22.12.2006

„Muss es arg werden?“

Die Schriftstellerin Katharina Hacker, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, über ihr persönliches Erfolgsjahr
SPIEGEL: Frau Hacker, im Oktober wurde Ihnen für Ihren Roman "Die Habenichtse" der Deutsche Buchpreis 2006 verliehen. Danach landete Ihr Buch schnell auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste und hat sich bis heute über 150 000-mal verkauft. Hat Sie die mächtige kommerzielle Wirkung erstaunt?
Hacker: Eigentlich ist mein Traum beim Schreiben, dass meine Bücher aufgrund einer persönlichen Empfehlung gekauft werden. Aber das ist heutzutage ein unrealistischer Anspruch.
SPIEGEL: Sie waren über Nacht einem mächtigen öffentlichen Interesse ausgesetzt. Darauf ist man ja nicht unbedingt vorbereitet, oder?
Hacker: So schlimm war der Trubel nicht. Ich konnte mich zu Hause ganz gut dagegen abschirmen. Als klar wurde, dass ich den Preis gewinne, war meine Tochter Philippa gerade drei Wochen alt, da war ich natürlich sehr auf sie konzentriert.
SPIEGEL: Mit Ihrem Erfolg stehen Sie nicht allein. Junge deutsche Autoren scheinen generell auf dem Vormarsch zu sein. Was macht sie so erfolgreich?
Hacker: Die Aufforderung des Literaturbetriebs an junge deutsche Autoren, sie sollten doch etwas lesbarer schreiben und sich mehr an der angelsächsischen Literatur orientieren, scheint angekommen zu sein. Mir gefällt das nur bedingt, obwohl es auch auf mich in gewisser Weise zutrifft.
SPIEGEL: Könnte man von einem neuen Selbstbewusstsein der jungen Erzähler sprechen?
Hacker: Ich würde eher sagen, das Selbstbewusstsein im Wortsinn hat sich geändert - die Frage, wer man als Autor im Verhältnis zur Öffentlichkeit ist. Wir Schriftsteller haben uns alle daran gewöhnt, dass wir Bücher schreiben können, die tatsächlich von vielen gelesen werden. Natürlich beeinflusst dieser Gedanke die Arbeit in zweierlei Hinsicht: was man schreibt und wie man schreibt. Wahrscheinlich setzen sich junge deutsche Autoren heute mehr als früher in Relation zur Öffentlichkeit. Das ist auch gut so.
SPIEGEL: Gibt es denn so etwas wie einen neuen deutschen Erzählstil?
Hacker: Das fände ich übertrieben. Genauso wie mir der angeblich wachsende Erfolg deutscher Autoren im Ausland überbewertet vorkommt. Einer der erfolgreichsten deutschen Autoren in England und Amerika beispielsweise ist W. G. Sebald, der war sicher kein Vertreter eines neuen Erzählstils. Ich würde die Aufmerksamkeit für deutsche Literatur nicht zu hoch einschätzen. Ich finde die Lizenzverkäufe meines Romans "Die Habenichtse" an ausländische Verlage erstaunlich, manchmal sogar amüsant. Bis heute sind die Rechte über ein Dutzend Mal weggegangen, und das wird sicher noch mehr. Aber ob das Buch nun im Ausland Begeisterung hervorrufen wird? Ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Ihr Roman spielt auf zwei Formen der Armut an: die der sozial Schwachen und die der Mittelschicht, die trotz ihres Wohlstands ein Gefühl der Leere nicht loswird. Ist die deutsche Literatur wieder relevanter, weil die Wirklichkeit, der sie entspringt, bedrohlicher ist?
Hacker: Das ist ja die Frage, mit der sich das Buch beschäftigt: Muss es arg werden, damit man schreiben kann? Müssen schreckliche Dinge passieren, damit wir das Gefühl haben, etwas erlebt zu haben? Sind wir dazu verdammt, als gleichgültig oder gefühlskalt zu gelten, weil nichts passiert, was uns in extreme emotionale Situationen bringt? Ich glaube nicht daran und werde das auch in meinem nächsten Buch beherzigen.
SPIEGEL: Arbeiten Sie schon daran?
Hacker: Was soll ich denn sonst machen?
INTERVIEW: VERENA ARAGHI
Von Verena Araghi

DER SPIEGEL 52/2006
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