18.12.2006

ELEKTRONIKINDUSTRIEGoldgräber auf Fährtensuche

Navigationsgeräte sind gefragt wie nie zuvor. Doch jetzt wird das Geschäft härter - die Handyriesen drängen in den boomenden Markt.
Michael Halbherr, 42, arbeitete als Technologieberater in Amerika, als die New Economy die Phantasie beflügelte. Er weiß also, was ein Hype ist - und wie schnell sich Hoffnungen in Luft auflösen können.
Dennoch hat er keine Angst, dass es auch ihm passieren könnte. Denn die Zahlen seiner Firma Gate5 sind keine Hoffnungswerte, sondern Realität. "In diesem Jahr werden wir unseren Umsatz vervierfachen", sagt er stolz und verkündet ehrgeizige Ziele: "Wir wollen in unserer Branche so etwas werden, wie Ebay oder Skype in ihren Bereichen sind."
Gate5 entwickelt Software für Navigationsgeräte, und deren "Zukunft", sagt Halbherr, "hat gerade erst begonnen". Die Zukunft der Berliner Gate5, deren Anfänge auf den legendären Chaos Computer Club zurückgehen, liegt allerdings in der Hand des Mobilfunkriesen Nokia. Der übernahm sie nach Branchenschätzungen für gut 150 Millionen Euro, ein stolzer Preis für ein Unternehmen mit 70 Mitarbeitern.
Der heiße Deal charakterisiert die hektische Stimmung in jenem Teil der Elektronikbranche, der Produkte rund um das Thema Navigation herstellt. "Es herrscht Goldgräberstimmung", konstatiert Hans-Hendrik Puvogel von der Münchner Software-Firma Jentro Technologies. Mit kaum einem anderen Produkt werden derzeit ähnlich hohe Wachstumsraten erzielt wie mit Navigationsgeräten.
In Europa ist die Nachfrage nach den liebevoll als Navis bezeichneten Pfadfindern "geradezu explodiert", sagt Chris Jones, Chefanalyst bei der britischen Beratungsfirma Canalys. Gut 15 Millionen Navigationssysteme werden hier voraussichtlich in diesem Jahr verkauft - davon fast 10 Millionen tragbare Spezialgeräte, sogenannte Persönliche Navigationsassistenten (PNA). Das sind immerhin viermal so viele Geräte wie noch vor zwei Jahren.
Besonders heiß auf Navis sind die Deutschen. Fast zwei Drittel aller Autofahrer, die keinen Routenassistenten an Bord haben - und das ist die große Mehrheit -, denken über eine Anschaffung nach, ergab eine Umfrage. Discounter Aldi plazierte deshalb in diesem Jahr schon vier Pakete mit PNA-Geräten unter seinen Sonderangeboten. Alles in allem wird sich der Umsatz in Deutschland nach Schätzungen des Branchenverbands GFU verdoppeln und auf 760 Millionen Euro hochschnellen.
Und das ist erst der Anfang. Denn bald werden nicht nur Autofahrer, sondern auch immer mehr Fußgänger und Wanderer mit Routenführern durch die Gegend ziehen.
Es hat lange gedauert, bis das Geschäft in Gang kam. Zwar lenkte schon 1989 der von der Hildesheimer Bosch-Tochter Blaupunkt entwickelte "Travel Pilot" Autofahrer von einem Ort zum andern - Grundlage für die Technik war damals wie heute das von US-Militärs entworfene Globale Positionssystem GPS. Doch erst Jahre später begannen Autohersteller wie Mercedes und BMW, ihre Oberklasse-Modelle mit Navigationssystemen auszustatten - mit Aufpreisen von bis zu 4000 Euro.
Lange teilten einige wenige Pioniere, zu denen neben Blaupunkt und der Siemens-Tochter VDO auch die US-Firma Garmin und der japanische Autoradiospezialist Alpine gehörten, das Geschäft unter sich auf. Insbesondere die Autokonzerne, die an dem Zubehör prächtig verdienen, zeigten wenig Interesse daran, das exklusive Geschäft zu einem Massenmarkt zu entwickeln.
