29.01.2007

„Die finstere Energie unseres Landes“

Der Schriftsteller Wladimir Sorokin über Meinungsfreiheit in Russland, Opposition gegen Putin und die Gleichgültigkeit des Westens
SPIEGEL: Herr Sorokin, in Ihrem neuen Buch "Der Tag des Opritschniks" schildern Sie ein autoritäres, von einer Clique Geheimpolizisten regiertes Russland. Die Handlung spielt in der Zukunft, aber diese Zukunft gleicht der Vergangenheit unter Iwan dem Schrecklichen. Meinen Sie in Wirklichkeit nicht vielmehr das gegenwärtige Russland?
Sorokin: Natürlich ist das ein Buch über die Gegenwart. Sie ist leider nur noch mit den Mitteln der Satire zu beschreiben. Wir leben immer noch in einem Staat, der von Iwan dem Schrecklichen errichtet worden ist.
SPIEGEL: Der hat im 16. Jahrhundert regiert. Nach dem Zarenreich kam die Sowjetunion, dann mit Jelzin und Putin die Demokratie. Ist der Bruch mit der Vergangenheit noch immer nicht vollzogen?
Sorokin: An der Spaltung zwischen Volk und Staat hat sich nichts geändert. Der Staat verlangt vom Volk eine sakrale Opferbereitschaft.
SPIEGEL: Der Alleinherrscher in Ihrem Buch trägt Züge von Präsident Wladimir Putin ...
Sorokin: ... das war nicht meine Absicht. Eine Putin-Satire zu entwerfen wäre nicht spannend. Ich bin kein Journalist, ich bin Künstler. Und ein Roman ist keine Dokumentation. Ich suche in meinem Buch eine Antwort auf die Frage, was Russland von wirklichen Demokratien unterscheidet.
SPIEGEL: Welche Erklärung haben Sie gefunden?
Sorokin: Ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer können von sich behaupten: "Der Staat, das bin ich." Das kann ich nicht sagen. Das können in Russland nur die Leute im Kreml. Alle anderen Bürger sind nicht mehr als Menschenmaterial, mit dem man alles Denkbare treiben darf.
SPIEGEL: "Opritschnik" bedeutet im Altrussischen "ein Besonderer". Halten Sie die Kluft zwischen oben und unten im heutigen Russland für unüberwindbar?
Sorokin: Es gibt bei uns besondere Menschen, die alles dürfen. Sie sind die Opferpriester der Macht. Wer nicht dazugehört, hat gegenüber dem Staat nichts zu melden. Man kann noch so reich sein - wie der Magnat Michail Chodorkowski es war - und dennoch im Nu alles verlieren und im Gefängnis enden. Der Fall Chodorkowski ist typisch für die "Opritschnina", das Unterdrückungssystem, das ich beschreibe.
SPIEGEL: Kommt jemand wie Chodorkowski auch in Ihrem Buch vor?
Sorokin: An eine solche Parallele habe ich nicht gedacht. Allerdings beginnt mein
Buch mit einem Überfall auf einen reichen Mann. Das ist fast schon Alltag. So war es in Russland zu allen Zeiten. Nur der kann reich sein, der gegenüber den Machthabern loyal ist.
SPIEGEL: Wie reagiert die Elite beim Anblick des Bildes, das Sie literarisch malen?
Sorokin: Die Reaktion auf mein Buch ist stürmisch. Aber ich konnte nicht anders, als das alles zu Papier zu bringen. Seit langem trug ich den Wunsch in mir. Dann brauchte ich nur drei Monate, um es zu schreiben.
SPIEGEL: Warum hat es Sie auf einmal so gedrängt?
