11.12.2006

SPORT„Verschwiegene Zirkel“

Wilfried Kindermann, 66, ehemaliger Teamarzt der Nationalmannschaft, über Doping im Fußball
SPIEGEL: Es gibt Hinweise, dass der spanische Dopingarzt Eufemiano Fuentes auch mit Fußballern von Real Madrid und dem FC Barcelona zusammengearbeitet haben könnte. Die Vereine haben alle Anschuldigungen bestritten. Ist Doping bei Fußballern überhaupt sinnvoll?
Kindermann: Es gibt sicherlich dopingträchtigere Sportarten. Aber mit der richtigen Substanz können natürlich auch Fußballer ihre Leistung steigern. Wenn man etwa Anabolika schluckt, um Muskeln aufzubauen, kann das auf Kosten der Beweglichkeit gehen. Aber es gibt ein Präparat, das viel Sinn machen würde - und das ist Epo. Es ist das Turbomittel zur Steigerung der Ausdauer. Außerdem ist Epo schwerer nachzuweisen als etwa Stimulanzien.
SPIEGEL: Kann man eine ganze Mannschaft mit Epo dopen?
Kindermann: Daran glaube ich nicht. So was ließe sich nicht geheim halten. Doping findet in kleinen, verschwiegenen Zirkeln statt, da weiß der Teamarzt möglicherweise gar nichts davon. Einzelne Spieler machen das, außerhalb des Trainingsgeländes, niemals die ganze Mannschaft.
SPIEGEL: Man kämpft also auch außerhalb des Rasens um den Stammplatz?
Kindermann: Zunehmende Kommerzialisierung, die steigende Anzahl von Wettkämpfen und wachsender öffentlicher Druck führen zu Doping. Wenn ein Spieler der Belastung nicht mehr gewachsen ist, dann macht er sich natürlich Gedanken, wie er seine Defizite ausgleichen kann.
SPIEGEL: Warum tun Fußball-Gewaltige immer so, als beträfe sie die Dopingproblematik nicht?
Kindermann: Das ist eine alte Denkweise, die aber langsam ausstirbt. Überall wo Spitzensport betrieben wird, versuchen manche zu manipulieren. Der Mensch ist so. Ich betrachte daher auch die in Mode gekommenen Nahrungsergänzungsmittel wie Kreatin skeptisch. Das ganze Gerede darüber fördert für mich nur die Dopingmentalität.
SPIEGEL: Wurden Sie in Ihrer Zeit als Mannschaftsarzt des Nationalteams schon mal um "professionelle Hilfe" gebeten?
Kindermann: Nein, weder von Spielern noch von einem Coach. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich heute in Deutschland ein Trainer Gedanken darüber macht, sein Team zu dopen. Da ist die Angst vor Entdeckung zu groß. Aber ich würde für keinen die Hand ins Feuer legen.

DER SPIEGEL 50/2006
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