04.12.2006

RECHTSCHREIBUNG„Anmaßung der Politik“

„FAZ“-Herausgeber Werner D'Inka, 52, über den bevorstehenden Wechsel seiner Zeitung zur reformierten neuen Rechtschreibung
SPIEGEL: Nach langem Widerstand führt die "FAZ" zum 1. Januar die modifizierten neuen Rechtschreibregeln ein. Was hat Sie dazu bewogen?
D'Inka: Zum einen hat der Rat für deutsche Rechtschreibung den größten Unfug der Reform rückgängig gemacht, vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Viele der bewährten Schreibweisen sind nun wieder gültige Varianten. Zum anderen ist Schülern und Lehrern die Sprachverwirrung nicht länger zuzumuten, die durch die Reform entstanden ist. Wir schreiben künftig so, wie es in den Schulen gelehrt wird.
SPIEGEL: "Kuss", "Schuss", "muss" - nun auch in der "FAZ" mit doppeltem S?
D'Inka: Auch wenn es schmerzt: ja. "Flussschifffahrt" mit drei S und drei F und der "helllichte" Tag mit drei L sehen zwar schrecklich aus, aber dabei geht es nicht um Sinn, sondern um Konvention.
SPIEGEL: Warum dreht die "FAZ" so spät bei? Alle anderen, auch der SPIEGEL, benutzen die neuen Regeln schon seit Frühjahr.
D'Inka: Wir wollten uns Zeit nehmen, die im Spätsommer herausgekommenen Wörterbücher von Duden und Wahrig sorgfältig durchzusehen. Nach gründlicher Prüfung haben wir uns für den Wahrig als Werk- zeug in Redaktion und Korrektorat entschieden, weil der sich stärker an der bewährten Rechtschreibung orientiert. Außerdem haben wir die Abstimmung mit dem SPIEGEL und der "Süddeutschen Zeitung" gesucht.
SPIEGEL: Wird es keine "FAZ"-Spezifika mehr geben?
D'Inka: Wir haben eine kleine Liste von Wörtern zusammengestellt, die wir nach wie vor auf herkömmliche Weise schreiben werden. Denn die Reform propagiert unter dem Deckmantel einer "Volksetymologie" viel Banausentum. "Quäntchen" etwa schreiben wir weiter "Quentchen", denn es kommt nicht von Quantum. "Plazieren" wird in der "FAZ" auch künftig nicht mit "tz" geschrieben, und beim "Stengel" bleibt das E - wie übrigens auch beim SPIEGEL üblich.
SPIEGEL: Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis des Aufstands gegen die Rechtschreibreform?
D'Inka: Unsere Standhaftigkeit hat dazu beigetragen, dass die gravierendsten Mängel der Reform behoben wurden. Das ist viel, dennoch kann niemand wirklich zufrieden sein. Denn eines haben die Reformer erreicht: Die Einheitlichkeit der Sprache ist dahin. Es ist eine ungeheure Anma- ßung der Politik, sich in die Sprache einzumischen, wie es die Kultusminister getan haben. Deshalb erwarten wir, dass der Rat für Rechtschreibung seine Arbeit zu Ende bringen kann.

DER SPIEGEL 49/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RECHTSCHREIBUNG:
„Anmaßung der Politik“