05.02.2007

KINOMehr! Mehr! Mehr!

Das Publikum liebt die Fortsetzung großer Erfolge, und Hollywood liefert: „Shrek“, „Spider-Man“ und vor allem „Rocky“ gehen in die nächste Runde.
Es ist ein schneidend kalter Februarmorgen im Jahr 1841, und eine Menschenmenge hat sich am Hudson River versammelt, in jener schmutzigen, unzimperlichen Stadt, die man aus Martin Scorseses Film "Gangs of New York" kennt. Nachrichten reisen auf Kutschen und Postschiffen. An diesem Morgen läuft im Hafen ein englischer Segler ein, und die Menschen am Pier schreien ihm entgegen: "Kommt Little Nell durch? Hat sie die Krankheit überlebt?"
Little Nell ist die Heldin des Fortsetzungsromans "The Old Curiosity Shop" von Charles Dickens. Die letzte Folge liegt in Magazinballen im Bauch des Schiffs.
Die Magie der Fortsetzung, die wiederholte Beschwörung eines Motivs, beschäftigt die Menschen schon lange. Seit der Antike werden Sagen wie "Antigone" weiter- und weitergesponnen. Das Kino, der große Mythenerzähler der Neuzeit, hat sie endgültig triumphieren lassen: die sogenannten Sequels. Das erste wurde 1916 gedreht, es hieß "Fall of a Nation" und war die Fortsetzung von D. W. Griffith' fundamentalem, leider rassistisch geprägtem Bürgerkriegsdrama "Birth of a Nation" von 1915. Es folgten zahlreiche läppische, halbherzige Aufgüsse erfolgreicher Filme.
Erst 60 Jahre später kam einer, der Publikum und Kritikern den Atem verschlug. Francis Ford Coppola hatte ihn nie drehen wollen, aber der Chef von Paramount beschwor ihn wieder und wieder: "Du hast das Rezept für Cola entdeckt - und nun willst du keine Flaschen mehr produzieren?" Durch sein Zögern schlug Coppola phänomenale vertragliche Konditionen heraus. 1974 erschien er schließlich: "Der Pate II". Er gewann sechs Oscars - und rehabilitierte das Sequel.
In den achtziger und neunziger Jahren sah man an den "Alien"- und "Terminator"-Serien, dass eine Fortsetzung nicht nur genauso gut sein kann wie das Original, sondern besser und profitabler. In den Top Ten der zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten finden sich bereits sechs Sequels.
In diesem Jahr nun erscheinen so viele Fortsetzungen wie nie zuvor. Die kurioseste ist wohl "Rocky Balboa", der diese Woche in Deutschland startet. Noch einmal steigt der alternde Champ in den Ring, mit 60, und er war noch nie so gut (siehe Seite 172). Die drei aufwendigsten Sequels folgen im Mai und im Juni: "Spider-Man 3", "Fluch der Karibik 3" und "Shrek 3" haben ihre Studios Sony Pictures, Disney und Dreamworks insgesamt über eine halbe Milliarde Dollar gekostet, eine Summe, die selbst die größten Aufschneider in Hollywood andächtig werden lässt.
"Es ist wie eine Jahrhundertflut", sagt Paul Dergarabedian, dessen Firma "Media by Numbers" Box-Office-Erfolge analysiert, "nämlich extrem ungewöhnlich. Aber wenn alles gutgeht, wird es der erfolgreichste Kinofrühling aller Zeiten!"
Beklommen klingt dagegen Gore Verbinski, Regisseur der "Karibik"-Reihe: "Jeder wird Federn lassen. Ich sehe die Logik dahinter nicht." Er wollte Teil 3 im Juli herausbringen, wie seine ersten beiden Sensationserfolge. Doch es wird bei Mai bleiben. Das ist die Disney-Logik.
Sein Kollege, "Spider-Man"-Regisseur Sam Raimi, erinnert sich noch, wie er 2004 glücklich im Vorführraum saß, um den gerade abgedrehten "Spider-Man 2" zu präsentieren, als Amy Pascal, die Chefin von Sony Pictures, aufstand und verkündete, dass "Spider-Man 3" am 4. Mai 2007 rauskommen würde. Raimi war vollkommen verdattert: "Ich sagte nur: Wir haben doch noch nicht mal die Geschichte?"
Aber Amy Pascal hatte so entschieden. Genau wie die Bosse bei Dreamworks, die "Shrek 3" herausbringen. 2005 war ein dürres Jahr für Hollywood. 2006 war nur einigermaßen einträglich, weil die Sequels "Fluch der Karibik 2", "Ice Age 2" und "Casino Royale" die Bilanz hochrissen. Während ein Firmenmanager in Reutlingen am Jahresende Weihnachtsfeiern streicht, um Defizite auszugleichen, werden nun in Hollywood Fortsetzungen von Erfolgsfilmen gedreht, damit die Bilanz wieder stimmt.