Sorokin: Der Staatsbürger lebt in jedem von uns. In der Zeit von Breschnew, Andropow, Gorbatschow und Jelzin versuchte ich ständig, den mündigen Bürger in mir zu verdrängen. Ich sagte mir, ich bin doch Künstler. Als Erzähler war ich durch den Moskauer Untergrund geprägt. Dort war es üblich, unpolitisch zu sein. Wir erzählten uns folgende Anekdote: Deutsche Truppen marschieren in Paris ein, und Picasso sitzt da und zeichnet einen Apfel. Das war unsere Haltung - du hast dazusitzen und malst deinen Apfel, egal, was um dich herum passiert. Das habe ich so gehalten, bis ich 50 wurde. Nun ist der Bürger in mir erwacht.
SPIEGEL: Manche Ihrer Romane strotzen vor Gewalt. In "Eis" zum Beispiel werden Menschen mit Hämmern aus Eis malträtiert. Warum ist die russische Gesellschaft immer noch so in Gewalt gefangen?
Sorokin: Als Kind empfand ich Gewalt als eine Art Naturgesetz. In der totalitären Sowjetunion hielt die Unterdrückung alles zusammen. Sie war die finstere Energie unseres Landes. Das bekam ich bereits in Kindergarten und Schule zu spüren. Später wollte ich verstehen, warum die Menschen ohne Gewalt nicht auskommen können. Dieses Rätsel habe ich bis heute nicht gelöst. Ja, Gewalt ist mein großes Thema.
SPIEGEL: Wie äußert sich diese finstere Energie im heutigen Russland?
Sorokin: Sie lebt in jedem Bürokraten. Wenn Sie zu einem kleinen Beamten kommen, lässt er Sie spüren, dass er über Ihnen steht und Sie von ihm abhängen. Sie zeigt sich im Großmachtdenken, das der Kreml nährt. Ein Imperium fordert von seinem Volk immer Opfer.
SPIEGEL: Wegen angeblich pornografischer Passagen in Ihrem Roman "Der himmelblaue Speck" wurde vor fünf Jahren ein Strafverfahren gegen Sie eingeleitet. Steht Russland vor der Wiedereinführung der Zensur?
Sorokin: Das war damals jedenfalls ein Versuch, Schriftsteller auf ihre Standfestigkeit zu prüfen und die Öffentlichkeit auf die Probe zu stellen, ob sie offene Zensur akzeptieren würde. Es hat nicht geklappt.
SPIEGEL: Hat der Druck auf Sie andere Schriftsteller verängstigt?
Sorokin: Bestimmt. Ich bin Michail Gorbatschow und Boris Jelzin dankbar, dass ein russischer Schriftsteller heute nicht nur alles schreiben, sondern auch alles veröffentlichen kann. Was in Zukunft geschieht, weiß ich nicht. Schon jetzt sind die Medien vom Staat kontrolliert - Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften.
SPIEGEL: In Ihrem Buch rühmt sich ein Staatsschützer, "dass nicht nur ein Diplomat aus Moskau ausgewiesen, nicht nur ein Journalist vom Fernsehturm gestürzt und nicht nur ein Nestbeschmutzer im Fluss ertränkt" wurde. Da wussten Sie noch nichts vom Mord an der Enthüllungsreporterin Anna Politkowskaja.
Sorokin: Ich habe mir einfach vorgestellt, was mit Russland passiert, wenn es sich völlig von der westlichen Welt isoliert, also aufs Neue ein Eiserner Vorhang errichtet wird. Es ist viel davon die Rede, dass Russland eine Festung sei. Orthodoxe Kirche, Autokratie und Volkstum sollen die neue Staatsideologie formen. Russland würde damit von seiner Vergangenheit eingeholt, und unsere Vergangenheit wäre unsere Zukunft.
SPIEGEL: Wie realistisch ist ein solcher Rückfall in einer globalisierten Welt?
Sorokin: Putin wiederholt oft einen Satz von Zar Alexander III. - Russland habe nur zwei wahre Verbündete: die Armee und die Flotte. Als Bürger horche ich da auf. Das ist ein Konzept der Abschottung, eine Verteidigungsstrategie, die Russland von Feinden umzingelt sieht. Ich schalte den Fernseher ein, und ein General erzählt zufrieden, dass unsere Raketen den jüngsten amerikanischen Modellen um drei Fünfjahrespläne voraus sind. Ein Alptraum. Wir schaffen uns ein Feindbild wie zur Sowjetzeit. Das ist ein riesiger Schritt zurück.
