26.02.2007

„Musik muss gefährlich sein“

Herbert Grönemeyer, 50, über sein neues Album, die Kunst, Feuerzeug-Hymnen zu schreiben, und seine Rolle als größter deutscher Popstar
SPIEGEL: Herr Grönemeyer, warum gibt es ein neues Grönemeyer-Album?
Grönemeyer: Ich will raus, ich muss singen. Da ich keine Lust habe, immer die alten Lieder zu singen, muss ich mich um neue Lieder kümmern. Die neuen Lieder sind Live-Material. Ich bin von Natur aus Sänger, und ich habe mich ja selber immer als brillanten Sänger betrachtet.
SPIEGEL: Den Traum, als schweigender Popstar eine Legende zu werden, gab es nie?
Grönemeyer: Schweigen kann ich schwer. Ich rede ja ganz gern - und leider manchmal gern zu viel. Ich werde immer singen, das wird sich nicht verhindern lassen.
SPIEGEL: Herbert, der Überzeugungs-Sänger.
Grönemeyer: Meine Band nennt mich auch Kampfsänger - weil ich so unter Druck stehe. Früher waren die Monitore auf der Bühne so laut, dass ich schreien musste, um mich selber zu hören. Mittlerweile hat man ja die Knöpfe im Ohr, und ich kann inzwischen auch leiser singen.
SPIEGEL: Bald fünf Jahre sind seit dem letzten Album, dem Millionen-Seller "Mensch", vergangen. Hätten Sie sich mit dem neuen Album noch länger Zeit lassen können?
Grönemeyer: Ich kann mir die Zeit nehmen, die ich brauche - ein Luxus und eine gefährliche Freiheit: Ich muss mir also selbst einen Zeitpunkt setzen, da bin ich theatergeprägt. 2. März 2007: Dann ist Premiere. Sonst sitze ich nur zu Hause und gucke aus dem Fenster.
SPIEGEL: Was bedeutet der Albumtitel "12"?
Grönemeyer: Was soll nach "Mensch" noch kommen? Also, eine Zahl. Zwölf ist ja ganz wichtig. Es ist die zwölfte Studioplatte, ich habe am 12. Geburtstag. In der chinesischen Zahlenmythologie ist die Eins der Mann, Zwei ist die Frau, die Quersumme Drei sind das Kind und das Glück. Es ist außerdem die dritte Platte mit meinem Produzenten Alex Silva, die Zwölf hat ein ö in der Mitte, und es lässt sich mit der 12 auch grafisch hübsch spielen.
SPIEGEL: Nach frühen Erfolgen wie "Bochum" und "Ö" erleben Sie den Druck des schwierigen Folgealbums zum mindesten dritten Mal. Wie geht der Erfolgsprofi Grönemeyer mit den Erwartungen um?
Grönemeyer: Man steht unter Druck, ganz klar, etwas anderes zu behaupten wäre eine Lüge. Der Erfolg von "Mensch" war ja jenseits von Gut und Böse, der ist auch noch nicht verarbeitet - das ist bis heute nicht klar, was das eigentlich für ein Erfolg war. Das letzte Album lässt sich nicht wiederholen, aber man setzt sich natürlich unter Druck, wieder etwas Frisches, Kraftvolles, Überraschendes herzustellen. Mit jedem Album geht ein Stück Naivität, ein Stück gesunde Ignoranz verloren. Man singt nicht mehr so drauflos. Andererseits sage ich mir: Man muss nicht immer 12:0 gewinnen. Ein 1:0 reicht auch.
SPIEGEL: Sie wollen gewinnen.
Grönemeyer: Natürlich will ich gewinnen. Ich weiß im Rückblick immer ganz genau, wo ich blasiert, wo ich leichtfertig und wo ich konsequent war. "Bleibt alles anders", die erfolgloseste Platte, war mit Sicherheit meine elementarste, die präziseste Platte, und ohne diese Platte hätte es "Mensch" auch nie gegeben: Sie hat uns neue Fans gebracht, die beim Namen Grönemeyer vorher gewürgt haben.
