17.02.2007

NACHRUFJohn Seymour Chaloner

Als sich die beiden Männer 1946 im zerbombten Hannover kennenlernen, ist der hochdekorierte Offizier der britischen Rheinarmee gerade 21 Jahre alt und der deutsche Ex-Leutnant 22. Als Erstes fällt dem Panzermajor John Seymour Chaloner auf, dass jener Rudolf Augstein, der da vor ihm sitzt "in seinem grauen Wehrmachtsmantel, mit Stahlbrille, blass, klein", am selben Tag Geburtstag hat wie er.
Etwas anderes beeindruckt den Presseoffizier noch mehr. Der Hannoveraner, der sich um einen Journalistenjob bewirbt, ist "nicht im geringsten unterwürfig wie die meisten Deutschen", die immer nur sagen: "Jawoll, Herr Major, sehr richtig, Herr Major!"
Das gefällt Chaloner. Der blonde Draufgängertyp, der den requirierten Roadster des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop fährt und unbelastete Journalisten zum Aufbau freier Medien sucht, träumt von einer Pressekarriere in der Fleet Street. Nicht zuletzt zum eigenen Ruhm möchte der Spross einer Londoner Verleger- und Journalistenfamilie, Absolvent der Elite-Militärakademie Sandhurst, in der Besatzungszone der Briten ein Blatt gründen, das als Modell taugt für andere.
"Knapper, frischer, schneller, lebhafter, spannender und nicht so langweilig" - so sollte es den Deutschen demonstrieren, was Pressefreiheit ist, und sie zu Demokraten umerziehen. Chaloner, assistiert von zwei jüdischen Emigranten, den Stabsfeldwebeln Harry Bohrer und Henry Ormond, gestattet dem jungen Augstein im Herbst 1946, das Nachrichtenmagazin "Diese Woche" zu starten.
"Drei britische Soldaten", so Augstein nicht ohne Selbstironie, "wollten die besiegten Deutschen für die menschliche Kultur zurückgewinnen. Das Instrument, das sie sich für diesen Zweck ausgedacht hatten, waren wir."
Der Redaktion, die auf Gartenstühlen im hannoverschen Anzeiger-Hochhaus arbeitet, dienen angloamerikanische Magazine als Vorlage. Chaloner, der schon als 15-Jähriger für "The Boy's Own Paper" geschrieben hat, lässt Artikel aus der britischen "News Review" und dem US-Magazin "Time" übersetzen und legt sie dem Redaktionsteam mit der lockeren Empfehlung auf den Tisch: "So etwa."
Augstein, wie viele seiner Generation jeder Gängelung überdrüssig, schätzt die Liberalität des Engländers. Und er freut sich, in der britischen Zone zu leben - schon "weil die britische keine russische Zone" ist.
Dass Augstein trotz der Hitlerjahre "stolz ist, ein Deutscher zu sein", irritiert Chaloner kaum. Der Pressechef nimmt es sogar hin, dass "Diese Woche" die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen in französischen Bergwerken, die Deportierung deutscher Fachleute in die Sowjetunion und die Hungerrationen an der Ruhr kritisiert - zeigt das alles doch, dass die Blattmacher begriffen haben, was Meinungsfreiheit ist.
Doch Chaloner wird über das Foreign Office zurückgepfiffen, nachdem sich Franzosen und Sowjets im Alliierten Kontrollrat über "Diese Woche" beschwert haben. Nun sollen die Briten per Vorzensur dafür sorgen, "dass die Zeitschrift auf die vorsichtigste Weise berichtet, selbst wenn das auf Kosten der Brillanz und Pikanterie geht".
Als dennoch Unbotmäßiges gedruckt wird, ordnet das Foreign Office an, das Blatt sei binnen 24 Stunden einzustellen - was Chaloners Protest hervorruft: "Wir werden unser Gesicht verlieren." London zieht den Befehl zurück und ordnet an, die Zeitschrift "in deutsche Hände" zu übergeben, ebenfalls binnen 24 Stunden. Das Blatt geht für jeweils 10 000 Reichsmark an Augstein, den "geborenen Chefredakteur" (Chaloner), sowie zwei weitere Lizenznehmer.
Auf Betreiben Augsteins, der sich für den Namen DER SPIEGEL entscheidet, streicht der zuständige Colonel bei der Lizenzübergabe eine Zensurklausel aus dem Papier. Chaloner ist zufrieden. Ein unzensierter SPIEGEL, frohlockt er, könne als "erster Repräsentant eines unabhängigen Deutschland gesehen werden", der in der Lage sei, den "German point of view" auch gegenüber den Besatzungsmächten zu vertreten.
Nach seiner Ablösung als Pressechef in Hannover wird Chaloner PR-Berater von Feldmarschall Bernard Montgomery im britischen Hauptquartier in Bad Oeynhausen. Später baut er in England einen Presseimport auf, schreibt Kinderbücher, verfasst Romane und züchtet Rinder.
Die große Medienkarriere bleibt ihm versagt - was ihn zeitlebens veranlasst, mit Wehmut den Aufstieg seines einstigen Protegés Augstein zum "Journalisten des Jahrhunderts" zu verfolgen. Er selbst sehe sich, eröffnet er Besuchern, "am anderen Ende der Leiter".
Als Augstein am 7. November 2002 stirbt, kurz nach Vollendung seines 79. Lebensjahrs, befällt den zwölf Monate jüngeren Chaloner Angst, dem Zufall des gemeinsamen Geburtstags könne, ein Jahr darauf, ein weiterer Zufall folgen. Doch er überlebt den SPIEGEL-Herausgeber um mehr als vier Jahre.
Der "Vater der Pressefreiheit" (Deutschlandradio) im Nordwesten der Bundesrepublik starb am 9. Februar im Alter von 82 Jahren friedlich im Schlaf. JOCHEN BÖLSCHE
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 8/2007
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