07.04.2007

AFFÄRENEnde einer Dienstfahrt

Ein rätselhafter Verkehrsunfall, ein mysteriöser Selbstmordversuch und eine Behörde, die sich nur zögerlich um Aufklärung bemühte: Jetzt wird gegen den Polizeichef von Wilhelmshaven wegen versuchter Tötung der Ehefrau ermittelt. Von Bruno Schrep
Der Einschlag erfolgt mit rund 80 Stundenkilometern. Der Streifenwagen der Polizei, unterwegs mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn, kommt auf kerzengerader Strecke von der Fahrbahn ab, rammt zwei Bäume und landet im Straßengraben. Der Fahrer, ein drahtiger Mann in grüner Uniform, klettert kaum verletzt aus dem schwerbeschädigten VW Passat.
Zunächst sieht es aus, als wäre bei dem Unfall auf der niedersächsischen Bundesstraße 210 zwischen Schortens und Jever nur Blechschaden zu beklagen. Inzwischen ist klar, dass der Crash zwei Tage vor Heiligabend das vorläufige Ende einer steilen Polizistenkarriere markiert - und den Beginn eines mysteriösen Kriminalfalls.
In dessen Mittelpunkt steht Franz A., 54, der Polizeichef von Wilhelmshaven und Wittmund. Er saß am Steuer des Unfallwagens. Und er muss sich eines unerhörten Verdachts erwehren: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen ihn unter anderem wegen versuchter Tötung der Ehefrau.
Nur scheibchenweise gaben Polizei und Staatsanwaltschaft Details der brisanten Personalie preis. Hintergründe wurden anfangs verschwiegen, Falschmeldungen nicht zurückgezogen - für SPD und Grüne im niedersächsischen Landtag Anlass zu schweren Vorwürfen. In der Kritik steht vor allem der Oldenburger Polizeipräsident Hans-Jürgen Thurau, 54, A.s direkter Vorgesetzter. Ihm werden von der Opposition eine desaströse Informationspolitik und Fehler bei den Ermittlungen angelastet. Wegen "Ungereimtheiten bei der Aufklärung eines bemerkenswerten Vorgangs" formulierte Heiner Bartling, stellvertretender SPD-Fraktionschef im Landtag, 18 Fragen an Innenminister Uwe Schünemann (CDU).
Franz A. ist inzwischen suspendiert worden. Sein Posten ist bereits neu ausgeschrieben. Ein Disziplinarverfahren läuft. Ob der Polizist jemals wieder eine Uniform tragen wird, scheint schon jetzt sehr fraglich.
Dabei war Franz A. erst Anfang Oktober 2006 zum Leitenden Polizeidirektor befördert worden - vorläufiger Höhepunkt eines Aufstiegs, der 1970 ganz unten begann.
Franz A., ehrgeizig, zielstrebig, arbeitet sich vom einfachen Schupo, der Parksünder aufschreibt, Stufe um Stufe hoch, packt den Sprung in den höheren Dienst. Der kernig wirkende Ostfriese, Mitglied der CDU, berät Innenminister Schünemann bei der Polizeireform, gründet einen Präventionsrat gegen Jugendgewalt.
Bundesweit bekannt wird der hohe Beamte als Vorsitzender der "Deutschen Teddy-Stiftung", einer Organisation, die bei großen Firmen Spendengelder sammelt, damit Teddybären kauft und die Plüschtiere in Heimen, auf Unfallstationen und sogar in Krisenregionen wie Afghanistan an kranke Kinder verteilt - bisher über 30 000 Teddys allein in Deutschland.
Bei den meisten seiner Untergebenen gilt der Aufsteiger freilich als autoritär, als ein Mann, der andere Meinungen selten gelten lässt, im Zweifelsfall einfach befiehlt. Und als ein Chef, der bei Versetzungen und Postenverteilungen wenig Rücksichten auf persönliche Belange nimmt. "Er hat vielen auf die Füße getreten", bestätigt sein Vorgesetzter Thurau - womöglich der Schlüssel für eine verhängnisvolle Entwicklung.
Kollegen auf der Dienststelle kriegen mit, dass ihr Chef, Vater einer erwachsenen Tochter, private Probleme hat: Seine Ehefrau, zierlich, fast zerbrechlich wirkend, leidet unter Depressionen, versucht mehrmals, sich das Leben zu nehmen.
Ausgerechnet dieser gefährdeten Frau steckt ein anonymer Anrufer, dass ihr Ehemann ein Doppelleben führt. Über eine Kontaktbörse im Internet hat Franz A. schon im Herbst 2005 eine fast 20 Jahre jüngere Freundin kennengelernt, eine bodenständige, lebensbejahende 36-Jährige, mit der er sich regelmäßig trifft.
