05.03.2007

AIDSIdiotensichere Methode

Der Präsident von Gambia erregt Aufsehen: Er habe sensationelle Erfindungen gemacht und könne jetzt sogar Aids heilen. Kaum jemand seiner Landsleute traut sich, ihm zu widersprechen.
Flüche lasten zuhauf auf Afrika: Hunger, Armut, Krieg, Korruption, Seuchen und Dürren. Und an der Spitze afrikanischer Staaten toben sich nicht selten clowneske Tyrannen aus - immer irrlichternd zwischen Irrsinn und Größenwahn, immer vollkommen inkompetent.
Unvergessen ist Jean Bédel Bokassa von der Zentralafrikanischen Republik. Der hielt sich für den 13. Apostel Christi, krönte sich selbst zum Kaiser und steht im Ruf, bisweilen Menschenfleisch gespeist zu haben. Im Kongo baute der Kleptokrat Mobutu Sese Seko mitten im Regenwald eine Landebahn für seine gecharterten Concordes.
Im westafrikanischen Gambia gibt sich ein Mann jetzt Mühe, mit diesen anerkannt Verrückten gleichzuziehen.
Yahya Jammeh ist 41 Jahre alt und Präsident seines bitterarmen Landes, seit er sich 1994 an die Macht putschte und diese Macht auch bei drei angeblichen Wahlen nicht mehr abgab. Seinem Volk - 1,6 Millionen Menschen - hat Jammeh wie Napoleon einen mächtigen Triumphbogen geschenkt und immerhin auch die erste und einzige Universität des Zwergstaates (in dem allerdings nicht einmal jeder zweite Erwachsene lesen und schreiben kann).
Vor wenigen Wochen rief Jammeh auf einmal seine Getreuen zu sich, dazu ein paar Botschafter, Würdenträger und das
Fernsehen. In verschwurbelter Sprache tat der Staatspräsident kund, dass er höchstselbst große Erfindungen gemacht habe und nunmehr in der Lage sei, Aids zu heilen (und Asthma ebenfalls). Vor seinen bass erstaunten Zuhörern wies seine Merkwürden darauf hin, dass für beide Therapien einstweilen gewisse Einschränkungen gelten: Aids könne er nur donnerstags kurieren, Asthma nur freitags oder samstags.
Rund 20 000 Gambier sind infiziert mit dem Aids-Erreger HIV, etwa 1,2 Prozent der Bevölkerung. 9 von ihnen will Jammeh im Januar erfolgreich behandelt haben, 27 im Februar. Außerdem habe er bereits mehr als 500 Asthmatiker von ihrem Leiden befreit; und bald werde er auch gegen andere Krankheiten zu Felde ziehen, denn er habe "ein Mandat" - offenbar von niemand Geringerem als Gott.
Zum Entsetzen von internationalen Hilfsorganisationen hoffen jetzt Tausende leidende Gambier auf die Präsidententherapie. Er heile jeden, sagt Jammeh, ob alt oder jung; er verlange kein Geld, wichtig sei nur: Wer antivirale Medikamente gegen Aids einnehme, der müsse sie sofort absetzen. Zwei hochrangige HIV/Aids-Aufklärer in der Hauptstadt Banjul haben aus Protest umgehend ihren Rücktritt eingereicht.
Weiß gewandet von Kopf bis Fuß, stellt sich das Staatsoberhaupt vor die Kranken, murmelt Gebete und schwenkt den Koran. Dann reibt Jammeh ihnen eine grüne Pampe auf die Haut, besprenkelt sie mit einer grauen Tunke aus einer alten Evian-Flasche und gibt ihnen gelbes Zeugs zu trinken. Oral verabreichte Bananen runden das Ganze ab. Die Prozedur wiederholt der Staatsmann über Wochen hinweg und dann, sagt er, seien alle Siechen gesund.
Die Methode baue auf sieben Heilkräuter und Koransprüche; und sie sei, wie Jammeh versichert, "idiotensicher". Die meisten Behandlungen führt er öffentlich aus vor den Fernsehkameras, doch ist er willens, hochgestellten Persönlichkeiten aus Religion und Gesellschaft Privataudienzen einzuräumen.
