12.02.2007

KINOEndstation Hollywood

Der Film „Das Leben der Anderen“, der voriges Jahr nicht im Berlinale-Wettbewerb lief, ist nun für die Oscars nominiert. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck tourt in den USA.
Ein schneidender Wind weht über den East River, auf der anderen Seite des Flusses glitzert die Skyline von Manhattan in der untergehenden Sonne wie ein Eispalast. Es ist einer der kältesten Tage des New Yorker Winters. Doch Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gibt ein Fernsehinterview unter freiem Himmel, eingehüllt in die eigene Atemfahne. Gleich ist dieser 2,06 Meter große Turm von Mann vereist. Doch er lacht. Es wirkt. Er macht einen blendenden Eindruck.
Donnersmarck will den Oscar für sein Stasi-Melodram "Das Leben der Anderen". Kategorie: Bester fremdsprachiger Film. Am 25. Februar werden die Preise in Los Angeles vergeben. Bis dahin läuft der Film in vielen amerikanischen Großstädten an, und bis dahin muss er die Academy-Mitglieder beeindrucken, die über seinen Oscar entscheiden. Betriebstemperatur: Hoffnung bis zum Siedepunkt.
Er reist seinem Film voraus, von New York über Washington, Chicago, Dallas bis nach L. A. "Wenn man unbekannt ist", sagt Donnersmarck, "muss man den Film zu den Menschen bringen."
Sein Bekanntheitsgrad wächst. Noch nie gelang einem deutschen Regisseur mit seinem Spielfilmdebüt ein so großer Erfolg. "Das Leben der Anderen" fand in Deutschland 1,7 Millionen Zuschauer, wurde als bester europäischer Film prämiert und in etwa 30 Länder verkauft.
"Aber es war ein verdammt harter Weg", sagt Donnersmarck, der über fünf Jahre lang an dem Film gearbeitet hat. Er wärmt sich die steifen Finger vorsichtig an einer Tasse Tee und weiß, dass dieser Weg noch nicht ganz hinter ihm liegt. Die Golden-Globe-Verleihung, bei der er am 15. Januar gegen Clint Eastwood und dessen Film "Letters from Iwo Jima" verlor, war nur eine Etappe. Der kleine goldene Kerl - darauf läuft jetzt alles zu.
Über 20 Interviews gibt Donnersmarck an einem einzigen Tag in New York. Auf der Fahrt zum National Board of Review reicht ihm seine Betreuerin schnell ein Handy für ein Telefongespräch mit dem Museum of Modern Art. Wie sein Film soll auch das Gespräch mit ihm dort archiviert werden. Die Stasi-Diktatur, ein Frost-Thema, ein Exoten-Thema. In aller Eile ein paar Sätze für die Ewigkeit.
Am Abend hat Sony Classics eine Vorführung des Films organisiert. Der Theatermacher Robert Wilson ist da und auch der Kinoregisseur Arthur Penn ("Bonnie und Clyde"). Penn hat schon die Koffer für Berlin gepackt, wo ihm die Filmfestspiele eine Hommage widmen. Er kennt die Stadt, Mitte der achtziger Jahre drehte er dort den Spionagethriller "Target".
Donnersmarcks Film, der 1984 spielt, ist für den 84-jährigen Penn ein Déjà-vu-Erlebnis: "Die Leere und Kälte, die Paranoia, die ich damals bei meinem Besuch in Ost-Berlin empfunden habe, fängt der Film genau ein. Er macht den Kommunismus, der für uns Amerikaner eine abstrakte Größe ist, zu einer eindringlichen Erfahrung."
Donnersmarck steht neben Penn, der fast einen halben Meter kleiner ist. Wie kann man zu jemandem aufschauen, der einen halben Meter kleiner ist? Was für ein Moment. Arthur Penn, ein Kollege! "Das ist die schönste Art, mit den Notablen einer Stadt zusammenzukommen", sagt Donnersmarck.
