11.12.2006

Die neun Gebote

Der Fußballtrainer Christoph Daum über seine Lehren aus der Kokainaffäre, das Prinzip Integrität und seine Rückkehr in den deutschen Fußball
SPIEGEL: Herr Daum, Sie haben mal den Trainerberuf mit dem eines Elektrikers verglichen.
Daum: Ich weiß, das war in Leverkusen.
SPIEGEL: Ein Trainer müsse wie ein Elektriker nach dem Wackelkontakt suchen, die richtigen Stecker zusammenfügen und schon stehe alles unter Hochspannung. Sie sind seit zwei Wochen Trainer in Köln. Haben Sie die Stecker schon gefunden?
Daum: Nein. Das ging auch in Leverkusen nicht so schnell. Das Problem ist, dass hier
beim 1. FC Köln alles viel, viel schneller passieren muss.
SPIEGEL: Sie haben vergangenen Montag Ihr erstes Spiel so niederschmetternd verloren, dass man sich fragt, ob da überhaupt Leitungen sind, die man miteinander verbinden kann.
Daum: Da bin ich noch auf der Suche, das stimmt. Ich habe nach dem Spiel zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht geschlafen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Daum: Weil ich mir Vorwürfe gemacht habe, dass ich nicht mehr bewegen konnte. Weil ich Fehler gemacht habe und meine Änderungen während des Spiels nicht funktioniert haben. Wir haben mal mit Fenerbahçe Istanbul das Pokalfinale gegen Galatasaray Istanbul mit 1:5 verloren, was eine Hinrichtung war. Nach dem Spiel kam ich in einen Besprechungsraum und 14 Leute aus dem Vorstand schimpften auf Türkisch, Deutsch und Englisch mit mir. "Was haben Sie uns angetan? Sie haben Schande über den Verein gebracht! Es geht um unsere Ehre!" Ich saß da ganz ruhig, weil ich wusste, in zwei Tagen hat sich das wieder gelegt. Ich bin nach Hause gegangen und habe gut geschlafen. Nach dem Spiel gegen Duisburg ging das nicht.
SPIEGEL: Ist Köln ein aussichtsloser Fall?
Daum: Nein, denn Fußball ist irrational. Hauen wir denen ein abgefälschtes Ding
rein, wächst auf einmal das Selbstvertrauen, und ein Spiel geht anders aus. Es gibt den schönen Spruch von mir: "Je mehr mir die Irrationalität des Fußballs bewusst wird, umso realer sehe ich ihn."
SPIEGEL: Was haben Sie nach durchwachter Nacht gesehen?
Daum: Um halb acht morgens bin ich spazieren gegangen, um kurz vor zehn zur Arbeit gefahren. Da habe ich mir vorgenommen, es etwas ruhiger angehen zu lassen und nicht mit diesem Über-Engagement. Wir müssen jetzt einfach arbeiten, arbeiten, arbeiten.
SPIEGEL: Sie wurden in Köln wie der Messias empfangen. Eine Zeitung schrieb: "Wir sind Daum". Das wirkt wie die Sehnsucht nach jemandem, der die Hand auflegt, und alles wird gut. Von Arbeit will in Köln niemand etwas hören.
Daum: Dann muss man das eben wiederholen, wiederholen, wiederholen. Lernen heißt wiederholen. Bei einem Verein wie dem 1. FC Köln kann man nur mit knallharter Arbeit etwas verändern. Aber Fußball hat heute nicht nur hier Event-Charakter, das Spiel hat sich von seinen Ursprüngen gelöst.
SPIEGEL: Sie könnten versuchen, sich dagegenzustemmen.
Daum: Keine Chance, vergiss es. Das wäre eine Aufgabe für Don Quichotte. Man kann nur versuchen, die wichtigen Dinge in den Vordergrund zu rücken: das Spiel und die Arbeit. Andererseits lebt das Großereignis Fußball zu einem großen Teil von dieser Emotionalität. Nun könnte man da eine Käseglocke drüberstülpen, aber dann würde man der Sache eine ihrer Grundsäulen nehmen, die Fußball zu so einer unvergleichlichen Erlebniswelt gemacht hat.
SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Karriere diese Erlebniswelt oft bedient.
Daum: Das ist der größte Unsinn, der mir immer wieder vorgeworfen wird. Wer war eigentlich zuerst da? Ich oder die Medien? Es heißt: Daum inszeniert sich selbst, weil es Ihnen gut gefällt, mich als einen Selbstdarsteller zu bezeichnen. Aber im Prinzip ist die Presse oft der Provokateur.
SPIEGEL: Herr Daum, Sie haben 1989 live im Fernsehen Jupp Heynckes und Uli Hoeneß beleidigt. Sie haben Geldscheine an die Kabinentür genagelt, um die Spieler heißzumachen. Sie haben während Ihrer Kokainaffäre die Öffentlichkeit belogen, und später nach Ihrer Rückkehr aus den USA wurde Ihre Entschuldigungspressekonferenz zur Comedy-Show. Dann war der Trainer Christoph Daum ein paar Jahre weg aus Deutschland, und wo gibt er seine erste Pressekonferenz, um Auskunft über ein mögliches Engagement beim 1. FC Köln zu geben? Im Krankenhaus.
Daum: Wissen Sie was? Behalten Sie doch Ihr Vorurteil.
SPIEGEL: Wir sind hier, um zu erfahren, warum Sie tun, was Sie tun. Es geht nicht um Vorurteile.
Daum: Ich bin bei Ihnen in der Schublade drin. Wissen Sie, ich will Sie doch gar nicht verunsichern und aus Ihrer Komfortzone herausholen, weil ich Sie damit vielleicht überfordere. Es gibt ein paar Leute, die kennen mich, und das reicht mir.
SPIEGEL: Wie haben Sie denen die Pressekonferenz im Krankenhaus erklärt?
Daum: Mir wurden im Krankenhaus ein Abszess entfernt und die Mandeln. Das Skalpell war noch nicht trocken, die Schläuche waren noch drin, und schon kam keine 24 Stunden später die erste Nachricht: Daum hat Krebs. Noch mal 24 Stunden später waren ungefähr 30 Journalisten im Krankenhaus, blockierten die Gänge zum Operationstrakt, und der Krankenhausleiter sagte zu mir: "Die Journalisten wollen ein Statement von Ihnen, dass Sie keinen Krebs haben." Ich habe ihm gesagt: "Hören Sie, ich bin am Tropf, ich erzähle jetzt überhaupt keinem etwas." Er hat wieder mit den Journalisten verhandelt, dann hieß es: Wenn Daum kein Statement abgibt, schreiben sie, dass er Krebs hat. Schließlich hat das Krankenhaus den Journalisten angeboten, am Tag meiner Entlassung eine Pressekonferenz durchzuführen, damit sie wieder gehen. Wir haben versucht, die Medienseele zu beruhigen.
SPIEGEL: Aber bei der Pressekonferenz ging es doch längst um die Frage, ob Sie Trainer beim 1. FC Köln werden.
Daum: Das stimmt, aber das hat sich erst entwickelt, als wir schon diesen Termin ausgemacht hatten.
SPIEGEL: Auf das Angebot des 1. FC Köln haben Sie zuerst mit Jein, dann mit Nein und schließlich mit Ja geantwortet. Warum dieses Hin und Her über mehr als eine Woche?
Daum: Ich habe beim 1. FC Köln als Amateur gespielt, als Jugendtrainer gearbeitet und schließlich die Profis trainiert. Ich habe dem Verein viel zu verdanken, ich habe mich auch in dieser Stadt wohl gefühlt. Dann kam das Angebot, das auch ein Hilferuf war. Ich hatte zwar keinen Verein, aber eine andere Zielsetzung. Ich wollte als Trainer mit der Perspektive Champions League arbeiten und nicht in der Zweiten Liga. Es gab viele Gründe zu sagen: Das lässt du sein. Vielleicht ist das wie bei einer Liebe, wenn man sich überlegt, ob man zusammenzieht. Da gibt es sachliche Gründe, die dagegen sprechen, und dann gibt es das Herz. Dazu kam die gesundheitliche Situation, dass der Abszess auf der Aorta gesessen hatte und die Haut dort noch so dünn wie Frischhaltefolie war. Ich durfte nichts heben, ich durfte nicht schreien und war eigentlich bis Anfang Dezember krankgeschrieben. Die Absage hatte also sachliche Gründe, bei der Zusage sprach mein Herz.