SPIEGEL: Welche Frage stellen Sie sich vor jedem neuen Album?
Grönemeyer: Was willst du erzählen? Hast du überhaupt noch was zu erzählen? Herrje. Und dann kommen die Textdeuter, die hehren, und raunen: Ach ja, der Herbert und seine Texte ... Der Textberg wird von Album zu Album höher, da kannst du schon Gastritis kriegen. Musikalisch mache ich mir nicht so viele Gedanken. Da freue ich mich wie ein Schneekönig, wenn ich was Neues geschrieben habe.
SPIEGEL: Hier ein Versuch, über die Musik der neuen Platte zu reden: Es gibt auf "12" nicht ein einziges anstrengendes Stück. Die Musik klingt angenehm. Die Zeiten, in denen Grönemeyer mit lauter, scheußlicher Rockmusik quälte, sind vorbei.
Grönemeyer: Mit Verlaub - bei mir stellen sich natürlich sofort die Haare hoch, wenn ich das Wort "angenehm" höre. Das finde ich extrem unangenehm.
SPIEGEL: Warum?
Grönemeyer: Weil es glatt ist. Musik muss immer auch gefährlich sein. Es gibt auf "12" Widerborsten, aber die liegen in der Tiefe. Die Platte ist hochgepumpt, sie ist streicherlastig, wir wollten ein großes Orchester, und wir haben gesagt: wenn schon, denn schon - keine falsche Scham vor dem großen Schmelz. Dadurch wirkt sie vordergründig vielleicht gefälliger. Ich wollte diesmal eine Platte schreiben, die nicht springt, sondern aus einem Stück kommt und wie eine Filmmusik dahinfließt, mit Ouvertüre, Mittelteil und Finale.
SPIEGEL: Ihre Stimme klingt anders, Sie drücken, drängeln und quengeln weniger. Der singende Rühmann ist ganz weg.
Grönemeyer: Wenn Sie meinen?
SPIEGEL: Haben Sie auf "12" eine Art Erfolgsbremse, eine mehr oder weniger bewusste Verweigerung an den Massengeschmack eingebaut?
Grönemeyer: Es gibt immer das Stück, das ich gegen den Rat gutmeinender Freunde durchsetzen muss: "Flüsternde Zeit", eine vergleichsweise schnelle, druckvolle Nummer. Da haben alle gesagt: Das darf nicht drauf. Und nun ist es drauf, worüber ich glücklich bin.
SPIEGEL: Nach elf Studioalben und gut 20 Berufsjahren als Popstar: Woher nimmt man da die Frische und setzt sich an die Komposition einer Feuerzeug-Hymne?
Grönemeyer: Das ist ja das Wunderbare: Musik schreibe ich völlig ohne Plan, so wie ich mir die Zähne putze oder ein Brot schmiere. Ich gehe am Klavier vorbei, setze mich hin, habe eine kleine Idee, die klimpere ich vor mich hin, achtzig-, hundertmal, bis die Ohren glühen, freue mich, stehe auf und setze mich wieder hin: Da war doch gestern was. Dann singe ich meine "Bananentexte", lasse das Stück zu sich selber finden, und dann setzt sich mein Produzent Alex Silva mit daran, und wir fummeln das gemeinsam zu Ende. Das entsteht. Musik entsteht. Musik schreiben ist für mich der ultimative Lustvorgang.
SPIEGEL: Welcher Song auf "12" war eine Art Wunderkind?
Grönemeyer: "Leb in meiner Welt" war so ein Song, der bei mir sehr schnell Euphorie ausgelöst hat. Keine Ahnung, ob das ein Hit wird. Aber da weiß ich: Das hat eine gute Substanz, die entwickelt sich, und eine gute, bisschen verschrobene Bridge. Und dann knallt es.
SPIEGEL: Was sind Bananentexte?
