brüllt, sie sollten den Ball im Auge behalten, wenn man ihn reden hört über seine Zukunft, seine Träume, dann ergibt sich das Bild eines Mannes, der sich wandelt. Eines Mannes, der die Hoffnungen New Labours verkörpert, Lebensläufe zu ändern.
Es gibt einen Tag, er kommt alle zwei Wochen, an dem das Bild sich verkehrt. Es ist der Tag, an dem Agbaku zum Arbeitsamt muss. Er verlässt seine Wohnung früh an diesem Morgen, er hat noch nichts gegessen, als er das "Jobcentre Plus" betritt, eine Filiale des modernen Sozialstaats, in der Arbeitslose keine Fälle sind, sondern Klienten.
Agbaku hält ein kleines Heft in der Hand, er muss Tagebuch führen und über seine Arbeitssuche berichten. Die Überschriften der Kapitel klingen wie eine Aufforderung zum Selbstgespräch: Was ich gemacht habe. Was passierte. Was ich als Nächstes tun werde. Er hat viele Seiten des ersten Kapitels beschrieben, doch es passierte nichts.
Während Agbaku auf seine Beraterin wartet, sucht er an einem Computerterminal nach Jobs. Es gibt nicht viele Angebote für einen Mann mit seinem Lebenslauf. Sicherheitsbeamter, 60 Stunden die Woche, 8 bis 20 Uhr, 5,05 Pfund die Stunde. Nachtportier, 40 Stunden die Woche, 23.30 bis 7.30 Uhr, 6,25 Pfund die Stunde.
Die Regierung konzentrierte sich bei ihren Reformen auf jene, denen es besonders
schlechtging, arbeitslose Eltern und Alleinerziehende, auch Rentner. New Labour ließ das Land statistisch durchleuchten und entwarf Programme, die maßgeschneidert waren für ihre Zielgruppen und die Viertel, in denen sie leben. "Wer zur richtigen Gruppe gehört und am richtigen Ort lebt", sagt John Hills, der Professor, "hat von den Steuererleichterungen und den 'New Deal'-Programmen enorm profitiert." Das Problem maßgeschneiderter Programme ist, dass sie nicht allen passen.
Agbaku lebt allein, ohne Kinder, es ging Leuten wie ihm nicht so schlecht, dass die Regierung ein Programm für sie entwarf. Seine sozialen Leistungen wurden im Gegensatz zu denen für Familien seit zehn Jahren nicht erhöht. Es ist ein Erbe der Thatcher- Ära, das Blair fortführte. "Der Lebensstandard dieser Leute ist eingefroren, während der Rest des Landes wohlhabender wird", sagt Professor Hills. Agbaku gehört zu einer neuen Gruppe, die Experten nennen sie "the forgotten poor", die vergessenen Armen.
In seinem kleinen Büro in London beugt sich Hills über einen Stapel von Statistiken, sie befassen sich alle mit demselben Thema. Er leitet das Centre for Analysis of Social Exclusion, er ist Experte für die Bruchstellen des Sozialstaats. Hills hat über die Reformen in Großbritannien ein Buch mit herausgegeben, es trägt den Titel eines Versprechens, das New Labour dem Land gab: "A More Equal Society" - eine gleichere Gesellschaft. In seinem Titel setzte Hills ein Fragezeichen dahinter.
Man betrachtet, wenn man sich längere Zeit mit John Hills unterhält, eine Menge Zahlen und Statistiken, die sich wie ein EKG des britischen Sozialstaats lesen. Hills vermittelt einen Eindruck von den enormen gesellschaftlichen Fliehkräften, mit denen der Sozialstaat kämpft. Wie komplex und empfindlich dieses Gebilde ist. Wie die Verbesserung einer Gruppe zwangsläufig dazu führt, dass eine andere zurückfällt. Wie langsam selbst eine Regierung vorankommt, die sehr früh, sehr konsequent mit Reformen begann. Ein Besuch bei Hills ist etwas ernüchternd, wenn man aus Deutschland kommt.
