27.11.2006

GESELLSCHAFTDie Diva und der edle Wilde

Die US-Popsängerin Madonna hat ein malawisches Waisenkind adoptiert. Wie sie setzen sich Stars und Sternchen nach Afrika in Marsch, um im Elend das eigene Gutsein zu spüren. Über den Sinn solcher Missionen wird heftig gestritten.
Herr Banda ist noch ganz benommen. Unruhig wandert sein Blick über die Weite der malawischen Grassteppe: von der Rauchsäule der Wilderer, die am Horizont zu seiner Linken den safrangelben Busch in Brand gesetzt haben, um Gazellen und Ratten aus ihrem Unterschlupf zu treiben, über die strohgedeckten Rundhütten, vor denen sich träge drei ausgemergelte Dorfköter strecken, zu den sanften Hügeln, die das sambische Grenzland markieren.
Herr Banda sitzt im Schatten seiner Lehmhütte. Neben ihm steht ein klappriges Fahrrad. An der Tür der Hütte baumelt ein Fahrradschloss. Dahinter verbirgt sich nicht viel: sechs morsche Stühle, ein alter Regenschirm, einige vergilbte Tageszeitungen, ein brauner Gürtel. Das ist, im Wesentlichen, Yohane Bandas Hab und Gut. Auf dem Boden steht eine Pritsche für die Nacht.
"Nein, da ist noch etwas", Herr Banda zieht es stolz aus der hinteren linken Hosentasche seiner Jeans. Es ist ein Foto, farbig, 9 mal 13, und es ist schon etwas zerknittert vom vielen Vorzeigen. Auf dem Bild ist Herr Banda mit einem Säugling zu sehen. Herr Banda hält ihn mit väterlichem Stolz, beidhändig, wie etwas sehr Zerbrechliches. Herr Banda macht einen sehr liebevollen, aber auch ungeübten Eindruck auf dem Foto: Herr Banda und sein Sohn David.
Das Foto ist vielleicht ein halbes Jahr alt, doch es stammt aus einer anderen Epoche. Ob es auch eine bessere Zeit war, darüber streiten derzeit Fernsehpastoren, Klatschkolumnisten und Zahnspangengirlies zwischen Los Angeles und Kiribati. Um David Banda nämlich ist ein Kulturstreit entbrannt. Er ist das derzeit bekannteste Adoptivkind der Welt, ein edler Wilder - unschuldig, nackt und schwarz, mit großen Kulleraugen -, der von einer mutigen weißen Heroine aus der Gosse direkt in die Zivilisation entführt wurde.
Geboren wurde David Banda vor etwas mehr als einem Jahr in die karge Steppe Malawis, Halbwaise war er schon wenige Tage nach seiner Geburt, die die fieberkranke Mutter nicht überlebte. Insasse eines in der Nähe gelegenen Waisenheims wurde er, als der Vater ihn kurz darauf fortgab. Ein Jahr hat man ihn mit Sorghumschleim und Maisbrei aufgepäppelt.
Dann verwandelte sich das Leben des Kindes in einen einzigen Videoclip. Die Sängerin Madonna Louise Veronica Ciccone entdeckte den Jungen auf einer Film-
aufnahme von malawischen Waisen, die in ihrem Auftrag erstellt worden war. Sie war sofort "ganz auf ihn fixiert", wie Madonna nur kurze Zeit später in der Oprah-Winfrey-Show gestand; sie wollte dieses Kind, sie bedrängte ihren Mann Guy Ritchie, einen mittelmäßigen Filmregisseur.
Die beiden besitzen erst zwei kleine Kinder, von denen eines wie ein französischer Wallfahrtsort heißt (Lourdes) und das andere wie ein ostdeutscher Autoschlosser (Rocco). Zwei Kinder in einer Villa mit Dutzenden Zimmern. Mindestens einer geht also noch rein, spielend.
Madonna, 48, hetzte nach Malawi und stürzte das kleine Land im südlichen Afrika in einen Taumel. In rasender Eile leitete sie ein Adoptionsverfahren ein und versprach den Afrikanern drei Millionen Dollar für ein neues Waisenheim. Das half. So etwas hilft fast immer auf dem Schwarzen Kontinent.