Nachfragen indes sind nicht willkommen. Die Korrespondentin der britischen "Sky News" regte an, Jammeh solle seine Therapie von unabhängigen Experten prüfen lassen. Der Präsident blaffte sie an: "Ich muss niemanden überzeugen. Ich kann Aids heilen und werde nichts erklären." Als sie fragte, ob sie eine Probe des Kräutergemischs analysieren dürfe, entrüstete er sich: "Nicht in einer Million Jahren."
Das ist der Jammer mit den Despoten: Niemand wagt den Widerspruch, alle stricken mit am Wahn, die Stunde gehört den Claqueuren. Die gambische Tageszeitung "The Daily Observer" kommentierte ohne einen Hauch von Ironie: "Diese Erfindung ist die bedeutendste in der Geschichte der modernen Welt." Bald schon würden Millionen Menschen kommen, um in dem winzigen Land (halb so groß wie Hes-sen) Heilung zu finden. Gambia stehe vor einem Wirtschaftsboom, der jene Länder in den
Schatten stelle, deren Reichtum auf Diamanten, Gold oder Öl beruhe.
Der Gesundheitsminister des Landes ist promovierter Gynäkologe, ausgebildet in der Ukraine und in Irland. Tamsir Mbowe, 43, ist immer dabei, wenn sich der Staatschef als Heiler versucht - und obwohl er es wohl besser weiß, lobt auch er öffentlich die, wie er sagt, "Intervention des Präsidenten im Gesundheitssektor". Dass der Präsident jeden Patienten heilen könne, sei jetzt sogar "medizinisch bewiesen".
Von wegen: Zum Beleg von Jammehs Wundertaten hat das Gesundheitsministerium Blutproben gesammelt und ins Labor in den Senegal geschickt, der das wurmförmige Land umschließt. Die Ergebnisse seien ein klarer Beweis für die Heilkraft des Präsidenten, poltert das Ministerium. Doch dem widerspricht energisch der senegalesische Wissenschaftler, der die Tests ausgeführt hat: Weil die Gambier das Patientenblut vor der Präsidentenintervention nicht haben untersuchen lassen, könne aus dem Befund rein gar nichts geschlossen werden.
Eine Repräsentantin der Vereinten Nationen in Gambia wagte es, in sachlichem Ton Kritik zu üben. Für Heilungserfolge gebe es keinen Beweis, sagte sie. Außerdem ermahnte sie die angeblich Geheilten, nicht zu glauben, dass sie keine HI-Viren mehr verbreiteten.
Diese Sätze parierte Präsident Jammeh umgehend mit der ganzen Gewalt seines Amtes: Er erklärte die Uno-Frau zur Persona non grata und gab ihr 48 Stunden, sein Land zu verlassen. Am vorvergangenen Sonntag ist sie ausgereist. Ihr Kommentar, so beschied der "Daily Observer", war "verantwortungslos".
Kein Kontinent wird schlimmer verheert durch Aids als Afrika. Rund 25 Millionen Menschen sind infiziert, 12 Millionen Kinder sind Aids-Waisen, und obwohl der Seuchenzug schon Jahrzehnte währt, sind viele afrikanische Gesellschaften der Bedrohung nicht gewachsen. Vielerorts, nicht nur in Gambia, finden traditionelle Heiler mehr Gehör als studierte Mediziner. Millionen aidskranker Männer glauben, Sex mit einer Jungfrau werde sie heilen. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki stellte in Frage, ob das HI-Virus die Ursache von Aids sei. Sein ehemaliger Vizepräsident schlief 2005 ungeschützt mit einer infizierten Frau. Gefahr habe nicht bestanden, sagte er später vor Gericht, schließlich habe er sofort nach dem Sex geduscht.
Einige Abgeordnete im gambischen Parlament haben jetzt leise die Vermutung geäußert, dass der Präsident irre sein könnte. Der tut das Seine, diesen Eindruck zu verfestigen, denn nun hat der Aids-Bezwinger auch noch hellseherische Kräfte in sich entdeckt. Er sei fähig, den Todeszeitpunkt eines Menschen exakt vorauszusagen.
Ein einziger Blick in die Augen genüge.
MARCO EVERS
* Links: Vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York im September 2005; rechts: im Präsidentenpalast bei der angeblichen Aids-Therapie eines HIV-Positiven am 15. Februar.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 10/2007
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