Seinen Beteuerungen, die Beziehung sei vorbei, glaubt die Ehefrau nicht. Nachdem sie die Telefonnummer der Nebenbuhlerin erfahren hat, verabredet sie sich mit ihr zu einer Aussprache, die Klarheit bringen soll - am Freitag vor Weihnachten, um 15 Uhr.
Polizeidirektor A. besucht gerade eine Dienststelle außerhalb, als er telefonisch vom geplanten Treffen der beiden Frauen erfährt. Will er teilnehmen? Will er das Treffen verhindern? Fest steht: Er rast mit seinem Dienstwagen in Richtung Verabredungsort los.
Die Fahrt, die im Straßengraben der B 210 endet, begründet der Polizeichef seinen Untergebenen von der Unfallaufnahme mit dienstlicher Pflichterfüllung: Er habe einen Autofahrer verfolgt, der einem Radfahrer die Vorfahrt genommen habe. Dabei sei er leider von der Fahrbahn abgekommen.
Prompt startet die Polizei eine öffentliche Fahndung nach dem Chauffeur eines grauen Mercedes, den es überhaupt nicht gibt. Der Aufruf steht wochenlang auf der Internet-Seite der Polizei. Dabei ist schon kurz nach dem Vorfall klar, dass die Version des Polizeidirektors nicht stimmt: Ein Autofahrer, der kurz vor dem Unfall von A. halsbrecherisch überholt wird, nur durch eine Vollbremsung eine Kollision verhindern kann, erklärt als Zeuge, die Story von der Verfolgungsfahrt
sei Quatsch. Weit und breit sei kein anderes Auto auf der Straße gewesen.
Die Begegnung zwischen Ehefrau und Freundin findet wenig später ohne Franz A. statt. Die Ehefrau, die auf einen Verzicht der Jüngeren hofft, wird dabei bitter enttäuscht. Die Konkurrentin, in Scheidung lebend und Mutter von drei Kindern, erklärt unmissverständlich, dass sie die Beziehung auf jeden Fall weiterführen möchte. "Dann weiß ich, was ich zu tun habe", orakelt die Ehefrau zum Abschied - eine Äußerung, die noch Bedeutung bekommen soll.
Am Abend des gleichen Tages alarmiert Franz A. über Notruf den Rettungsdienst. Als die Helfer am Einfamilienhaus in Wittmund eintreffen, läuft ihnen der Polizeidirektor aufgeregt entgegen, führt sie zu einem Abstellraum, in dem seine Ehefrau liegt, blass, hilflos. "In lebensbedrohendem Zustand", wie die Oldenburger Staatsanwältin Frauke Wilken bestätigt.
"Wir wollten uns gemeinsam umbringen", erklärt A., weist auf die Garage. Dort steht das Auto der Frau, ein anthrazitfarbener Ford Fiesta, die Türen sind geöffnet. Mittels eines Schlauchs habe man bei laufendem Motor eine Stunde lang die Abgase ins Wageninnere geleitet, berichtet A., den Suizid aber in letzter Sekunde abgebrochen.
Polizeichef A. setzt durch, dass einer seiner wenigen Vertrauten gerufen wird, ein mit ihm befreundeter Hauptkommissar aus Wilhelmshaven. Dem übergibt er zum Beweis des beabsichtigten Doppelselbstmordes zwei Abschiedsbriefe, einen eigenen, einen von seiner Ehefrau.
Den Beamten des zuständigen Polizeireviers, von den Rettungssanitätern alarmiert, weist der Polizeichef dagegen die Tür. Sie dürfen sein Haus nicht betreten - ein Vorgang, der den SPD-Mann Bartling zu der Frage veranlasst: "Können sich Bürger künftig ihre Ermittler selbst aussuchen?"
Eine penible Spurensicherung, sonst bei Suizidversuchen obligatorisch, unterbleibt. Der Polizeidirektor und seine Frau werden in eine Klinik eingeliefert, die Ehefrau kommt auf die Intensivstation. Körperlich erholt sie sich schnell.
Wenig später schiebt Franz A. eine neue Erklärung zum Crash auf der Bundesstraße 210 nach. Ursache der Kollision sei keine Verfolgungsfahrt, sondern ein erster Selbstmordversuch gewesen - eine Darstellung, die im Kollegenkreis auf große Zweifel stößt: Polizeidirektor A. habe mit Sicherheit gewusst, dass sein Dienstwagen, ausgerüstet mit Airbag und modernsten Rückhaltegurten, einen angeschnallten Fahrer bei einem Aufprall weitgehend schütze - was ja auch geschehen sei. Die Suizidvariante sei womöglich nur der Versuch, die abendlichen Ereignisse in der Garage plausibler zu machen.