Der kleine David wurde in ein Flugzeug verfrachtet. Verschleppt in die Zivilisation, nach Swinging London und Los Angeles, in ein mit Afrokitsch vollgestopftes "Safarizimmer" des Möbelhauses Petit Trésor, das allein 22 000 Euro gekostet haben soll. 22 000 Euro, dafür müsste Herr Banda ein Leben lang arbeiten.
Geht es einer malawischen Halbwaise in einem nach Schweiß und Suppenküche
und moderigen Schlafsälen stinkenden Waisenhaus in Malawi nun aber schlechter als im Märchenhaus einer exhibitionistischen Popsängerin, von der Mick Jagger behauptet, sie höre sich an wie Minnie Mouse auf Helium? Die mit Britney Spears auf der Bühne lesbisch herumzüngelt und sich öffentlich in den Schritt fasst; sich ans Kreuz nageln lässt, was den Papst ärgert, und Sadomaso-Posen zur Schau stellt?
Schwer zu sagen.
Kurz nachdem Madonna fort war, kamen die Paparazzi in Herrn Bandas Dorf. Männer, die Fotoapparate mit sich herumschleppten - Kästen mit langen Rohren davor, die aussahen wie Gewehrläufe. Andere hatten noch größere Kästen dabei mit Lampen drauf, und einer brachte einen silbrig glänzenden Kasten mit, aus dem Musik kam, laut und schrill und hektisch.
Das sei "Like a Virgin", gesungen von der neuen Mutter von Herrn Bandas Sohn, sagte der Fremde, der auch noch sagte, er arbeite für eine Firma, die ABC heiße, und er komme aus einem Land, das viele Tagesreisen entfernt sei. Er wollte wissen, was Herr Banda von der Musik halte. Herr Banda wusste nicht so recht. "Es hörte sich an, wie wenn jemand stirbt", sagt Herr Banda. "Ich wusste gar nicht, wer oder was Madonna ist."
Ma Donna - in seiner Sprache bedeute das so viel wie "reiche Frau". "Es war Gott, der uns die reiche Frau geschickt hat", meint Herr Banda und ist sich sicher, dass David "jetzt in guten Händen ist".
Es sind nicht alle glücklich mit der Traumadoption. "Madonna hat viel bezahlt und das Kind als Geschenk bekommen", sagt Undule Mwakasungula vom Zentrum für Menschenrechte und Rehabilitation, und das sei gesetzeswidrig, weil sich adoptions-
willige Eltern mindestens 18 Monate in Malawi aufhalten müssten, bevor sie ein Kind aufnehmen dürften. Kleinkarierter Einwand, schreit jedoch die Philanthropie. In Malawi herrschen Hunger und Aids, und die Waisenhäuser sind voll. Wer im Angesicht der Apokalypse mit dem Buchstaben des Gesetzes kommt, sei wahrlich ein Heuchler. "Unwürdig ist die Kritik an ihr", schäumt die "Welt am Sonntag" und erkennt einen "Aufstand der Heuchler" gegen die "Heldin".
Den Spleen, Afrika helfen zu müssen, pflegt Madonna seit geraumer Zeit. Warum auch nicht? Andere machen es genauso. Durch die Elendslager Darfurs taumeln sichtlich verwirrte Hollywood-Schauspieler wie George Clooney und Mia Farrow mit einer "Haut wie Porzellan" ("stern.de") - und schleppen auch noch ihre halbe Verwandtschaft mit: Clooney seinen Daddy Nick und Mia Farrow ihren Sohn Ronan, 18. Im Kongo geisterte Herbert Grönemeyer herum, und in Uganda knödelte die kölsche Nervensäge Wolfgang Niedecken.
Madonna hat längst jedes Tabu der Mediengesellschaft gebrochen, sie hat sich nackt ausgezogen und war blasphemisch, bis aus ästhetischen Gründen selbst die nicht mehr hinsehen mochten, die sonst noch bei jedem schwereren Autounfall anhalten.