Jetzt rächt sich die Hochpreisstrategie. Denn der Boom geht an den Autoherstellern fast völlig vorbei. Um vergleichsweise magere 20 Prozent wächst das Geschäft mit festeingebauten Navigationssystemen in diesem Jahr in Europa. Gefragt sind mobile Geräte, die inzwischen schon für weniger als 200 Euro zu haben sind.
Gleichzeitig werden sie immer leistungsfähiger, kleiner und leichter - das derzeit winzigste Gerät von Fujitsu-Siemens bringt gerade noch 110 Gramm auf die Waage. Zudem nivellieren sich die technischen Unterschiede. Viele der stets freundlichen Frauenstimmen, die den Autofahrern den Weg ansagen, liefert die Svox AG aus Zürich. Und für die Basisdaten, die digitalen Landkarten, sind ohnehin nur zwei Unternehmen weltweit von Belang - die US-Firma Navteq und ihr holländischer Konkurrent Tele Atlas.
Der Urknall für den Boom ereignete sich vor gut drei Jahren. Da versuchte Aldis Hoflieferant Medion, dessen einst begehrte PC immer seltener einen Run auslösten,
mit Navigationsgeräten einen Ausweg aus der Krise zu finden.
Obwohl die Aldi-PNA damals fast 500 Euro kosteten, ging die Strategie voll auf. "Innerhalb weniger Stunden", erinnert sich Peter Scheufen, dessen Firma Navigon die Geräte für Medion entwickelt hatte, "waren 40 000 Stück verkauft." Und das war auf einen Schlag mehr, als das Hamburger Unternehmen bis dahin in einem ganzen Jahr absetzte.
Der Aldi-Deal verschaffte Navigon erst mal einen kräftigen Vorsprung. Dann aber zog ein Unternehmen vorbei, das zuvor bereits in ganz Europa die Märkte quasi im Handstreich erobert hatte - die niederländische Firma TomTom.
Anders als die Navigon-Manager, die zunächst als Systemlieferant für Markenhersteller wie Becker, Blaupunkt oder Pioneer auftraten, nahmen die Holländer von Anfang an das gesamte Geschäft von der Entwicklung der Software bis zum Verkauf des Geräts unter eigenem Markennamen selbst in die Hand. Damit, räumt selbst Scheufen ein, habe sich TomTom eine "extrem starke Position" geschaffen.
Die schlägt sich in einer steil aufsteigenden Kurve nieder. Innerhalb von fünf Jahren schoss der Umsatz von 8 Millionen auf jetzt etwa 1,3 Milliarden Euro hoch. Dass die Gewinne ähnlich stark wuchsen, zeigt, wie lukrativ das Geschäft trotz rasant sinkender Preise immer noch ist.
Jetzt aber locken die üppigen Zuwachsraten immer mehr Firmen an. Mehr als 35 Konkurrenten zählt TomTom-Manager Hannes Albrecht bereits in Deutschland. Nicht nur japanische Elektronikspezialisten wie Sony oder JVC sind auf den Zug gesprungen. Als gefährlichste Konkurrenten könnten sich bald die großen Handyhersteller entpuppen - allen voran Nokia.
Der Branchenprimus aus Finnland bringt in den nächsten Wochen nicht nur einen klassischen PNA auf den Markt. Im Frühjahr eröffnet Nokia auch das Geschäft mit einer neuen Generation von Mobiltelefonen, bei denen ein GPS-Empfänger bereits integriert ist. Ohne weiteres Zubehör ist damit die Navigation in über 100 Ländern möglich.
"In fünf Jahren", glaubt Gate5-Chef Halbherr, mit dessen Software die Nokia-Handys ausgestattet werden, "ist das GPS-Modul im Handy so selbstverständlich wie heute die Digitalkamera." Und dann werde sich zeigen, "ob die Leute immer zwei Geräte mit sich rumschleppen oder lieber alles in einem haben wollen".
Vieles spricht für einen Sieg der Handybranche, die jährlich fast eine Milliarde Geräte absetzt. Schon jetzt wächst der Markt für die Mobilfunk-Navigation stärker als das Geschäft mit den Spezialgeräten - und das, obwohl fast alle Handys heute noch einen GPS-Empfänger als Extrazubehör benötigen. KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 51/2006
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