15.01.2007

GELDDie arme Bank

Sie vergibt jährlich bis zu 25 Milliarden Dollar an Krediten, oft verzichtet sie auf Zinsen und Gewinne - die Weltbank ist einer der größten Geldgeber der Dritten Welt. Gleichzeitig will sie ihre Kunden erziehen zu Selbstverantwortung und globalem Denken. Aber wie wirksam ist sie? Von Klaus Brinkbäumer
Es ist der Tag, an dem ein neues Afrika entstehen soll, ein friedliches und fortschrittliches Afrika, es ist ein Tag wie alle Tage für die Weltbank, ein schwüler, ein lethargischer Tag in Westafrika, und Mats Karlsson kommt zu spät.
Er läuft in die Lounge des Flughafens von Accra in Ghana, setzt sich auf eine Stuhllehne, als der Flug ins liberianische Monrovia ein zweites Mal aufgerufen wird. Mats Karlsson hat blonde Haare, blaue Augen, eine flache Nase, seine rechte Hand stützt den Hinterkopf, während Karlsson mit Washington telefoniert und 10 Millionen frische Dollar fordert, dann telefoniert er mit Sierra Leone, diesmal verlangt er "power", "twenty-four seven", Elektrizität also rund um die Uhr. Schnell noch prüft Mats Karlsson seine E-Mails und antwortet in Kürzeln, dann steigt er ins Flugzeug nach Liberia, wie immer als Letzter, und natürlich haben sie auf ihn gewartet.
Sie hätscheln und hegen ihn in Afrika, denn er ist der Mann mit dem Geld. Mats Karlsson trägt ein besticktes orangefarbenes afrikanisches Hemd, Anzüge trägt er kaum noch, selten in Washington, in Afrika nie, weil Kleidung verbindet. Karlsson arbeitet für die Weltbank; er braucht das Vertrauen derer, die er zu retten hat, und die Weltbank sucht ja immer die perfekte Position, jenen Punkt zwischen Distanz und Nähe zum Kunden, den finden muss, wer die Welt retten will.
Die Weltbank sitzt in Washington. Sie verleiht bis zu 25 Milliarden Dollar pro Jahr, um Entwicklung in armen Ländern zu fördern, sie verlangt dafür den Aufbau von Zivilgesellschaften, das Ende von Korruption, sogar Umweltschutz, inzwischen. Die Weltbank gibt Starthilfe, und sie ist Meinungsmacht, politische Kraft, sie ist der größte multilaterale Geldgeber aller Entwicklungsländer und immer auch erziehende, mahnende, strafende Institution.
Das muss sie sein, glaubt die Bank. "Wir stehen an der Wand, es geht nicht weiter", sagt Mats Karlsson, Weltbank-Direktor in Westafrika, in mildem, leisem Englisch. "Entweder schaffen wir es, die Probleme bald zu lösen, oder wir werden in einigen Jahrzehnten in einem Dreck leben, den wir uns noch nicht vorstellen können.""Wir" sind wir alle, "wir" ist die Menschheit.
"Man muss sehr fokussiert arbeiten, um das Problem der Armut zu lösen, weil die Ursachen von Armut sich so sehr unterscheiden. Aber ohne das Problem der Armut zu lösen, werden wir das Problem der Atmosphäre, der Wälder, der Ozeane, der Energie nicht lösen, weil man den armen Menschen in China oder Afrika nicht erklären kann, wie wichtig die Umwelt ist, solange sie hungern. Darum muss man gleichzeitig global denken und technisch."
Das hat Karlsson gestern in seinem Büro in Accra gesagt, in der ersten Etage des weißen Weltbank-Bungalows im Stadtteil North Ridge, Zimmer 218. Seine Zwillinge Alexandra und Xenia saßen hinter seinem Schreibtisch und spielten zwischen Stapeln von Papieren am Computer, und dann sagte Mats Karlsson, dass es um die Frage gehe, ob wir es schaffen, "unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen".
Es sieht nicht so aus.
Es sieht eher so aus, als seien bei der Weltbank, ähnlich wie bei den Vereinten Nationen, leidenschaftliche Menschen am Werk, die zwar die eine oder andere Hungersnot besiegen - doch nie sind sie schnell genug, neue, größere Krisen zu verhindern. Nie mächtig genug, die Richtung des Ganzen zu verändern. Stets stehen die Interessen
einzelner Staaten im Weg, bei der Weltbank die Interessen ihrer 184 Mitglieder, der 24 Exekutivdirektoren, die Interessen Amerikas vor allem, all jener, die die Bank mit Geld versorgen.