Sich deswegen über die Plattheit Hollywoods lustig zu machen ist übrigens zwecklos. Viele Bücher von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Alexandre Dumas und anderen großen Literaten des 19. Jahrhunderts sind überhaupt nur so dick, weil sie als Serien in Magazinen erschienen. Je mehr Kapitel Dickens oder Balzac einfielen, desto mehr Geld verdienten sie. So entstanden Mythen, Geschichten, die die Welt nie mehr vergaß - allerdings in einer Welt ohne Videospiele und Flatrate. Warum sollten die Menschen von heute an einem windigen Februartag das Haus verlassen, nur um zu erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?
In Hollywood hat man die Antwort auf diese Frage gefunden: Die Geschichte geht nicht aus. Sie wird immer doller.
Fortsetzungen bedeuten auch Kontinuität, und die ist in einer Welt, in der der Frühsommer im Winter noch nicht vorbei ist, beruhigend. Der Held sollte allerdings ein Mann sein, weibliche ziehen nicht so richtig, von Bridget "Bratpfannenhintern" Jones mal abgesehen. Der erbärmliche Abtritt beim letzten Mal, die Dauer der Pause - das ist dagegen einerlei, denn selbst die Rocky-Saga wird nun wieder da aufgenommen, wo sie vor 16 Jahren achtlos liegenblieb. Sylvester Stallone muss zurück in den Ring - mit 60 Jahren. Und der 52jährige Bruce Willis muss diesen Sommer zum vierten Mal die Welt vor Terroristen retten: in "Live Free or Die Hard". Das Alter der Helden spielt also keine Rolle mehr oder auch eine sehr große, denn wenn einer nach so vielen Jahren immer noch ein Held ist, spricht das erst recht für Unbesiegbarkeit. Wenn die Heldenmacher es richtig aufziehen.
Wie das Prinzip der Serie funktioniert und was ein Cliffhanger ist, lernt man heute auf jeder Klippschule. Was aber macht
eine gelungene Fortsetzung aus? Der Schweizer Germanist und Literaturprofessor Peter von Matt (siehe Seite 170) hat sich viel mit dem Wesen eines Mythos beschäftigt: "Oft ist sein Potential von Beginn an voll entfaltet, dann brauchen wir keine Fortsetzung. ,Casablanca' sehen wir mit Begeisterung zum zehnten Mal, eine Fortsetzung wäre sinnlos."
Fast alle großen Sequels der letzten Jahre haben sich von hinten nach vorn aufgebaut, deshalb wirken sie, anders als viele frühere, organisch und glaubwürdig. Erfolgreich sind sie, wenn sie den Vorgänger in allen Disziplinen überbieten. Tiefe, Entwicklung, Pointen und wumm: Es geht um das Mehr. Das letzte Mal sind zwei Hubschrauber kollidiert? Dann müssen es das nächste Mal zwei Öltanker sein. Der Killer hat zuletzt einem Opfer das Gehirn aus dem Kopf gelöffelt? Dann wird in der Fortsetzung eben ein Waisenmädchen gegessen. Andernfalls zuckt das verzogene Kind im Menschen die Schultern und spielt lieber weiter "World of Warcraft", von dem auch gerade eine Fortsetzung erschienen ist.
Da Hollywood aber nicht so formelhaft funktioniert, wie viele behaupten, ist bei einem Sequel das Mehr gleichzeitig Voraussetzung und Risiko. Die Werbung verschlingt Millionen, denn sie kann zwar auf den Vorgängern aufbauen, muss aber auch einen größeren Hype erzeugen, dem der Film gerecht werden muss - gleich am Eröffnungswochenende.
"Spider-Man 3" wird weltweit als erstes Super-Sequel anlaufen. "Die Summe der Aktivitäten wird größer werden, das Marketing konzernübergreifend", sagt Martin Bachmann, Geschäftsführer der deutschen Sony, und er meint damit: Dieses Mal wird nun wirklich der gesamte Konzern alles daransetzen, diesen Film tief in unsere Köpfe zu pressen, koste es, was es wolle.
Auch die Stars lassen die Budgets ex- plodieren. Früher ruinierten Fortsetzungen Karrieren, ein Schauspieler war nach Teil 2 verheizt. Heute kann es für einen Star gar nichts Angenehmeres geben als die Hauptrolle in einem Super-Sequel. Johnny Depps zunehmend exaltiertere Interpretation von Käpten Jack Sparrow trug ihm mittlerweile den Nimbus eines Marlon Brando ein. Das Gehalt von Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe ist von Film zu Film immer weiter angeschwollen; für Teil 5, der in Deutschland am 12. Juli anläuft, hat er angeblich 14 Millionen Dollar bekommen. Glück haben die Produzenten der "Shrek"-Saga: Ihr Held verlangt keine Gewinnbeteiligung.
