11.12.2006

VERLAGE„Manchmal tödlich“

Zwei westliche Verlagskonzerne und eine kritische Titelgeschichte, eine verärgerte Milliardärin und ein mächtiger Politiker. Axel Springers Desaster mit der Dezember-Ausgabe seines russischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“ gerät zum Lehrstück über die Medienrealität in Putins Riesenreich.
Am Donnerstag vergangener Woche um 17.18 Uhr schwand beim Axel-Springer-Verlag in Moskau die letzte Hoffnung, dass die unangenehme Affäre doch noch friedlich enden könnte. Da flatterte die dreiseitige Kriegserklärung der Unternehmerin Jelena Baturina in die Redaktionsstube von "Forbes"-Russland.
Die Anwälte ihres Firmenimperiums Inteko stellten ein Ultimatum: Entweder müsse das Wirtschaftsmagazin bis 14. Dezember alle Quellen und Informanten offenbaren, die bei der Titelstory über ihre Chefin benutzt wurden - oder es drohe eine Klage. Es könnte um Millionen gehen.
Für den Springer-Konzern, der in Lizenz seit zwei Jahren die US-Magazine "Forbes" und "Newsweek" in Russland herausgibt, ist das der vorläufige Höhepunkt eines symbolträchtigen Kräftemessens. Die beiden Blätter gelten in Moskau als Speerspitze des seriösen Journalismus.
Im Konflikt zwischen "Forbes" und Baturina sehen viele russische Reporter deshalb bereits ein Fanal für ihre eigene Zukunft. Wird eine weitere Bastion des unabhängigen Journalismus geschleift? Müssen selbst zwei der international renommiertesten Verlagshäuser vor Russlands mächtigster Unternehmerin zu Kreuze kriechen?
Es geht um Geld, Märkte - aber auch um nichts Geringeres als die Pressefreiheit in einem Land, wo etliche Journalisten für manche Geschichten bereits mit ihrem Leben bezahlen mussten.
Der Medienskandal begann in der letzten November-Woche. "Forbes" hatte in seinem Schwesterblatt "Newsweek" wie üblich mit dem Titelbild für seine Dezember-Ausgabe geworben. Darauf prangte ein Foto von Russlands einziger Milliardärin, Jelena Baturina, dekoriert mit dem Zitat: "Mir ist Schutz garantiert."
Die Zeile traf bei der 43-Jährigen einen wunden Punkt. Denn ihr märchenhafter Aufstieg von der Verwaltungsangestellten zur reichsten Russin wird immer wieder mit ihrem Mann in Verbindung gebracht: dem mächtigen Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow.
1991 hatte der damals 55-Jährige seine um 27 Jahre jüngere Ex-Assistentin Baturina geheiratet. Damals war er noch Vizebürgermeister. Bereits im gleichen Jahr gründete die Frischvermählte Inteko, eine Kunststofffirma, die Plastikeimer und Einweggeschirr herstellte. Ein Jahr später wurde Luschkow von Boris Jelzin zum Ersten Bürgermeister Moskaus ernannt. Mit ihm begann ein wahrer Baurausch in der Elf-Millionen-Metropole - und damit der unaufhaltsame Aufstieg des Power-Paars.
Als Inteko 1998 Moskaus Luschniki-Stadion mit 85 000 Plastiksesseln ausstattete, beschäftigten sich die Medien erstmals mit den Auftragsvergaben an die First Lady. Doch die ließ sich nicht beirren und kaufte weiter: eine Baufirma, ein Zementwerk, Ländereien in der Provinz, auch eine Bank gehört zum Unternehmen.
"Meine Frau hat einen Quadratschädel, sie kam mit einem Männergehirn zur Welt", kommentierte Luschkow den Erfolg seiner Gattin, die sich zunehmend auf internationales Parkett wagt.
Ende Oktober stellte Baturina in München Immobilienprojekte im Wert von 2,2 Milliarden Dollar vor. Die passionierte Kunstsammlerin mit der Schwäche für teure Vasen plant Bürokomplexe, eine Hotelkette
in Russland und ein Golfhotel in Kitzbühel. Täglich investiere Inteko bis zu zwei Millionen Dollar, sagt Baturinas Sprecher Gennadij Terebkow.
Während seine Frau in 15 Jahren ein geschätztes Vermögen von 2,4 Milliarden Dollar anhäufte, eroberte Luschkow die Herzen der Moskauer. Das 1,68 Meter kleine Kraftpaket mit dem Kahlkopf gab sich mal als unerschrockener Eisschwimmer, mal als dichtender Balalaikaspieler. Zum Karneval erschien Luschkow als Schwan. Seiner Frau gefällt's: Zu seinem Geburtstag lässt sie schon mal einen Bagger auffahren, die Schaufel mit Rosen gefüllt.
Ihr Leben haben die beiden organisiert wie ihr Tennisspiel: Er sucht den schnellen Punkt am Netz, sie kontrolliert von der Grundlinie.