Und jetzt ist Liberia der Maßstab für die Bank, Liberia wird Antworten geben auf die Frage, wie wichtig die Weltbank noch sein kann in dieser Zeit, in der China den Afrikanern viel Geld im Tausch gegen Bodenschätze anbietet. Liberia "ist eine Gelegenheit von maximaler historischer Bedeutung", das schreibt Karlsson in die Rundbriefe an seine Leute.
Und endlich landet das rostige Flugzeug in Liberia, Staat der Diamanten und Karikatur dessen, was Staaten nach westlichem Verständnis sein sollen.
Monrovia, das sind graue Ruinen und Schlamm, Ministerien, für die es keine Leute gibt, weil wenige hier Computer bedienen können. Monrovia, das sind immer noch Morde und Straßenraub, und außerhalb Monrovias ist nichts, worauf sich bauen ließe, kein Wasser, kein Strom, keine Straßen. Liberia ist ein Land, das schon mal Darlehen in Höhe von 130 Millionen Dollar bekommt, aber davon tauchen dann doch nur 80 Millionen im Haushalt auf; bestochen und abgezweigt wird hier, bevor ein Projekt entworfen ist.
Hitze, 30 Grad. Es riecht sumpfig und süß, schwer ist die Luft von Liberia. Mats Karlsson steigt in den Toyota, der ihn in die Stadt bringt, er telefoniert mit Washington, beantwortet Mails. Er sucht einen Weg für Liberia.
Infrastruktur ist der Kern der Arbeit in Ländern wie diesem. Straßen, Brücken, Häfen, all das. Also heuert Mats Karlsson Firmen an, sucht Handwerker, verhandelt mit ausländischen Konzernen. So etwas wie Gemeinsinn soll importiert werden, es ist die Anleitung der Dörfer zur Mündigkeit: Die Dörfer bekommen Geld und können selbst beschließen, was sie bauen und fördern wollen, auch wenn das viel zu selten Schulen sind. Und dann ist da noch der Aufbau von Verwaltung und Verantwortungsgefühl, und wie ermüdend ist das.
22 Leute hat die Bank hier. "Unser Traum ist eine Welt frei von Armut" steht auf einem Poster im Konferenzraum. Generatoren wummern. Wer für die Bank in Städte wie Lagos oder eben Monrovia, in Länder wie Nigeria oder eben Liberia kommt, lebt für die Bank: Abends kann man Heineken trinken auf der Terrasse des Mamba Point Hotels, der Atlantik rauscht, aber es ist bloß diese Nebenwelt, die Helfer und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), immer entstehen lassen an ihren Einsatzorten. Kein Gesprächsthema gibt es jenseits der Bank. Wenig Kontakt zur Bevölkerung. Stromausfall. Schüsse.
Wer hier arbeitet, zweifelt. Es geht so langsam voran, Afrika kann verdammt destruktiv sein. Die Regierung will gut aussehen, will Geld, will Respekt, aber was tut sie dafür? Geht es ihr nicht ausschließlich darum, gut auszusehen? Allein bei der Geberkonferenz 2004 kamen 520 Millionen Dollar zusammen, weil Liberia die Welt rührte, doch wohin mit dem Geld?
3,3 Millionen Menschen, zuletzt 14 Jahre Bürgerkrieg, Folterungen, Massenmorde. Eine verlorene Generation, junge Menschen, die nichts kennen als Hass und
Furcht, keine Schule, kein Vertrauen. Menschen, die Kindersoldaten waren unter Samuel Doe und Charles Taylor, bekiffte Zehnjährige waren sie und wurden Mörder mit Macheten und Kalaschnikows, und heute hocken im Staub von Monrovia bekiffte Erwachsene, Täter und Überlebendende von damals, und sollen an so etwas wie Zukunft und Freiheit und Eigeninitiative glauben.
Weltbanker wie Karlsson müssen sich beherrschen, müssen sich bremsen, immer wieder; sie führen ein schnelles Leben, ihre Biografien sind international, und das macht es einfacher, sich zurechtzufinden in Gegenden wie dem Dschungel Afrikas, aber es macht es schwieriger, zu akzeptieren, wie begrenzt die Menschen denken, denen Gutes geschehen soll.