SPIEGEL: Was für ein Theater.
Daum: Mir war klar, dass ich dafür angegriffen werde. Es gehört aber mehr Mut dazu, sich zu revidieren, als stur zu bleiben.
SPIEGEL: Kaum waren Sie da, gab es die große Daum-Show bei Ihrem ersten Training. Fast 10 000 Zuschauer, die Leute reichten Ihnen Babys über den Zaun.
Daum: Ich habe an einen Sektenführer gedacht, der die Kinder seiner Anhänger segnet. Abends habe ich dann zu meiner Frau gesagt: Ich glaube, ich muss hier weg, das kann hier kein Mensch erfüllen, aber das ging natürlich nicht. Es gibt, glaube ich, kaum eine Stadt in dieser Fußballwelt, die mit so viel Herzblut bei der Sache ist. An diesem Tag habe ich etwas bei mir entdeckt: Ich habe ein Restpotential an Bescheidenheit.
SPIEGEL: Sie hätten es noch weiter ausschöpfen können, indem Sie einfach nur in der Platzmitte geblieben wären und gewinkt hätten.
Daum: Ja, aber ich bin auch einer aus dem Fußvolk. Ich bin über den Zaun geklettert, um beim MSV Duisburg mit großen Kinderaugen Helmut Rahn, Werner Krämer oder Lulu Nolden, den Elfmeterkönig, zu sehen. Das waren Idole, die mein Leben begleitet haben. Wenn die zu mir gekommen wären, meine Liebe verstanden und erwidert hätten, hätte mich das glücklich gemacht. Jetzt stehe ich auf dem Platz, verstehe diese Liebe und erwidere sie.
SPIEGEL: Das Spiel am vergangenen Montag war das erste von Ihnen als Trainer eines deutschen Clubs seit der Affäre. Hatte es für Sie eine besondere Bedeutung?
Daum: Diesen Arbeitstag hätte ich schon eher haben können.
SPIEGEL: Aber Sie hatten ihn nicht.
Daum: Weil ich nicht wollte oder es vorher nie gepasst hat.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, unter besonderer Beobachtung zu stehen? DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte nach der Pressekonferenz im Krankenhaus über Sie: "Eine zweite Chance muss man sich mit Glaubwürdigkeit erarbeiten. Das macht er im Augenblick nicht so ganz."
Daum: Sprechen Sie darüber lieber mit Herrn Doktor Zwanziger. Ich habe so viel Lebenserfahrung sammeln können, dass ich weiß, wann ich zu schweigen habe.
SPIEGEL: Sind Sie im Laufe Ihrer Karriere nicht immer wieder in eine Art Beweisnot gekommen? Zu Beginn mussten Sie beweisen, dass Sie Profitrainer sein können, obwohl Sie kein Profispieler waren, sondern immer gesagt haben: Ich war ein Klopper.
Daum: Heute würde ich sagen: Ich war ein Abwehrspezialist.
SPIEGEL: Später mussten Sie beweisen, dass Sie nicht nur ein Motivator sind. Und vor zwei Jahren haben Sie gesagt: "Ich habe das Gefühl, dass ich allen zeigen muss, dass ich gar kein schlechter Kerl bin."
Daum: Sie vermischen Sport und Persönliches.
SPIEGEL: Aber während Ihrer Affäre hat es diese Vermischung auch gegeben.