Grönemeyer: Die Texte, die ich beim Komponieren am Klavier vor mich hin singe - ich singe irgendwas. "Ich versteh nur, was ich seh" hieß auf Englisch "I walk the way I talk". Der Refrain von "Stück vom Himmel" hieß "This is my life / This is my dream". Oft sind diese Leertexte gar nicht so ohne. John Smith, der die neue Platte gemischt hat, versteht immer gar nicht, warum ich mich da noch großartig mit deutscher Textkunst abmühe und die Songs nicht einfach so rausgebe. Kein schlechter Gedanke. Ich behaupte: Eine gute Musik transportiert jeden Text. Aber nicht umgekehrt.
SPIEGEL: Und doch sind die Texte Ihren Fans ja ungemein wichtig. Grönemeyer-Texte sind eine eigene Kunstdisziplin. Was unterscheidet einen geglückten von einem verunglückten Liedtext?
Grönemeyer: Ganz schwer zu erklären. Ich weiß, welche Emotionalität, welche Dichte ein Text haben muss, damit er die Musik nicht kaputtmacht. Mein Produzent Silva spricht kein Wort Deutsch. Aber er spürt, wo der Text nicht sitzt, dann sagt er: "Hier. Die Zeile geht nicht. Du lügst dich an der Musik vorbei, anstatt sie zu singen." Und das stimmt. Die Texte, die ich nicht schreibe, schreibt die Musik - das sind oft die besten. Man spürt beim Singen, beim Austesten der Musik, welche Zeile weich ist.
SPIEGEL: Die Texte auf "12" klingen stellenweise nach einer Menge Arbeit.
Grönemeyer: Wieso? Ich mag es ja nicht so gern, wenn meine Texte so verbissen ernsthaft analysiert werden. Das ist wie bei der berühmten Frage im Deutschunterricht: Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Tut mir leid, aber der Künstler hat mal nicht gedacht. Das Kunstwerk, um einen alten Schlaumeier zu zitieren - Adorno oder sonst wen -, ist nur dann wahr, wenn es klüger ist als der Künstler selber.
SPIEGEL: Die Textzeile "Die Erde ist unsere Pflicht / Sie ist freundlich, freundlich, wir eher nicht" von der Single "Stück vom Himmel" hat Unverständnis, auch Spott hervorgerufen: Tsunamis, Erdbeben, Überschwemmungen.
Grönemeyer: Es geht darum, dass wir uns nicht vergraben. Ein uralter Kult, hinter dem wir uns verstecken, ist die Religion. Anstatt zu begreifen: Auf diesem Planeten schieben wir die Karre gemeinsam.
SPIEGEL: Und noch ein Textbeispiel: Was bedeutet "Druck, Erröten, Wetter, Lust / Augen, Ferne, Tratsch / Nähe, Popcorn, Kitsch, der Kuss / Tiefschneekamerad"?
Grönemeyer: Ich habe einfach seitenweise aufgeschrieben, was am Leben eigentlich Spaß macht, und das auf vier Zeilen komprimiert. Der Tiefschneekamerad ist der Kamerad, der dir durch den Tiefschnee hilft. Ist das nicht hübsch? Es ist wirklich Lyrik für den Hausgebrauch.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, dass Ihre Texte immer abgefahrener werden, eine immer irrere Dichtung, hoch oben vom Hölderlin-Turm herunter?
Grönemeyer: Ach, keine Ahnung. Immer diese Skepsis, die Seziererei, die Analysen. Ich kann's nicht mehr hören. "Männer nehmen in den Arm ... Männer sind schon als Baby blau" - welchen Sinn hat das denn? Ich habe Sätze geschrieben, die sind einfach stulle. Aber im Zusammenhang mit der Musik funktionieren sie. Auf "Kopf hoch, tanzen" singe ich über das deutsche Ingenieurswesen: Es muss für alles eine Formel geben. Wenn man eingeladen ist und jemand hat gekocht, dann heißt es: Wie hast du das denn gemacht? Kannst du mir das Rezept mal aufschreiben? Kein Deutscher kann am Tisch sitzen bleiben, einfach essen und genießen. Nee, er muss mit einem kleinen Handbuch mit der Weltformel nach Hause gehen. Das nervt.