Mats Karlsson, 50 Jahre alt, Schwede, hat Philosophie, Volkswirtschaft und Musik studiert, Kontrabass spielte er in Weimar, Prag und Wien, am Ende bei den Königlichen Philharmonikern in Stockholm. Er spricht sechs Sprachen, arbeitete als Chefökonom für das schwedische Außen- ministerium. Seine Frau, eine Tschechin, lernte er in Prag kennen, die Töchter, in Schweden geboren und aufgewachsen in Washington und Accra, sprechen Englisch, Schwedisch und Tschechisch. Karlsson war schon Vizepräsident bei der Weltbank, aber dann zog er es vor, als Landesdirektor wieder "im Feld zu arbeiten, wo du erfährst, ob das, was du tust, dauerhaft wirkt".
"Kleine Erfolge kommen, aber die großen kommen nicht", das sagt Karlsson jetzt, "in Europa kann man so sicher leben, und dafür, dass wir es nicht schaffen, das auf die ganze Welt zu übertragen, gibt es keine Entschuldigung."
Und vielleicht ist ja das Problem, dass Leute, die denken wie er, in europäischen Eliten geformt werden: Leute wie er sind souverän und neugierig genug, Mitgefühl zur Grundlage ihrer Arbeit zu machen, aber sie sind zu wenige - zu viele Europäer schotten sich ab von der Welt, und wer in Krisengebieten aufwächst, kann nicht weiter denken als über die Grenzen des eigenen Lebens hinaus.
Es sind zu viele Krisengebiete.
Karlsson fährt durch die Stadt. Trifft die Kollegen von der Uno. Hört sich die Sorgen seiner Leute an, geht essen mit dem amerikanischen Botschafter, entwirft neue Matrizes, trifft die Präsidentin, schläft vier Stunden, und dann kommt ein neuer Tag, an dem ein neues Afrika entstehen soll.
Die Sorgen: Wer kann in diesem Land rechnen und lesen?
Die Erfolge: die Straße zum Flughafen. Man kommt jetzt ganz gut weg aus Liberia.
Murrow Park ist eine Verkehrsinsel, Fixer und Säufer hängen auf den Bänken, und an denen schreiten morgens um sieben die Weltbanker vorbei, die Männer in teurem Anthrazit, die Frauen in Kostümen, ziemlich eng: sexy, gemessen daran, dass das hier Amerika ist.
Washington, D. C., 18. Straße, Ecke H Street, "The World Bank Group" steht in Weiß auf grauer Wand. Vor dem Eingang zwei Wachmänner und Fahrradständer, auch die sind selten in Amerika.
Das Haus: "Wie ein Toaster", sagen Weltbanker, wuchtig, aber raffiniert, zwölf Etagen. Mal sind ein paar Quadratmeter Fläche nach vorn versetzt, dann ein paar nach hinten, nichts ist schäbig wie bei der Uno, es sieht nach Geld aus. Und drinnen: eine funkelnde Halle, Chrom und Glas, und überall Kunst. In den Büros Neonlicht, Karikaturen an den Wänden, die Männer laufen in Hemd und Schlips herum, die Sakkos hängen über den Drehstühlen.
In ihren Fragebogen schreiben Weltbanker alle zwei Jahre: Der Stress ist zu groß. Und direkt darunter schreiben sie, wie zufrieden sie mit der Arbeit sind. Obwohl sie natürlich das Beförderungssystem nicht mögen, weil immer bloß die lauten Chefs großer Projekte nach oben gezogen werden und nicht jene schlauen Kollegen, die still mit den NGOs zusammenwirken.
Morgens um neun müssen sie alle hier sein, neun Stunden arbeiten, dafür dürfen sie jeden zweiten Freitag freinehmen; aber sie kommen um sieben und lesen ihre Mails, natürlich arbeiten sie durch die Wochenenden. Die Bank zahlt gut, man kündigt nicht bei der Bank, sie finanziert Fortbildungen und wünscht Sabbaticals, und wer will, kann nach Asien oder Afrika gehen. Vor 15 Jahren wurden jede Menge Makroökonomen eingestellt, jetzt sind es Techniker. Spezialisten.
Weil die Makroökonomen so oft die Details übersehen haben. Die Unterschiede zwischen Washington und Monrovia.
Mittags hocken Weltbanker auf lila Stühlen in der Kantine und essen "Nigerian stew" oder "Deutschen Schinken". Und dann gehen sie zurück zum Schreibtisch, durch den unterirdischen Gang, der zum Afrika-Gebäude führt und auch zum Internationalen Währungsfonds; praktisch ist so ein Gang, wenn sich draußen die Demonstranten sammeln.
