12.03.2007

Angeln, wo die Fische sind

Die traditionellen Fernsehsender setzen auf audiovisuelle Angebote im Internet.
Die schräge Comedy "The Mighty Boosh" läuft schon seit 2004 auf dem Digitalkanal BBC 3, die Quoten sind bescheiden. Doch immerhin gilt die Comedy wegen Highlights wie dem "Suppensong" (Soup Song) gerade bei Jüngeren als Kult. Und das ist für die Anstalt, die noch immer gern als "alte Tante BBC" verspottet wird, ja auch schon was - denn in Sachen Durchschnittsalter unterscheidet sie sich kaum von den deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF.
Spätestens seit vorvergangenem Freitag sehen die BBC-Oberen ihr Format mit ganz anderen Augen. Da verkündete die BBC eine Kooperation mit der Google-Videoplattform "YouTube" - und schaltete offiziell gleich die ersten Kanäle frei. Und siehe da: "Bei YouTube ist ,Mighty Boosh' derzeit einer unserer Hits", sagt Simon Danker, Direktor für Digitale Medien von BBC Worldwide.
Der Deal mit der derzeit beliebtesten Videoplattform im Netz ist nur der letzte Schritt einer Neuausrichtung des weltweit ältesten öffentlich-rechtlichen Senders, die der 2004 eingesetzte BBC-Chef Mark Thompson so radikal umsetzt wie sonst kaum einer seiner internationalen TV-Kollegen.
Thompson will das Traditionshaus an der Themse auf das Web-2.0-Zeitalter trimmen: Mit bis zu 500 Millionen Euro, einer ganzen Riege von neuen jungen Digital-Führungskräften wie Danker und vor allem mit dem BBC iPlayer, der ganz ohne das gewohnte britische Understatement als "sexy" und "must have" angepriesen wird.
Aber ausgerechnet bei diesem Herzstück gibt es derzeit massiven Gegenwind. Der iPlayer soll so etwas werden wie ein virtuelles Programmarchiv. So sollen Nutzer Audio- und Videoangebote der BBC-Sender sieben Tage lang abrufen können ("Seven day catch up"). Für die klassischen BBC-Angebote soll das Angebot über einen bestimmten Zeitraum kostenlos sein.
Über die kommerzielle BBC-Tochter BBC Worldwide, die sich das Beste aus den Mutterprogrammen herauspickt und international vermarktet, soll es BBC-Evergreens wie die "Fawlty Towers" dann auch gegen Bezahlung geben. Derzeit unterliegt das Vorhaben einem sogenannten Public Value Test der BBC-Aufsicht, und der neueingesetzte BBC-Trust scheint die Pläne deutlich beschneiden zu wollen: So sollen die Inhalte nicht wie ursprünglich geplant 13 Wochen, sondern nur maximal 30 Tage gespeichert werden dürfen. Bis Anfang Mai soll das Verfahren abgeschlossen sein.
Die BBC-Verantwortlichen wollen sich von den Widerständen nicht aufhalten lassen. Für sie wie ihre deutschen Kollegen in den Chefetagen von ARD und ZDF geht es angesichts täglich neuentstehender Internet-Angebote um nicht weniger als einen Überlebenskampf - und um die Rechtfertigung für künftige Rundfunkgebühren. Schließlich wandern vor allem Junge ins Internet ab. Die beiden großen Privatsenderfamilien ProSiebenSat.1 und RTL versuchen, die Online-Zielgruppe mit "Maxdome" und "RTL Now" zu ködern, MTV mit "Overdrive".
"Wir müssen da angeln, wo die Fische sind", so BBC-Worldwide-Mann Danker, denn die besonders bei Jugendlichen so populären Web-2.0-Angebote wie MySpace und YouTube würden eher noch wichtiger werden. Die bis zu etwa viereinhalb Minuten langen BBC-Angebote auf YouTube haben denn auch nur Appetizer-Funktion: "Sie sollen an sich unterhaltend sein, aber vor allem sollen sie die Nutzer locken, sich auf unsere eigenen Angebote durchzuklicken."
So ähnlich wie die BBC wollen es auch die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland machen. Allerdings sind sie weniger euphorisch. Sie robben sich allmählich vor und hoffen, dass sie schon das Richtige tun. "Anders als mein BBC-Kollege Mark Thompson bin ich nicht der Meinung, dass zeitversetztes Fernsehen das heutige Echtzeitfernsehen verdrängen wird", sagt ZDF-Intendant Markus Schächter. Abruffernsehen werde in einigen Jahren fester Bestandteil der Fernsehnutzung, wie heute der Teletext.
Unter zdf.de gibt es bereits einen Link zur sogenannten Mediathek, die zusammenfasst, was der Sender an TV-Inhalten online bereithält. Als Bonbon gilt bei den Mainzern die Krimi-Serie "Kriminaldauerdienst": Die einzelnen Folgen gibt es zuerst im Internet zu sehen und erst dann im normalen ZDF-Programm.
Schon jetzt sind die Telenovela "Wege zum Glück", "Volle Kanne", "Kerner"
und "heute" nach der Ausstrahlung im Fernsehen auch online verfügbar. ZDF-Intendant Markus Schächter will bis zur IFA im Spätsommer die Hälfte des Tagesprogramms in die Mediathek einstellen, und er hat weitere Pläne. Im Fernsehrat stellte er seine Idee eines Schulportals vor. Angedacht ist ein Archiv an Wissenssendungen, das einem geschlossenen Nutzerkreis von Schulen zur Verfügung steht. Auch mit Google ist das ZDF im Gespräch.
Für die ARD ist das alles, wie immer, etwas komplizierter. Dort geht jede einzelne Anstalt den Weg ins Internet erst einmal allein für sich. Etwa in einem halben Jahr, sagt die ARD-Online-Koordinatorin Heidi Schmidt, sollen die Angebote gebündelt werden.
Bei der ARD kommen zu den Fernsehinhalten von neun Sendern und dem gemeinsamem Ersten noch die Inhalte von zig Radioprogrammen dazu. Da ist es schwer, Ordnung zu schaffen. Die Sendezeit als Ordnungsfaktor fällt im Internet schließlich weg. Vermutlich wird es beim ARD-Auftritt künftig Listen und Hitlisten geben, um den Zuschauer einigermaßen durch den Wirrwarr der Angebote zu leiten.
Zurzeit stehen auf der Podcast-Seite bei ard.de Radio- und TV-Sendungen nebeneinander wie Gerümpel im Keller: Hörfunk-Büchermagazine und die "Tagesschau", "Dittsche" und "Täglich Pop". Geordnet wird nicht nach Themen, sondern nach Sendern.
Die Deutschen lassen sich Zeit. Dabei hilft ihnen ein Effekt, den der Medienberater Klaus Goldhammer so beschreibt: "Man darf das Beharrungsvermögen der Konsumenten nicht unterschätzen. Die geben liebgewonnene Gewohnheiten nicht schnell auf. Fernsehen suchen sie erst einmal weiter auf dem Fernseher."
MARKUS BRAUCK, MARCEL ROSENBACH
Von Markus Brauck und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 11/2007
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