05.03.2007

„Sie haben Post“

Global Village: In der vietnamesischen Metropole vermittelt ein öffentlicher Briefeschreiber zwischen Ideologien und Welten.
Das Hauptpostamt von Ho-Tschi- minh-Stadt liegt nicht weit vom Fluss Saigon, im stilleren Teil der Stadt, wo Hochhäuser noch nicht in den Himmel schießen oder Mopeds über die Straßen zischen wie Hornissenschwärme.
Es liegt gegenüber der Kathedrale Notre Dame, in einem Kolonialbau von 1886. Es sieht so aus wie die alten Markthallen von Paris, apricotfarbener Anstrich, zwischen verschnörkelten Säulen surren Ventilatoren, durch Dachfenster bricht Sonnenlicht. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen, das schönste Postamt von ganz Asien.
Duong Van Ngo, ein dürrer Mann, 77 Jahre alt, stellt sein Fahrrad in den Schatten der Platanen, deren Baumstämme weiß gestrichen sind, als trügen sie Gamaschen. Er grüßt die Postkartenverkäufer, schlurft durch den Torbogen mit der Bahnhofsuhr. Es ist ein schwüler Februarmorgen, acht Uhr, sein Dienst beginnt.
Herr Ngo setzt sich ans Ende eines langen Holztisches, unter ein Wandgemälde von Ho-Tschi-minh. Er zieht zwei Wörterbücher und ein französisches Postleitzahlenverzeichnis aus der Aktentasche, streift, damit man ihn gleich erkennt, eine rote Binde über den linken Arm. Stellt ein Schild auf: "Auskunft und Schreibhilfe".
Der Erste, der kommt, ist ein Mann aus dem Mekongdelta. Er hat einen Brief dabei an einen Geschäftsmann aus Europa. Ein Jahr schon kutschiert er ihn zu Geschäftsessen, Meetings, er ist sein Chauffeur. Er fragt schriftlich an, ob der Mann ihn krankenversichern könne und bittet um 200 Dollar Vorschuss. Herr Ngo übersetzt den Brief ins Englische. "Dear Sir", schreibt er mit Füllfederhalter, "dürfte ich Sie höflich bitten, sincerely yours". Oder besser "affectionately"? Nein, zu vertraut. Der Mann hält ihm einen Geldschein hin, Herr Ngo schiebt ihn unbesehen zwischen die Seiten seines Wörterbuchs.
Herr Ngo ist ein Mittler zwischen den Welten. Ein öffentlicher Briefeschreiber, wie es sie früher gab. Er wählt die Worte mit Sorgfalt, formuliert behutsam, feilt am Stil. Er weiß, wie wichtig Worte sind und welchen Schaden sie anrichten können. Es ist nicht so, dass Herr Ngo nur übersetzen würde, er überwindet Distanzen, berät, tröstet, formvollendet und diskret.
Seitdem er 17 Jahre alt ist, arbeitet Herr Ngo bei der Post. Er sagt, er habe keinen einzigen Tag gefehlt, nicht mal während der Kriege. Die Sprachen der ehemaligen Besatzer beherrscht er bis heute, Französisch hat er in der Schule gelernt, Englisch von amerikanischen GIs.
Die Zweite, die kommt, ist eine junge Frau, rot geschminkter Mund, lange Handschuhe und ein Hütchen gegen die Sonne. Sie hält Herrn Ngo ihr Nokia-Handy hin, öffnet Textmitteilungen, sie sind auf Französisch und klingen romantisch. Herr Ngo übersetzt simultan: "Wenn ich dich besuchen komme, zeigst du mir Vietnam und bringst mir deine Sprache bei, ich kann es kaum erwarten." Die Frau lächelt verschämt, sie hat den Franzosen bei einer Partneragentur im Internet kennengelernt, morgen wird sie wiederkommen und mit Herrn Ngo eine Antwort formulieren.
Die Damen in der Schalterhalle nennen ihn den Mann, der Liebesbriefe schreibt. Er habe schon viele Ehen gestiftet, sagen sie, er sei ein Poet. Na ja, sagt Herr Ngo, "vielleicht drei oder vier Ehen. Meist verläuft sich die Liebe zwischen den Kontinenten, Sie wissen schon, zwei Sprachen, zwei Kulturen, gar nicht so leicht".
Herr Ngo hat Tausende solcher Geschichten gehört, schöne und auch tragische. Er suchte nach Kindern von amerikanischen Soldaten-Vätern, nach Verwandten von Vietnamesen, die nach dem Krieg als Boatpeople geflüchtet waren. Er hat viel Leid erlebt. Details verrät er nicht. Seine Kunden bezahlen ihn fürs Schweigen.
Manchmal bekommt Herr Ngo selber Post. "Briefeschreiber, Hauptpostamt, Saigon" lautet die Anschrift, es sind Dankesbriefe aus aller Welt. E-Mails bekommt Herr Ngo nie, er hasst Computer, Handys auch. "Worte, die aus Maschinen kommen, haben keine Seele", sagt er, und dass Menschen, die sich dieser Maschinen bedienten, Höflichkeit verlernt hätten und guten Stil. In der Mittagspause geht Herr Ngo die Straße mit den Cafés entlang, wo Auslandsvietnamesen mit dicken Sonnenbrillen sitzen. Sie sind zum Neujahrsfest gekommen, sie bestellen Latte macchiato, und Sprinkleranlagen benetzen ihre Gesichter mit kühlem Wasserdampf. Herr Ngo bestellt Nudelsuppe in einer Garküche.
Am Nachmittag kommen japanische Touristen und knipsen ihn wie ein Fossil im Museum. Die Schalterdamen tackern Faxe, schwatzen, und mittendrin warten wieder Kunden bei Herrn Ngo am Tisch, halten ihm Adressbücher hin und Pakete für die Verwandtschaft in Übersee. "Vitogo", sagt eine Marktfrau mit Reisstrohhut, sie kann weder lesen noch schreiben, da müsse das Paket hin, eine Straße in Paris. Herr Ngo schlägt nach. "Die Straße heißt Victor Hugo", sagt er und verdreht kurz die Augen, "wie der berühmte Dichter." Er schreibt die Adresse auf den Lieferschein.
Hätte Ho-Tschi-minh da oben auf dem Gemälde gefallen, was er macht, "connecting people" mit dem Füllfederhalter? Herr Ngo lächelt. Politik, sagt er, falle nicht in sein Revier. Früher habe man ihn beobachtet, weil man befürchtete, er könne Geheimnisse an Staatsfeinde verraten. Heute, den Reformen sei Dank, sei das vorbei. Heute, sagt Ngo, sei Vietnam global und die Welt unübersichtlich, heute arbeite er viel mehr als früher.
Mittlerweile ist Herr Ngo der letzte Briefeschreiber im ehemaligen Saigon. Der vorletzte, sein Kollege Herr Lieng, starb vor zehn Monaten, die Stelle wurde nicht wieder besetzt. Herr Ngo findet, die Welt brauche mehr Menschen wie sie. Er sagt: "Sie mag sich uns nur nicht mehr leisten." FIONA EHLERS
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 10/2007
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