Weltbank und Internationaler Währungsfonds sind Zwillinge, beide kamen 1944 in Bretton Woods, New Hampshire zur Welt, Kinder einer Zeit der Hoffnungen auf Frieden und globales Wachstum. Der Währungsfonds verleiht Geld, um kurzfristige Zahlungsschwierigkeiten auszugleichen, dafür fordert er Maßnahmen wie die Steigerung von Exporten oder die Senkung der Staatsausgaben. Die Weltbank, von Weltbankern "The Bank" genannt, verleiht ihre Milliarden an über hundert Länder. Es geht um den Aufbau zerstörter Staaten, um Schulen und Infrastruktur und Umweltschutz, langfristig und zweckgebunden sind die Kredite, und das Ziel ist immer: Entwicklung.
Und "Stabilisierung" und "Wachstum" und "Nachhaltigkeit". Das sind heilige Wörter in der Welt der Bank, denn die Bank glaubt an Wettbewerb und an das Ende des Protektionismus. Was die reiche Bank der armen Welt bringen will, sind Demokratie und ein freier Markt. Der Druck ist kaum spürbar, die Tilgung fällig
in ferner Zukunft, die Bank kann auf die höflichste Weise erbarmungslos sein.
Weltbanker reden in Chiffren: "Nachhaltig wird die hohe MMR die Ziele des RFTF unterminieren, was die Gebergemeinschaft für das I-PRSP beunruhigt." 10 000 Männer und Frauen, Bürokraten und Technokraten, wissen, dass dieses Papier die Sterberate unter Müttern thematisiert.
Die Weltbank ist eine Gruppe von fünf Organisationen: Es gibt das Zentrum des Imperiums, das sind die "Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung" und die "Internationale Entwicklungsorganisation", die billige Kredite an die ärmsten Länder vergibt; die "Internationale Finanz-Corporation" gibt es, die privaten Unternehmen Geld leiht, um ebendiesen sogenannten privaten Sektor zu fördern; es gibt die "Multilaterale Investitionsgarantie-Agentur", die private Investitionen in Krisengebieten gegen Risiken wie Enteignung oder Kriegsschäden absichert; und das "Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten" schlichtet zwischen Investoren und Regierungen.
Es ist ein kompliziertes Konstrukt, aber das muss es sein. Globalisierung ist kompliziert, die Zeit, die Welt ist kompliziert und darum auch ihre Bank.
Die besorgt sich ihr Geld auf internationalen Kapitalmärkten und von reichen Mitgliedern, dafür bekommen die Mitglieder Einfluss in der Ferne. Gewandelt haben sich die Ziele. Am Anfang, nach der Gründung, glaubten sie bei der Bank an die Entwicklungstheorie, die in Europa funktioniert hatte. Wachstum schafft Wohlstand, beseitigt Armut: Das war die reine Lehre jener, die predigen, dass die Welt steuern könne, wer ihre Wirtschaft lenke.
Dann wurden die Ärmsten noch ärmer, trotz aller Theorie.
Man kann die 62 Jahre der Weltbank in drei wesentliche Phasen aufteilen: Zunächst war sie eine Institution, die in Washington saß, und hin und wieder flogen ihre Leute hinaus in die Welt, weil sich die Firma damals als Projektbank verstand.
Dann wurden die Landesdirektoren erfunden, die hinausgeschickt wurden und blieben, um "field offices" aufzubauen, das war das bipolare Modell der neunziger Jahre, die Bank war eine Länderbank.
Und nun hat das holistische Denken begonnen: Menschen wie Mats Karlsson versuchen, überall gleichzeitig zu sein, das Detail und immer zugleich die ganze Welt zu sehen, sie könnten überall leben, sind immer erreichbar, da sie die Bank und sich selbst als globale Instrumente begreifen.
Systeme wie dieses gebären ständig neue Organigramme und A-, B- und C-Pläne und natürlich Kostenanalysen und Überprüfungen der Kostenanalysen. Täglich hinterfragen sie die eigene Struktur, sie werden mal zentral und dann wieder dezentral geführt - aber Schwächen übersehen sie trotzdem ganz gern und am liebsten die eigenen.
