13.11.2006

NACHRUFMarkus „Mischa“ Wolf

Jahrzehntelang galt er in der Bonner Nachkriegsrepublik als "Mann ohne Gesicht" - ein unter den Fittichen des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit arbeitendes Phantom, um das sich seit seiner Ernennung zum Leiter der "Hauptverwaltung Aufklärung" zahllose Geschichten rankten. Dass Wolf dort seit den frühen Fünfzigern höchst wirkungsvoll den Einsatz von schätzungs-weise 4000 Auslandsagenten dirigierte, war hinreichend bekannt, aber erst 1979 konnte ihn der Überläufer Werner Stiller anhand einer in Stockholm aufgenommenen Fotografie enttarnen (SPIEGEL 10/1979).
Bis dahin hatte der Sohn eines jüdischen Arztes und Dramatikers, der nach der Machtergreifung Hitlers mit seiner Familie in die Sowjetunion flüchtete, schon bedeutende Erfolge gefeiert: 1972 trug er zur Rettung der sozialliberalen Koalition Willy Brandts bei, als er beim gescheiterten Misstrauensvotum die Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner kaufte - um dem Bonner Kanzler dann allerdings den Spion Günter Guillaume ins Nest zu setzen. Der trieb Brandt zwei Jahre später in den Rücktritt. Westdeutsche Geheimdienstexperten rühmten den Kollegen aus der DDR, er gehe "mit der Präzision eines Schachspielers" zu Werke.
In seiner Funktion als "oberster Auslandsaufklärer" war der Stasi-General einer der Stellvertreter des SED-Hardliners Erich Mielke und in dessen Machenschaften zweifellos eingeweiht, doch zur Verantwortung zog man ihn dafür nicht. Zwar wurde er vom Oberlandesgericht Düsseldorf im Dezember 1993 wegen Landesverrats zu sechs Jahren Haft verurteilt, aber das Bundesverfassungsgericht widersprach. DDR-Bürger, die vor der Wiedervereinigung gegen die Bundesrepublik spioniert hätten, lautete das letztinstanzliche Urteil, könnten strafrechtlich nur noch eingeschränkt verfolgt werden. So kam der Angeklagte, dem im zweiten Anlauf lediglich einige Delikte der Freiheitsberaubung zur Last gelegt wurden, mit zwei Jahren auf Bewährung davon.
Dessen ungeachtet sah sich der stets auf feine Manieren bedachte Bildungsbürger in den Jahren der Wende als Opfer der "Siegerjustiz". Dass er während der deutschen Teilung schuldig geworden war, mochte sich der "Kundschafter" zu keiner Zeit eingestehen. Er habe das im SED-Staat stalinistisch pervertierte Sicherheitsdenken "innerlich nie geteilt", beharrte Wolf und malte unermüdlich an seinem Selbstbild als prinzipienfester Edel-Kommunist.
Ob der Bruder des renommierten Filmregisseurs Konrad Wolf das tatsächlich war, darf man bezweifeln - jedenfalls sah er sich so. Den literarisch ambitionierten Feingeist mimte er selbst in den härtesten Phasen des Kalten Krieges, als er "mit Westpapieren in der Tasche" die Lebensgewohnheiten des Klassenfeindes studierte und auch gern adaptierte. Und als es mit seinem Arbeiter-und-Bauern-Staat bergab ging, besann sich der eitle Meisterspion seiner Fähigkeiten, zumindest halbwegs die Rollen zu tauschen. Im Februar 1986 bat er Mielke um seine Demission, um sich in Zukunft schriftstellerischen Arbeiten zu widmen. Mit dem Aufstieg von Michail Gorbatschow witterte der sensible Tschekist offenbar Chancen, der maroden DDR ein von Glasnost und Perestroika befruchtetes sozialistisches Reformprogramm verpassen zu können. Natürlich mit ihm an der Spitze.
Phantastereien eines im Zwielicht der Nachrichtendienste ausgewiesenen Profis. Und am 4. November 1989, anlässlich der gewaltigsten aller Demonstrationen in den Wirren der Wende, die auf dem Berliner Alexanderplatz eine Million Menschen mobilisierte, kam für "Mischa" dann auch die Stunde der Wahrheit. Die empörten Berliner pfiffen den selbsternannten Avantgardisten, der da "im festen Glauben, an der Seite der Rebellen zu stehen", den Pritschenwagen der Versammlungsredner erklommen hatte, gnadenlos aus. Eine schmerzliche Erfahrung. Wolf zog aus ihr den Schluss, dass die DDR nicht mehr zu retten war, und setzte sich nach Moskau ab.
Neben seiner Verteidigung war ihm nach der Rückkehr nichts wichtiger, als seine schillernde Vergangenheit zu verklären. "Unsere Sorge war", gab der vormalige Spion in ungezählten Talkshows zum Besten, wie in einem schwierigen Land "Geist und Macht zu versöhnen sind". Markus Wolf, der elegante "Vorzeige-Intelligenzler" der einstigen DDR (Wolf über Wolf) starb am 9. November in Berlin.

DER SPIEGEL 46/2006
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