Sein Vater war Lufthansa-Manager in den USA, Künstler gingen bei den Donnersmarcks ein und aus. "Doch ich wollte es mir verdienen, diese Menschen treffen zu dürfen, ihnen eines Tages selbst als Künstler gegenübertreten zu können."
Donnersmarck, alter Adel, sieht sich in einer "Tradition von Leistungsträgern", Scheitern stand nie zur Debatte. Als Tom Tykwer mit seinem dritten Film "Lola rennt" den Durchbruch schaffte, staunte er ungläubig über den unerwarteten Erfolg. Donnersmarck dagegen genießt den Preisregen, die glänzenden Einspielergebnisse und die Elogen der Kritiker, doch es scheint ihn nicht wirklich zu überraschen oder gar zu überwältigen.
Geht für ihn nun ein Traum in Erfüllung? Nicht unbedingt, erwidert er. Er jage nicht Träumen nach, er setze sich Ziele. Und einige habe er nun erreicht. Manchmal ist dieses Selbstbewusstsein schwer zu ertragen. Aber so fühlt man sich wohl, wenn man 99 Prozent aller Menschen überragt und einen Namen trägt, der so lang ist, dass er im Vorspann eines Films die ganze Breite der Leinwand einnimmt.
Zum Fototermin in einer Bar in der Grand Central Station bringt er drei Smokings
mit. Er ist Smoking gewöhnt. "Für mich nichts Ungewöhnliches. Ich bin nicht der typische Nachwuchsregisseur." Das ist kühn für einen Debütanten. Auch für einen, der einen Hit gelandet hat. Allerdings gehört diese Art Kühnheit wohl zum Handwerk.
Auf der Rückfahrt zum Hotel sieht er seine E-Mails durch. Etwa alle fünf Minuten kommt eine neue. Der Film ist gerade in Frankreich angelaufen, nun sind die ersten Zahlen da. 100 000 Zuschauer könnten es am Wochenende werden. "Wenn es auf dieser Welt gerecht zugeht", schreibt Anthony Lane im "New Yorker", "dann wird dieser Film den Oscar gewinnen."
In Deutschland wurde "Das Leben der Anderen" von einigen Kritikern als "Konsensfilm" abgetan. Dieser Stachel sitzt bei Donnersmarck noch immer tief, das spürt man. "Der Vorwurf ist doch völlig absurd", entfährt es ihm. Er redet sich in Rage: "Im Gegenteil, unser Film ist noch gar nicht konsensfähig genug! Der Konsens, den ich anstrebe, ist ein Film, der allen gefällt, gegen den niemand etwas einwenden kann."
Er hält inne. Wirkt das jetzt vermessen? Oder opportunistisch? Er lacht, dann lässt er seinen Blick durch den Sackler Wing im Metropolitan Museum schweifen, in dem eine ägyptische Tempelanlage steht. "Das ist Luxus", schwärmt er. "Luxus fängt da an, wo das Notwendige aufhört."
In Deutschland werde bei Filmen an allen Ecken und Enden gespart und stets gefragt: Brauchen wir das wirklich? Das sei oft die falsche Frage, meint Donnersmarck. Wenn er will, muss er sie sich in Zukunft nicht mehr stellen, denn die großen Hollywood-Studios überhäufen ihn gerade mit lukrativen Angeboten. Ein ganzes Regal mit Drehbüchern hat er schon zu Hause. Er muss nur zugreifen. Aber will er wirklich die Geschichten der anderen verfilmen? Nicht doch lieber seine eigenen?
In den USA kommt "Das Leben der Anderen" auch deshalb so gut an, weil die Kritiker ihn in der Tradition ihres eigenen Kinos sehen, als Verwandten von Paranoiathrillern wie "Der Dialog" (1974) von Francis Ford Coppola oder "Die Unbestechlichen" (1976) von Alan J. Pakula.