Wenn der Plan an die Stelle der Wirklichkeit tritt, schlagen Daten die Wahrheit; zur Welt der Bank gehören Euphemismen und Übertreibungen. Es ist alles ein Spiel, es geht darum, wer wie schnell wie viel Geld besorgen kann. Und wer es hat, muss es ausgeben. Jeder Teil der Bank konkurriert mit anderen Teilen, jeder will sein Projekt durchbringen - wie soll es da gelingen, Geld stets dorthin zu lenken, wo es optimal eingesetzt wäre? Das Exekutivdirektorium entscheidet über die Kredite, ein Flaschenhals - viele bei der Bank sehnen sich nach höherem Tempo oder einem Sicherheitsrat für die Weltwirtschaft.
Weltbanker sind Grübler. Die in der Welt fragen sich: Was wird aus der Welt? Die in Washington fragen sich: Was wird aus uns? Alle fragen: Was will "Er"?
Denn so nennen sie ihn: "Himself". Oder "PW".
Paul Wolfowitz, 63, war stellvertretender Verteidigungsminister, er wollte den Irak-Krieg, bekam ihn und entwarf ihn. George W. Bush sagte ihm, er könne wählen zwischen dem Botschafterposten bei den Vereinten Nationen und der Bank; Wolfowitz nahm die Bank, und dort glaubten sie an einen Witz. Dann glaubten sie, sie sollten zerschlagen werden, Wolfowitz sei von Bush gesandt, um sie abzuwickeln.
In Washington entzieht er sich Medien, darum kann man Wolfowitz am besten auf Reisen erleben, zum Beispiel als er zur Jahrestagung von Weltbank und IWF nach Singapur fliegt. Die Bank bucht Lufthansa, British Airways, United und Air France, 24 000 Menschen kommen nach Singapur, Minister, Bankiers, Delegierte. Es gibt Pressezentrum und Hinterzimmer, Säle und Restaurants, Hostessen weisen den Weg, und Klimaanlagen kühlen die Luft von Singapur. Auf "Level 4" sitzen hinter Stellwänden und vor Plastikbechern mit Espresso die Akkreditierten und führen im Minutentakt Verhandlungen, und auf "Level 6" sitzen die Wichtigen.
Paul Wolfowitz, Präsident mit Segelohren und braunen Augen, die silbergrauen Haare scharf gescheitelt, beginnt die Tage von Singapur mit Reportern, er sagt, was er überall sagt: "Wir leben in Fünfsternehotels, aber zu viele Menschen leben von einem Dollar pro Tag." Das ist einer seiner liebsten Sätze. Wolfowitz blickt Gesprächspartner selten an. Interviews mit ihm sind belanglos, Floskeln und Freundlichkeit; konzentriert sitzt er da, etwas müde vielleicht, er bestellt Tee und Wasser und trinkt nichts. Tief sind die Stirnfalten.
Seine Prioritäten, sagt er, seien Afrika und der Kampf gegen Korruption, darum gehe es nun, und es gehe außerdem darum, die Budgets zu erhöhen, es gehe darum, all jene Staatschefs, die vor einem Jahr in Gleneagles Afrika einen Schuldenerlass und eine Menge Geld versprachen, dazu zu bringen, "endlich zu liefern". Kratzig und vernuschelt ist seine Stimme.
Dann steht er auf, 12.30 Uhr, "Town Hall Meeting", um den Tisch herum sitzen Vertreter der NGOs, und Wolfowitz sagt, seine beiden ältesten Kinder hätten für NGOs gearbeitet, "ich bin sehr, sehr stolz auf sie". Er weiß, wie man solche Runden einfängt.
Es ist 19 Uhr, und auf Paul Wolfowitz wartet Heidemarie Wieczorek-Zeul, deutsche Entwicklungshilfeministerin, eine Viertelstunde ist eingeplant hier oben in 6E324, es geht jetzt um Frauen, den "Faktor Frau", wie Weltbanker sagen, männliche.
Wolfowitz braucht nie lange, um sich einzufinden, er weiß, dass Kameras laufen, er sagt, Frauen seien "ein Entwicklungsthema, ein Thema der Menschheit", denn "Mütter, die besser ausgebildet sind, führen zu besser ausgebildeten Menschen, Männern und Frauen".
Ein ungleiches Paar: Wieczorek-Zeul leuchtet, rot die Haare, rot die Lippen, Wolfowitz sitzt dort in Grau, halslos, das Sakko rutscht hinten hoch und beult sich an den Schultern. Er muss dann weiter, und beide nicken und sagen: "See you."