Daum: Darüber will ich einfach nicht mehr reden. Das war eine Episode in meinem Leben, die ich gerne missen möchte, aber nicht ausradieren kann. Es war eine Zäsur und hat mir die Möglichkeit gegeben, mich auf einige Dinge für die Zukunft zu besinnen. Wissen Sie, für mein Leben ist nicht das Wichtigste, was Sie von mir halten, sondern was ich von mir halte. Ich bin aus der Sache gestärkt hervorgegangen, ich habe das alles mit meiner Familie und meinen Kindern, die mir die nächsten Menschen sind, aufgearbeitet. Ich bin im Reinen mit mir und auf alle Leute zugegangen, von denen ich meinte, da müsste es ein klärendes Gespräch geben. Ich habe Briefe geschrieben und alles Menschenmögliche getan, um die Sache auszuräumen, die nicht mehr rückgängig zu machen war. Niemand ist fehlerfrei, das kann, glaube ich, keiner von sich behaupten.
SPIEGEL: Haben Sie auch das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein?
Daum: Das ist kein Gefühl, das ist belegbar. Das stand sogar im SPIEGEL.
SPIEGEL: Sie sprechen von Ihrem Prozess in Koblenz. Sie wurden damals freigesprochen, die Anklage war in sich zusammengefallen, sogar die ursprüngliche Analyse der Haarprobe ließ sich nicht halten. Nur wegen Kokainbesitzes in zwölf Fällen mussten Sie 10 000 Euro Bußgeld zahlen.
Daum: Ich habe Ihrer Reporterin Gisela Friedrichsen nach dem Urteil einen Brief geschickt und mich für ihre Aufrichtigkeit und Fairness in der Berichterstattung bedankt.
SPIEGEL: Sind Sie noch wütend?
Daum: Das bringt mich nicht weiter. Ich schade mir nur selbst. Es kommt darauf an, die Lehren daraus zu ziehen.
SPIEGEL: Welche Lehren?
Daum: Ich habe immer gesagt: Das höchste Ziel für mich persönlich im Leben ist Integrität.
SPIEGEL: Hm.
Daum: Da können Sie sagen, dass ich dagegen verstoßen habe. Das ist richtig. Dafür wurde ich auch sehr schnell bestraft. So ist das Leben. Es hat mir gezeigt, dass du gegen solche obersten Lebensprinzipien nicht verstoßen darfst.
SPIEGEL: Sie haben früher aus Max Frischs "Stiller" zitiert: "Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben."
Daum: Nur, dass ich nicht mehr viel zu verbergen habe. Mein Leben wurde schon vor der Öffentlichkeit ab- und ausgeräumt. Irgendwann wusste jeder mehr als ich. Aber ich glaube, dass viele Menschen, sogar Sie, Dinge haben, die Sie nicht so gerne in der Öffentlichkeit sehen und auch nicht darüber reden wollen.
SPIEGEL: Sie reden von Ihren Dämonen?
Daum: Von denen habe ich nicht mehr als Sie auch. Ich bin doch nicht aus einem anderen Planetensystem. Ich bin in derselben Gesellschaft aufgewachsen wie Sie und habe sicherlich einen großen Teil der Werte mitbekommen, mit denen auch Sie von Ihren Eltern ausgestattet wurden. Ich bin christlich erzogen worden, an den zehn Geboten entlang, und neun davon habe ich eigentlich immer befolgt. Das zehnte können Sie sich jetzt aussuchen. Ich bin ein ganz normaler Mensch.
SPIEGEL: Wirklich? "Ich weiß: Ich bin einzigartig, ich bin einmalig, es gibt kaum Bessere. Es gibt auch andere, die gut sind, aber ich bin einer der Besten. Ich stelle mich nie in Frage." Das haben Sie 1999 gesagt.
Daum: Das Zitat ist nicht vollständig, eigentlich meinte ich: Wenn du die Analyse zu weit treibst, wird aus Analyse Paralyse. Jeder ist einzigartig, nur verstehen Sie Ihre Einzigartigkeit nicht. Es gibt Sie kein zweites Mal, oder sind Sie geklont?
SPIEGEL: Herr Daum, Sie reden sich raus.