SPIEGEL: Welche ist Ihre Textschreibdroge? Gibt es da etwas, auf das Sie in der Krise zurückgreifen können?
Grönemeyer: Es gibt diesen Moment, an dem du loslegen möchtest und nicht loslegen kannst: Denn es ist ein Kampf, die Zeilen auf das Papier zu bringen. Bei "12" war es das eine oder andere Glas Rotwein.
SPIEGEL: Ist Deutsch immer noch eine Sprache, die man eigentlich nicht singen kann?
Grönemeyer: Im Gegenteil. Ich singe diese Sprache sehr, sehr gern. Die vielen Konsonanten haben etwas toll Perkussives, Deutsch ist die Rhythmussprache. Englisch schmiert man ja mehr.
SPIEGEL: Ihre Hassliebe für die deutsche Sprache, wo kommt die her?
Grönemeyer: Ich würde es als Liebe, nicht als Hassliebe beschreiben, ganz einfach. Man muss aufpassen, dass man aus dem Ganzen nicht so einen Mythos macht. Ich habe immer gern und viel gelesen, Karl May, "Der Fänger im Roggen", das normale Zeug. Ich komme aus einem mittelprächtig bildungswütigen Zuhause. Meine Mutter hat immer auf Sprache geachtet. Mein Vater konnte unheimlich viele Gedichte auswendig, er wollte immer Pfarrer werden - er stand also morgens gern mal in der Turnhose im Garten und rezitierte, Hesse und Heine. Ein fröhlicher Zeitgenosse.
SPIEGEL: Auf "Mensch" haben Sie private Schicksalsschläge, den frühen Tod Ihrer Frau und Ihres Bruders, verarbeitet. Haben Ihnen für "12" ähnliche dramatische Einschnitte als Motiv für Ihre Texte gefehlt?
Grönemeyer: Das kann ich nicht sagen. Jeder weiß, dass Schicksalsschläge andere Dimensionen aufmachen. Aber Vorsicht mit dem romantischen Klischee "Große persönliche Niederlagen ergeben große Kunst". Das haut oft nicht hin. Ich habe immer die Stimmung und die Lebensphase thematisiert, durch die ich gerade gegangen bin - aber wichtig ist doch, dass ich auf "Mensch" nicht mehr Persönliches herausgetan habe als auf anderen Platten. Das Thema auf "Mensch" heißt Trauer, das ist kein persönliches, sondern ein abstraktes Thema. Und es ist eine optimistische Platte geworden - deshalb konnten sich die Leute damit identifizieren.
SPIEGEL: Hat "12" in dem Sinn ein Thema?
Grönemeyer: Durch "Mensch" und mein Schicksal ist meine Privatheit ein öffentliches Gut geworden. Jeder nahm Anteil, jeder hatte zu Grönemeyer in liebevoller Weise plötzlich etwas zu sagen, was mir ja auch geholfen hat - ja, alles ganz wunderbar. Aber das wollte ich nie. Das habe ich auch nie betrieben. Die neue Platte ist der Versuch, wieder raus in die Luft, in den Wind zu treten und mich zur Debatte zu stellen. Man soll sich wieder reiben. "Mensch" war ja auch auf eine etwas unheimliche Art mit einem Tabu belegt. Das kritisierte man nicht. Die Stimmung auf "12" ist - im positiven Sinn - eine gleichmütige, eine gelassene Stimmung, sicherlich auch geprägt von England, wo ich seit mittlerweile fast neun Jahren lebe.
SPIEGEL: Die Frage lautet auch einfach: Was haben Sie in den letzten Jahren so getrieben?
