07.04.2007

LINKSPARTEIMit Marx und Murks

Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen könnte die Linke den ersehnten Durchbruch im Westen schaffen. Nur die zwei Spitzenkandidaten stören.
Über mangelnde Aufmerksamkeit braucht sich der Bremer Linkspolitiker Klaus-Rainer Rupp nicht zu beklagen. Regelmäßig erhält er das, was viele Lokalpolitiker niemals schaffen - Anrufe aus den Redaktionen der Republik oder Einladungen zu Talkshows. Mitunter überraschen ihn sogar Fernsehteams auf der Straße. Aber leider, klagt er, "wollen die alle mit mir nicht über die Wahl in Bremen reden". Stets halten sie ihm eine Geschichte vor, die gar nicht seine ist. Denn Klaus-Rainer Rupp, 51, ist nicht identisch mit jenem wesentlich bekannteren Rainer Rupp, der unter dem Decknamen "Topas" im Nato-Hauptquartier für die DDR-Auslandsaufklärung spionierte.
Schon bald, so hofft Ingenieur Rupp, wird alles anders sein. Dann werden die Medien auch an ihm nicht mehr vorbeikommen. Zusammen mit dem Krankenpfleger und Psychologen Peter Erlanson, 47, bildet er das Spitzenduo der Linken für die Bürgerschaftswahl in Bremen am 13. Mai. Gemeinsam mit den Parteioberen in Berlin träumen die beiden vom Einzug in das Stadtparlament - es wäre der "Durchbruch im Westen", den Fraktions-
chef Gregor Gysi nun schon seit Jahren beschwört.
Bisher scheiterten alle Versuche - zuletzt bei den Landtagswahlen 2006 in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Weil die klassischen Zielgruppen der Partei, vom Hartz-IV-Prekariat bis zur linken Studentenschaft, in Bremen ausreichend vorhanden sind, scheint ein Wahlerfolg diesmal jedoch möglich. 8,4 Prozent erreichte die Linke in der Hansestadt bei der Bundestagswahl, das mit Abstand beste Ergebnis in einer westdeutschen Großstadt, bei jüngeren Umfragen liegt sie im Stadtstaat bei 6 Prozent.
Eigentlich müsste die Aussicht die Genossen beflügeln, doch die Sache hat einen kleinen Haken. Den Großkopferten in Berlin passt das Bremer Spitzenduo überhaupt nicht. Es ist gegen den Willen von Gysi und Oskar Lafontaine in die Reihe eins gerückt. Zuvor hatten die beiden Fraktionschefs versucht, den wesentlich bekannteren Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel zu gewinnen. Als der unter Hinweis auf seine "Unabhängigkeit als Wissenschaftler" absagte, wollte Berlin den Bremer Bundestagsabgeordneten Axel Troost durchsetzen - doch die beleidigte Basis ließ das Schwergewicht gnadenlos durchfallen.
"Die Berliner wollten uns linken", wortwitzelt nun Spitzenmann Erlanson, den die Lokalpresse wegen seiner grauen Haare und des mächtigen Barts kurzerhand zum "Karl Marx von Bremen" ausrief. Der Krankenpfleger und Betriebsrat hat mit dem Philosophen allerdings nicht viel gemein. Er wirbt mit seinem Trupp unter einem bedingt originellen Slogan ("Nicht alles, was wichtig ist, passt auf einen Bierdeckel") für "Sex", "Grillwürste" und eine "sozial gerechte Steuererklärung".
Während Polit-Partner Rupp derweil knallrote Bastelbögen mit den Bremer Stadtmusikanten unter die Leute bringt, versuchen Lafontaine und Co., den beiden Lokalmatadoren etwas Professionalität einzuhauchen. Gönnerhaft gab Lafontaine am Rande der Klausursitzung der Bundestagsfraktion Erlanson ein bisschen Nachhilfe in Wahlkampfführung: "Bei Fragen nach Koalitionsaussagen vor der Wahl nie festlegen!", riet er.
Für koalitionsfähig hält die Linke in Bremen, wo bislang ein Bündnis aus SPD und CDU regiert, allerdings ohnehin niemand. Der WASG-Teil der roten Truppe ist offenbar von Sektierern unterwandert. Die Einflussnahme der trotzkistischen "Sozialistischen Alternative" hat bereits die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes geweckt. Das Wahlprogramm ist ein Wünsch-dirwas-Sammelsurium, einschließlich der Forderung nach "Entkriminalisierung großer Teile der Bagatellkriminalität", wozu "der Drogenbesitz, der Umgang mit weichen Drogen und das Schwarzfahren" zählen. Das Spitzenduo findet solchen Murks unwiderstehlich - und erklärt die ausgeklügelte Strategie für den Stimmenfang: "Ich spreche eher Manager und Eliten an", so Programmierer Rupp, einst bei SPD und DKP aktiv. Kollege Erlanson hingegen soll Prekariat und Proletariat erreichen.
Doch am Erfolg dieser Taktik zweifelt die Bundespartei, weshalb sie alles daransetzt, die Sicht der Wähler auf die ortsansässigen roten Stadtmusikanten zu verstellen. Reihenweise werden prominente Berliner Genossen in die Hansestadt pilgern. Lafontaine und Gysi sollen bei ihren Auftritten die Führungskräfte an der Weser in Manndeckung nehmen. Denn der Bremer Erlanson, so wird in der Bundestagsfraktion gelästert, ähnele mit dem Rauschebart in Wahrheit gar nicht Marx - sondern eher Robinson Crusoe. MARKUS DEGGERICH
* Mit Axel Troost und Lothar Bisky (stehend) während der Klausurtagung der Bundestagsfraktion am 10. Januar in Bremen.
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 15/2007
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