Daum: Nein. Der Unterschied zwischen Ihnen und mir ist nur: Sie sprechen nicht darüber. Du kannst der Welt nur nutzen, wenn du dich selbst akzeptierst, mit all deinen Stärken und Schwächen! Das ist nicht schlimm, es ist quasi biblisch. Ihre Zurückhaltung mir zum Nachteil auszulegen, das ist unfair.
SPIEGEL: Es gibt nicht wenige, die sich durch solche Äußerungen provoziert fühlen und denken: Daum, der Blödmann.
Daum: Das Risiko nehme ich in Kauf. Das, was ich hier erzähle, steht doch in jedem
Buch von Dale Carnegie oder in anderen Bestsellern oder sogar bei Sigmund Freud. Wer auf dieser Welt etwas verändern will, wird zuerst belächelt, dann bekämpft, dann verspottet und schließlich erst bewundert. Als ich den ersten Mentaltrainer in der Bundesliga eingestellt habe, hieß es: Das brauchen wir nicht, dafür haben wir ja unseren Trainer. Mit anderen Worten: Der Daum ist kein guter Trainer. Inzwischen haben alle nachgezogen.
SPIEGEL: Sie lieben es, wenn ein bisschen Pulverdampf aufsteigt?
Daum: Überhaupt nicht. Aber natürlich bin ich nicht total harmoniesüchtig. Ich glaube, dass Provokationen manchmal ihren Sinn haben. Es gibt ein Recht darauf, querzudenken.
SPIEGEL: Und Sie lieben das Drama.
Daum: Was Sie als Drama empfinden, ist das normale Leben. Leute verlieren ihren Job, haben Probleme in der Familie, manchmal wissen sie nicht mehr weiter, weil sie Mist gebaut haben. Was sich bei mir in der Öffentlichkeit abspielt und mit geballter Potenz rüberkommt, ist für viele das wirkliche Leben. Ich glaube schon, dass sich Millionen Leute in diesem Land in meinem Leben wiedererkennen.
SPIEGEL: Ist das ein gutes Gefühl?
Daum: Nein. Aber mir schlägt, wo immer ich bin, Herzlichkeit und Sympathie entgegen. Vielleicht auch, weil viele verstehen, dass ich mir alles immer wieder hart erarbeiten musste.
SPIEGEL: Wie ein moderner Sisyphos versuchen Sie immer wieder, den Felsblock den Berg hochzurollen. Oft waren Sie schon ziemlich weit oben und mussten doch wieder unten anfangen.
Daum: Und was ist Ihre Interpretation der Geschichte von Sisyphos?
SPIEGEL: Der Mythos erzählt von einem, der die Götter erzürnt hat und sich an einer unlösbaren Aufgabe abplagen muss. Es ist die Geschichte einer Strafe. Wie sehen Sie das?
Daum: Sisyphos gibt nie auf, er ist glücklich bei seiner Arbeit und sieht sie nicht als Strafe.
SPIEGEL: Sie waren schon designierter Bundestrainer, dann kam die Affäre, und der Felsblock rollte von ganz oben herunter.
Daum: Sie schreiben doch auch weiter, wenn Sie für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen sind und ihn dann nicht bekommen. Allein schon die Ernennung zum Bundestrainer war eine Wertschätzung meiner Arbeit. Ich weiß, wie schön dieses Amt ist und wie schwierig und dass ich es hätte machen können. Das reicht mir.
SPIEGEL: Zumindest ist Ihr Felsblock nicht so weit heruntergerollt, dass Sie verarmt sind.
Daum: Wenn man viel Geld verdient, zieht man die falschen Leute an wie das Licht die Mücken. Ich habe mal einem guten Freund viel Geld für sein marodes Unternehmen gegeben. Wir sind praktisch einmal in der Woche in die Sauna oder zum Billard, er war bei fast jedem Spiel in Leverkusen auf der Tribüne. Dann hat er einen betrügerischen Bankrott gemacht. Als ich das mitbekam, sagte ich zu ihm: "Das kann nicht wahr sein. Ich habe dir und deinem Familienunternehmen geholfen. Wir sind Freunde!" Er sagte: Ach, das tut dir nicht weh, und du wirst mich auch schon nicht ins Gefängnis bringen.
