26.02.2007

Der Teufel holt die Jasager

Band 29 der SPIEGEL-Edition: Michail Bulgakows phantastische Satire „Der Meister und Margarita“
Als "Der Meister und Margarita" 1966/67 in der Sowjetunion veröffentlicht wurde, war die Sensation im In- und Ausland perfekt. Denn obwohl die Erstpublikation von der Zensur verstümmelt war, ließ die Lektüre des international sofort übersetzten Romans keinen Zweifel: Was da wie eine poetische Flaschenpost scheinbar aus dem Nichts auftauchte, enthielt Weltliteratur in der Tradition von Dostojewski und Gogol.
Der Autor Michail Bulgakow, im Erstberuf Arzt, war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Vierteljahrhundert tot. Zu Lebzeiten (1891 bis 1940) war er in radikalen Konflikt mit den Machthabern geraten, der mit einem faktischen Publikationsverbot endete. Von Angstattacken heimgesucht, arbeitete der Schriftsteller bis zu seinem frühen Tod infolge eines schweren Nierenleidens vor allem am phantastischen Vermächtnis "Der Meister und Margarita".
An einem schönen Frühlingstag erscheint mitten in Moskau ein höchst sonderbarer Herr mit einem schwarzen und einem grünen Auge und einem Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Er schaltet sich in das Gespräch ein, das ein sowjetischer Redakteur mit einem Poeten über dessen Auftragsarbeit führt - ein atheistisches Gedicht über Jesus. Der Fremde tritt als ausländischer "Konsultant" und Spezialist für Schwarze Magie auf und gibt sich zugleich als Zeitgenosse mal von Kant, mal von Pilatus aus. Er nennt sich Voland wie Goethes Mephisto in der Walpurgisnacht-Szene des "Faust". Diesem Werk entstammt auch Bulgakows Romanmotto, das hier die Befreiung signalisiert, die in der teuflischen Negation sowjetischer Jasagerei liegt: "Nun gut, wer bist du denn? - Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."
Der Leibhaftige mischt das kommunistische Moskau auf - zusammen mit zwei Gefolgsleuten, die sich wie er selbst allzeit in Luft auflösen können und deren einer gern die Form eines unförmigen schwarzen Katers annimmt, "riesengroß wie ein Eber".
Voland prophezeit dem linientreuen Sowjetredakteur die bevorstehende Enthauptung - kurz darauf wird dem bei einem Bahnunfall der Kopf vom Rumpf getrennt. Die Miliz macht mit Maschinengewehren Jagd auf den vermeintlichen Hypnotiseur und Spion Voland samt unheimlichem Gefolge. Mit solchen Mitteln ist der teuflischen Bagage aber nicht beizukommen.
Die hinreißende Komik der Ereignisse gipfelt in einer Varieté-Veranstaltung des "Schwarzen Magiers" Voland. Der lässt Rubelscheine regnen, doch der unverhoffte Reichtum verwandelt sich auf diabolische Weise alsbald in Papierschnitzel, Flaschenetiketten oder gar - ein Fall für die Miliz! - in streng verbotene Dollarscheine.
Der anarchisch-subversive Humor charakterisiert nur eine der Handlungsebenen des vielschichtigen Romans. Eine zweite ist die Jesus-Geschichte, die Bulgakow parallel zur Teufelsgeschichte neu und eigenwillig erzählt. Der fiktive Urheber des Jesus-Romans im Roman ist ein geheimnisvoller, offiziell verpönter, im Moskauer Irrenhaus internierter "Meister", dem nur die Geliebte Margarita zur Seite steht - die dritte, titelstiftende Ebene. In diesem Paar hat Michail Bulgakow sich selbst und seine dritte Ehefrau Jelena Sergejewna porträtiert, die ihm bis zuletzt die Treue hielt.
Für die Jesus-Geschichte, die im Jerusalem des Pontius Pilatus zur Zeit der Kreuzigung spielt, hat der Autor, Sohn eines Theologen, die einschlägige Forschung gründlich ausgewertet - eine umfangreiche Sekundärliteratur hat das nachgewiesen. Doch Bulgakow geht es nicht um den theologischen Kern des Evangeliums; eine Auferstehung findet in der Jesus-Version des "Meisters" darum gerade nicht statt.
Für den russischen Schriftsteller ist der historische Jesus vielmehr ein außergewöhnlicher Mensch: Als Urbild des unerschütterlichen Gewissens hat er eine ganz neue Idee von Humanität in die Welt gebracht. In der vom "Meister" verfremdeten Passionsgeschichte behandelt Bulgakow in verschlüsselter Form das, was in der Moskauer Teufelsgeschichte ausgespart bleibt: die Mechanismen von politischer Herrschaft, Terror und Geheimpolizei. Der Roman-Jesus hält dem Statthalter Pilatus entgegen, "dass von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe und dass eine Zeit kommen werde, in der kein Kaiser noch sonst jemand die Macht hat. Der Mensch wird eingehen in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo es keiner Macht mehr bedarf".
So ist Bulgakows Jesus als Modell des verfemten und unbeugsamen Schriftstellers verstanden worden. Und kein Geringerer als Gabriel García Márquez hat den phantastischen Teufels- und Jesus-Roman, in dem Satire und Mystik, Autobiografie und Geschichte einander auf so einzigartige Weise ergänzen, zur bedeutendsten Erscheinung in der Literatur des 20. Jahrhunderts erklärt. RAINER TRAUB
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 9/2007
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