Grönemeyer: Ich habe ein Album aufgenommen. Ich war Vater, habe meine Kinder, Marie und Felix, auf dem Weg von Jugendlichen zu jungen Erwachsenen begleitet. Ich habe auch einfach häufig nichts getan und Freunde zum Kaffee getroffen.
SPIEGEL: Was macht so schön gleichmütig in England?
Grönemeyer: Wenn du in England Musik machst, bist du einfach schon mal dufte. In Deutschland heißt es: Was machen Sie denn beruflich? In England bist du als Musiker, was du in Deutschland als Herzchirurg bist - oben angekommen. Für dein Ego ist das super. Die englische Kultur fußt im Grunde genommen ja auf drei Industrien: Whisky, Formel 1, Popmusik. Das sagt doch schon alles über ein Land aus.
SPIEGEL: Sprechen Sie eigentlich gut Englisch?
Grönemeyer: Fließend, aber erkennbar als Ausländer, also mit deutschem Akzent.
SPIEGEL: Gehören Sie zu der Generation, für die Deutschland im Grunde genommen immer ein peinlicher Horror war? Nie wieder Deutschland?
Grönemeyer: Absolut nicht. Ich bin mir der Geschichte, auch der problematischen Seiten unserer Geschichte immer bewusst. Aber als ich mit 13 in Frankreich Tennis gespielt habe, da habe ich mir ein Schweißband mit schwarz-rot-goldenen Streifen geholt. Ich setze mich mit diesem Land auseinander, weil ich es mag, nicht, weil ich es ablehne. Das ist wie in einer Beziehung: Du wirst am meisten von dem kritisiert, der dich liebt.
SPIEGEL: Heimweh nach Deutschland?
Grönemeyer: Natürlich!
SPIEGEL: Wann ziehen Sie denn nun endlich, wie oft angekündigt, nach Berlin?
Grönemeyer: Da richte ich mich ganz nach meinen Kindern. Marie wird in Berlin studieren. Felix sieht seine Zukunft in London, der möchte hier nicht weg.
SPIEGEL: Nach nun fast neun Jahren in England, wissen Sie da überhaupt noch etwas über den deutschen Alltag?
Grönemeyer: Ich lese deutsche Zeitungen und sehe deutsches Fernsehen in England. So bleibt mir die deutsche Seele vertraut. Ich telefoniere jeden Tag mit Deutschland. Ich habe da immerhin 42 Jahre gelebt.
SPIEGEL: Wann waren Sie das letzte Mal in einer deutschen Kneipe einen trinken?
Grönemeyer: Immer wenn ich in Berlin oder Bochum bin, also etwa alle vier Wochen.
SPIEGEL: Und die Leute lassen Sie dann in Ruhe Ihr Bier trinken?
Grönemeyer: Natürlich, die Leute quietschen ja nicht, wenn ich komme. Ich bin ja nicht Robbie Williams. Es ist eher umgekehrt: Man selbst ist verkrampft. Ich denke immer, es guckt einer. Es guckt aber oft gar keiner. Die Leute, die mich mögen, die Grönemeyer-Fans, sind ja eh total entspannt. Neulich im Ruhrgebiet war ich beim Brotkaufen, da sagt eine: "Herbert, kannste nichts sehen? Brauchste meine Brille?" Also, die Ansprache fällt angenehm direkt aus: Das ist unser Herbert. Benimm dich, Herbert. Und fertig.
SPIEGEL: Jetzt müssen Sie sich einem kleinen Wissenstest stellen: Wie heißt der deutsche Verteidigungsminister?
Grönemeyer: Da muss ich passen.
SPIEGEL: Aus Ihrer Sicht: Befindet sich Deutschland derzeit im Krieg?
Grönemeyer: Wir schicken "Tornados" nach Afghanistan. Hintenrum verscherbeln wir Waffen, wir sind weltweit einer der größten Waffenlieferanten. So gesehen: eindeutig. Deutschland ist Teil eines Krieges.
