11.12.2006

UNTERNEHMENWodka mit Schuss

Die Walther PPK gehört zu James Bond wie der geschüttelte Martini. Die besten Kunden des schwäbischen Waffenherstellers sind die Amerikaner.
Im Ulmer Industriegebiet Nord verschwendet niemand einen Gedanken daran, ob ein Wodka Martini das passende Getränk zum Smoking ist. Eher gilt es aufzupassen, sich den Blaumann nicht mit Dosenbier zu bekleckern. Von Glamour jedenfalls keine Spur. Und doch sitzt hier die Waffenschmiede von Bond. James Bond. Ausgerechnet.
Vieles hat sich in den vergangenen 44 Jahren rund um den berühmtesten Agenten der Filmgeschichte geändert: Der aktuell im Dienste Ihrer Majestät tätige Daniel Craig ist bereits der sechste 007-Darsteller. Das Auto wechselt der Spion mit der Lizenz zum Töten mittlerweile fast in jedem Film, die Frauen sowieso. Einzig seiner Pistolenmarke ist Bond seit dem allerersten Film der Serie so erstaunlich treu geblieben, dass es einen fast rührt - wenn schon nicht schüttelt.
Seit 1962 hält der Kinoheld jedem Bösewicht eine Knarre unter die Nase, die von einem kleinen Mittelständler aus der süddeutschen Provinz hergestellt wird: Walther, 28 Millionen Euro Umsatz, 170 Mitarbeiter, Qualitätswaffen seit 1886.
Nur in den allerersten zehn Minuten des ersten Werks "James Bond jagt Dr. No" trug Bond noch eine Beretta unter dem Smoking. Dann drängte ihn Geheimdienstchef M zum Waffenwechsel, weil die Beretta ("leicht und niedlich, gut für eine Damenhandtasche") beim vorherigen Auftrag Ladehemmung hatte: "Sie werden von jetzt an die Walther benutzen."
Um eine derart lang andauernde, offen zur Schau getragene und dabei noch glamouröse Schleichwerbung würden sich andere Firmen reißen - zumal Walther noch nicht einmal dafür bezahlt, wenn etwa in "Dr. No" der Waffenchef des britischen Geheimdienstes Bond seine neue Pistole mit den unfassbar reklamigen Worten überreicht: "Die Walther PPK. Mit einer Durchschlagskraft wie ein Ziegelstein durch eine Fensterscheibe. Die amerikanische CIA schwört auf sie."
Seither wird die PPK - ab dem Streifen "Der Morgen stirbt nie" zudem ihr Nachfolgemodell P99 - in jedem Film ebenso prominent wie kostenlos vorgeführt. Zur Premiere des jüngsten Streifens kommentierte ein Mitglied der Produzentenfamilie Broccoli, die von jeher für die Agentenfilme verantwortlich ist, sogar: "Was wäre Bond ohne seine Walther?"
Doch die umgekehrte Frage scheint sich in der schwäbischen Provinz niemand zu stellen. In der Eingangshalle der neuen Ulmer Firmenzentrale findet sich nicht der kleinste Hinweis auf die jahrzehntelange Liaison zwischen Waffen- und Traumfabrik: keine lebensgroßen Pappaufsteller, keine Fotos der Geschäftsführung mit Schauspielern, nicht mal ein Filmplakat. Stattdessen steht dort nur, jederzeit griffbereit für die Empfangsdame, das "Aktuelle Waffenrecht". In fünf Bänden.
Erst im angeschlossenen Firmenmuseum darf die innige Beziehung zwischen britischer Doppelnull-Fiktion und schwäbischem 9-Millimeter-Realismus betont werden: Gleich am Eingang starrt Ex-Bond Pierce Brosnan den Besuchern von einem überlebensgroßen Plakat entgegen, mit gezückter PPK natürlich.
Viele Worte verliert Walther-Geschäftsführer Manfred Wörz über Bond nicht: "Da unsere Umsatzschwerpunkte weltweit im Behördensegment liegen, wirkt sich Bond nicht als verkaufssteigernder Faktor aus." Soll heißen: Nur weil zig Millionen Filmfans die Pistolen aus dem Kino kennen, rennt niemand danach los und kauft sich eine. Zumal das sowieso nur in Ländern wie den USA mit äußerst liberalen Waffengesetzen möglich wäre.