Doch wehe dem, der sie als Doppel beschreibt. Vehement weist das Paar die nie verstummenden Gerüchte zurück, Baturina würde bei städtebaulichen Entscheidungen bevorzugt, etwa bei der Vergabe von Grundstücken oder Aufträgen.
Einmal brachte sie sogar einen Generalstaatsanwalt dazu, sich bei ihr zu entschuldigen. Bereits vor zehn Jahren verfolgte ihr Zorn die kleine Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta", die berichtet hatte, dass Luschkow der Firma seiner Frau beim Bau einer Brauerei Geld zuschanzen ließ. Sie erwirkte gegen das Blatt eine Gegendarstellung.
Damit wird sie sich im Falle "Forbes" kaum zufriedengeben. Am Mittwoch, 29. November, einen Tag vor der geplanten Auslieferung des Wirtschaftsmagazins, bekam die Verlagsleiterin von Axel Springer Russia (ASR), Regina von Flemming, Besuch. Inteko-Vizepräsident Ilja Parnyschkow kam in die Redaktion und drohte mit einer Klage.
Das Zitat auf dem Titel "Mir ist Schutz garantiert" sei tendenziös, das Heft dürfe so nicht erscheinen. Im Original hatte Baturina gesagt: "Mir ist, wie jedem anderen Investor auch, der Schutz meiner Rechte garantiert." Nach einer juristischen Prüfung lenkte Chefredakteur Maxim Kaschulinski ein und ließ ein neues Cover mit korrektem Zitat erstellen.
Doch Inteko war das nicht genug. Die gesamte Ausrichtung des Artikels, der erzählt, wie Baturina den Konzern für die Zeit nach Amtsende ihres Mannes 2007 ausrichtet, gefiel nicht. Kein Wunder: In dem Stück wurde etwa der große Gegenspieler Luschkows bei der Bürgermeisterwahl 2003, der Oligarch Alexander Lebedew, mit der Beschreibung des Paars als "staatlich-familiäre Partnerschaft" zitiert. Der Magnat hat sich inzwischen auch als Hauptquelle des Stücks geoutet.
Inteko forderte, die gesamte Auflage einzustampfen. Die Verlagsmanager in Berlin waren verunsichert von der handwerklichen Unsauberkeit in der Überschrift. War es nicht möglich, dass sich auch im Text Fehler eingeschlichen hatten?
Die Verantwortlichen im Axel-Springer-Haus begingen prompt einen folgenschweren Fehler: Sie entschieden, die Ausgabe nicht an die Kioske zu bringen. Begründung von ASR: "Die Prinzipien journalistischer Ethik" seien verletzt worden.
Chefredakteur Kaschulinski tobte. Der 33-Jährige gehört zu einer Generation von Journalisten, die sich der Aufklärung um jeden Preis verschrieben haben. Er schmiss seinen Job hin und gab entrüstete Interviews. Damit nicht genug: In seiner Wut hatte der gedemütigte Chefredakteur sogar das Mutterblatt in New York angerufen.
Dort handelte man ähnlich überstürzt wie zuvor in Berlin: Ohne die deutschen Partner zu kontaktieren, schickte "Forbes" eine pathetische Erklärung heraus: "Gebt die Ausgabe frei!", forderte der Verlag mit Verve.
Springer-Vorstand Andreas Wiele, der gerade in Boston war, stieg ins Flugzeug nach New York und eilte in das von Säulen flankierte "Forbes"-Hochhaus in der Fifth Avenue, wo er auf pampige Geschäftspartner traf. Man habe bei Springer niemanden erreichen können, erklärten die "Forbes"-Manager ihr Vorpreschen. Eine Retourkutsche, denn Springer hatte sie nicht über den Auflagenstopp vorab informiert.
Dieser zweite schwere Fehler machte die Geschichte am Ende zu einem weltweit beachteten Nachrichtenstück: Die "New York
Times" und der britische "Independent" kritisierten lang und breit die mangelnde Standhaftigkeit des deutschen Verlags.
Springer vollführte eine 180-Grad-Drehung und erklärte, die Ausgabe mit dem umstrittenen und mittlerweile "gemäß der journalistischen Sorgfaltspflicht" überprüften Bericht in unveränderter Fassung zu veröffentlichen. Noch am Freitagnachmittag ging das Magazin an die Kioske, mit einem Tag Verspätung.
Vorstand Wiele reiste nach Moskau, Chefredakteur Kaschulinski nahm seine Kündigung zurück, Springer bedauerte seinerseits, den Eindruck erweckt zu haben, "dass die Redaktion nicht nach allerhöchsten Standards" arbeite.
Der Betriebsfrieden schien wieder hergestellt. Doch hinter den Kulissen gärt es munter weiter. Denn anders als die lautstark entrüsteten Lizenzgeber, die von ihren New Yorker Bürotürmen aus die Banner der Pressefreiheit hochhalten, halten Springers Leute schließlich vor Ort den Kopf hin.