Dennoch übernehmen Polizei und Staatsanwaltschaft die nachgeschobene Unfallversion des Beamten - und wiegeln zunächst ab. "Kein strafrechtlich relevantes Verhalten", beschwichtigt ein Polizeisprecher. Und ein Staatsanwalt erklärt, versuchter Selbstmord mit dem Auto sei nicht strafbar.
Erst Wochen nach dem Unfall nehmen die Oldenburger Staatsanwälte Ermittlungen wegen Verkehrsgefährdung und Vortäuschens einer Straftat auf und, weil der Streifenwagen demoliert ist, wegen "Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel". A. wird der Führerschein vorläufig entzogen.
Die Staatsanwaltschaft reagiert auch auf Erkenntnisse der inzwischen eingeschalteten Polizeidienststelle Delmenhorst, die Polizeichef A. nicht untersteht. Die auswärtigen Kripo-Leute stoßen bei der Überprüfung des angeblich gemeinsamen Selbstmordversuchs in der Garage auf Widersprüche. "An der Version von Herrn A. haben sich Zweifel ergeben", bestätigt Staatsanwältin Wilken - eine höfliche Umschreibung für einen schlimmen Verdacht: Polizeidirektor A. soll versucht haben, seine Ehefrau zu töten. Womöglich, so die Vermutung, habe er der Ehefrau die Bereitschaft zum gemeinsamen Freitod nur vorgespielt, selbst aber am Leben bleiben wollen. Wie anders, fragen sich die Strafverfolger, ist zu erklären, dass der Polizeichef nach dem angeblichen Suizidversuch fit und ansprechbar war, seine Ehefrau jedoch in Lebensgefahr?
Eine "aus wissenschaftlichen Gründen nicht erklärbare" Diskrepanz, urteilt auch der Bremer Rechtsmediziner Michael Birkholz, auf dessen Einschätzung sich die Ermittler nun stützen. Und die deshalb den Verdacht hegen, Franz A. habe das mit Abgasen verseuchte Auto lange vor seiner Frau verlassen.
Der Polizist ist derzeit nicht bereit, die Widersprüche aufzuklären; er schweigt. Auch die Ehefrau beruft sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht. Bei Vernehmungen kurz nach dem Vorfall hatten beide Eheleute allerdings Freitodabsichten behauptet. Frau A. erklärte, sie selbst hätte den Versuch beendet. Sie habe plötzlich Angst bekommen, habe die Autotür geöffnet und sei erst danach zusammengebrochen.
Was stimmt? "Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft sicher nicht", sagt Franz A.s Verteidiger, der Bremer Anwalt Eckart Behm. Die Ermittler hätten sich, gestützt auf eine zweifelhafte medizinische Einschätzung, offenbar verrannt. Der stabile Zustand von Franz A. nach dem Suizidversuch sei einfach zu erklären: Sein Mandant habe beim Warten auf die Retter in frischer Luft viel Sauerstoff eingeatmet, im Gegensatz zu seiner im Haus verbliebenen Frau.
Deren Zustand nach dem Vorfall sei auch längst nicht so gefährlich gewesen, wie die Staatsanwaltschaft behaupte. Dies jedenfalls habe ein von ihm beauftragter Arzt bei Überprüfung des Notfallprotokolls erklärt.
Weil der Fall so mysteriös ist, erhoffen sich die Strafverfolger Aufklärung von stummen Zeugen. Die Auswertung der beschlagnahmten Computer und Unterlagen der Eheleute dauert an.
Ins Visier geraten ist auch die Freundin von Franz A.: Polizisten filzten ihre Wohnung, konfiszierten ihren Computer und ihr Tagebuch - und hörten ihre Telefongespräche ab. Bisher gilt sie nur als Zeugin. Sie hat jedoch, vorsichtshalber, zwei Anwälte engagiert.
Obwohl der suspendierte Polizeichef und seine Ehefrau wieder im gemeinsamen Haus wohnen, sieht die Ermittlungsbehörde bislang keine Verdunklungsgefahr, mithin auch keinen Grund für eine Verhaftung. "Zusammenleben allein rechtfertigt noch keinen Haftbefehl", sagt Staatsanwältin Wilken. Taktik? Abwarten, was passiert?
Die Eheleute A. sind jedenfalls vor kurzem beim gemeinsamen Spaziergang gesehen worden. Und zwar, wie Augenzeugen gesehen haben wollen, Hand in Hand.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 15/2007
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