29.01.2007

SKI ALPIN„Gleich wird die Hölle heiß“

WM-Favorit Marco Büchel über den Umgang mit der Angst beim Abfahrtslauf, gefährlichen Übermut und die Sorgen seiner Frau
Der liechtensteinische Rennläufer Marco Büchel, 35, ist seit 1992 Profi. Der ehemalige Riesenslalom-Spezialist, Zweiter bei der Weltmeisterschaft 1999 in Vail, USA, gewann in dieser Saison die Abfahrt im kanadischen Lake Louise. Obwohl er der zweitälteste Fahrer im alpinen Skizirkus ist, plant Büchel sein Karriereende erst nach den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver.
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SPIEGEL: Die berüchtigte Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel, die eigentlich für das vergangene Wochenende geplant war, musste wegen Schneemangels abgesagt werden. War das eine Erleichterung?
Büchel: Wieso das?
SPIEGEL: Die Strecke gilt als die monströseste Prüfung im gesamten Weltcup.
Büchel: Ich bin vor einem Jahr in Kitzbühel Zweiter geworden. Ich wäre gern gestartet.
SPIEGEL: Keine Ängste?
Büchel: Es gibt Rennen, da sieht man viele bleiche Gesichter oben am Start: in Bormio, Garmisch und natürlich Kitzbühel. Ich habe meine Frau vor drei Jahren gebeten, sich die Hahnenkamm-Abfahrt anzugucken, damit sie mal sieht, was ich eigentlich so mache. Sie stand an der sogenannten Mausefalle ...
SPIEGEL: ... einem spektakulären Abschnitt im Startbereich, der einem freien Fall gleicht.
Büchel: Man fliegt bis zu 75 Meter weit. Und auch danach ist es derart steil und eisig, dass man dort mit Skiern nicht stehen kann. Meine Frau sagte danach: Verlange so was nie wieder von mir!
SPIEGEL: Macht sich Ihre Gattin nun ständig Sorgen?
Büchel: Nein, ich habe ihr erklärt, dass ich gelernt habe, wie man sicher runterkommt. Nun sagt sie immer, bevor ich zu einem Rennen fahre: Los, imponiere mir!
SPIEGEL: Kürzlich in Bormio erklärte der Olympiasieger Antoine Dénériaz vor der Abfahrt, er könne sich nicht überwinden. Der Franzose reiste ab. Ein Weichei?
Büchel: Ich zolle ihm großen Respekt für diese Entscheidung. Antoine ist im letzten Rennen der vorigen Saison schwer gestürzt. Von diesem Erlebnis hat er sich noch nicht richtig erholt. Wer kein Selbstbewusstsein hat, gefährdet sich in diesem Job nur selbst. Ich kenne diese Situation. Bei einem Rennen 1992 in Laax, kurz vor den Olympischen Spielen in Albertville, flog ich nach einem Fahrfehler mit hoher Geschwindigkeit in die Fangnetze. Ich wurde auf die Piste zurückgeschleudert, dabei brach mir der Arm. Ich wusste sofort, dass dieser Unfall etwas mit mir gemacht hatte. Zwei Jahre lang versuchte ich es immer wieder mal auf der Abfahrt. Aber die Furcht war zu groß. Es war vorbei.
SPIEGEL: Seit zwei Jahren gehören Sie nun zur Abfahrtselite und bei der am Samstag beginnenden Weltmeisterschaft im schwedischen Åre zum Kreis der Medaillenanwärter. Wie haben Sie die Angst besiegt?
Büchel: Ich habe gelernt, am Limit zu fahren, aber nie darüber.
SPIEGEL: Die US-Stars wie Bode Miller haben ein einfacheres Motto. Es lautet: "Have fun out there."
Büchel: Beneidenswert, oder? Ich kann nur sagen: Wenn ich mit bis zu 150 Stundenkilometern über eine eisige, holprige Piste donnere, ist das eher selten Spaß: Es rattert höllisch, und wegen der häufigen Lichtund Schattenwechsel sieht man die Piste kaum. Ein Sturz bei solch einem Tempo ist eine Explosion, und Fangnetze verhindern nur das Schlimmste.
SPIEGEL: Wie überwinden Sie sich?
Büchel: Der schwierigste Moment ist für mich der, wenn ich ins Starthaus muss. Ich hasse diesen Augenblick. Der Startrichter brüllt: Noch zwei Minuten. Ich weiß: Gleich wird die Hölle heiß. Ich stehe dann immer dort oben und spreche zu mir selbst: Marco, jetzt wird es wild, sei ein Mann, sei tapfer, gib dein Bestes. Dann gucke ich meinem Servicemann noch einmal tief in die Augen.
SPIEGEL: Warum der Blick zum Servicemann?
Büchel: In Extremsituationen ereilen den Athleten mitunter ungewollt Zweifel. Mir kommen dann zum Beispiel die Schrauben, mit denen die Bindungen auf dem Ski fixiert sind, plötzlich sehr kurz vor. Der Gedanke ist natürlich weg in dem Moment, wenn es losgeht.
SPIEGEL: Haben Sie während des Laufs Angst?
Büchel: Wenn es besonders schlimm rumpelt, denke ich schon: Junge, das gefällt mir heute nicht, es ist zu brutal. Vor einer mächtigen Kompression, einem gefährlichen Übergang, geht es dann los im Kopf. Eine Stimme sagt: Du kannst in diesem Jahr den Abfahrtsweltcup gewinnen, also, geh jetzt in die Hocke, geh tiefer! Die andere Stimme schreit: O Gott, richte dich auf, bremse!
SPIEGEL: Welche Stimme setzt sich durch?
Büchel: Bei mir meistens die der Vernunft. Das geschieht oft unbewusst. Unten im Ziel denke ich manchmal noch: Marco, du spinnst, das war jenseits der Grenze. Aber dann sehe ich bei der Videoanalyse, wie ich in einer kritischen Passage die Idealposition verlasse oder einfach nur einen Arm leicht seitlich ausstelle, um den Luftwiderstand zu erhöhen und somit abzubremsen.
SPIEGEL: Gewonnen haben dann aber andere.
Büchel: Sicherlich wäre ich noch schneller, wenn ich ein höheres Risiko eingehen würde. Aber was bringt mir das, wenn ich am Ende stürze und mich vielleicht schwer verletze? In meinem Alter würde es das Karriereende bedeuten. Und ich will einfach noch nicht ins Büro.
INTERVIEW: GERHARD PFEIL
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 5/2007
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