04.12.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEHimmlischer Lärm

Wie ein Pfarrer die NPD aus seiner Stadt vertrieb
Der Tag, an dem Pfarrer Boom straffällig wurde, zum ersten Mal in seinem Leben, war ein Tag ohne Wolken, ein Samstag. Boom war gerade draußen auf dem Pfarrhof, als er bemerkte, dass an der Uferstraße am Main Polizei aufzog. Viel Polizei.
Für diesen Samstag hatte die Jugendorganisation der rechtsextremen NPD eine Demonstration in Miltenberg angekündigt, es ging um Kapitalismus, um Globalisierung, die NPD nannte das "Aktionstag". Es sah nach Ärger aus.
Ulrich Boom, 59 Jahre alt, ist seit sechs Jahren Pfarrer in Miltenberg, ein freundlicher Mann mit festem Händedruck. Er wusste, dass die Kundgebung von der Stadt Miltenberg nicht genehmigt worden war. Später hatte das Verwaltungsgericht Würzburg die Veranstaltung dann doch erlaubt.
Als die Anhänger der NPD gegen 13.30 Uhr in Miltenberg eintreffen, werden sie mit Trillerpfeifen empfangen. Durch die enge Hauptstraße nähert sich ein Protestzug, den SPD, Grüne und CSU organisiert haben.
Boom hört den Lärm, der vom Marktplatz her zum Pfarrhof dringt. Er fühlt sich gestört, als Pfarrer, als Demokrat. Es ist ihm unbegreiflich, dass sich "so eine Partei", wie er sagt, ungestört versammeln darf.
Der Lärm schwillt an, als der erste Redner das Megafon ansetzt. Boom steht unschlüssig auf dem Pfarrhof. Er blickt seinen Küster an, der blickt ihn an, und irgendwann, "spontan, ohne nachzudenken", fasst Boom einen Entschluss. Er geht hinüber zur Kirche, er weiß jetzt, was er zu tun hat. Er durchmisst das Längsschiff, nimmt die Stufe zum Altarraum, schon ist er an der Tür zur Sakristei.
Dort, an der Wand, befindet sich eine Schalttafel. Sechs Glocken hängen in den beiden Türmen der St.-Jakobus-Kirche - Miltenberg besitzt nach Würzburg das schwerste Geläut der Diözese. Für Werktagsgottesdienste und Andachten sieht die "Läuteordnung", so heißt das in Pfarreien, die Glocken vier, fünf und sechs vor, an Sonn- und Feiertagen schlagen die Glocken zwei bis fünf. Nur an den Hochfesten kommen alle sechs Glocken zum Einsatz, etwa zu Ostern, Pfingsten oder Weihnachten.
An der Schalttafel gibt es für das tägliche Angelusläuten eine Automatik, daneben reihen sich sechs schwarze Drehschalter für den Handbetrieb. Alle Schalter stehen auf null, noch.
Boom bedient den ersten Schalter, eine Vierteldrehung nach rechts, hoch oben im Nordturm beginnt sanft die Muttergottesglocke zu schwingen, fast zwei Meter im Durchmesser. Boom wartet. Ein paar Sekunden steht er da, regungslos, dann vernimmt er den ersten Schlag, ein dunkles, grollendes Gis. Boom legt den zweiten Schalter um. Über ihm ertönt die Jakobusglocke, zweieinhalb Tonnen klingende Bronze, Boom ist beeindruckt von "der Gewalt, die sich in den Türmen entwickelt".
Eine wilde Freude erfasst ihn. Er, Boom, seine Schalter, seine Glocken, sie lassen die Stimme Gottes sprechen, und Gott kann laut werden. Jesus hat, früher, die Händler aus dem Tempel in Jerusalem vertrieben - wer, zur Hölle, ist die NPD?
Schalter drei: die Johannes-Nepomuk-Glocke. Jetzt tönt auch der Südturm. Auf dem Marktplatz lässt der Redner von der NPD das Megafon sinken, seine Augen suchen den Einsatzleiter der Polizei.
Boom nimmt die Bonifatiusglocke dazu, Schlagton fis, dann die Piusglocke, die Menschen auf dem Marktplatz blicken erstaunt nach oben, zum Schluss die Kiliansglocke, die kleinste, hellste. Von den Türmen dröhnt ein "massives Geläut, das alles still macht", sagt Boom. Kein Wort ist mehr möglich, die ersten Miltenberger applaudieren.
Endlich ist Ruhe, himmlische Ruhe, sozusagen.
Zwanzig Minuten lässt Boom es donnern, dann schaltet er die Glocken ab. Wenig später trotten die Rechtsextremen davon, der Bus wartet, es gibt, nach dieser Demonstration, nichts mehr zu sagen.
Es dauert ein paar Tage, dann erfährt Boom, dass die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg gegen ihn ermittelt wegen Störung einer genehmigten Versammlung. Die Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut in der Demokratie, Booms Verstoß kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.
Freunde raten ihm, er solle behaupten, dass er zufällig geläutet habe. Aber Boom will bei der Wahrheit bleiben. "Man verbiegt sich schon so genug im Leben", sagt er. Gegen die Zahlung von 2000 Euro soll das Verfahren schließlich eingestellt werden.
Im Pfarrhaus treffen Briefe und E-Mails ein, aus ganz Deutschland, Frankreich, der Schweiz, sogar aus Schweden. Die Schreiber bekunden Sympathie, viele legen Geldscheine bei.
Dann schaltet sich die bayerische Justizministerin Beate Merk ein. Sie will natürlich die Versammlungsfreiheit schützen, aber Merk fürchtet auch die Kommentare, vor allem die des Auslands.
Jetzt hat Pfarrer Boom Post von der Staatsanwaltschaft bekommen. Das Ermittlungsverfahren ist eingestellt. Im Justizministerium heißt es nun, Boom habe nicht stören, sondern auf friedliche Weise erinnern und mahnen wollen - und das ist, auch, eine Antwort der Demokratie auf die NPD. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 49/2006
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