Der russische "Forbes"-Gründungschefredakteur Paul Klebnikow wurde 2004, nach vier Monaten im Job, auf offener Straße ermordet. Er hatte die Machenschaften der Oligarchen geschildert und in seinem Buch "Gespräch mit einem Barbaren" einen tschetschenischen Untergrundführer beleidigt. Springer-Managerin Flemming drohte jüngst ein hochrangiger Politiker am Telefon, sie käme nicht mehr heil aus der Stadt. All das muss auf den Tisch gekommen sein in der Fifth Avenue, denn nach dem Gespräch mit Wiele drangen andere Töne aus der New Yorker Zentrale: Es sei "wichtig, zu erinnern, dass das Umfeld für jegliche Medienaktivität in Russland brenzlig und manchmal tödlich ist".
Der November verlief durchaus typisch: Zweimal wurde die Auslieferung einer Zeitung gestoppt, 14-mal wurden Journalisten von Polizei oder Beamten des Inlandsgeheimdienstes und KGB-Nachfolgers FSB festgesetzt, acht wurden zusammengeschlagen. Immerhin gab es keinen Mord - wie zuletzt im September an der Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja. Dafür reichten Politiker, Regierungsbeamte und Unternehmer in 13 Fällen Klage gegen Journalisten oder ihre Redaktionen ein.
Präsident Wladimir Putin hatte nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 erst das Fernsehen domestiziert und dann die wichtigsten Printmedien von Kreml-nahen Unternehmen aufkaufen lassen. Seither geraten Journalisten auch an dieser Front unter Druck. Millionenschwere Großunternehmer zerren sie vor den Kadi.
Vor zwei Jahren etwa griff die angesehene Wirtschaftszeitung "Kommersant" Gerüchte auf, dass die Alfa-Bank kurz vor der Pleite stehe. Deren Chefs, die Oligarchen Pjotr Awen (Alfa-Bank) und Michail Fridman (Alfa-Gruppe), setzten bei Gericht die Zahlung von umgerechnet 1,1 Millionen Euro wegen Rufschädigung durch. Solche Urteile können manchen Verlag ruinieren.
Auch bei "Forbes" sind Drohungen und Bestechungsversuche an der Tagesordnung. "Jedes Mal vor und nach dem Erscheinen gab es fünf bis zehn Anrufe solcher Art", sagt Ex-Herausgeber Leonid Berschidski. Trotzdem glänzt das Wirtschaftsmagazin immer wieder mit gut recherchierten Enthüllungsgeschichten.
In diesem Jahr beschrieb es das Netzwerk des Senators Boris Schpigel, der als Mitglied des Russischen Föderationsrates über die Verwendung von Subventionen für günstige Medizin mitentscheidet - und gleichzeitig über die von ihm gegründete Firma Biotech von Staatsaufträgen profitiert. Inzwischen haben staatliche Untersuchungen sogar Gesundheitsminister Mi- chail Surabow im Visier. Senator Schpigel soll sich in eine Klinik nach Israel abgemeldet haben.
Das russische "Forbes"-Schwesterblatt "Newsweek" erscheint schon mal mit einem Titel, der Präsident Putin neben dem Sowjet-Diktator Stalin zeigt - eine ironische Anspielung auf die zunehmend autoritären Tendenzen des Kreml-Chefs. Ein Kreml-naher Fernsehsender stornierte prompt alle Anzeigenaufträge.
Selbst bei weit harmloseren Inhalten kann es Ärger geben: Bei Gruner + Jahr in Moskau, die mit fünf Titeln im rasant wachsenden Medienmarkt des Riesenreiches vertreten sind, tauchten grimmige Muskelmänner auf, weil der Mann einer russischen Society-Dame mit der Berichterstattung in der "Gala" unzufrieden war. Der Burda-Geschäftsführer in Russland bewegt sich nur in gepanzerter Limousine und mit Bodyguards durch Moskau. Und das, obwohl seine 35 Publikationen im unproblematischen Lifestyle-Sektor angesiedelt sind.
So richtig lohnt sich das Russland-Geschäft für den Springer-Verlag, der auch noch "Computer Bild" und neuerdings das Klatschmagazin "OK" vertreibt, wohl noch nicht. Zwar schreibt "Forbes" schwarze Zahlen, "Newsweek" aber, dessen Auflage vom Verlag mit 55 000 Stück angegeben wird, verkauft nach Branchenschätzungen weniger als die Hälfte.
Entsprechend fürchten die Moskauer Redaktionen nach dem "Forbes"-Theater erst recht um ihre Zukunft. Wenn sie Pech haben, werden die Vorstände von Axel Springer die Daumen senken, wenn sie in den nächsten Wochen über ihr weiteres Engagement in Russland entscheiden. Ein Rückzug in Raten ist jedenfalls nicht auszuschließen. FRANK HORNIG, MATTHIAS SCHEPP,
MICHAELA SCHIEßL, THOMAS SCHULZ
Von Frank Hornig, Matthias Schepp, Michaela Schießl und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 50/2006
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