08.01.2007

MEDIZINTrip aus dem Kräutergarten

Alternative Naturdrogen wie Aztekensalbei sind auf dem Vormarsch: Sie verursachen extreme Erlebnisse, wachsen häufig in Parks oder Vorgärten - und ihr Konsum ist weitgehend legal. Jetzt streiten Experten, wie sich die Gefahren der halluzinogenen Pflanzen eindämmen lassen.
Der Ausflug in die Unterwelt begann überraschend und war heftig. Nach ein paar Zügen an der Pfeife ging der Horrortrip los. Etwas zog Mario nach unten, aber er brachte nur ein Lallen über die Lippen. Er glitt aus seinem Körper heraus - in Panik klammerte er sich an die Couch, die plötzlich wie ein Zahnrad aussah.
Mario dachte nur noch: So also ist es, wenn man stirbt. Als die Wirkung nach zwei Minuten abklang, atmete er tief durch und warnte seine Freunde: "Nehmt das Zeug bloß nicht, das ist so heftig."
Dabei hatte er nur Salbei geraucht. Allerdings keinen normalen Küchensalbei, aus dem man Erkältungstee kocht, sondern Salvia divinorum, zu Deutsch: Wahrsagesalbei, auch bekannt als Zaubersalbei, SD oder Magic Mint.
Auch in den USA, in Großbritannien und Spanien gilt Zaubersalbei, dessen Saft schon die Azteken schluckten, derzeit als Modedroge. Offenbar verfehlen die Erlebnisberichte von "Salvianauten" wie Mario in einschlägigen Internet-Foren ihre abschreckende Wirkung: Die einen glauben, von Tausenden Geistern verfolgt zu werden, andere stürzen rückwärts in Löcher oder werden von ihrem eigenen Sofa aufgefressen. Oder sie spüren ihren Körper nicht mehr, leiden an Herzrasen, Schweißausbrüchen, Krämpfen und wissen nicht mehr, wo sie sind - oder wer.
Doch Salvia scheint einen entscheidenden Vorteil zu haben: Der Konsum dieser Naturdroge ist legal - noch zumindest.
Bewusstseinsverändernde Pflanzen liegen derzeit schwer im Trend: Statt ihren Stoff zu überhöhten Straßenpreisen von schmierigen Dealern zu kaufen, setzen viele Jugendliche auf den Trip aus dem Kräutergärtchen. Halluzinogene Zauberpilze (Psilocybe cubensis), so ergab eine aktuelle Studie der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon, sind bei deutschen Schülern mittlerweile beliebter als die synthetische Partydroge Ecstasy.
Die Jagd nach dem grünen Kick hat einen Wettlauf zwischen Drogennutzern und Strafverfolgern in Gang gesetzt. Das Spiel geht so: Die Innenminister vieler Staaten weiten die Betäubungsmittelgesetze aus, um immer mehr Rauschpflanzen aus dem Verkehr zu ziehen. Der Handel mit Zauberpilzen beispielsweise ist seit ein paar Jahren in weiten Teilen Europas verboten (auch hierzulande). Das wiederum verstärkt die Nachfrage nach immer abwegigeren Rauschpflanzen, warnt Wolfgang Götz, Direktor der EU-Drogenbeobachtungsstelle: Seit dem Verbot der Zauberpilze werden verstärkt Wulstlinge wie der Fliegenpilz per Internet gehandelt, "die hochtoxisch sind und Vergiftungen mit tödlichem Ausgang auslösen können".
Viele der Drogengewächse sind gleichsam Dual-Use-Pflanzen, die gleichzeitig als Gewürz oder Droge wirken - je nach Dosierung. Die bekanntesten sind Stechapfel, Tollkirsche, Engelstrompete, Hawaiian Baby Rose, Kratom, Khat, Kava-Kava oder Passionsblume.
Die Bundesopiumstelle und das Bundesinstitut für Arzneimittel (Bfarm) sind alarmiert - und das zu Recht. Denn immer wieder katapultieren die "legal highs" ihre Nutzer nicht in die Ekstase, sondern ins Krankenhaus. Außerdem warnen Ärzte, dass auch pflanzliche Drogen bei labilen Menschen Psychosen auslösen können.
Für die Verantwortlichen ist es nicht leicht, im Labyrinth der Zauberpflanzen den Überblick zu behalten. Denn für jedes Gewächs, das verboten wird, taucht ein ganzer Strauß neuer Pflanzen auf. Allein bei der Sitzung des Expertenbeirats des Bfarm am 16. Mai 2006 ging es um medizinisch wirksame Pflanzen wie Bärlapp, Fenchelhonig, Teufelskrallenwurzel, Eibischwurzel und eben auch Zaubersalbei.
Der Rat der Experten an die zuständigen Ministerien lautete: Salvia soll der "Apothekenpflicht" unterstellt werden, um "den Vertrieb über z. B. 'Headshops' zu unterbinden". Außerdem empfiehlt der Beirat die Prüfung weitergehender Maßnahmen, zum Beispiel die Unterstellung unter das Betäubungsmittelgesetz, im Klartext: Salvia zu verbieten.
Für viele Salvianauten würde sich dadurch zunächst wenig ändern, denn Zaubersalbei lässt sich leichter als Cannabis anbauen und wird per Internet gehandelt.
Für Jakob Hein von der Suchtberatungsstelle der Charité in Berlin sind die Naturdrogen auch Ausdruck der Globalisierung: Einige Pflanzen stammen aus entlegenen Teilen der Erde - und lassen sich gut auf Reisen mitnehmen: "Viele Jugendliche wissen, wie gefährlich es ist, am Flughafen mit Ecstasy oder Hasch erwischt zu werden", sagt Hein. "Kräuter dagegen wirken erst einmal harmlos."