Aber Walther (Firmenmotto: "Tradition of Innovation") interessiert sich ohnehin kaum für den schießwütigen Privatkäufer, sondern konzentriert sich schon seit Jahrzehnten auf den Markt für Polizeiwaffen. Das Unternehmen rüstet unter anderem die Polizeikräfte von Nordrhein-Westfalen, Holland und Polen mit Dienstwaffen aus und ist weltweit Marktführer bei Kaliber-22-Waffen. Der Bond-bedingte Kultstatus hilft da wenig.
Weit mehr vom Glamour-Image profitiert die Walther-Mutterfirma Umarex. Das
Arnsberger Unternehmen stellt Replika her: Das sind weitgehend frei erhältliche Schreckschusskopien, die statt Kugeln Gas oder Signalmunition verschießen, den Walther-Originalen aber zum Verwechseln ähnlich sehen. Entsprechend viel Wert wird bei Umarex auch auf gute Beziehungen zu den Filmproduzenten gelegt.
Eigner-Sohn Eyck Pflaumer ist als offizieller Walther-Vertreter regelmäßig bei den Dreharbeiten zu den Bond-Streifen dabei und traf mehrmals den neuen Bond-Darsteller Daniel Craig, der im aktuellen Film "Casino Royale" gleich zwei Walther-Modelle benutzt: zum einen die moderne P99, mit der auch Polizisten in Köln oder Düsseldorf auf Streife gehen; zum anderen aber immer noch die PPK, die Walther eigentlich nicht mehr herstellt.
Nur in den USA wird die altmodische Kleinkaliberwaffe noch produziert - in Lizenz vom legendären Waffenfabrikanten Smith & Wesson, mit dem Walther eine strategische Allianz für den wichtigen US-Markt hat: Fast 80 Prozent der Walther-Produktion geht ins Ausland, davon ein Drittel in die USA.
Umso betulicher wirkt der Firmenchef selbst, der im Gegensatz zu gängigen Klischees übers internationale Waffengeschäft eher wie der Geschäftsführer einer Betriebskrankenkasse wirkt. "Absolute Seriosität ist in dieser Branche sehr wichtig", sagt Wörz, "Waffen sind ein sensibles Thema hierzulande."
Rund 100 000 Stück produziert Walther jährlich, neben den scharfen Pistolen auch Sportwaffen wie etwa Luftgewehre. Den Großteil der Produktion aber macht das neueste Pistolenmodell P99 aus: Bis zu 15 Schuss im Doppelmagazin, ergonomisch anpassbare Griffe, kein Abzugshahn, viel Kunststoff statt schweren Stahls. Preis: rund 800 Euro. Mit Schalldämpfer und am Griff angeschraubter Minitaschenlampe kostet's ein bisschen mehr.
Die Produktzyklen sind extrem lang in diesem Geschäft: Die PPK war von 1929 bis 1999 fast unverändert auf dem Markt. Das liegt vor allem daran, dass bei Pistolen bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts alles Wesentliche erfunden war. Das heute weltweit von Polizisten eingesetzte 9-Millimeter-Kaliber wurde schon unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II. eingeführt.
Und auch die P99 ist noch immer ein rein mechanisches Produkt. Elektronische Teile überleben die rigorosen Testreihen schlicht nicht: Schlammbad, Kältekammer, Absturz aus ein paar Metern Höhe. Probe geschossen wird natürlich auch.
Wer wenigstens dort eine schicke Hightech-Waffenkammer à la Bond erwartet, erlebt die endgültige Enttäuschung: Im Firmenkeller sitzen nette ältere Herren und schießen im Sitzen wie am Fließband: peng, peng ... zehn Schuss ... die Nächste bitte. Und natürlich tragen sie dabei einen Blaumann. THOMAS SCHULZ
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 50/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN:
Wodka mit Schuss