SPIEGEL: Sie setzen keinerlei Hoffnung in die derzeitige Kreml-Mannschaft?
Sorokin: Das ist deren Schuld, nicht meine. Mein Fernseher belehrt mich, in der Sowjetunion sei alles wunderbar gewesen. KGB und Apparatschiks seien die reinsten Engel gewesen, und die Stalin-Zeit war so fröhlich, dass die Helden von damals auch heute gefeiert werden müssen.
SPIEGEL: Warum macht Russlands legendäre Intelligenzija nicht Front dagegen?
Sorokin: Das ist erstaunlich. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Vorkämpfer für Meinungsfreiheit - Schriftsteller, Emigranten und Bürgerrechtler - nur das eine angestrebt hatten: den Zusammenbruch
der Sowjetunion, angefangen bei Alexander Solschenizyn. Und nun schweigen sie alle.
SPIEGEL: Wie stehen Sie zum ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow, der versucht, eine Opposition aufzubauen?
Sorokin: Ich habe Respekt vor ihm und anderen Oppositionellen wie dem ehemaligen Premierminister Michail Kassjanow oder Irina Chakamada. Diese Politiker existieren jedoch für die meisten Menschen nicht. Man findet sie höchstens im Internet. Wenn morgen ein Staatssender berichtet, Kassjanow besuche russische Städte und spreche mit dem Volk, würde sich der Chef dieses Senders übermorgen nach einem anderen Job umsehen müssen.
SPIEGEL: Was kann getan werden?
Sorokin: Es ist aussichtslos zu erwarten, ein Wandel könnte von oben befohlen werden. Die Bürokratie hat so mächtige Wurzeln geschlagen, und die Korruption ist so verbreitet - diese Leute haben kein Interesse daran, etwas zu verändern.
SPIEGEL: Also ist alles hoffnungslos?
Sorokin: Jeder muss den Staatsbürger in sich selbst wecken. Der russische Philosoph Nikolai Berdjajew sagte einmal, dass Russland viele Ideen habe und wenige Güter. So war es im gesamten 20. Jahrhundert. Erst in den vergangenen 15 Jahren konnten sich die Russen herausputzen und satt essen. Satte Menschen allerdings neigen zur Schläfrigkeit. Das erklärt zum Beispiel das Desinteresse der Studenten. In keinem Land sind sie so träge wie bei uns.
SPIEGEL: Mögen Sie Ihre Landsleute eigentlich, bei so viel Pessimismus?
Sorokin: Das Wort Volk ist mir unangenehm. Der Begriff Sowjetvolk wurde uns von Kindesjahren an eingebleut. Ich liebe konkrete Menschen, aufgeklärte Menschen, die bewusst leben und nicht dahinvegetieren. Um das Volk zu lieben, muss man Generalsekretär der Kommunistischen Partei sein oder eben ein Alleinherrscher. Der Dichter Josef Brodsky bemerkte einmal: Für mich sind Bäume wichtiger als der Wald.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Mauer, mit der sich Russland vom Westen abschottet. Warum wird diese Mauer errichtet?
Sorokin: Nachdem 1991 die Sowjetunion zusammengebrochen war, verbrannten ehemalige Parteifunktionäre ihre Parteibücher und stiegen von schwarzen Wolga-Limousinen in schwarze Karossen deutscher Herkunft um. Das war es. Es gab keine reinigende Revolution bei uns. Weder KP-Funktionäre noch KGB-Generäle mussten von den Machthebeln weg. Im August 1991 war ich vor der Geheimdienstzentrale Lubjanka dabei, als das Denkmal für den KGB-Gründer Felix Dserschinski umgestürzt wurde. Es schien, als würde ein neues Zeitalter beginnen. Wir haben die Sowjetmacht aber unterschätzt. Sie hat sich in sieben Jahrzehnten im Bewusstsein der Menschen festgebissen. Nach der Wiedervereinigung wurde Westdeutschland für die DDR-Bürger zu einem Spiegel. Den hatten wir nicht.
