27.11.2006

IRANSchöne Schande

Ein Schmuddel-Video bricht in Teheran alle Verkaufsrekorde - und lässt einen attraktiven TV-Star vor dem Karriereende und Peitschenhieben zittern.
Die Rolle des bösen Mädchens kennt die Schauspielerin Sahra Amir Ebrahimi nur zu gut, mit ihr hat die glutäugige Darstellerin Karriere gemacht. Als kleines Biest Sohre scheute sie in der Kultserie "Narges", einer Mischung aus iranischer "Lindenstraße" und "Verbotene Liebe", kaum eine Intrige.
Die rund 70 Folgen der Vorabend-Soap bescherten dem Staatsfernsehen, das sonst mit muffigen Mullahs und alten Revolutionsepen eher zum Ausschalten zwingt, Einschaltrekorde - und katapultierten Ebrahimi hoch hinauf ans iranische Filmstar-Firmament. Beim Shoppen im Basar oder beim Kaffee an Teherans schicker Wali-je-Asr-Straße durfte sich der Jungstar der Bewunderung der Fans sicher sein, vor allem der männlichen.
Aus und vorbei.
Seit Ebrahimi, 25, angeblich in einem Sexstreifen zu sehen ist, der landesweit bei Straßenhändlern reißenden Absatz findet, gilt sie auch im richtigen Leben als Luder: Ausgerechnet der vielversprechendste Soap-Star der Islamischen Republik, sonst nur mit züchtigem Kopftuch und knöchellangem Mantel zu sehen, soll es vor wackeliger Kamera auf einem schmalen Bettchen getrieben haben? Gesichert ist nur, dass Lust auch im Gottesstaat keine Scham und mancherlei Stellungen kennt, das orgastische Finale inklusive.
Auf dem Schwarzmarkt der prüden Mullah-Republik, auf dem selbst harmlose Filmchen von privaten Pool-Partys begierige Käuferscharen finden, ist der ganz besondere Ebrahimi-Auftritt geradezu unglaublich gefragt. Eine Billig-DVD des Streifens soll trotz des vergleichsweise stolzen Preises von umgerechnet zehn Euro allein in Teheran über 100 000-mal verkauft worden sein.
Religiöse Ultras, die mit der Wahl des Eiferers Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten im Sommer vergangenen Jahres vollends die Macht übernommen haben, geißeln den privaten Pornostreifen als "Schande für das Land". Ihnen ist das Video Beleg für den wachsenden Einfluss des verderbten Westens auf die Jugend des Gottesstaats. Die Teheraner Staatsanwaltschaft hat gegen das in den Sexsumpf gesunkene Sternchen und deren Liebhaber bereits "besondere Untersuchungen" eingeleitet.
Nach den strengen Moralvorschriften der Islamischen Republik ist jegliche intime Nähe zwischen Männern und Frauen in der Öffentlichkeit verboten. Selbst harmloses Kuscheln auf der Parkbank kann junge Paare vor den Richter bringen, erst recht wenn sie nicht miteinander verheiratet sind. Sex außerhalb der Ehe wird mit bis zu 100 Peitschenhieben bestraft, für Frauen genauso wie für Männer.
Im Fall Ebrahimi droht den DVD-Produzenten sogar die Todesstrafe, seit sich der gefürchtete Generalstaatsanwalt Ghorbanali Dorri-Nadchsafabadi in die Ermittlungen eingeschaltet hat. Weil der Sexstreifen die rigoros verfemte Prostitution fördere, plädiert der Ermittler angeblich für die auch in Iran umstrittene Steinigung.
Doch die Beweislage ist umstritten. Ebrahimis schwarzgelockter Film-Lover, offenbar ein TV-Produktionsassistent, ist bereits verhaftet worden und soll den Sex vor der Kamera auch gestanden haben. Allerdings will er zur Zeit der freizügigen Begegnung mit Ebrahimi eine "Ehe auf Zeit" geführt haben - mit der nach schiitisch-islamischer Praxis Sex vor der offiziellen Hochzeit oder auch Seitensprünge nicht mehr ganz so sündhaft sind. Auch für die Verbreitung des Films weist der Ebrahimi-Partner alle Vorwürfe zurück: Beim Verkauf seines Laptops habe er die vor zwei Jahren gedrehten Szenen wohl nicht von der Festplatte gelöscht. Insgesamt wurden in der Affäre schon acht Personen verhaftet, heißt es.
Die mutmaßliche Hauptdarstellerin sitzt vorerst noch zu Hause, im Uni-Viertel von Teheran, versucht "das als Frau durchzustehen". Ebrahimi beteuert, nicht die Person im Film zu sein, und fürchtet das Ende ihrer Karriere: "Die Wolken der ganzen Welt weinen in meinem Herzen." DIETER BEDNARZ
Von Dieter Bednarz

DER SPIEGEL 48/2006
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