22.12.2006

AUTOMOBILESause im Kopfstand

Ein früherer Audi-Manager schuf einen Extremsportwagen, dessen Dynamik auch Rennfahrer verblüfft. Doch der Verkauf läuft zäh - das Auto ist nicht teuer genug.
Mit einem Automobil die Fahrbahn zu verlassen und etwa kopfüber an der Decke eines Tunnels weiterzureisen wird von der Straßenverkehrsordnung nicht ausdrücklich untersagt. Der Gesetzgeber geht offenbar davon aus, dass dies technisch unmöglich sei.
Nun scheint das Regelwerk dringend korrekturbedürftig. Neuerdings ist ein Fahrzeug namens Apollo im Handel, dessen Produzent Roland Gumpert versichert: "Dieses Auto kann das."
Gumpert steht nicht unbedingt im Ruf eines Phantasten. Er war Sportchef bei Audi, Vertriebsleiter in China, ist inzwischen 62 und neuerdings selbst Automobilhersteller. Im thüringischen Altenburg, sonst bekannt als Geburtsstätte des Skatspiels, investierte der Ingenieur die Ersparnisse aus einer respektablen Managerkarriere in eine Automanufaktur von erkennbarem Perfektionsgeist.
39 Angestellte fertigen dort im loftartigen Ambiente einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik, umgeben von malerischen Industrieruinen, das womöglich dynamischste Automobil, dem jemals eine Straßenzulassung zugestanden wurde. Der Gumpert Apollo soll in der 650 PS starken Grundversion 360 km/h erreichen und den Spurt von null auf 100 in drei Sekunden bewältigen. Auf Wunsch sind Leistungssteigerungen bis 800 PS möglich.
Das Vorhaben, versichert Gumpert, sei kein Kneifzangenprojekt freilaufender Bastler, sondern eine Entwicklung von industrieller Ernsthaftigkeit. Im Schulterschluss mit alten Audi-Kollegen und unter Nutzung etwa des Windkanals der TU München verpasste er seinem Fahrzeug eine Aerodynamik, wie sie sonst nur im Rennsport üblich ist:
Bei 270 km/h entsprächen die so erzeugten Abtriebskräfte, die den Wagen auf die Fahrbahn pressen, etwa dem Fahrzeuggewicht von 1100 Kilogramm - woraus folgt, dass oberhalb dieser Tempomarke die Kopfstand-Sause an der Tunneldecke technisch tatsächlich funktionieren würde. Dies sei "immer mein Wunsch" gewesen, erklärt der Apollo-Produzent.
Gumpert spricht langsam, mit ähnlich gespenstischer Klarheit wie VW-Chefaufseher Ferdinand Piëch, aus dessen
Gunstkreis er auch stammt. Beide verbindet der Drang zum totalen Vortrieb, wobei Gumpert anklingen lässt, dass seine Lösung doch bei weitem eleganter und kostengünstiger Realität wurde als Piëchs Auto-Superlativ Bugatti Veyron.
Bei der Erschaffung des 1001-PS-Mobils aus Ressourcen des VW-Konzerns verdampfte sorgfältig dementierten Hochrechnungen zufolge eine Milliarde Euro. Gumpert behauptet, deutlich unter 100 Millionen geblieben zu sein.
Für die Antriebsquelle nutzte er das Gehäuse eines bestehenden V8-Zylindermotors von Audi und bestückte es kunstreich mit neuen Innereien. Das Höchstpotential der Maschine schätzt der Ex-Audi-Mann auf gut 1000 PS, die dann weit billiger zu haben sind als aus dem eigens für den Bugatti entwickelten 16-Zylinder.
Die kostenbewusste Entwicklungsarbeit erlaubt es Gumpert, sein Produkt für 198 000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer anzubieten, in der Klasse der Supersportwagen ein Discountpreis - und womöglich das größte Problem dieses Automobils.
Der Absatz läuft schleppend. Gut ein Dutzend Exemplare verkaufte Gumpert nach eigenen Angaben seit dem Produktionsstart 2005. 16 Autos im Jahr, sagt er, müssten es sein, damit das Unternehmen Geld verdient. Neben Kunden sucht Gumpert derzeit vor allem Investoren.
Die Präsentation auf einer Auto-Show im Traumwagenparadies Dubai missglückte gänzlich. Die Klientel ist dort neuerdings etwas verkatert, was Exotenautos betrifft, seit ein Mitglied der Herrscherfamilie von dem Karosserieteil eines vorausfahrenden Kleinserien-Sportwagens getötet wurde. Vor allem aber, klagt Gumpert, sei der Apollo zu billig für Scheichtümer - dort zählt ein Auto erst, wenn es sich kaum jemand leisten kann. Kein einziges Exemplar ging bisher an die üblichen arabischen Adressen.
So könnte der Apollo zum tragischen Preisbrecher seiner Gattung werden. Denn technisch ist Gumpert zweifellos ein achtbares Produkt gelungen, wenngleich nur geeignet für notorische Sportfahrer. Die Federung ist kaum als solche wahrnehmbar, der Einstieg durch die Flügeltür etwa so praktisch wie beim U-Boot und auch das Raumgefühl innen kaum besser. Ein steifer Gitterrohrrahmen umschließt die Kohlefaserzelle wie ein stählernes Spinnennetz.
Von allen Straßenautos der Welt ist der Gumpert Apollo wohl am nächsten verwandt mit reinen Rennwagen. Seine Eigner, beteuert der Firmengründer, "können damit auf Rennstrecken gehen, ohne sich lächerlich zu machen". Dokumentieren will er das hohe technische Niveau seines Produkts noch mit einer offiziell gestoppten Zeit auf der Nordschleife des Nürburgrings.
Die schnellsten Straßenautos umrunden den 20-Kilometer-Kurs mit Bestzeiten um siebeneinhalb Minuten. Gumpert will unter sieben kommen, angespornt vom Lob, das die Rennsport-Koryphäe Walter Röhrl bereits über das Produkt ergoss.
Der zweimalige Rallye-Weltmeister bekam den Wagen zur Probefahrt und urteilte respektvoll: "Sehr beeindruckend, um nicht zu sagen: fast angsteinflößend."
CHRISTIAN WÜST
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 52/2006
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