29.01.2007

„Heute sind Designer Revolutionäre“

Der Philosoph Peter Sloterdijk, 59, über die Jugendrevolte von 1967
SPIEGEL: Die sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beschäftigen uns erneut: Sollen die einsitzenden Terroristen Mohnhaupt und Klar Ihrer Ansicht nach begnadigt werden?
Sloterdijk: Man sollte diese Affäre auf der kleinsten Flamme kochen, die wir an unserem Herd haben - das ist die der juristischen Routinen. Von Frau Mohnhaupt liegt ein Antrag auf vorzeitige Haftentlassung vor, von Herrn Klar ein Gnadengesuch. Eine Begnadigung hat eine erbauliche Funktion, da sie eine zivile Exkommunikation rückgängig macht. Ein solches Zeichen von moralischer Stärke tut einem Gemeinwesen normalerweise gut.
SPIEGEL: Es gibt in den letzten Jahren eine Anzahl von Publikationen, die sagen, dass bereits die frühen Provos und die Kommune 1 die Keimzelle der späteren Mordkommandos waren.
Sloterdijk: In meinen Augen sind das Rückspiegelungen und Geschichtsklitterungen. Aus der gelebten Wirklichkeit von damals weiß ich mit großer Sicherheit, dass es eine abgrundtiefe Kluft gab zwischen der Szene, wo man vom bewaffneten Kampf fabulierte, und dem Milieu, wo man mit alternativen Lebensformen experimentierte.
SPIEGEL: Ist es nicht eigentlich, wenn man von Aufbruch redet, richtiger, von den 67ern zu reden als von den 68ern?
Sloterdijk: Das ist auch meine Wahrnehmung. 1968 war wichtig für die Pariser Studenten, den Prager Frühling, aber für die deutsche Geschichte muss man mit einem früheren Ansatz rechnen.
SPIEGEL: Warum träumte man damals vom Umsturz?
Sloterdijk: Da gibt es diese schöne Geschichte aus den "Buddenbrooks". Eines Tages erreicht die Revolution von 1848 auch die schöne Hansestadt Lübeck, und die Manifestanten tauchen nun vor der Tür des Patriziers auf, darunter der Lagerarbeiter Corl. Der Konsul fragt die Protestierer, was sie denn fordern. Corl antwortet: "Wie wull nu 'ne Republike." Darauf der Konsul: "Du Döskopp, ji heww ja schon een." Da denkt Corl einen Moment lang nach und sagt: "Denn wull wi noch een." Das Gleiche gilt für die deutschen 67er. Wir hatten schon eine Art Demokratie, aber wir wollten noch een, wir verlangten die zweite Demokratie, die utopische Demokratiedimension. Von dieser Differenz hat die ganze politische Kultur der Bundesrepublik doch 30, 40 Jahre lang gezehrt
SPIEGEL: Warum hängten die Kommunarden die Klotüren aus?
Sloterdijk: Wahrscheinlich um einen schweren Anfangsverdacht gegen den inneren Kleinbürger zu erhärten: dass er letztlich auf der Toilette konstituiert wird. Da ist er mit seinem analen Geheimnis allein, der spätere Geldbesitzer, der Kapitalist, der Ausbeuter. Folglich musste man die anale Bastion der bürgerlichen Gesellschaft stürmen und die entsprechenden Türen aushängen.
SPIEGEL: Gemeinsam war den Studenten damals der unglaubliche Hunger nach Theorie.
Sloterdijk: Das kann sich keiner von denen, die heute ihr Studium beginnen, noch richtig ausmalen. Die Büchertische vor der Mensa mit all den Raubdrucken waren wie eine Bundeslade des Wissens.
SPIEGEL: Warum sind Jugendrevolten heute nicht mehr möglich?
Sloterdijk: Vermutlich weil die Designer jetzt schneller sind als ihr junges Publikum. Sie fangen jede Regung eines alternativen Begehrens sofort auf. Man muss wohl auch die Entwicklung von 1967 volkswirtschaftlich sehen: Für die damalige Generation gab es einen radikalen Hiatus zwischen Angebot und Nachfrage - ein klarer Fall von Marktversagen. Was damals verlangt wurde, konnte der Markt nicht bieten, also mussten die Akteure ihr Begehren auf die Straße tragen. Heute ist der Markt revolutionärer als die Kundschaft. Die Designer sind heute die Berufsrevolutionäre.
SPIEGEL: Ihr persönliches Revolte-Erlebnis? Sie sind ja dann später sogar in Bhagwans Ashram gegangen, zu den Sannyasins.
Sloterdijk: Ich bin in Indien aus der masopatriotischen deutschen Stimmung ausgestiegen. Seither habe ich gegen das deutsche Klimakartell geschrieben und gegen das Abdriften der 67er und 68er in den tierischen Ernst. Die dogmatischen Linken haben ihre marxistischen Indianerspiele ontologisiert. Ich hielt mich eher an die Linie, die Rühmkorfs Sondierungen im "Volksvermögen" eröffnet hatte. Für mich ergab sich die wirkliche Subversion aus der Dialektik von Lachmitteln und Lachverhältnissen. Aufklärung ohne Aufheiterung, das schien mir eine halbe Sache.

DER SPIEGEL 5/2007
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