Über viele der Naturdrogen ist sehr wenig bekannt. Und wer sie erforschen will, wird innerhalb der Psychologen- und Medizinerzunft schnell als exzentrischer Spinner abgestempelt. Hein zum Beispiel beobachtet seit Jahren die Rückkehr des Absinths, eines halluzinogenen Kräuterschnapses. Aber mit seinen Forschungsanträgen blitzt er immer wieder ab.
Ein Mann in Deutschland jedoch kennt sich aus: Viele Richter, Staatsanwälte und Sozialarbeiter beschaffen sich ihre Informationen von einem Privatgelehrten und Althippie aus Hamburg.
Christian Rätsch gilt als Autorität in Sachen Ethnobotanik. Der fast 50-jährige Kräuterdoktor trägt lange Haare, Bart, Armreife, Ringe und Ketten. Sein Expertenurteil taucht in vielen einschlägigen Fachtexten und Urteilen auf.
"Der Rätsch" - so nennen Kräuterkundige die "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen", die im Regal keines Apothekers und keines Drogenfahnders fehlt und die sogar ins Englische übersetzt worden ist. Demnächst soll das Nachschlagewerk in der achten Auflage erscheinen (und zwar erstmals in zwei Bänden, weil das Manuskript mittlerweile über 1500 Seiten umfasst).
"Darf ich Ihnen eine halluzinogene Droge anbieten?", fragt er rhetorisch in seiner Wohnküche, umgeben von exotischen Masken, Buddha-Figuren, psychedelischbunten Gemälden. "Hier, im Weihnachtsgebäck, ist Muskatnuss drin - und noch einige psychoaktive Substanzen mehr."
Äußerlich führt Rätsch ein unauffälliges Leben in Berne, einem biederen Stadtteil der Hansestadt. Wenn er nicht in Esoterikzirkeln über Schamanismus doziert, wühlt er sich nächtelang auf der Suche nach neuen Zauberpflanzen durch alte Texte - auch bei Plinius dem Älteren ist er schon fündig geworden.
"Probieren geht über Studieren, hat meine Großmutter immer gesagt", erzählt Rätsch. Daher habe er mit 12 Jahren angefangen zu kiffen. Mit 16 schnüffelte er Chloroform aus seinem eigenen Chemielabor und reiste nach Venezuela, um alles über die Riten indianischer Stämme zu erfahren. Später studierte er Altamerikanistik und promovierte über die Zaubersprüche von mexikanischen Ureinwohnern.
In seinen Augen bietet jedes Gewürzregal, jeder Vorgarten, jeder Supermarkt ein reichgedecktes Buffet an bewusstseinsverändernden Substanzen. Derzeit forscht er in alten Folianten und auf Expeditionen nach einer Pflanze, die auf natürliche Weise LSD produziert.
Unklar bleibt allerdings, ob Rätsch darüber berichten würde in seiner Enzyklopädie.
Denn er will den Drogenfahndern nicht in die Hände spielen. Aber genau das macht er immer wieder - ungewollt.
Die Freunde der scheinbar legalen Kräuterdrogen bewegen sich eben doch häufig in einer juristischen Grauzone. Im Juli 2006 wurde zum Beispiel ein erstes Urteil in Sachen Zaubersalbei gesprochen. Das Amtsgericht Frankfurt am Main verurteilte den Betreiber des Berliner Headshops "Elixier" zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung, weil er aus Mexiko 81 Kilogramm importiert hatte. Begründung: Salvia sei zwar nicht apothekenpflichtig, aber dennoch geeignet, "seelische Zustände zu beeinflussen" - als Quelle wurde auch "der Rätsch" angeführt.
Strafmindernd stellte der Richter allerdings fest, dass Salviakonsumenten ihren Stoff "jederzeit auch ohne das Tun des Angeklagten" hätten erwerben können.
Der Angeklagte hat mittlerweile seinen Laden in Berlin dichtgemacht, sein Sortiment wird nun von Holland aus von anderen Betreibern per Internet vertrieben. Er ist in Berufung gegangen, im Februar soll der Fall noch einmal aufgerollt werden.
Eigentlich sollte das Urteil Unbedarfte vor einem gefährlichen Gift schützen - doch die Realität sieht anders aus. Der Absatz von Zaubersalbei boomt weiter, im Internet und anderswo. Und gerade Jugendliche fahren darauf ab.
"Viele von denen haben ja die Vorstellung, dass pflanzliche Drogen irgendwie sanfter und ungefährlicher seien als Chemiekram", sagt Mona Klerings vom Fortbildungsinstitut Drogen und Aids in Hamburg. "Aber was bio ist, ist noch lange nicht gesund - im Gegenteil. Viele pflanzliche Drogen sind viel schwerer kontrollierbar als chemische Wirkstoffe aus dem Labor, weil das oft ein Gemisch aus Hunderten von Substanzen ist, die in ihrer Zusammensetzung von Blüte zu Blüte schwanken."
Die gesetzliche Ächtung von Zauberpilzen oder Salvia findet sie dennoch weltfremd: "Was bringt es denn, wenn Pflanzen verboten werden, die jeder in der freien Wildbahn einfach so pflücken kann", sagt sie. "Magic Mushrooms zum Beispiel wachsen doch in Hamburg überall - bisweilen sogar auf dem Mittelstreifen der Max-Brauer-Allee." HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 2/2007
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