Wenn man mit der Ministerin dann noch eine Weile zusammensitzt, trinkt sie Mineralwasser aus der Flasche und sagt: "Die Weltbank ist eines der wichtigsten Instrumente, die es gibt, um globale Politik zu gestalten." Wolfowitz habe das gelernt, so Wieczorek-Zeul, und er halte Kurs; er kehre auch nicht zurück zu jenem "Washington Consensus" der Achtziger, der Liberalisierung zum einzigen Credo erhoben habe, er meine ernst, was er sage, über Afrika, Frauen, das Klima. Amerikaner dagegen, besonders solche, die im Kongress sitzen, schimpfen immer mal wieder auf die Bank, auf hohe Gehälter und Reisekosten. Das gehört zum Spiel, ein Ritual internationaler Politik, Kongressabgeordnete halten nicht viel vom Multilateralismus.
Was tatsächlich schieflief in der Vergangenheit, lag im Wesen einer Entwicklungspolitik, die auf Kredite baut: Es gab Phasen, in denen die Rückzahlungen der Armen an die Bank höher waren als die Zahlungen der Bank an die Armen. Und was verheerend schieflief, das waren diese monströsen Projekte in der Dritten Welt, Flughäfen, Kraftwerke und Staudämme, welche in Washington entworfen worden waren und die Menschen, um die es ging, nicht einkalkuliert hatten.
Hunderttausende wurden vertrieben. Fischer mussten Bauern werden, und Bauern, die nicht schwimmen konnten, waren auf einmal Fischer. In der Vergangenheit, das sagt John Page, Chefökonom für Afrika, habe die Bank mehr als heute versucht, Regierungen in die von der Bank als richtig empfundene Richtung zu schieben; "aber wir können den Wandel einer Gesellschaft nicht kaufen, wenn die Gesellschaft den Wandel nicht will".
In dieser Vergangenheit wurden Schneisen in Regenwälder geschlagen, Flussläufe begradigt, da wurden makroökonomische Schablonen über Länder gelegt, die mit dem, was die Missionare von der Bank "Strukturanpassung" nennen, nichts anfangen konnten. "Durchkapitalisierung der Welt", so nennen das die Weltbank-Kritiker von Oxfam - weil der Präsident der Weltbank immer ein Amerikaner ist und die Stimmenanteile nach Wirtschaftskraft vergeben werden, ist die Ideologie der Bank die der Industriestaaten.
Wer bei der Bank arbeitet, vergisst vielleicht irgendwann, woher er kommt, und wird ganz Weltbanker. Aber die Regierungen verfolgen natürlich weiterhin ihre Interessen. "Die Amerikaner", sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, "feuern jeden Delegierten, der sich ernsthaft um Fairness im Welthandel müht, weil er damit den Interessen der USA schadet."
"Ich diene nicht mehr den USA. Ich bin Präsident der Weltbank, und ich weiß, was das heißt", das sagt Paul Wolfowitz.
Die Tage von Singapur sind lang, und abends gibt es Empfänge. Es ist ein Dickicht, es ist viel Heuchelei dabei. Alle Redner hier sagen, wie wichtig gemeinsame Anstrengungen seien, wie großartig die eigene Arbeit sei, Worte wie "umfassend", "sehr, sehr" schwirren hin und her.
Und Menschen wie Hartwig Schafer, sechste Etage, bestimmen, was nur Gerede ist und was geschieht. Hartwig Schafer, Titel: "Director of Operations" für Afrika, trägt Schnauz und ovale Brillengläser, und Schafer sagt, es gehe voran, überall. In Liberia müsse die Bank nun "die Diaspora zurückholen", all die Begabten aus dem Exil heimlocken nach Westafrika. Er sagt, früher habe die Bank ein Rezept für alle Kunden gehabt, jetzt sehe sie sich zuerst die Sorgen der Kunden an und entwerfe dann die Rezepte zusammen mit den Kunden und deren lokalen Helfern.
Auf dem Tisch von Zimmer 6E371 liegen Akten. Und ein Telefon. Hartwig Schafer ist Deutscher, aber er spricht lieber die Sprache der Bank, Englisch, da ist er sicherer, darum verschwanden auch die zwei Pünktchen aus seinem Nachnamen. Schafer war Landwirt in Willingshausen bei Kassel, "Farmer", sagt er, dann studierte er in Amerika, bekam einen Job bei der Bank. Infrastruktur müsse die Weltbank überall in Afrika finanzieren, sagt er nun, das sei der Startblock, aber laufen müssten die Afrikaner selbst.