SPIEGEL: Große Koalition, große Langweile?
Grönemeyer: Die nehmen ihren Job nicht wahr. Wenn du die bestellt hättest, um dein Haus zu renovieren, du hättest die alle schon gefeuert. Es sitzen Fachleute am Tisch, die die Chancen hätten, sich, losgelöst von ihrer Parteizugehörigkeit, zu bewähren, als Schlosser, Klempner, Fliesenleger. Und es passiert nichts, keiner nimmt den Hammer in die Hand. Es macht noch nicht mal einer einen richtigen Fehler. Das, finde ich, ist richtig gemein.
SPIEGEL: Mit "Deine Stimme gegen Armut" leiten Sie den deutschen Ableger von Bonos "Make Poverty History". Beim G-8-Treffen im Juni in Heiligendamm wollen Sie die Politiker mit einem Live-Spektakel an ihr Versprechen erinnern, die extreme Armut bis 2015 weltweit zu halbieren. Haben Sie das eigentlich erfunden, dass man sich als Popstar politisch engagieren muss?
Grönemeyer: Das ist wieder der Versuch, aus mir einen Gutmensch-Typen zu machen - der bin ich aber nicht. Der war ich auch nie. Ich bin in Ordnung, manchmal. Aber ich bin nicht gut.
SPIEGEL: Was haben Sie auf Ihrem letzten Treffen mit Angela Merkel besprochen?
Grönemeyer: Die habe ich selbstverständlich nie getroffen. Ich rede ja nicht mit Politikern. Ich glaube, dass Rockmusik nerven, einen Freigeist-, einen Apo-Charakter haben muss. Ich finde, Politiker und Popmusik passen nicht zusammen. Popmusik kann trommeln. Wir können Druck ausüben und Dinge ins Bewusstsein bringen. Wir haben das Thema Afrika zurück auf die Tagesordnung geholt.
SPIEGEL: Haben Sie Verständnis für einen 16-Jährigen, der beim G-8-Treffen in Heiligendamm keine Lust hat, Grönemeyer beim Singen zuzuhören, und stattdessen lieber Steine wirft?
Grönemeyer: Ich möchte hier nicht zur Gewalt aufrufen. Aber jede gewaltlose Form des Protests finde ich in Ordnung. Ich verstehe schon, wenn die Leute ungeduldig werden. Das Live-8-Konzert im Juli 2005 in Berlin zum Beispiel fand ich völlig überflüssig. Das war ein Rückschritt. Wir waren schon weiter. Wir hatten eine politische Kampagne, die schon mit geringer Öffentlichkeit die Politiker wirklich genervt hat. Beim Live-8-Konzert hatten uns die Politiker wieder da, wo wir schön harmlos sind: auf der Bühne. Politische Arbeit muss nicht immer öffentlich sein. Und: Wer in der Politik etwas verändern will, kann auch runter von der Bühne und ran an den Schreibtisch.
SPIEGEL: Deutschlands größter Popstar ist 50. Ist das deutlich älter als 49?
Grönemeyer: Ach Quatsch. Das ist älter als 30. 50 ist zumindest eine klare Zahl.
SPIEGEL: Ist die silberne Kette der amerikanischen Biker-Schmuckdesigner von Chrome Hearts, die Sie an Ihrem rechten Handgelenk tragen, Ihre tägliche Erinnerung daran, dass Sie ein Popstar sind?
Grönemeyer: Ich habe immer gern Ringe und Ketten, das fette Zeug, getragen. Ich bin ja ganz gern Popstar.
SPIEGEL: Herr Grönemeyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Auf "Mensch"-Tournee, in einem stillgelegten Tagebau in Gräfenhainichen, Sachsen-Anhalt, 2003.
* Mit den Redakteuren Moritz von Uslar und Rebecca Casati im Londoner Hotel The Gore.
Von Moritz von Uslar und Rebecca Casati

DER SPIEGEL 9/2007
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