SPIEGEL: Sie sind studierter Ölingenieur. War die jüngste Konfrontation mit Weißrussland um Gas und Öl Ausdruck Moskauer Großmachtdenkens?
Sorokin: Unsere Regierung hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass Georgien, Aserbaidschan, die baltischen Länder - überhaupt die ehemaligen Sowjetrepubliken - eigenständige Staaten sind. Meine Diplomarbeit schrieb ich übrigens über die Entwicklung von Schiebern für Pipelines.
SPIEGEL: Kommt diese Sachkenntnis in Ihrem Buch zum Tragen?
Sorokin: Ja, da steht ein Vers drin, in dem es heißt: "Wir haben den Schieber zugedreht, wie der Zar befohlen."
SPIEGEL: Wie sollten sich deutsche Politiker bis zu Kanzlerin Angela Merkel gegenüber der russischen Regierung verhalten?
Sorokin: Der Westen soll noch stärker die Menschenrechte anmahnen. Bei allem Verständnis für Kompromisse frage ich, ob Russland auf eine Demokratie zusteuert. Ich denke nein! Russland fällt Schritt für Schritt in ein autoritäres Imperium zurück. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist die Gleichgültigkeit des Westens, wenn ihn außer Öl und Gas nichts interessieren würde. Ich wundere mich, wenn ich den Wetterbericht im deutschen Fernsehen sehe. Er zeigt die Karte von Europa und die Kamera geht nach rechts. Da kommt Kiew, dann Moskau und danach hört alles auf. So scheint der Westen unser Land zu sehen - hinter Moskau beginnt das wilde Russland, und da sollte man lieber nicht hingucken. Das ist ein großer Fehler. Der Westen muss genauer aufpassen.
SPIEGEL: Versteht der Westen Russland?
Sorokin: Ja und nein. Bei uns wundert sich niemand, wenn sich ein Beamter schmieren lässt und der Staat sich als Heiligtum hinstellt, dem der Spießbürger huldigen soll. Für Sie klingt das alles absurd. Aber für Russen ist das Alltag.
SPIEGEL: In Deutschland gab es früher eine ähnliche Haltung gegenüber dem Staat. Nach der Nazi-Diktatur hat sich das geändert. Heute spielt der Staat in der Gesellschaft wie in Amerika eine eher bescheidene Rolle.
Sorokin: Das ist eben Demokratie. Der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov sagte einmal: Demokratie ist, wenn das Abbild eines Präsidenten nicht größer ist als die Briefmarke. Bei uns wird es so schnell nicht so weit kommen.
SPIEGEL: Herr Sorokin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Wladimir Sorokin
ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Literaten Russlands. Im Westen begründete der Roman "Die Schlange" seinen Ruhm, ein Dutzend seiner Bücher (unter anderem "Marinas dreißigste Liebe", "Hochzeitsreise", "Das Eis") wurde ins Deutsche übersetzt. In seinem Science-Fiction-Roman "Der himmelblaue Speck" lässt der Kultautor einen Klon des Staatsführers Nikita Chruschtschow die Brusthaare des Klons von Sowjetdiktator Stalin küssen. Sorokin, 51, beschreibt in seinem neuen Buch "Der Tag des Opritschniks", wie sich im Jahr 2028 ein nationalistisches, mit harter Hand regiertes Russland durch eine Mauer vom Westen abschottet.
* Oben: bei seiner Anhörung in einem Moskauer Gericht im Mai 2005; rechts: Matthias Schepp und Martin Doerry in Sorokins Haus bei Moskau.
Von Matthias Schepp und Martin Doerry

DER SPIEGEL 5/2007
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