Eine Etage tiefer doziert dann wieder Wolfowitz über Korruption und bekommt sehr viel Beifall, als er sagt, Korruption habe zwei Enden, Geber und Nehmer, und Geber sei viel zu oft die entwickelte Welt. Kurz vor Schluss sitzt er dann in der Ministerrunde, sehr heiser inzwischen und sehr blass, jetzt geht es um Erziehung. Gordon Brown, der Brite, lobt sich und alle im Saal: "Wir sind die erste Generation der Geschichte, die grundlegende Bildung für jedes Kind sicherstellt." Wolfowitz lächelt. Von welcher Welt redet der Kerl?
"40 Millionen Kinder in Sub-Sahara-Afrika gehen nicht mal zur Grundschule", das sagt Wolfowitz.
Fragt man Leute wie Max Lawson von Oxfam, dann sagen die, Wolfowitz schiele zwar immer zum Weißen Haus, aber er sei aufrecht, und für den Schuldenerlass der vergangenen Jahre habe vor allem er gesorgt. Fragt man seine Leute, was sie heute von Himself halten, dann sagen sie, sie wüssten es nicht. Am Anfang war die Skepsis, sogar Hass. Dann überraschte der Präsident seine Firma: Er war lustig, scharfsinnig, fragte, diskutierte. Das waren die Monate, in der er sie einfing mit Charme, und sie lernten, dass der Mann nicht nur den Irak angegriffen hatte. Er ist auch Akademiker. Er war Botschafter in Indonesien. Selbst PW hat Facetten.
Und jetzt? Jetzt ärgern sie sich über sein amerikanisches Denken, Schwarz oder Weiß. Sie ärgern sich noch mehr über Personalien: Draußen in der Welt trete der Chef gegen Korruption an, aber drinnen hole er in hohe Ämter Leute aus Spanien oder El Salvador, die in den vergangenen fünf Jahren brav an der Seite der USA gestanden
hätten. "In-your-face-appointments", so nennt Joseph Stiglitz diese Personalpolitik, die viele Bank-Menschen kränke; es gibt Leute, die Wolfowitz' Stil für Korruption halten, in ihrer feinen Form, die Beziehungen pflegt, aber doch: Korruption.
Und wenige Vertraute braucht dieser Wolfowitz, ein winziges Netzwerk nur, die Institution fühlt sich übergangen.
Was will er? "18 Monate ist er jetzt da. Es wäre an der Zeit, dass klar wird, was er will." Das sagt ein Mann in hellblauem Hemd und mit Clubkrawatte, einer von vielen Weltbankern, namenlos, wenn es gilt.
Mats Karlsson rettet fünf Staaten in Afrika. In Guinea sorgt er sich um die Verwaltung, um die Verwertung der Bodenschätze, in Burkina Faso um Energie und Infrastruktur. Sierra Leone, "post-conflict state" wie Liberia, ist so fragil wie der Nachbar; beide Länder erhalten nicht die üblichen Kredite, sondern zinsfreie Darlehen und Subventionen.
Und nun ist es Mittwoch in Afrika, heute muss Ghana gerettet werden, Mats Karlsson fährt von Accra nach Norden. Je weiter er kommt, desto miserabler wird die Piste, Wracks liegen am Rand. "Immer diese Unfälle, viel zu viele", sagt Karlsson, "es macht dich krank."
Ghana ist ein Musterstaat. Ghana blüht, Ghana hat Jahr für Jahr ein Wachstum von fast sechs Prozent. Ghana gilt der Bank als Beispiel: dafür, dass Veränderung möglich ist, dafür, dass die Bank dabei helfen kann, dafür, dass man ein besseres Afrika tatsächlich erschaffen kann.
Ghana, unabhängig seit 1957, hat hinter sich, was die meisten Staaten Westafrikas erlebten: einen großen Führer, in Ghana war es Kwame Nkrumah, der zum Führerdarsteller wurde, dann die Krisen. Aber Ghana befreite sich, die Wahlen sind transparent, das Land ist friedlich seit 20 Jahren.
Karlsson sitzt vorn auf dem Beifahrersitz, er sagt: "Hier gibt es ein qualitatives Commitment, Messbarkeit und Kontrolle", denn in Ghana gebe es "einen Kontrakt" zwischen Regierung, Volk und Geldgebern; die Bank traut sich inzwischen, Kredite ohne Zinsen, mit knapp einem Prozent Bearbeitungsgebühr, zu geben und damit "budget support", also die Aufstockung des Haushalts, zu finanzieren, was der Regierung Mittel gibt und der Bank die Kontrolle nimmt. Keine Frage, hier jedenfalls, dass die Weltbank flexibler zu sein versucht.