SPIEGEL: Fehlt es Ihnen an Menschenkenntnis?
Daum: In dem Bereich, ja. Ich kann Fußballer beurteilen, aber ich habe viel Geld durch falsches Investment verloren. Ich konnte nicht Nein sagen, wenn ich um Hilfe gebeten wurde.
SPIEGEL: Haben Sie es gelernt?
Daum: Ich habe mir einen neuen Bekanntenkreis aufgebaut, der sehr schön ist: handverlesen. Und manchmal gebe ich auch etwas und sage: Wenn du kannst, gibst du es mir zurück. Aber das sind überschaubare Summen. Ich stehe auf der glücklichen Seite des Lebens, ich gebe gerne dem Nächsten und auch in größerem Rahmen für karitative Zwecke, das brauche ich, um vor mir selbst bestehen zu können. Wenn ich sehe, wofür so manch einer malocht und was wir verdienen, ist das verrückt.
SPIEGEL: Sind Sie ruhiger geworden?
Daum: Manchmal versuche ich, bei einer Pressekonferenz so ruhig wie ein Pastor zu reden, aber das funktioniert nicht, ich bin da oft emotional und impulsiv. Als ich am Montagabend nach dem Spiel nach Hause kam, war ich völlig überdreht. Meine Frau hat mich erst mal für eine Viertelstunde in die Sauna geschickt. Ich versuche auch oft, in einem Gespräch den anderen zu überzeugen, als sei ich stets im Recht. Das ist eines der größten Probleme des Menschen, dass er immer Recht haben will.
SPIEGEL: Warum versuchen Sie es denn?
Daum: Leider bin ich mit vielen unsinnigen Sprüchen aufgewachsen: Du musst bereit sein, für den Erfolg über Leichen zu gehen. So ein Wahnsinn! Was hast du davon, wenn du zurückblickst auf ein Leichenfeld? Das sind so Dinge aus dem Leben, wo du herkommst: Ellenbogen einsetzen und durch. Dinge, die jeder in seinem genetischen Grundmuster hat, bei dem einen brechen gewisse Neigungen durch, beim anderen nicht. Das ist wahrscheinlich nichts Außergewöhnliches. Ob man dafür Verständnis haben muss, ist eine andere Frage.
SPIEGEL: Fällt es Ihnen schwer, sich zu beherrschen?
Daum: Das hängt von der Situation ab. Wenn ich merke, dass ich angegriffen werde, will ich mich auch verteidigen.
SPIEGEL: Vor allem, wenn es um Ihre dunklen Seiten geht?
Daum: Wissen Sie, meine Spieler kritisiere ich wegen ihrer Fehler, aber ich stelle niemals die Person in Frage. Das nehme ich auch für mich in Anspruch. Meine Leistung können wir diskutieren, mein Verhalten können wir diskutieren, aber nicht die Person. Die Person ist einzigartig. Davon rücke ich keinen Millimeter ab.
SPIEGEL: Herr Daum, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Daum hat im Oktober 2000 einen der größten Skandale in der Geschichte des deutschen Fußballs ausgelöst. Der damalige Trainer von Bayer Leverkusen und designierte Chefcoach des Nationalteams musste nach einer von ihm veranlassten Haarprobe, die ihn des Kokainmissbrauchs überführte, seinen Job aufgeben. Daum hatte vorher jeden Drogenkonsum abgestritten. In einem spektakulären Prozess wurde er 2002 freigesprochen und musste nur eine Geldbuße zahlen. Seine Karriere als Trainer in der Bundesliga begann 1986 beim 1. FC Köln, danach trainierte er den VfB Stuttgart, Besiktas Istanbul und schließlich Bayer Leverkusen. Daum. 53, gilt als innovativer und umstrittener Trainer. Vor seinem Wechsel nach Köln war er beim türkischen Club Fenerbahçe Istanbul, mit dem er zweimal hintereinander Meister wurde.
Das Gespräch führten die Redakteure Christoph Biermann und Lothar Gorris.
Von Christoph Biermann und Lothar Gorris

DER SPIEGEL 50/2006
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