Im Herz der Finsternis haben sie den ultimativen Kick entdeckt. Das letzte Tabu. Einen Horrortrip wie sonst nur mit Pete Doherty auf Droge: Aids und Krieg und Kannibalen. Flüchtlingszüge wie im Dreißigjährigen Krieg und schwärende Wunden und zum Skelett abgemagerte Kinder. Manche, wie Mia Farrow, 61, empfehlen daraufhin übers Fernsehen Uno-Einsätze in Darfur, obwohl sie Krieg nur aus den schlechten Filmen kennen, durch die sie ketchupbeschmiert humpeln müssen, während hinter ihnen Chinaböller explodieren.
Manche gebärden sich irr wie Fitzcarraldo auf dem Ucayali: Angelina Jolie und Brad Pitt ließen halb Namibia abriegeln, um ihren Spross in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwest zur Welt zu bringen. Wie aus einer anderen Zeit erscheint einem noch der harmlos-rührende "Sissi"-Kaiser Karlheinz Böhm, der einst aus lauter Mitgefühl nach Äthiopien zog und eine Einheimische ehelichte.
Kein Auswuchs der Popkultur bleibt dem Kontinent derzeit erspart. Bono und Bill Clinton, Bob Geldof und Jeffrey Sachs, Oprah Winfrey und Jimmy Carter sind Dauergäste geworden zwischen Fiebersumpf und Todeswüste. In Goma mussten sich Jörg Pilawa und Katja Riemann kürzlich fast um ein Hotelzimmer balgen.
So läuft das Anreizsystem Adoption: Je mehr Waisenhäuser gebaut werden, desto mehr "Waisen" wird es in Malawi geben. Es sollen ja jetzt schon phantastische eine Million sein - in einem Land mit zwölf Millionen Einwohnern. Und jedes Haus, das neu gebaut wird, findet am Ende auch seine Insassen - ob sie Waisen sind oder erst zu solchen gemacht werden.
Wie der kleine David, der ja auch bei seiner Familie hätte aufwachsen können: dem Vater, der Großmutter, Onkel und Tanten, was nur deshalb nicht geschah, weil wohlmeinende Ausländer ein Waisenhaus in die Nähe bauten, in dem David freie Verpflegung bekam, und damit eine Verlockung schufen, der Vater Banda nicht widerstehen konnte. Derzeit finanziert Madonna unbeirrt den Neubau eines Waisenhauses für weitere 4000 Kinder.
Das ist Dritte-Welt-Politik von Hollywood-Stars - sie handelt, sie verkürzt, sie ist nicht immer zu Ende gedacht. Die von Mia Farrow empfohlene Militärinvasion im Sudan ("Die Uno muss da jetzt rein") könnte schnell zum unkontrollierbaren Gemetzel ausarten, und welchen Segen der Besuch Herbert Grönemeyers den Kongolesen gebracht haben soll, ist noch nicht erforscht. Schon die Bundeswehr hat ja alle Mühe, sich aus dem Schussfeld durchgeknallter Kindermilizen herauszuhalten.
Madonna jedenfalls ist noch wie benommen von der eigenen Tat. Tapfer überhörte die Sirene den bei der Verleihung der MTV Music Awards in Kopenhagen vorgetragenen Spott des als "Borat" bekannt gewordenen Komikers Sacha Baron Cohen, "dieser Transvestit wird kein guter Vater sein". Sie könne sich vorstellen, noch ein Kind zu adoptieren, sagte sie: "Wieder eines aus der Ferne."
Tatsächlich ist Madonna mittlerweile fündig geworden - im selben Waisenhaus, aus dem auch David Banda stammt. Madonnas neues Wunschkind heißt Jessica Kondanani. Einziges Problem: Ein australisches Ehepaar behauptet, das Adoptionsverfahren schon vor Madonna eingeleitet zu haben. THILO THIELKE
* Links: in der englischen Grafschaft Wiltshire; rechts: Tochter Lourdes, Adoptivsohn David, Sohn Rocco.
* Links: in einem Flüchtlingscamp in Darfur; rechts: mit Adoptivkindern in Indien.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 48/2006
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