Längst organisiert sie Kleinkredite. Und sie beginnt Projekte, die die Dörfer im Norden mit Strom versorgen sollen. Und "Education Sector Project Ghana" heißt jenes, das 53 ausgewählten Bezirken 32 Millionen Dollar für Schulen zuschiebt, das 32 Millionen in die Ausbildung von Lehrern steckt und 14 Millionen übrig hat für den Bau von Klassenzimmern.
Auf dem Weg Richtung Kumasi kommt Karlsson an der Firma Bomarts vorbei, einer Wellblechhalle auf freiem Feld, die Firma produziert Ananas. Das Problem war, dass Ananas aus Ghana, Marke "Smooth Cayenne", der Welt nicht schmeckten: zu bräunlich, zu mehlig. Also griff die Bank ein und brachte den Bauern bei, was sie säen mussten. "MD2" heißt die Sorte, die der weißen Welt schmeckt, MD2 ist süßer, ist saftiger und bleibt schön gelb, und darum baut Ghana nun MD2 an.
Doch es sei schwer, sagt der Manager der Fabrik. MD2 wächst nicht so recht. Früher haben sie 160 Paletten pro Woche geschafft, jetzt bloß 50. Viele Bauern haben nicht umgestellt, sie ließen die Felder liegen und zogen nach Accra. "Es kann ein goldenes Ghana entstehen", sagt Karlsson, "aber ihr müsst beste Qualität liefern."
Er fährt dann auf die Felder, fragt: "Warum pflanzt ihr keine Mango-Bäume rund um die Ananas?" Das wissen die Bauern nicht, sie hatten halt die Idee noch nicht. "Ihr müsst diversifizieren", sagt Karlsson, "nur ein Produkt zu haben ist riskant."
Er fährt weiter, Apedwa ist ein Dorf aus 20 Holzhütten im Dschungel, und die Frauen von Apedwa züchten Schnecken und Pilze. "Was verdient ihr?", fragt Karlsson.
"Noch nichts", sagen die Frauen.
"Ihr werdet nicht bezahlt?", fragt Karlsson und lässt sich die Bücher der Firma zeigen. Die Gewinne sind niedrig, schwer zu sagen, ob der Manager die Frauen ausbeutet oder investieren musste, damit der Betrieb in Gang kommt. Karlsson kauft ein paar Pilze und gibt den Frauen viel Geld dafür, "bald musst du sie aber bezahlen", sagt er zum Manager und fährt weiter.
"Ghana wird auf ganz Afrika wirken", sagt er nun, "Afrika ist nicht verloren."
Edward S. Ayensu ist skeptischer. Ayensu leitet das Council for Scientific and Industrial Research in Accra, er hat für die Bank eine Menge ihrer Projekte geprüft. Ayensu trägt eine große Brille und einen weiten Umhang, hinter ihm hängen Bilder von Elefanten. Er sagt, dass 45 Prozent der Ghanaer unter der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag lebten, er sagt, dass die Weltbank von der Idee bis zur Planung bis zur Durchführung eines Projekts zu lange brauche, drei oder vier Jahre, so dass in dem Moment, da das Projekt beginne, eigentlich wieder die Prüfung beginnen müsste, da längst die Voraussetzungen andere seien.
"Die Wahrheit", sagt Ayensu, "die Wahrheit ist, dass die Bank wie jede Institution Erfolgsgeschichten liebt. Darum sind ihre Berichte geschönt, darum zielt sie oft an der Wirklichkeit vorbei."
Wirklichkeit? Wahrheit? Die Bank hilft Hungernden, immer wieder, sie hat Daten gesammelt, die sonst niemand hat; das Wissen, das bei der Bank gebunkert ist, ist kostbar. Ein Drittel ihrer Projekte, das geben Weltbank-Leute zu, scheitern, das sind einige hundert Milliarden Dollar, die niemandem geholfen haben oder jedenfalls nicht den Richtigen. Ist sie darum nutzlos? Sinnfrei, überflüssig?
Kommt die nächste Krise über die Welt, kommt der Einsatz ihrer Bank. Überflüssig werden Weltenretter an dem Tag, an dem die Welt gerettet ist.
Von Klaus Brinkbäumer

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