Donnersmarcks Film, der die Bespitzelung eines Künstler-Ehepaars (Sebastian Koch, Martina Gedeck) durch einen Stasi-Offizier (Ulrich Mühe) schildert, scheint amerikanischen Zuschauern so fremd nicht. Bei einer Vorführung steht ein Zuschauer auf und sagt: "Der Überwachungsstaat, den Sie in Ihrem Film beschreiben, mag für Sie Vergangenheit sein, bei uns ist er Gegenwart."
Donnersmarck reagiert vernünftig, relativiert die Vergleiche zwischen DDR-Staat und Bush-Amerika und erzählt, wie seine aus Magdeburg stammende Mutter an der innerdeutschen Grenze erniedrigenden Leibesvisitationen unterzogen wurde. Bei der Kontrolle vor dem Flug nach Boston muss er dann aber selbst zweimal durch den Metalldetektor. Er hasst es, seine Schuhe auszuziehen. Nun muss er es. In ihrer herablassenden Art erinnern die Sicherheitsleute für Sekundenbruchteile an die Uniformträger in seinem Film.
Doch Donnersmarck bleibt gelassen. Er weiß sich zu präsentieren und zu verkaufen. Im Eilschritt geht er ins Fernsehstudio, nimmt Platz und erklärt dann in wenigen Sätzen, was die Stasi war. Um einen Regimegegner an seinem Verstand zweifeln zu lassen, hätte die Stasi heimlich mehrere Untertassen aus dessen Wohnung entwendet, erzählt er. Was das bedeutet, versteht auch jede amerikanische Hausfrau.
Immer wieder fragen die Journalisten, wie er seine Oscar-Chancen einschätzt, ob er glaube, sie durch seine Werbetour verbessern zu können. Nein, wiegelt er ab, die Academy-Mitglieder, allesamt verdiente Filmleute, würden sich nicht durch große Anzeigen beeindrucken lassen. Das wird die Academy gern hören - und seine Chancen gewiss nicht verschlechtern.
Natürlich hat Sony Classics den Starttermin des Films gezielt zwei Wochen vor die Verleihung gelegt, natürlich beeinflussen Besprechungen und Publikumszuspruch das Meinungsbild der Academy. Donnersmarck ist auf Wahlkampftournee, ob er will oder nicht. Denn der Gewinn eines Oscars lässt sich an der Kinokasse in viele Millionen Dollar ummünzen.
Doch "Das Leben der Anderen" ist Außenseiter im Oscar-Rennen. "Pan's Labyrinth" (deutscher Start: 22. Februar), ein packender Grenzgang zwischen Märchen- und Horrorfilm, gedreht von dem Mexikaner Guillermo Del Toro, ist insgesamt sechsmal nominiert und gilt als Favorit.
"Aber was soll's", sagt Donnersmarck. "Wenn ich schon mal hier bin, will ich den Oscar auch mit nach Hause nehmen." Und er schaut aus dem Autofenster, auf das Lincoln Memorial in Washington, wo Forrest Gump, der Marathonmann der US-Geschichte, seinen Außenseiterlauf krönte.
Donnersmarck springt aus dem Wagen, geht ins Washingtoner Goethe-Institut, tritt vor das Publikum. Ein älterer Mann fragt ihn, ob er sich vorstellen könne, einen Film über die frühen Jahre der DDR zu drehen, als der sozialistische Staat noch als utopische Verheißung erschien. Donnersmarck denkt lange nach, knetet das Mikrofon und antwortet schließlich: "Ich glaube, dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen."
Dann geht es in der Limousine zum Hotel. Es ist kurz vor Mitternacht. Am nächsten Morgen um 8 Uhr 45 beginnt das erste Interview, eines von abermals über 20. Donnersmarck schaut sich den Terminplan an und sagt: "Was ich jetzt erlebe, ist wirklich großartig. Aber ich bin auch ganz schön froh, wenn der Trubel vorbei ist." LARS-OLAV BEIER
* Sebastian Koch, Carice von Houten, Tom Bernard, Florian Henckel von Donnersmarck, Christiane Asschenfeldt, Michael Barker.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 7/2007
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