Manchmal wird das Mehr auch zur Katastrophe. Als Super-GAU unter den Sequels gilt bis heute "Batman & Robin" aus dem Jahr 1997, und das nicht nur, weil man Val Kilmer durch George Clooney ersetzte. Es gibt in diesem Teil zu viele Helden, jeder hat seine Geschichte, eine ist fader als die nächste. Es gibt auch zu viele Schurken, den blassen Handlanger Bane, eine uncharismatische Uma Thurman als Poison Ivy und Arnold Schwarzenegger als Mr. Freeze, der mit Eisstrahlen um sich schießt und mit seinem schleppenden Steiermark-Dialekt so einschüchternd wirkt wie ein Schneekaninchen. Die Dialoge bestanden aus so vielen Kalauern, dass damals ein verwirrter amerikanischer Filmkritiker schrieb: "Es ist von allem zu viel - das Film-Äquivalent von Nero, der auf der Violine spielt!"
Das Schlimmste an Batman & Robins Mehr aber war, dass er mehr kostete als seine Vorgänger, jedoch weniger einspielte.
Der letzte Bond ist das Gegenbeispiel. Wie mittlerweile wohl jeder gesehen hat, ist er blond und prollig, im kommenden Teil soll er womöglich eine homoerotische Beziehung mit dem Kollegen Felix Leiter eingehen. Das macht ihn menschlich. Und ein Merkmal gelungener Sequels ist die charakterliche Entwicklung ihrer Helden.
Wie nun können sich die drei Superhelden des kommenden Frühjahrs noch
steigern? Ein bewährter Teil-3-Trick ist es, die Sympathien, die die Helden in Teil 1 und 2 gewonnen haben, in die entgegengesetzte Richtung zu lenken, und genau das wird im 3. Teil von "Spider-Man" passieren; Hauptdarsteller Tobey Maguire wird den Darth Vader in sich rauslassen.
Johnny Depp/Jack Sparrow steckte beim Abspann des letzten Teils im Schlund eines riesigen Seeungeheuers, insofern wird man ihn in Teil 3 wohl die erste halbe Stunde da rauskriegen müssen. Als Johnny Depp seine Rolle entwickelte, das tuntige Gebaren und unkoordinierte Zucken, hatte er Keith Richards im Kopf; nun spielt der echte Richards seinen Vater.
Die Gestik und Mimik von "Shrek" wird dank neuer Technologien in Teil 3 realistischer wirken, soweit man das über einen neongrünen Oger überhaupt sagen kann. Sein neuer Gefährte Artie wird von Justin Timberlake gesprochen, der selbst eine Art 3. Super-Sequel ist; vom Boygroup-Sänger zum Solokünstler zum Weltstar.
Auf alle Fälle reißt die Handlung nicht mehr ab, im Wochentakt laufen Sequels an, und jedes Genre ist dabei.
Die Trottelkomödie "Mr. Bean macht Ferien" startet im März, die Gaunerkomödie "Ocean's Thirteen" im Juni. Die Deutschen steuern derweil "Die wilden Kerle 4", "Neues vom Wixxer" und "Die wilden Hühner und die Liebe" bei. Im Sommer gibt es Science-Fiction mit "Fantastic Four, Teil 2" und Action mit "Rush Hour 3". "Das Bourne-Ultimatum" wird schnell noch in Berlin fertiggedreht, bevor es das Highlight des Spätsommers werden soll. Drum herum gruppieren sich die Horrorfilme "Saw III", "Hostel 2" und "The Hills Have Eyes 2". Nicht alle werden durchkommen. Aber viele werden wiederum fortgesetzt werden.
Wie es eigentlich ausging, damals im Hafen von New York? Tragisch. Charles Dickens hat seine Little Nell tatsächlich in der letzten Folge sterben lassen, und die Leute am Pier, ja die Leser auf der ganzen Welt waren am Boden zerstört, weinten, schrieben säckeweise Protestbriefe an Charles Dickens und starben ein kleines bisschen mit.
Aber so tief Little Nells Schicksal die Menschen damals auch bewegt hat - heute gehört sie längst zu den verblassten Mythen.
Das moderne Publikum setzt die Hoffnung auf einen spukenden Piraten, ein grünes Fabelwesen und einen heroischen Spinnenmann, und das ist nur verständlich: Sie waren von Anfang an Mythen, und die kann niemand sterben lassen, nicht einmal ihr Schöpfer. REBECCA CASATI
Von Rebecca Casati

DER SPIEGEL 6/2007
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