Die Arbeitslosenquote lag in Großbritannien im vergangenen Jahr mit 4,8 Prozent auf einem Niveau wie zuletzt vor 30 Jahren, und die Wirtschaft ist trotz teurer sozialer Reformen gewachsen. Dem unteren Teil der Gesellschaft geht es in absoluten Zahlen besser, er hat Anschluss an die Mitte gefunden. Doch der Abstand zum oberen Teil ist größer geworden, weil die Reichen noch reicher wurden. "Man muss sich die britische Gesellschaft heute vorstellen wie den Zwiebelturm einer Kirche in Bayern", sagt Hills und formt die Hände zu einem Tropfen. "Der Bauch ist in der Mitte ein bisschen dicker geworden, aber der untere Teil ist immer noch sehr breit. Und die Spitze wird höher und höher."
Fast zehn Jahre hatte Blair Zeit, den Sozialstaat nach seinen Vorstellungen umzubauen. Er erkannte früher als Schröder, dass die Zeit dafür gekommen war, und er hatte das Geld und die Freiheit, die er brauchte. Er musste wenige Kompromisse schließen, musste mit keinem Koalitionspartner und keinem Bundesrat verhandeln, musste nicht gegen Gewerkschaften kämpfen. "New Labour", sagte Blair, als er sein Amt antrat, "ist der politische Arm von niemand anderem als dem britischen Volk." Eine schöne Parole.
Das Volk war einverstanden, dass Blair die Steuern erhöhte und viel Geld verteilte. "So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht", hatte Margaret Thatcher gesagt, als sie das Messer an den Sozialstaat legte. Blair, der Thatcher für vieles heimlich bewunderte, widerlegte sie. Er sah eine Gesellschaft, und er regierte sie mit der Überzeugung, dass nur Arbeit die Unterschicht vor dem Absturz retten kann. "Wenn die nächste Labour-Regierung den Lebensstandard der Ärmsten am Ende ihrer Amtszeit nicht erhöht hat", sagte er, "ist sie gescheitert."
Im Jobcentre Plus geht eine Frau auf Philip Agbaku zu, an ihrem Hals hängt ein Ausweis, auf dem nur ihr Vorname steht. "Mein Name ist Carol", sagt sie, "ich bin Ihre persönliche Beraterin. Was kann ich für Sie tun?" Agbaku reicht ihr einen Antrag auf Arbeitslosengeld. Er hat seinen letzten Termin im Jobcentre versäumt, er überschnitt sich mit dem Unterricht in der Victoria Mill. Drei Tage später stoppte das Jobcentre die Zahlungen an Agbaku. Das System hat ihn ausgespuckt, er muss wieder von vorn anfangen.
In seinem Antrag hat Agbaku angegeben, dass er statt der geforderten 40 nur 36 Stunden in der Woche arbeiten kann, weil er 4 Stunden zum Unterricht geht.
"Das ist nicht akzeptabel", sagt die Beraterin, "Arbeit hat Vorrang vor Ausbildung." Sie streicht die 36 durch und macht eine 40 daraus. "Wenn ich jetzt also einen 40-Stunden-Job für Sie hätte, was würden Sie tun?", fragt Carol.
"Natürlich den Job nehmen", sagt Agbaku.
Die Beraterin lächelt.
Agbaku streicht nervös mit den Händen über seine Oberschenkel und bittet Carol, seinen Antrag zurückzudatieren, damit er das Geld für die vergangenen zwei Wochen nicht verliert.
"Vergessen Sie es", sagt Carol.
Draußen steht Agbaku noch eine Weile im Eingang, Regen fällt schräg auf Manchester. "Sie hat mir gerade gesagt, dass es wichtiger ist, Straßen zu fegen, als eine Ausbildung zu machen." Er zündet sich eine Zigarette an, er sieht aus, als hätte er etwas verstanden.
Wenige Wochen später sitzt er vor Carol und nickt. Sie hat einen Job, den Agbaku nicht ablehnen darf. Am nächsten Morgen erwacht er in Dunkelheit und schlüpft in eine weiße Arbeitshose, er ist nun ein Maler, der 40 Stunden die Woche Wände anstreicht, für 5,05 Pfund die Stunde. Er bricht die Schule ab an dem Tag, an dem sie mit Shakespeare beginnen. Es ist nicht das Leben, das sich Agbaku zurückholen wollte, doch er nimmt es und verschwindet aus der Statistik.
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 46/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ARMUT:
Der englische Patient

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit